Ein Einführungsbüchlein zu Ludwig von Mises Leben und Werk

9783898798242Ludwig von Mises ist heute wenigen bekannt, obgleich er einer der konsequentesten Vertreter des freien Marktes und einer liberalen Wirtschaftsordnung war. Sein Werk wurde im Rahmen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie (den sog. Austrians) wohl auch von jenem von August von Hayek etwas in den Schatten gestellt. Einige seiner treuesten deutschsprachigen Anhänger haben nun ein Büchlein herausgegeben, in welchem in vier gut verständlichen Kapiteln die wichtigsten Themenblöcke zu Leben, Werk und Wirkung des Nationalökonomen behandelt werden.

Mises‘  „praxeologischen Deduktionismus“ als Methode, d.h. eine wirtschaftliche Theorie aus einem einzigen Grundaxiom ableiten zu wollen, nämlich dass der Mensch handelt, halte ich für philosophisch naiv. Möglicherweise wäre es für die Volkswirtschaft sinnvoller sich wieder offen einzugestehen, eine Geistes- bzw. Sozialwissenschaft ohne naturwissenschaftlichen Anspruch zu sein.

Seine Kritik des staatlichen Interventionismus, Bürokratie und an sog. dritten Wegen, welche für ihn stets zur Krise und dann zwangsläufig zu einem Sozialismus oder Kapitalismus führen, mögen liberal bis libertär Gesinnte bis heute erfreuen. Aus seiner Zeit heraus, in welcher Links wie Rechts nach Verstaatlichung rief, waren sie bewundernswert. Heute muss man jedoch feststellen: zum einen haben sich die bürokratischen Wohlfahrtsstaaten (zu denen auch Sicht von Mises heute wohl auch die USA gehören würde) auf der historischen Zeitachse als reform- und anpassungsfähig erwiesen, wenngleich größte Herausforderungen (wie die Verschuldungskrise) noch zu meistern sind. Krisen als solche sind kein Einwand, sondern gehören zum historischen Inventar aller politischen Systeme. Nichts währt in der Geschichte ewig, jedoch haben die Wohlfahrtsstaaten immerhin eine Bestandskraft bewiesen, die der „reine Kapitalismus“ oder „Sozialismus“ nicht vorweisen können, sofern sie nicht eh reine theoretische Hirngespinste geblieben sind.

Was uns hier mehr interessieren sollte, ist die Frage, ob Mises vielleicht einen klareren Blick auf politische und wirtschaftliche Entwicklungen hatte, als die vielen renommierten Postkeynesianer in Harvard oder Berlin. Hier wird man fündig: Der tragische Automatismus des geld- und fiskalpolitischen Interventionismus mit der Gefahr des Scheinbooms und drohenden Crashs werden klar dargestellt:

Eine Vermehrung der Geldmenge kann den Wohlstand der Bevölkerung ebenso wenig vermehren, wie ihn ihre Verringerung vermindern kann. (von Mises).

In den Worten eines Autors:

Kontinuierlich fließt Reichtum über die EZB von den Geldnutzern zu Blasenunternehmen, von der Real- in die Finanzwirtschaft, von Nord- nach Südeuropa.

Die Bürger in Deutschland spüren es: auf der einen Seite sind sie ganz froh, dass sich ihre Kanzlerin und ihr Finanzminister Ruhe und Zeit kauft, auf der anderen Seite geht man davon aus, dass dies nur bis zu einer gewissen Grenze geduldet und praktiziert werden kann. Der Mainstream der deutschen Politik sieht den Ausweg parteiübergreifend an der Errichtung eines Europäischen Wohlfahrtstaates. Wie hier welche Kosten zu wessen Gunsten umverteilt werden sollen, wird noch weitgehend ohne seine Bürger entschieden und als eine Art „alternativloses“ politisches Rettungsprogramm verkauft.

Eines ist klar: Sofern es Verantwortung für solide Rechnungslegung dabei eher verschleiert, sofern es eher Geldillusionen und Fehlallokationen herbeiführt und je mehr Haftung in obskuren politischen Institutionen immer stärker sozialisiert wird, solange wird daraus kein langlebig legitimes politisches Konstrukt. Gekaufte Zeit bewahrt nicht vor der Lösung anstehender Probleme. Ludwig von Mises hätte das wie kein anderer für heutige Zustände angemahnt. Leider ist seine Stimme heute stumm, seine Schriften bergen aber noch viel zu wenig beachtete Schätze ökonomischer Vernunft.

Guido Kirner (Polling)

Thorsten Polleit (Hrsg.): Ludwig von Mises. Leben und Werk für Einsteiger. FFB München. ISBN Print 978-3-89879-824-2. 14,99 Euro

 

Konjunktur und Wahrheit

Sind wir wissenschaftsgläubig? Glauben wir den professionellen Analysen der Konjunkturprognosen, wie das Jahr 2011 wirtschaftlich ausfallen wird?

Erwin Heri – Professor für Finanzmarkttheorie der Universität Basel und Verwaltungsratspräsident der Valartis Group – bezweifelt den Sinn von Konjunkturprognosen und der darauf basierenden staatlichen Konjunkturprogramme (NZZ 24.12.2010, S. 12). Das zeigt er an den Fehleinschätzungen der Konjunkturforschungs-Auguren der ETH Zürich (KOF) für das Jahr 2009 am Beispiel der Schweiz sowie den Umfragen des sog. Consensus Forecast von 20 Schweizer Ökonomen.

Die Fehlprognosen führt er letztlich auf ein zu mechanistisches und vereinfachendes Welt- und Menschenbild der Wirtschaftswissenschaften zurück. Ausgangspunkt der Wirkungsmächtigkeit erkennt er im sog. Gleichgewichtsparadigma von Leon Walras, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark von der damaligen Physik beeinflusst war.

Einerseits war es eine außerordentliche theoretische Leistung, die mathematischen Voraussetzungen für eine Wirtschaftslehre zu liefern, die noch heute Lehrstühle, Lehrbücher und Zeitschriften vertreten. Auf Grundlage des Walraschen Gleichungssystems konnte sich eine fruchtbare und weitverästelte Wirtschaftsanalytik ausbilden.

Anderseits sind diese Analysen problematisch, wo sie ihre Realitätsnähe verlieren, wo vergessen wird, dass auch jede Mathematik nur so gut ist, wie die Grundannahmen, die sich symbolisiert. Gesellschaftliche, politische, soziale und ökonomische Rahmenbedingungen stellen sich als zu komplex heraus als dass sie sich in ein sinnvolles mathematisches Korsett zwängen ließen.  Die Wirklichkeitsnähe wird der mathematischen Eleganz geopfert.

Wirtschaftsprognosen – so Erwin Leri – seien etwa gleich unzuverlässig wie langfristige Wetterprognosen. Während die Meteorologen verstanden hätten, dass sich die Erdatmosphäre aufgrund ihrer Komplexität als dynamisches System mit einer traditionellen Mathematik nicht beschreiben lässt und deshalb keine langfristigen Prognosen zulässt, wachse die Gruppe der Ökonomen, die das für die Wirtschaftswelt auch behauptet, erst allmählich.

Nun ließe sich einwenden, auch hierbei handelt es sich nur um eine Meinung eines Wissenschaftlers unter anderen. Im Großen und Ganzen hätten sich Konjunkturprognosen als nützlich erwiesen. Haben sie das? Es wäre m.E. mal eine Forschungsarbeit wert, dies für die Konjunkturprognosen des Rates der Wirtschaftsweisen für die Bundesrepublik zu überprüfen.

Meine Vermutung ist: Sind die Märkte pessimistisch gestimmt, sind es die Forscher umso mehr; sind sie optimistisch, sind es die Forscher auch. Unerwartetes können auch sie kaum vorhersagen. Ihre Prognosen gelten nur für eine Welt ohne exogene Schocks, ohne Panik, Hungersnöte, Kriege, Erdölschocks und Finanzkrisen etc. Sie versagen also überall dort, wo es eigentlich interessant wäre.

Alte Wissenschaften (Physik, Medizin, Philosophie, Geschichte, ja sogar die Theologie) haben einen internen Wettbewerb ausgebildet, sich gegenseitig ständig zu hinterfragen, zumindest in der theoretischen Diskussion.

Neue Wissenschaften wie die Ökonomie sind hier noch naiv, zu eigenommen von ihren eigenen Erfolgen in den letzten zweihundert Jahren. Die Wirtschaftswissenschaft lebt jedoch in einem Gebäude, deren Fundamente brüchig geworden sind. Sie muss sich erst wieder ihrer philosophischen Grundlagen bewusst werden, um festzustellen, dass sie keine Physik der Gesellschaft ist.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich für Sie als Wirtschaftsteilnehmer daraus ziehen? Misstrauen Sie professionellen Kaffeesatzlesern. Schließen sie keine Wetten auf ein ganz spezielles Zukunftsszenario ab, sondern rechnen sie mit mehreren Möglichkeiten, auch mit dem Unmöglichen.

Auch in der Finanzberatung sollte es nicht darum gehen, Kunden auf eine ganz bestimmte Zukunft vorzubereiten, sondern auf eine unsichere Zukunft vorbereitet zu sein. Der Volksmund (und nicht die Wissenschaft) sagt: „…und meistens kommt es anders als man denkt.“

Dr. Guido Kirner, Finanzplaner und Versicherungsmakler, Weilheim i.OB