Konjunktur und Wahrheit

Sind wir wissenschaftsgläubig? Glauben wir den professionellen Analysen der Konjunkturprognosen, wie das Jahr 2011 wirtschaftlich ausfallen wird?

Erwin Heri – Professor für Finanzmarkttheorie der Universität Basel und Verwaltungsratspräsident der Valartis Group – bezweifelt den Sinn von Konjunkturprognosen und der darauf basierenden staatlichen Konjunkturprogramme (NZZ 24.12.2010, S. 12). Das zeigt er an den Fehleinschätzungen der Konjunkturforschungs-Auguren der ETH Zürich (KOF) für das Jahr 2009 am Beispiel der Schweiz sowie den Umfragen des sog. Consensus Forecast von 20 Schweizer Ökonomen.

Die Fehlprognosen führt er letztlich auf ein zu mechanistisches und vereinfachendes Welt- und Menschenbild der Wirtschaftswissenschaften zurück. Ausgangspunkt der Wirkungsmächtigkeit erkennt er im sog. Gleichgewichtsparadigma von Leon Walras, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark von der damaligen Physik beeinflusst war.

Einerseits war es eine außerordentliche theoretische Leistung, die mathematischen Voraussetzungen für eine Wirtschaftslehre zu liefern, die noch heute Lehrstühle, Lehrbücher und Zeitschriften vertreten. Auf Grundlage des Walraschen Gleichungssystems konnte sich eine fruchtbare und weitverästelte Wirtschaftsanalytik ausbilden.

Anderseits sind diese Analysen problematisch, wo sie ihre Realitätsnähe verlieren, wo vergessen wird, dass auch jede Mathematik nur so gut ist, wie die Grundannahmen, die sich symbolisiert. Gesellschaftliche, politische, soziale und ökonomische Rahmenbedingungen stellen sich als zu komplex heraus als dass sie sich in ein sinnvolles mathematisches Korsett zwängen ließen.  Die Wirklichkeitsnähe wird der mathematischen Eleganz geopfert.

Wirtschaftsprognosen – so Erwin Leri – seien etwa gleich unzuverlässig wie langfristige Wetterprognosen. Während die Meteorologen verstanden hätten, dass sich die Erdatmosphäre aufgrund ihrer Komplexität als dynamisches System mit einer traditionellen Mathematik nicht beschreiben lässt und deshalb keine langfristigen Prognosen zulässt, wachse die Gruppe der Ökonomen, die das für die Wirtschaftswelt auch behauptet, erst allmählich.

Nun ließe sich einwenden, auch hierbei handelt es sich nur um eine Meinung eines Wissenschaftlers unter anderen. Im Großen und Ganzen hätten sich Konjunkturprognosen als nützlich erwiesen. Haben sie das? Es wäre m.E. mal eine Forschungsarbeit wert, dies für die Konjunkturprognosen des Rates der Wirtschaftsweisen für die Bundesrepublik zu überprüfen.

Meine Vermutung ist: Sind die Märkte pessimistisch gestimmt, sind es die Forscher umso mehr; sind sie optimistisch, sind es die Forscher auch. Unerwartetes können auch sie kaum vorhersagen. Ihre Prognosen gelten nur für eine Welt ohne exogene Schocks, ohne Panik, Hungersnöte, Kriege, Erdölschocks und Finanzkrisen etc. Sie versagen also überall dort, wo es eigentlich interessant wäre.

Alte Wissenschaften (Physik, Medizin, Philosophie, Geschichte, ja sogar die Theologie) haben einen internen Wettbewerb ausgebildet, sich gegenseitig ständig zu hinterfragen, zumindest in der theoretischen Diskussion.

Neue Wissenschaften wie die Ökonomie sind hier noch naiv, zu eigenommen von ihren eigenen Erfolgen in den letzten zweihundert Jahren. Die Wirtschaftswissenschaft lebt jedoch in einem Gebäude, deren Fundamente brüchig geworden sind. Sie muss sich erst wieder ihrer philosophischen Grundlagen bewusst werden, um festzustellen, dass sie keine Physik der Gesellschaft ist.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich für Sie als Wirtschaftsteilnehmer daraus ziehen? Misstrauen Sie professionellen Kaffeesatzlesern. Schließen sie keine Wetten auf ein ganz spezielles Zukunftsszenario ab, sondern rechnen sie mit mehreren Möglichkeiten, auch mit dem Unmöglichen.

Auch in der Finanzberatung sollte es nicht darum gehen, Kunden auf eine ganz bestimmte Zukunft vorzubereiten, sondern auf eine unsichere Zukunft vorbereitet zu sein. Der Volksmund (und nicht die Wissenschaft) sagt: „…und meistens kommt es anders als man denkt.“

Dr. Guido Kirner, Finanzplaner und Versicherungsmakler, Weilheim i.OB