Barry Eichengreens Buch zu den großen Crashs 1929 und 2008

„Ausgerechnet die Tatsache, dass die Politik den Schaden durch die schwerste Finanzkrise seit 80 Jahren begrenzen konnte, bedeutet, dass wir die nächste Krise wahrscheinlich in weniger als 80 Jahren erleben werden.“

„Leider gehört die Buchstabensuppe aus CDOs, SPVs und CDS nicht zum üblichen Speiseplan für frühere Ökonomie-Professoren in Princeton. Ebenso wenig waren die komplexen Finanzstrukturen in den Wirtschaftsmodellen der Federal Reserve berücksichtigt. Die Fed-Mitarbeiter hatten eher Universitätsabschlüsse als Erfahrungen in den Handelssälen von Investmentbanken. Nur eine Handvoll von ihnen hatte von Collateralized Debt Obligations überhaupt je gehört. Insofern ist nicht überraschend, dass sie nicht lauter Alarm geschlagen haben.“

Finanzexperten und Historiker haben ein wesentliches Merkmal gemeinsam: im Rückblick wissen sie alles besser. Barry Eichengreen ist mit seiner historischen Darstellung der beiden großen Crashs 1929 und 2008 da keine Ausnahme. So vielgestaltig, kenntnisreich und gelungen dabei seine Vergleiche und Beschreibungen finanzhistorischer Tatsachen sind, so einseitig ist er jedoch in seiner Bewertung der Maßnahmen zur Krisenbewältigung. Continue reading Barry Eichengreens Buch zu den großen Crashs 1929 und 2008

Goldstandard vs Fiatgeld – Bücher von Steve Forbes und James Rickards

Wenn sich die Wirtschaft mit einer Erweiterung der Geldbasis in Schwung halten ließe, müsste Simbabwe das reichste Land der Welt sein. (S. Forbes)

Man stelle sich die Frage, wie der Wohlstand einer Gesellschaft entsteht: durch international wettbewerbsfähige Unternehmen, mäßige Steuern, Innovationfreude, ausreichend Realzinsen und stabile Währungsverhältnisse? Oder durch manipulierte Zinskurven, Nullzinspolitik, Abwertungen, unbegrenzte Geldvermehrung durch die Notenbanken und staatliche Konjunkturprogramme? Die Antwort dürfte klar sein.

Ein Einwand könnte sein, dass sich die Alternative so nicht stelle, da letzteres allenfalls eine staatliche Ergänzung von ersterem sein könne. Aber ist das so? Aktuell wird einem diese Alternative geradezu aufgezwungen. Es ist ein Konflikt zwischen Wirtschaftsideologien, der das Potential hat, zu der Kampfarena künftiger Finanz- und Währungspolitik zu werden. Im Euroraum macht er selbst vor den Mitgliedern der EZB nicht halt und gewinnt an Schärfe.

Die Notenbanken haben seit der Finanzkrise 2008 nicht nur ihre Bilanzsumme aufgebläht, sondern auch einen ungeheuren Machtzuwachs erfahren. Je mehr sich aber ihre konjunkturellen Not- und Rettungsmaßnahmen (z.B. Quantitative Easing, Operation Twist, OMT) perpetuieren, ohne die eigentlichen strukturellen Probleme der angeschlagenen Wirtschaftsräume und ihrer Banken zu lösen, desto lauter werden die Rufer in der Wüste.

Zur Stützung maroder Geschäftsbanken und überschuldeter Staaten sind die Notenbanken im Rettungsaktionismus zu übermächtigen Institutionen geworden. Über ihre Hybris beim Gelddrucken können Menschen mit gesundem Menschenverstand nur den Kopf schütteln. Wie lange kann das wohl noch gut gehen? In den USA hat die Gegnerschaft zur Zentralbank (Fed) eine längere Tradition. Hier möchte ich zwei amerikanische Autoren vorstellen, die sich mit ihren aktuellen Büchern jeweils in diese Kritik einreihen.

Steve Forbes, Verleger, Geschäftsmann und Chefredakteur des Forbes-Magazine, ist vor allem durch seine jährlich veröffentlichte Liste der reichsten Erdbewohner berühmt. James Rickards ist Rechtsanwalt, Berater von Investmentbanken und Regierungsinstitutionen und hat bereits mit seinem Buch Currency Wars Aufsehen erregt. Der Grundtenor ihrer Bücher ist ähnlich. Continue reading Goldstandard vs Fiatgeld — Bücher von Steve Forbes und James Rickards

House of Debt – ein Buch von Atif Mian und Amir Sufi

9780226081946„If investors systematically ignore certain outcomes, financial innovation may just be secret code for bankers trying to fool investors into buying securities that look safe but are actually extremely vulnerable.“

“The financial system actually works against us, nor for us.”

“A financial system that relies excessively on dept amplifies wealth inequality.”

“To prevent runs and preserve the payment system, there is absolutely no reason for the government to protect long term creditors and shareholders of banks.”

“Debt and deflation are natural partners in crime.”

In den USA ist ein viel diskutiertes Buch erschienen, welches sich der Finanzkrise von 2007/8 von Seiten der Verschulung privater Haushalte nähert. Die wichtigsten Lehren bzw. Ergebnisse dieses Buches – House of Debt der Ökonomen Atif Mian und Amir Sufi fasse ich hier thesenhaft zusammen:

Erstens: Finanzsysteme, die auf Verschuldung basieren, vergrößern die Ungleichverteilung des Wohlstandes, ganz einfach, weil die Wohlhabenderen die Verluste besser verkraften können als die Ärmeren (hochverschuldeten) Haushalte. Dies zeigt anschaulich der Vergleich mit der Dot-Com-Blase.

Zweitens: Privathaushalte und Unternehmen handeln nicht so, als wären sie willenlose Erfüllungsgehilfen bestimmter volkswirtschaftlicher Theorien der Konjunkturbelebung. Vernünftigerweise sind sie in der Krise mit ihren Konsumausgaben und Investitionen zurückhaltend und versuchen ihre Finanzen zu konsolidieren.

Drittens: Deshalb ist es Unfug, Banken schier unbegrenzte Liquidität mit billigem Geld bereitzustellen, um in der Krise mittels Kreditvergabe die Konjunktur wieder ankurbeln zu wollen. Denn diese Kredite werden in der Krise schlicht nicht abgerufen.

Viertens: Verschuldung ist Verursacher und Verstärker von Finanzkrisen und nicht deren Lösung. Verschuldung mit noch mehr Verschuldung zu bekämpfen ist verantwortungslos, weil sie nur die nächste Finanzblase nährt, die zu einem noch größeren Crash führt. Continue reading House of Debt — ein Buch von Atif Mian und Amir Sufi

Die heimliche Enteignung – Ein Buch von Michael Rasch und Michael Ferber zur Notenbankpolitik

9783898797139Über Geldpolitik der Notenbanken zu schreiben, birgt zwei Gefahren: entweder es ist zu wissenschaftlich und für die meisten Leser damit unverständlich oder das Thema wird so vereinfacht, dass es in politisch-ideologische Phraseologie ausartet. Dabei drohen uns über die Geldpolitik immense Gefahren. Umso wichtiger sind ebenso fachkundige wie verständliche Darstellungen.

Im Vorwort spricht der renommierte Rohstoff- und Börsenexperte Marc Faber gleich Klartext: Er halte es für seine Pflicht, dem Leser mitzuteilen, „dass die Förderung von Anlageblasen oder die Förderung einer Inflation der Anlagewerte das größte Verbrechen ist, das eine Notenbank begehen kann.“ Außerdem seien „Anlageblasen, die von negativen realen Zinsen begleitet werden, die perfidesten, weil ehrliche Sparer entweder Jahr für Jahr an Kaufkraft einbüßen oder geradezu von den Notenbanken zur Spekulation gezwungen werden.“

Damit ist der Boden für die Autoren Michael Rasch und Michael Ferber bereitet. Beide sind Ökonomen und arbeiten als Wirtschaftsredakteure bei der Neuen Züricher Zeitung. Unter betont liberalem bis libertärem Blickwinkel (beide sind wohl Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie) erörtern sie die Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken und ihre Folgen. In einem ersten Teil beleuchten sie die Geschichte und die Auswirkungen der expansiven Geldpolitik seit den 70er Jahren auf der makroökonomischen Ebene (Notenbankpraxis, Geldentwertungsgefahr, Umverteilung von Sparern zu Schuldnern, die Politik der finanziellen Repression); im zweiten Teil werden die Folgen und Reaktionsmöglichkeiten im Rahmen verschiedener Szenarios (Deflation, Inflation, Stagflation, Hyperinflation, „Durchwursteln“) für den Privatanleger erörtert.

Die Autoren sehen den Grund für die Finanzkrise nicht in zu freien Märkten, fehlender Regulation und Aufsicht oder der gierigen Bankenwelt; gewisse Missstände werden zwar nicht geleugnet, doch in letzter Instanz sei eine fehlgeleitete Geldpolitik der Notenbanken der Grund für die schlimmsten Finanzkrisen in den letzten Jahrzehnten. Ihre Art der Geldschöpfung und Geldmengensteuerung sei auch die Ursache für die jüngsten Blasenbildungen an den Finanzmärkten, der Vermögenspreisinflation, und der ausufernden Staatsschulden. Dabei richte sich die unheilvolle Allianz zwischen Notenbanken, Politikversagen und Geschäftsbanken gegen wesentliche Grundsätze einer soliden Ordnungspolitik und enteigne insbesondere Mittelschichten und Kleinsparer.

Was ist Geld?

Geld hat definitionsgemäß drei Hauptfunktionen: es ist Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel und ein Umrechnungsmittel. Zudem sollte es einfach transportabel sein. Vieles kann diese Funktionen erfüllen und deshalb ist Geld auch schlicht das, was wir Menschen als Geld akzeptieren: das können Muscheln, Zigaretten, Metallstangen, Gold- und Silbermünzen oder bedruckte Papierscheine sein. Ein wichtiger Unterschied ist, ob das Geld selbst einen (inneren) Wert hat (wie z.B. Goldmünzen), ob es den Umtausch in einen Referenzwert wie z.B. den Goldpreis nur verspricht oder ob es diesbezüglich gar keine Bindung hat, sondern allein deshalb funktioniert, weil es von staatlicher Seite als alleiniges Zahlungsmittel zugelassen ist und die Menschen seiner Austauschbarkeit in sämtliche andere Wirtschaftsgüter vertrauen.

Das Fiatmoney der Notenbanken

Während man sich durchaus eine staatsfreie Währung vorstellen kann, wobei sich im freien Wettbewerb einfach das als Zahlungsmittel durchsetzt, was am meisten Vertrauen bei den Menschen genießt, ist dies aktuell nur schwer vorstellbar. Heutzutage vertrauen (oder misstrauen) jedenfalls die meisten Menschen dem sog. Fiatmoney. Fiatwährungen sind an keinen Referenzwert gebunden, sondern entstehen gleichsam aus dem Nichts durch die Kreditvergabe der Geschäftsbanken in Rückbindung an die Geldausgabe der Notenbanken. Das muss kein Problem darstellen. Solange die in Umlauf gebrachte Geldmenge im Verhältnis zu den realen Wirtschaftsgütern steht, bleibt der Wert des Geldes relativ konstant. Ist zu viel Geld in Umlauf, sinken sein Wert und damit seine Kaufkraft (Inflation), ist es zu wenig, steigt seine Kaufkraft und die Waren werden relativ dazu billiger (Deflation).

Notenbanken, Konjunktur und politischen Interessen

Unterliegt die Geldwertstabilität politischen Interessen, bedeutet das zumeist, dass Geld zur Konjunkturbelebung in den Wirtschaftskreislauf gepumpt wird, um deflationäre Tendenzen abzuwenden und Arbeitslosigkeit zu senken. Damit werde versucht, „natürliche“ Konjunkturverläufe (dargestellt am Pring-Modell) zu durchbrechen, obgleich sich die Wirkungslosigkeit (zumindest auf lange Sicht) solcher Maßnahmen immer wieder zeige. Drohende Rezession werde nicht aufgehoben, allenfalls aufgeschoben. Außerdem handle es sich zumeist um ein Nachfrage- und kein Liquiditätsproblem. Umgekehrt setze ein zu niedriger Zins (im Verhältnis zur Taylor-Regel) falsche Signale und führe zu Fehlallokationen und Finanzblasen (insbesondere im Bausektor). Das alles wird sehr anschaulich und eindrücklich für die historischen Krisen und die gegenwärtige Finanzpolitik von den Autoren beschreiben.

Warum aber ist das so? Für die Autoren befindet sich die Politik in der Falle ihrer eigenen Interessen. Letztlich sehe sie sich den Steuerzahlern und Leistungsempfängern des Staates verpflichtet. Die Tatsache, dass man nicht mehr ausgeben als einnehmen kann, werde durch Aufnahme von Schulden umgangen. Damit verschaffe sie den „gegenwärtig stimmberechtigten Bürgern einen übermäßigen weil nicht erarbeiteten Konsum, der zulasten künftiger Generationen geht“. Die Schuldenwirtschaft habe immer das gleiche Muster: Erhöhung der Staatsausgaben, um zu hohe Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen, starker Anstieg der Schulden und dann entziehe sich der Staat seiner Verpflichtung, indem er die Währung schwächt oder gar zerstört.

Vier Wege aus der Finanzkrise

Aus der Verschuldungspolitik gebe es letztlich nur vier Auswege: 1. durch stärkeres Wirtschaftswachstum; 2. durch einen harten Sparkurs bei gleichzeitiger Steuererhöhung; 3. durch einen Schuldenschnitt oder im Extrem sogar den Staatsbankrott; oder 4. indem die Notenbanken mehr Geld drucken, um offene Rechnungen (alte Schulden in teurem Geld mit neuem billigen Geld) zu begleichen, was letztlich eine hohe Inflation bedeutet. Der beste Weg ist für die Autoren eine Mischung aus Sparmaßnahmen, Steuererhöhungen und Strukturreformen.  Jedoch seien hierfür die politischen Widerstände zu hoch. Einfacher ist es, die Schulden über die Geldentwertung loszuwerden.

Die Euroländer haben das besondere Problem dass ihre politischen Interessen für die Lösung der Schuldenkrise völlig divergieren. Deshalb stehe die Eurozone vor einer regelrechten Zerreißprobe zwischen Nord- und Südländern. Die ausufernden Targetsalden, der Sündenfall des Anleihekaufs durch die EZB, die dadurch bewirkte Staatsfinanzierung, der Billionen-Euro-Drei-Jahres-Tender zur Bankenrettung usw., all das bedeute letztlich der Verlust der Unabhängigkeit der Notenbank und die Abkehr von der einst gerühmten Tradition der Geldwertstabilität. Letztlich sei sie zur Geisel der Politik geworden.

Probleme der Risikoeinschätzung

Zu den stärksten Teilen des Buches gehört gerade die Darstellung der marktverfälschenden Auswirkung dieser Politik mit Konsequenzen auch für die Finanzberatung. Nullzinspolitik, Staatsfinanzierung und Geldmengenexpansion verzerren nämlich die Marktinformationen. Gängige Mittel der Portfoliotheorie und Marktanalyse führen dann in die Irre, wenn die Korrelationen und Risikosignale der Märkte verfälscht sind. Dies ist m.E. in der Finanzbranche noch viel zu wenig angekommen. Altbewährte Konzepte der Geldanlage wie Konjunkturbeobachtung, Analyse von Kennzahlen (z.B. KGV, KBV) oder der Zinsstrukturkurve, auch bestimmte Maßnahmen zur Portfoliodiversifikation zwischen Anleihen und Aktienwerten werden durch die Geldmengenexpansion und Zinsmanipulation zumindest teilweise unbrauchbar.

Wie kann der Anleger sich schützen?

Der Anleger braucht ein entsprechend flexibles Verständnis bei der Einschätzung der Finanzmärkte. Wie die Zukunft genau verlaufen wird, wissen wir nicht und hängt auch von politischen Entscheidungen ab. Deflation kann durch Inflation abgelöst werden. Für manche Staaten droht evtl. der Staatsbankrott und damit der Schuldenschnitt. Wichtig ist deshalb, welche Auswirkungen die jeweiligen Szenarios auf Finanzanlagen haben können. Dem widmet sich der zweite Buchteil.

Schrumpft die Wirtschaft (Deflation) parken d