Der Draghi-Crash. Die Kampfschrift von Markus Krall gegen die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

„Die gewaltsame Verzerrung des Zinses ist das Ergebnis einer Anmaßung des Wissens, abgeleitet aus der Arroganz unkontrollierter Macht, verteidigt mit dem Scheinargument der Unabhängigkeit der Notenbank.“

„Unsere geldpolitischen Institutionen haben einen Umwandlungsprozess vollzogen: weg von einer Verfasstheit der Unabhängigkeit hin zu einem Regime ohne Rechenschaftspflicht. Der Fokus auf Preisstabilität wurde ersetzt durch einen Fokus auf Umverteilung und Enteignung der Sparer.”

Selten konnte man eine so gespaltene und widersprüchliche Deutung der wirtschaftlichen Situation seiner Zeit erleben. Im Zentrum stehen dabei die wichtigsten Notenbanken (USA, Japan, Europa). Mit ihren gigantesken Anleihekaufprogrammen haben sie eine Nullzinspolitik etabliert, mit welcher sie die Wirtschaft ankurbeln möchten. Für die einen machen sie einen schwierigen und hervorragenden Job; für die anderen sind sie dagegen der Hort einer sich „Geldplanwirtschaft“, die zu einer noch größeren Finanzkrise führen wird, je länger sie an ihren Maßnahmen festhalten.

Markus Krall ist ein erfahrener Risikoexperte in der Finanzwirtschaft und gehört zu jener Strömung, die vor der EZB-Politik warnt. Er kritisiert ihre Hybris und prognostiziert eine große deflationäre Krise, die er als „Draghi-Crash“ bezeichnet. Deshalb hat er eine Philippika gegen die Europäische Zentralbank geschrieben. Hierbei handelt es sich mehr um ein Pamphlet als um ein Sachbuch. Ironie und Polemik prägen seinen Schreibstil. Auf Anmerkungen, Quellenverweise und Literaturangaben wird verzichtet. Trotzdem liefert er zumindest im 6. Kapitel eine kompakte Analyse, deren Logik man sich nur schwer entziehen kann. Um sie zu verstehen, wird man um einige finanztechnische Grundlagen nicht herumkommen. Doch genau hierin liegt der Wert des Buches! Continue reading Der Draghi-Crash. Die Kampfschrift von Markus Krall gegen die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

Der Odysseus-Komplex. Ein Buch von Johannes Becker und Clemens Fuest zur Eurokrise

 

Die Währungsunion ist ein großer Irrtum, ein abenteuerliches, waghalsiges und verfehltes Ziel, das Europa nicht eint, sondern spaltet.“ (Ralf Dahrendorf 1995)

Johannes Becker und Clemens Fuest sind keine Eurogegner. Zwar haben die beiden Ökonomen gewichtige Einwände gegen diesen suboptimalen Währungsraum, doch zum einen kann man den Euro nicht mehr so einfach abschaffen, zum anderen wollen die meisten Bürger nicht mehr zu ihren nationalen Währungen zurückkehren.

Die Autoren sehen aber eine fatale Prozesshaftigkeit innerhalb der europäischen Institutionen am Werk. Geschuldet ist sie einer Verfasstheit, die den nationalen Akteuren große Entscheidungsspielräume lässt, ohne dass sie zur Übernahme von Verantwortung bei unpopulären Maßnahmen bereit wären. So steckt die Eurozone in einer Art strukturellen Sackgasse fest.

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Ein Buch zum “Austrian Investing”

 „Der Systemtrottel der Gegenwart flieht die Verantwortung und untergräbt damit seine eigene Freiheit. Ein Großteil der Anlegerliteratur dient diesem Bedürfnis, die Verantwortung für schwierige Entscheidungen an Gurus zu delegieren, auf die man sich dann ausreden kann, wenn es schief geht.“
 „Die größte Gefahr für jeden privaten Anleger ist und bleibt der Staat.“
„Ein Ökonom muss zuallererst den Mut haben, unpopulär zu sein.“ (Friedrich von Hayek)
 „Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur, ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion kommen soll, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems.“ (Ludwig von Mises)
 

In seinen konkreten Anlagevorschlägen ist dieses Buch wenig originell. Dafür macht es aber auch keine falschen Versprechungen. Vielmehr erscheint es mir ein willkommenes Immunisierungsmittel gegen Politikergeschwätz und Notenbankhybris.

So setzen sich die Autoren zunächst von der Mainstream-Ökonomie ab. Sie vertrauen nicht auf die Effizienz des staatlich geführten Marktes, bei welchem Bürger den Banken und Politikern vertrauen müssen und die Zukunft als eingepreist, kontrollierbar und prognostizierbar gilt. Dies wird als unrealistische Pseudowissenschaft abgetan. Ein Großteil der Volkswirte sei eh zu politiknah und nicht wissenschaftlich unabhängig. Die politisch motivierten Steuerungsversuche der Wirtschaft seien hoffnungslos und pendelten zwischen fehlgeleiteter Wirtschaftsfeindlichkeit und Finanzeuphorie.

Als Zukunftsszenario halten die Autoren eine „kurzfristige Stagflation auf einem schmalen Grat zwischen Hyperinflation und Hyperdeflation“ für wahrscheinlich. Diese Situation werde „zunehmend durch finanzielle Repression flankiert wird.“ Mittelfristig könne dies mit dem konfliktreichen Versuch einer globalen Koordination unter einer neuen Leitwährung einhergehen. Langfristig rechnen die Autoren mit einer massiven Korrektur die Wirtschaftsstruktur.

Mit der Österreichischen Schule gegen die Wohlstandsillusion

Auf dem Weg zu diesem Fazit erläutern die Autoren zunächst die Grundlagen der sog. Österreichischen Schule der Nationalökonomie, deren wichtigste Gründerväter Carl Menger, Ludwig von Mieses und Friedrich von Hayek sind. Sie begründeten u.a. die subjektivistische Wertlehre, die Grenznutzenschule, legten ihrer wirtschaftlichen Betrachtung eine individualistische Handlungslehre zugrunde und zeichneten sich durch eine Realismus aus.

Dem folgt ein historischer Exkurs. Die Schaffung einer Blasenökonomie mit unbegrenzter Schuldenvermehrung parallel zur staatlichen Industriealisierung begann für die Autoren nicht zufällig im 18. Jahrhundert mit Schaffung eines Zentralstaates inkl. Zentralbankensystem und Papierwährung. Ideengeschichtlich kontrastieren sie den Wettbewerbskapitalismus gegen den staatlich-interventionistischen Kapitalismus Saint-Simonistischer Provenienz. Dies ist zwar schön vereinfachend, ob es jedoch einer differenzierten wirtschaftshistorischen Analyse stand hielte, darf bezweifelt werden.

Dessen ungeachtet sprechen die Autoren ein Thema an, das für die neuere Wirtschaftsgeschichte sicherlich von Bedeutung ist: die wiederholte Wohlstandsillusion, d.h. durch Schulden künstlich induzierter Scheinreichtum bei Kapitalkonsum und Überschätzung der Vermögensverhältnisse, welcher dann bei Wegfall der Vertrauensbasis bzw. Bewusstwerdung der realen wirtschaftlichen Grundlagen in sich zusammenbricht. Continue reading Ein Buch zum “Austrian Investing”

“Kaputtsparen”

Derzeit hört man in Wirtschaftsdiskursen häufiger die Befürchtung des “Kaputtsparens”. Mal ehrlich, haben Sie sich schon einmal „kaputtgespart“? Oder kennen Sie irgendjemanden, der sich schon mal kaputtgespart hat? Nein? Kein Wunder, wie soll das gehen? Wer weniger Geld ausgeben kann, der muss erst einmal Geld haben. Wer das tut, um in einer ungewissen Zukunft, Geld zur Verfügung zu haben, wer oder was sollte dabei kaputtgehen, d.h. nicht mehr funktionieren? Tatsache ist: aufgeschobener Konsum – und nichts anderes bedeutet sparen – hat noch niemanden zerstört, sei es für den einen eine Lebenseinstellung, für den anderen ein notwendiges Übel.

Aber haben Sie schon einmal zu viel Geld ausgegeben bzw. davon gehört, dass jemand mehr Geld ausgegeben hat als er hatte? Oder kennen sie gar einen Fall, bei dem sich jemand dauerhaft so stark verschuldet hat, um seinen Konsum zu finanzieren, dass er seine Schulden nicht mehr zurückzahlen konnte? Das ist wohl sehr viel wahrscheinlicher als das Gerede davon, man könne sich „kaputtsparen“.

Nun gut, jetzt werden nicht wenige Ökonomen, ich nenne sie mal Vulgärkeynesianer, einwenden: aber was für Einzelpersonen gilt, das gilt noch lange nicht für Volkswirtschaften. Wenn zu stark gespart wird, dann sinkt der Konsum, es fehlen Kaufanreize, das führt in die Rezession…bla, bla, bla. Deshalb braucht es Lohnsteigerungen und Konjunkturprogramme, damit „Wachstum“ entsteht, die Wirtschaft wieder in Gang kommt und alles wird gut.

Dazu möchte ich mal behaupten: Diese Ökonomen sind nicht die Lösung, sie sind das Problem. Und sie sind nicht deshalb der wissenschaftlichen Wahrheit besonders nahe oder gar Nobelpreisträger, weil es stimmt, was sie sagen, sondern weil sich ihr Standpunkt besonders gut mit eigenen Interessen (Karriere, Gutachten, Beraterhonorare, Professuren usw.), mehr aber noch mit einem billigen politischen Populismus verbindet; damit meine ich: Menschen, d.h. Wählern etwas zu versprechen, das sehr viel Geld kostet, nachweislich gar nichts langfristig bringt, außer (noch mehr) Schulden.

Bestimmte europäische Länder (aktuell ist gerade Spanien im Gespräch) haben ihren wirtschaftlichen Boom in der Vergangenheit auf Pump finanziert. Und nun soll die Verschuldungskrise dadurch gelöst werden, dass noch mehr Schulden gemacht werden? Richtig, so dumm kann kein vernünftiger Mensch sein. Vielleicht ist es aber gar nicht so dumm, nämlich wenn der Ruf nach Ausgabenprogrammen von anderen Staaten, Steuerzahlern, Einkommensschichten, Generationen etc. bezahlt werden soll, während man selbst davon vielleicht kurzfristig profitiert. Die Wirkung solcher Maßnahmen kann zumindest in einem offenen Wirtschaftssystem bezweifelt werden.

Deshalb ist das Geschwätz vom „kaputtsparen“ gepaart mit der Forderung nach vermeintlich wachstumsinduzierenden (antizyklischen) Konjunkturprogrammen nichts anderes als Politik zu Lasten Dritter, stupide Interessenpolitik, welche die Kosten bzw. Lasten einer notwendigen Refinanzierung durch Sparen oder Wachstum auf andere abwälzen möchte.

Wer ist dann das Opfer? Es sind all jene, die für eine angeblich wohlmeinende, „soziale“ oder wie auch immer pseudowissenschaftlich verbrämte Wirtschaftspolitik in Zukunft zahlen bzw. für die dafür aufgenommenen Schulden einstehen müssen. Nun raten Sie mal, wer das ist? Richtig: wahrscheinlich Sie selbst! Wenn sie also das nächste Mal hören, dass jemand vom „kaputtsparen“ redet, sagen Sie ihm: er ist entweder ein ökonomischer Scharlatan oder gewissenloser Politiker, der das Problem zur Lösung macht, was irgendwann dazu führt, dass irgendjemand ruiniert wird, der vielleicht gar nichts dafür kann.

Dr. Guido Kirner, Polling

Das Ende einer Ära

Die neue Politik der Sparsamkeit

Ein neuer Geist weht durch die Haushaltspolitik der europäischen Länder, ein aus Not vom Sparwillen beseelter Geist, die Staatsausgaben reduzieren zu müssen. Welche Taten aus diesem Willen folgen, muss sich erst erweisen. Denn den Beschlüssen werden umso heftigere Auseinandersetzungen vorausgehen, je tiefer die krisenerzwungene Sparsamkeit das Politikverständnis der regierenden Parteien, die Interessen der Lobbys und das Staatsverständnis der Bürger angreift. Es geht um mehr als um eine fiskalpolitische Wende. Es geht um eine neue Politik, eine neue politische Kultur, die sich leichter verkünden als umsetzen lässt.

Mir ist nicht bekannt, wann sich ein deutscher Finanzminister gegen seine Kabinettskollegen mit Sparvorschlägen bisher durchsetzen konnte. Mächtige Verbände werden sich querstellen, wenn ihre Pfründen und Privilegien bedroht sind. Und die Bürger und Wähler werden murren, wenn ihnen liebgewonnene Steuervergünstigungen und Förderungen wegfallen.

Wo sind die Sparpolitiker?

Und was ist mit unseren Politikern? Sie waren jahrzehntelang gewohnt, sich ein Wettrennen zu liefern in der Verkündung von  (vermeintlichen) Wohltaten, die mit Schulden finanziert wurden, weil Steuereinnahmen schon lange nicht mehr ausreichten, obgleich sie stets stiegen. Die Unterschiede der staatstragenden Parteien, wie man anderer Leute Geld ausgeben solle, waren dabei eher gering und setzten allenfalls Akzente.

Welche Politiker werden es nun sein, die die Kürzungen durchsetzen? Wer wird die erste Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede im Bundestag halten, dass harte Zeiten anbrechen werden und die wohlfahrtstaatliche Party auf Kosten heranwachsender Generationen vorbei ist? Es wird mehr Charakterstärke und Verantwortungsgefühl brauchen als bisher. Die ganze Hartz-IV-Debatte war nur ein leichtes Vorspiel und brachte die SPD bereits an eine Belastungsgrenze. Die Linkspartei, die Erfahrung darin hat, wie man einen Staat ruiniert, hat davon profitiert.

Die Politik des Aufschubs ist vorbei!

Einige werden über Banker und Spekulanten schimpfen, andere über Europa, jedoch trifft das nicht den Kern der Sache. Die Finanzkrise beschleunigt nur, was sich seit langem angebahnt hat. Der Kern liegt einfach darin, dass seit langem mehr ausgegeben als eingenommen wurde; und das geht eben nie auf lange Dauer gut. Die Verschuldung diente einem Politikstil des Aufschubs jener Themen, die sich mit dem wohlfahrtstaatlichem Konsens nicht vereinbaren ließen.

Eine Art verewigtes keynesianisches deficit spending auch außerhalb der Rezession (wofür es egtl. gedacht war) wurde zum politischen Dauerdogma, wo alles andere als Neoliberalismus verbrämt wurde. Mit konjunkturell anheizenden Strohfeuern wurde aufgeschoben, was nun für fast alle europäischen Länder unausweichlich geworden ist: echte Strukturformen! Kernpunkte bleiben die Sozialversicherungssysteme und die Arbeitsmarktpolitik. Wer hier angreift, trifft den Wohlfahrtsstaat ins Mark. Hier wird sich zeigen, wer den Mut hat, Tabus zu brechen und die gewohnten Umverteilungsprinzipien über Bord zu werfen. Die Finanzkrise erzwingt eine neue Ära der Politik.

Das Ende eines Zeitalters

Bereits 1987 sprach Lord Ralf Dahrendorf vom „Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts.“ Er meinte damit nicht nur die Befindlichkeit einer Partei. Er verstand darunter die grundanständige „politische Haltung, die die entschiedene Verteidigung von Rechtsstaat und Demokratie mit dem ausgeprägten Sinn für die Benachteiligten und Schwachen verbindet.“ In historischen Streifzügen zeigt er auf und begründet, weshalb sich diese säkulare Kraft erschöpft hat, ja Opfer ihres eigenen Erfolges geworden ist.

Nun könnten es die Auswirkungen der immer weitere Kreise ziehenden Krise sein (Immobilienkrise, Bankenkrise, Finanzkrise, Währungskrise, Verschuldungskrise, Europakrise), welche die Programmatik der Umverteilung zur Egalisierung der Einkommen ein Ende setzt, ganz einfach, weil es nichts mehr zu verteilen gibt, zumal kein geliehenes Geld. Was das letztlich bedeutet, wird noch nicht offen ausgesprochen: Die Menschen werden mehr für sich selbst vorsorgen müssen, weil die Kassen der Sozialsysteme leer und bereits von der demografischen Entwicklung angezählt sind. Subventionen werden wegfallen, wo sich Gutmenschentum und Fortschrittsglaube ebenso ausleben durften wie Strukturkonservatismus und Sozialstaatsbürokratismus.

Harte Zeiten

Harte Zeiten werden kommen. Die Politik des billigen Geldes, die Transferleistungen innerhalb Europas, die Umverteilung immer größerer Geldmengen im Rahmen eines Sozialetatismus und die Subventionierung von angeblich besonders förderungswürdigen bzw. erhaltungswerten Wirtschaftszweigen, das steht nun krisenerzwungen und nicht mehr finanzierbar auf dem Spiel. Möglicherweise können Historiker in Zukunft von der glücklichen sozialliberalen Ära nach dem zweiten Weltkrieg sprechen, die zu Beginn des neuen Jahrtausends auf einmal unerwartet ein jähes Ende fand.

Dr. Guido Kirner, Finanzmakler & Versicherungsmakler, Weilheim i.OB