Der Odysseus-Komplex. Ein Buch von Johannes Becker und Clemens Fuest zur Eurokrise

 

Die Währungsunion ist ein großer Irrtum, ein abenteuerliches, waghalsiges und verfehltes Ziel, das Europa nicht eint, sondern spaltet.“ (Ralf Dahrendorf 1995)

Johannes Becker und Clemens Fuest sind keine Eurogegner. Zwar haben die beiden Ökonomen gewichtige Einwände gegen diesen suboptimalen Währungsraum, doch zum einen kann man den Euro nicht mehr so einfach abschaffen, zum anderen wollen die meisten Bürger nicht mehr zu ihren nationalen Währungen zurückkehren.

Die Autoren sehen aber eine fatale Prozesshaftigkeit innerhalb der europäischen Institutionen am Werk. Geschuldet ist sie einer Verfasstheit, die den nationalen Akteuren große Entscheidungsspielräume lässt, ohne dass sie zur Übernahme von Verantwortung bei unpopulären Maßnahmen bereit wären. So steckt die Eurozone in einer Art strukturellen Sackgasse fest.

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Ein Buch zum “Austrian Investing”

 
„Der Systemtrottel der Gegenwart flieht die Verantwortung und untergräbt damit seine eigene Freiheit. Ein Großteil der Anlegerliteratur dient diesem Bedürfnis, die Verantwortung für schwierige Entscheidungen an Gurus zu delegieren, auf die man sich dann ausreden kann, wenn es schief geht.“
 
„Die größte Gefahr für jeden privaten Anleger ist und bleibt der Staat.“
 
„Ein Ökonom muss zuallererst den Mut haben, unpopulär zu sein.“ (Friedrich von Hayek)
 
„Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur, ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion kommen soll, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems.“ (Ludwig von Mises)
 

In seinen konkreten Anlagevorschlägen ist dieses Buch wenig originell. Dafür macht es aber auch keine falschen Versprechungen. Vielmehr erscheint es mir ein willkommenes Immunisierungsmittel gegen Politikergeschwätz und Notenbankhybris.

So setzen sich die Autoren zunächst von der Mainstream-Ökonomie ab. Sie vertrauen nicht auf die Effizienz des staatlich geführten Marktes, bei welchem Bürger den Banken und Politikern vertrauen müssen und die Zukunft als eingepreist, kontrollierbar und prognostizierbar gilt. Dies wird als unrealistische Pseudowissenschaft abgetan. Ein Großteil der Volkswirte sei eh zu politiknah und nicht wissenschaftlich unabhängig. Die politisch motivierten Steuerungsversuche der Wirtschaft seien hoffnungslos und pendelten zwischen fehlgeleiteter Wirtschaftsfeindlichkeit und Finanzeuphorie.

Als Zukunftsszenario halten die Autoren eine „kurzfristige Stagflation auf einem schmalen Grat zwischen Hyperinflation und Hyperdeflation“ für wahrscheinlich. Diese Situation werde „zunehmend durch finanzielle Repression flankiert wird.“ Mittelfristig könne dies mit dem konfliktreichen Versuch einer globalen Koordination unter einer neuen Leitwährung einhergehen. Langfristig rechnen die Autoren mit einer massiven Korrektur die Wirtschaftsstruktur.

Mit der Österreichischen Schule gegen die Wohlstandsillusion

Auf dem Weg zu diesem Fazit erläutern die Autoren zunächst die Grundlagen der sog. Österreichischen Schule der Nationalökonomie, deren wichtigste Gründerväter Carl Menger, Ludwig von Mieses und Friedrich von Hayek sind. Sie begründeten u.a. die subjektivistische Wertlehre, die Grenznutzenschule, legten ihrer wirtschaftlichen Betrachtung eine individualistische Handlungslehre zugrunde und zeichneten sich durch eine Realismus aus.

Dem folgt ein historischer Exkurs. Die Schaffung einer Blasenökonomie mit unbegrenzter Schuldenvermehrung parallel zur staatlichen Industriealisierung begann für die Autoren nicht zufällig im 18. Jahrhundert mit Schaffung eines Zentralstaates inkl. Zentralbankensystem und Papierwährung. Ideengeschichtlich kontrastieren sie den Wettbewerbskapitalismus gegen den staatlich-interventionistischen Kapitalismus Saint-Simonistischer Provenienz. Dies ist zwar schön vereinfachend, ob es jedoch einer differenzierten wirtschaftshistorischen Analyse stand hielte, darf bezweifelt werden.

Dessen ungeachtet sprechen die Autoren ein Thema an, das für die neuere Wirtschaftsgeschichte sicherlich von Bedeutung ist: die wiederholte Wohlstandsillusion, d.h. durch Schulden künstlich induzierter Scheinreichtum bei Kapitalkonsum und Überschätzung der Vermögensverhältnisse, welcher dann bei Wegfall der Vertrauensbasis bzw. Bewusstwerdung der realen wirtschaftlichen Grundlagen in sich zusammenbricht. Continue reading Ein Buch zum “Austrian Investing”

Die ESM-Entscheidung des Bundesverfassungerichts

Nun ist es endlich da, von Deutschland, Europa und der Welt (der Finanzmärkte) heiß erwartet: die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes über den Eilantrag in Sachen Euro-Rettungsschirm ESM. Und das Karlsruher Gericht hat wohl mit Umsicht und Weisheit entschieden, d.h. es hat es geschafft, dass sowohl Kläger wie Beklagte einen Erfolg verbuchen können. Das ist Staatskunst in der Richterrobe!

Denn zum einen entscheidet das Gericht nicht gegen europäische Staaten, die in der Mehrheit ein Haftungsdach brauchen, um den Staatsbankrot wegen Überschuldung abzuwenden; zum anderen zieht es vermeintlich bedeutende Schranken ein, um einer uferlosen Haftung vorzubeugen: die Banklizenz für den ESM ist nicht erlaubt, die Haftungssumme für Deutschland wird auf 190 Milliarden beschränkt und eine Ausweitung ist nur mit erneuter Abstimmung im Bundestag möglich.

Ist den Deutschen damit geholfen? Zum einen Ja, denn sie stehen vorerst nicht als Sündenböcke für ein Euro-Europa da, das geld- und fiskalpolitisch an die Wand fährt.

Zum anderen NEIN: denn die Frage bleibt bestehen, ob eine Entscheidung über den ESM überhaupt noch die Bedeutung hat, seit die Europäische Zentralbank (EZB) potentiell unbeschränkte Anleihekäufe zur Finanzierung überschuldeter Staaten angekündigt hat.

Freilich behält sich das Bundesverfassungsgericht vor, auch hierauf in seiner ausführlichen Urteilsbegründung einzugehen. Vorerst sieht es aber so aus, dass ein Nebenkriegsschauplatz den eigentlichen Skandal nur verdeckt: Deutschland haftet unabhängig vom ESM immer noch in schier unbegrenzter Höhe im Rahmen der EZB, wo es nichts mehr zu melden hat, dessen anmaßende Fiskalpolitik es aber überstimmt mittragen muss.

Ferner stellt sich die Frage, wo eigentlich die „nur“ (soweit ist es schon gekommen) 190 Milliarden Euro herkommen sollen, wenn Deutschland tatsächlich haften muss? Auch die Tatsache, dass das Gericht seinem Demokratieidealismus folgt, ist einerseits rühmlich und stärkt die Rolle des Parlaments.

Wer aber mit ansehen durfte, wie Reporter von Phoenix nach der ESM-Abstimmung im Bundestag eine Vielzahl von Abgeordnete zur Haftungssumme Deutschlands fragten und diese zumeist keine oder falsche Antworten von sich gaben, der wird bestärkt in dem Eindruck, dass es sich hier mehr um überfordertes Fraktionsstimmvieh handelt und weniger um einen Hort der Staatsvernunft.

FAZIT: Es wurde eine gute Entscheidung über eine Institution getroffen, die aber gar nicht mehr das eigentliche Problem der unbegrenzten Haftung für Deutschland darstellt. Es wurde erneut der Bundestag bestärkt, welcher sich in der Mehrheit einer Kanzlerin beugt, die seit drei Jahren in der Rettung bankrotter Euro-Staaten einen falschen Kurs verfolgt, von diesem aber auch nicht mehr abweichen kann (hier zu den vergangenen Blogbeiträgen>>). Doch die meisten Bundesbürger scheinen damit erst einmal zufrieden – hoffentlich zurecht.

Dr. Guido Kirner (Polling bei Weilheim)

Die Euroschuldfrage

Es ist so weit. Die Ausstiegsfrage Griechenlands aus dem Euro ist eigentlich schon beantwortet, jedoch will keiner Schuld sein. Es geht nicht mehr so sehr um gute Gründe und Ängste, es geht mehr um die Geschichtsschreibung. Regierungsverantwortlichen dämmert es allmählich, dass dieses Griechenland in einem soliden Währungsverbund nichts zu suchen hat, jedoch möchte keiner – inbesondere Deutschland – der Buhmann sein, wenn das Szenario unvermeidlich wird.

Deshalb wird es nun viel Reisediplomatie geben, um Monate bzw. Jahre des Aufschubs für Reformen wird gefeilscht, Verbündete werden gesucht, man wird sich wahrscheinlich noch in engem Rahmen großzügig geben, um nicht als hartherzig zu gelten und Deutschland sucht mindestens Frankreich als Partner, um die „rote Linie“ gegenüber Hellas aufrecht zu erhalten, um später nicht alleine an den Pranger gestellt zu werden, es habe den Zerfall der Währungsunion zu verantworten.

Frankreich selbst hat Probleme und erlebt (wie einst nach dem Wahlsieg Mitterands) wie sozialistische Blütenträume an der harten Realität fehlender Wettbewerbsfähigkeit und mangelnder Strukturreformen zerschellen. Es muss seine Wirtschaft auf Vordermann bringen, jedoch geht das nun einmal nicht mit dem Programm, mit welchem man gewählt wurde. Was macht man da nun?

Also wie werden Historiker die Geschichte des Euros in der Zukunft darstellen? Als Erfolgsgeschichte wohl kaum. Nicht, dass es nicht hätte klappen können, jedoch haben eben die Staaten nicht die Disziplin aufgebracht, eine einheitlich vernünftige WIrtschafts- und Finanzpolitik zu betreiben, also wurde nichts daraus. Der Euro spaltet Europa statt es unverbrüchlich zusammenzuschmieden. Die Geschichte – so sagt man – werde von den Siegern geschrieben; das Problem ist, wenn es keine gibt, sondern nur Verlierer.

Dr. Guido Kirner (Polling/Weilheim)

“Kaputtsparen”

Derzeit hört man in Wirtschaftsdiskursen häufiger die Befürchtung des “Kaputtsparens”. Mal ehrlich, haben Sie sich schon einmal „kaputtgespart“? Oder kennen Sie irgendjemanden, der sich schon mal kaputtgespart hat? Nein? Kein Wunder, wie soll das gehen? Wer weniger Geld ausgeben kann, der muss erst einmal Geld haben. Wer das tut, um in einer ungewissen Zukunft, Geld zur Verfügung zu haben, wer oder was sollte dabei kaputtgehen, d.h. nicht mehr funktionieren? Tatsache ist: aufgeschobener Konsum – und nichts anderes bedeutet sparen – hat noch niemanden zerstört, sei es für den einen eine Lebenseinstellung, für den anderen ein notwendiges Übel.

Aber haben Sie schon einmal zu viel Geld ausgegeben bzw. davon gehört, dass jemand mehr Geld ausgegeben hat als er hatte? Oder kennen sie gar einen Fall, bei dem sich jemand dauerhaft so stark verschuldet hat, um seinen Konsum zu finanzieren, dass er seine Schulden nicht mehr zurückzahlen konnte? Das ist wohl sehr viel wahrscheinlicher als das Gerede davon, man könne sich „kaputtsparen“.

Nun gut, jetzt werden nicht wenige Ökonomen, ich nenne sie mal Vulgärkeynesianer, einwenden: aber was für Einzelpersonen gilt, das gilt noch lange nicht für Volkswirtschaften. Wenn zu stark gespart wird, dann sinkt der Konsum, es fehlen Kaufanreize, das führt in die Rezession…bla, bla, bla. Deshalb braucht es Lohnsteigerungen und Konjunkturprogramme, damit „Wachstum“ entsteht, die Wirtschaft wieder in Gang kommt und alles wird gut.

Dazu möchte ich mal behaupten: Diese Ökonomen sind nicht die Lösung, sie sind das Problem. Und sie sind nicht deshalb der wissenschaftlichen Wahrheit besonders nahe oder gar Nobelpreisträger, weil es stimmt, was sie sagen, sondern weil sich ihr Standpunkt besonders gut mit eigenen Interessen (Karriere, Gutachten, Beraterhonorare, Professuren usw.), mehr aber noch mit einem billigen politischen Populismus verbindet; damit meine ich: Menschen, d.h. Wählern etwas zu versprechen, das sehr viel Geld kostet, nachweislich gar nichts langfristig bringt, außer (noch mehr) Schulden.

Bestimmte europäische Länder (aktuell ist gerade Spanien im Gespräch) haben ihren wirtschaftlichen Boom in der Vergangenheit auf Pump finanziert. Und nun soll die Verschuldungskrise dadurch gelöst werden, dass noch mehr Schulden gemacht werden? Richtig, so dumm kann kein vernünftiger Mensch sein. Vielleicht ist es aber gar nicht so dumm, nämlich wenn der Ruf nach Ausgabenprogrammen von anderen Staaten, Steuerzahlern, Einkommensschichten, Generationen etc. bezahlt werden soll, während man selbst davon vielleicht kurzfristig profitiert. Die Wirkung solcher Maßnahmen kann zumindest in einem offenen Wirtschaftssystem bezweifelt werden.

Deshalb ist das Geschwätz vom „kaputtsparen“ gepaart mit der Forderung nach vermeintlich wachstumsinduzierenden (antizyklischen) Konjunkturprogrammen nichts anderes als Politik zu Lasten Dritter, stupide Interessenpolitik, welche die Kosten bzw. Lasten einer notwendigen Refinanzierung durch Sparen oder Wachstum auf andere abwälzen möchte.

Wer ist dann das Opfer? Es sind all jene, die für eine angeblich wohlmeinende, „soziale“ oder wie auch immer pseudowissenschaftlich verbrämte Wirtschaftspolitik in Zukunft zahlen bzw. für die dafür aufgenommenen Schulden einstehen müssen. Nun raten Sie mal, wer das ist? Richtig: wahrscheinlich Sie selbst! Wenn sie also das nächste Mal hören, dass jemand vom „kaputtsparen“ redet, sagen Sie ihm: er ist entweder ein ökonomischer Scharlatan oder gewissenloser Politiker, der das Problem zur Lösung macht, was irgendwann dazu führt, dass irgendjemand ruiniert wird, der vielleicht gar nichts dafür kann.

Dr. Guido Kirner, Polling