Von der freiwilligen Kür zur gesetzlichen Pflicht: Die Altersvorsorge der Selbständigen

Die Bundesregierung, oder vorerst besser: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will heute ihren Gesetzesentwurf zur Bekämpfung der Altersarmut veröffentlichen. Dieser wird wohl – wie gestern durchgesickert sein soll – auch den Zwang zur Altersvorsorge für Selbständige beinhalten.

Zielgruppe sind dabei nicht die 350.000 Freiberufler wie Ärzte, Architekten oder Rechtsanwälte, die in ihre jeweiligen berufsständischen Versorgungswerke einzahlen; auch nicht die 170.000 Landwirte, die in die landwirtschaftliche Alterskassen einzahlen; ferner bleiben die Mitglieder der Künstlersozialkasse verschont. Das Gesetz richtet sich vor allem an jene Selbständigen, die weder freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen noch eine private Altersvorsorge nachweisen können.

Befürchtet wird, dass viele von den 2,4 Millionen sog. Solo-Selbständigen in diese Gruppe fallen, also jene ohne Angestellte und mit häufig nur einem Auftraggeber. Gerechtfertigt wird diese geplante Zwangsmaßnahme mit dem Argument, dass diese Personen im Alter dem Staat sehr wahrscheinlich auf der Tasche liegen werden, wenn sie nicht rechtzeitig Vorsorge betreiben.

Künftig soll nachgewiesen eine Absicherung mindestens oberhalb der Grundsicherung im Alter i.H.v. ca. 700 Euro im Monat nachgewiesen werden. Für die staatlichen Leistungen bedeutet dies, dass in 45 Beitragsjahren monatlich 250-300 Euro für die Altersrente und ungefähr 100 Euro für die Erwerbsminderungsrente aufgewendet wurden. Schon hier zeigt sich, dass die private Altersvorsorge lukrativer sein dürfte als das gesetzliche System; oder anders ausgedrückt, dass das gesetzliche System es bei älteren Selbständigen gar nicht mehr schaffen kann, das Kapital für eine Grundsicherung anzusparen. Das wird im Einzelnen noch zu berechnen sein.

Die geplante Regelung sieht wohl eine Staffelung je nach Alter der Betroffenen vor: Unbeschränkt gelten soll die Regelung für Selbständige bis 30 Jahren; für jene zwischen 30 bis 50 Jahren sollen die Regeln in abgeschwächter Form gelten. Selbständige über 50 und jene, die weniger als 400 Euro mtl. verdienen, sollen von der neuen Vorsorgepflicht befreit sein.

Wie immer ist der gute politische Wille noch nicht der brauchbare Weg; bekanntlich verlässt auch kein Gesetz den Bundestag so, wie es eingebracht wird. SPD und Gewerkschaften hätten wahrscheinlich alle am liebsten nur in den staatlichen Versorgungssystemen; CDU/CSU möchten die Wahl lassen, wie die FDP, die jedoch die private Vorsorge gefördert wissen möchte. Was wollen eigentlich die GRÜNEN? Was dabei letztlich herauskommt, bleibt abzuwarten. Ein Wust an Fragen stellt sich und impliziert die Tendenz zu einem bürokratischen Überwachungsmonster.

Welche Kapitalanlagen sollen künftig zur Altersvorsorge gerechnet werden? Zählt auch Immobilienvermögen oder eine britische Lebensversicherung dazu? Wie werden variable, z.B. steueroptimierte Beiträge (z.B. bei Basisrenten) angerechnet? Welche Sicherheitsanforderungen werden an die Altersvorsorge gestellt? Darf man in Staatsanleihen hoch verschuldeter Staaten (oder am besten gleich in Bundesanleihen) investieren? Welche Ansprüche erwachsen aus dem gesetzlichen System, zumal wenn jemand keine 45 Jahre Zeit oder das nötige Geld hat, um über 500 Euro jeden Monat auf die Seite zu legen? Kann ein staatlicher Sparzwang auf Jahre nicht auch als eine Art Enteignung betrachtet werden, wenn trotz hohen Aufwands in der gesetzlichen Rentenversicherungen dann nur eine sog. Grundsicherungsrente herauskommt, die mit Altersarmut gleichzusetzen ist.

Wer wird das ganze überwachen und kontrollieren? Wird der Wert der Firma, die Selbstständige aufgebaut haben und im Alter evtl. verkaufen können, auf die Altersvorsorge angerechnet? Und berechtigterweise wird man fragen dürfen, wann werden von den Abgeordnetendiäten oder Ministergehälter Altersvorsorgebeiträge entsprechend ihren Pensionsansprüchen (z.B. nach nur zwei Legislaturperioden) abgezogen? Wann wird dieses veraltete System aufgegeben, dass gerade Beamte keine Sozialbeiträge zahlen (dafür aber z.B. Riestern dürfen, obwohl das eigtl. an die Sozialversicherungspflicht gekoppelt ist) oder wann werden dafür ausreichend Altersrückstellungen für Pensionsansprüche gebildet (und nicht wieder verpulvert), damit auch hier nicht die Allgemeinheit dafür nicht später aufkommen muss.

All die Fragen zeigen, es wird nicht einfach und befürchtet werden darf viel: Lobbys (Gewerkschaften, Verbände, Banken, Versicherungen, Bausparkassen usw.) werden sich auf das Thema stürzen und versuchen, in ihrem Sinne Einfluss nehmen, schlechte Kompromisse werden unabwendbar sein  und am Ende wird ein Gesetz stehen, das wieder nur Experten verstehen. Sicherlich können wir aber davon ausgehen, dass wir eine neue Behörde und viele neue Beamte brauchen, welche die Altersversorge der Selbständigen überwachen darf.

Die Notwendigkeit und Vernünftigkeit für das Alter vorzusorgen und sich dabei von einem kompetenten Experten beraten zu lassen, wird dagegen niemand bestreiten.

Dr. Guido Kirner

Altersarmut in Bayern

Wie auch immer die politische Meinung zum Thema Gesetzliche Rentenversicherung im Verhältnis zur Privaten Vorsorge sein mag, Tatsache ist, die Gesetzliche Rente reicht schon jetzt nicht mehr für jeden vierten bis fünften Rentner, und das auch in wohlhabenden Bundesländern.

In Bayern sind laut VdK 435.000 Menschen von der Altersarmut betroffen, d.h. sie leben im Alter(über 65)  unterhalb der Armutsschwelle. Diese liegt gemäß bayerischem Sozialbericht bei 859 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt. Wieso die Schwelle genau bei dieser Zahl festgelegt wird, ist mir schleierhaft, auch könnte eingewandt werden, dass es sich hierbei um eine recht komfortable Armutsdefinition handelt. Zu bedenken ist, nach Abzug von Miete, Nebenkosten und Lebenshaltung bleibt wenig bis nichts.

Die Durchschnittsrente für Männer liegt in Bayern bei 853 Euro; bei Frauen ist die Situation weit schlimmer: die Rente liegt hier im Schnitt bei nur 506 Euro, also ganze 300 Euro unter der Armutsschwelle. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Die Zahlen verdeutlichen, die Renten sinken und die Zahl der armutsgefährdeten Rentner nimmt zu.

Sinkende Re3aleinkommen, das steigende Risiko für Pflegebedürftigkeit, geringer Schutz bei Erwerbsminderung oder gar keiner bei Berufsunfähigkeit, steigende Gebühren und Kosten im Gesundheitswesen usw. verweisen auf keine rosige Zukunft. Wer aber nach dem Staat ruft, der wird wohl auf immer taubere Ohren stoßen. Der Sozialstaat ist an seine Grenzen gelangt, hat – wie die Schuldenproblematik zeigt – auf Kosten der Zukunft gelebt und immer weniger (eigentlich gar nichts mehr) zu verteilen. Die Zeiten werden härter.

Dr. Guido Kirner, Private Finanzplanung & Versicherungsmakler (Polling)

Riester für Besserverdiener – Eine Beispielberechnung für eine leitende Angestellte

Die Altersvorsorge in Form sog. Riesterverträge erlebt je seit Einführung (2001) ebenso Kritik wie Anerkennung. Je nach Zeitpunkt, Zeitschrift, Autor, Interessenlage usw. wird alles möglich behauptet. Tatsache ist, viele Argumente und Berechnungen sind ebenso richtig wie falsch: letztlich hängt es von der individuellen Einstellung, Interessenlage und Situation des Verbrauchers ab, ob sich ein Riestervertrag lohnt oder nicht.

Pauschale Behauptungen zum Riestersparen helfen nicht weiter

Jede Finanzplanung ist nur so gut wie Annahmen über die Rahmenbedingungen. Diese ändern sich bekanntlich im persönlichen Bereich ebenso wie im Politischen. Da wird mit einem Sozial- und Steuersystem argumentiert, bei dem sich die Frage stellt, ob es in dieser Form in 30 Jahren noch existiert. Da werden Zinsannahmen zugrundegelegt, von denen behauptet werden kann, dass sie in 5 Jahren eh überholt sind. Schließlich wird mit Lehrbuchweisheiten über Sicherheit und Unsicherheit bestimmter Anlageklassen gesprochen als wären diese seit der Staatsschuldenkrise noch gültig.

Kurz: die Stetigkeit in Politik und Wirtschaft ist eine Illusion, dessen ungeachtet wollen vernünftige Menschen ihre Finanzen planen. Und genau das ist das Problem: Unsicherheit fordert Planung, aber Planung setzt Stetigkeit voraus. Auch Finanzprodukte, die letztlich für die Planung herhalten müssen, unterliegen diesem Problem. Sie müssen flexibel genug sein, um auf Wandel reagieren zu können, sie sollten aber Stetigkeit in der Besparung voraussetzen können, damit am Ende auch etwas dabei herauskommt.

Pauschale Behauptungen, wie sie manche reißerische Überschriften rüberbringen, helfen jedenfalls nicht weiter. So jüngst im aktuellen Heft der von mir geschätzten Wirtschaftwoche (42/2011, S. 102 ff.) mit dem Tenor: Riesterrente lohnt sich erst ab 90. Als Finanzplaner wollen wir für unsere Kunden selbst nachprüfen und rechnen und eine seriöse Empfehlung geben. An dieser Stelle soll das einmal am Beispiel einer leitenden Angestellten mit gutem Gehalt geschehen. Dies soll vorerst produktunabhängig geschehen. In einem folgenden zweiten Teil soll erörtert werden, welche Form von Riestervertrag sich besonders eignet, wenn dabei die Auswirkungen der aktuellen Staatsschuldenkrise bedacht werden.

Eine Beispielberechnung

Nennen wir eine nette junge Dame Eva. Sie ist 38 Jahre jung, akademisch gebildet und verdient in der freien Wirtschaft als Angestellte ein Bruttojahresgehalt von 85.000 Euro. Eine selbständige Tätigkeit strebt Eva in der Zukunft nicht an. Etwa 400 Euro könnte sie noch langfristig für die Altersvorsorge zur Seite legen. Die Voraussetzungen für einen Riestervertrag sind erfüllt. Sie bezieht ein sozialversicherungspflichtiges Einkommen.

Um Zulagen und Steuervorteile auszunutzen kann sie 4% des Vorjahresbruttoeinkommens in einen Riestervertrag sparen (das wären 3.400 Euro), jedoch ist dieser Betrag gesetzlich auf maximal 2.100 Euro gedeckelt. Davon ist noch die staatliche Förderprämie bzw. Zulage von 154 Euro p.a. abzuziehen, um den sog. Eigenbeitrag zu bestimmen. Dieser beläuft sich also auf 1.946 Euro im Jahr bzw. 162,17 Euro im Monat. Damit steht fest: der Riestervertrag wäre nur ein Baustein für die Altersversorge neben der Gesetzlichen Rentenversicherung und anderen möglichen Sparformen. Er sollte deshalb nicht als der Weisheit letzter Schluss oder Generallösung aller Probleme der Altersvorsorge verstanden werden.

Zulagen und Steuervorteile in der Ansparphase

Die Frage ist nun, wie sich ein Riestervertrag auswirken würde. Hier müssen wir die Ansparphase von der Rentenbezugsphase unterscheiden. Schauen wir zunächst auf den Zeitraum, in welcher der Riestervertrag in voller Höhe bespart wird. Man erkennt schnell: Die staatliche Zulage fällt bei hohem Einkommen weniger ins Gewicht als die Steuervorteile. Die gesamte Sparleistung von Eva bis zum Rentenalter im Jahr 2039 beträgt 60.900 Euro. Bleibt Eva kinderloser Single beträgt der Anteil staatlicher Geschenke 4.466 Euro auf das eingesetzte Kapital von 56.434 Euro. Das allein sind gute 8 %. In welcher nicht geförderten Anlage bekomme ich derzeit allein diese Rendite?

Das ist aber noch wenig, wenn wir noch den Steuervorteil einkalkulieren. Dieser fällt nicht wie die Zulage dem Sparguthaben im Riestervertrag zu, sondern wirkt sich bei der Einkommenssteuererklärung aus. Das sind jährlich noch einmal 776,51 Euro; die Steuerersparnis auf die gesamte Laufzeit beträgt dann stolze 22.519 Euro. Nun versteht sich auch, weshalb die vermeintlichen Expertenstimmen alsbald verstummten, die behauptet haben, „Riester“ sei etwas für Geringverdiener mit vielen Kindern. In unserem Fall beträgt die Förderquote auf die Sparleistung ganze 44,3 Prozent.

Die Verrentung des Riesterkapitals

Angesichts dieser Zahl stellt sich nur eine Frage: wo ist der Haken? Und tatsächlich hat der Gesetzgeber einige Verpflichtungen auferlegt, um diese Vorteile nutzen zu können. So verbietet er, dass das angesammelte Kapital im Riestervertrag als Einmalbetrag ausbezahlt werden kann. Das können nur maximal 30 %; ansonsten muss der Vertrag als Leibrente ausbezahlt werden. Das bedeutet, ich muss entweder ein bestimmtes Rentenalter erreichen oder das Kapital auf eine andere Person im Todesfall übertragen können, damit sich die Riesterrente lohnt.

Sehen wir einmal von der Tatsache ab, dass das Kapital aus einem Riestervertrag im Todesfall in der Rentenbezugsphase auf den Riestervertrag des Ehepartners übertragen werden kann. Eva bleibt unverheiratet. Auch lässt sie sich den möglichen Teilbetrag nicht kapitalisieren. Gehen wir davon aus, sie fühlt sich mit 67 noch fit und glaubt, ein hohes Alter zu erreichen. Nach wie viel Jahren Rentenbezug aus dem Riestervertrag kommt Eva in die Gewinnzone, damit sie wenigstens ihren Nettoaufwand (Sparleistung abzüglich Zulagen und Steuervorteil) wieder drin hat? Denn ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich das Ganze zu einem interessanten Geschäft.

Die Besteuerung in der Bezugsphase der Riesterrente

Bevor wird diese Frage beantworten können, müssen wir einen zweiten Nachteil berücksichtigen: die Renten aus dem Riestervertrag werden im Alter als Einkommen voll versteuert. Wie hoch werden das Einkommen im Alter und der entsprechende Steuersatz sein? Wir wissen es nicht. Laut Rentenauskunft wird Eva im Alter einmal eine gesetzliche Rente von 2.270 Euro erzielen. Die Deutsche Rentenversicherung geht bei ihrer Hochrechnung von den an sie entrichteten Beiträgen der letzten 5 Jahre aus und erwähnt nicht ohne Grund, dass hierbei „Rentenanpassungen“ nicht berücksichtigt werden.

Drei Dinge gilt es zu beachten: Erstens, diese auf den ersten Blick beachtliche Rente von 2.270 Euro wird bei einer unterstellten durchschnittlichen Inflation von 2,5 % in 30 Jahren nur noch eine Kaufkraft nach heutigen Maßstäben von einer Rente i.H.v. 1.082 Euro haben. Die Deutsche Rentenversicherung weist übrigens eigens etwas umständlich unter der Überschrift „Zusätzlicher Versorgungsbedarf“ auf dieses Phänomen der Entwertung hin.

Zweitens wissen wir nicht, wie sich das Gehalt von Eva entwickelt wird. Da aber auch die Beiträge an die Rentenversicherung gedeckelt sind, haben wir hier eher das Problem, dass sich Gutverdiener mit steigendem Einkommen an einen gewissen Lebensstil anpassen, dass die abgeführten Beiträge und folglich auch die Altersrente aus der Gesetzlichen Rentenversicherung diesem Einkommen aber nicht mehr entsprechen. Jedes Einkommen über dieser Beitragsbemessungsgrenze von 66.000 Euro (Alte Bundesländer) bleibt unberücksichtigt.

Der größte Unsicherheitsfaktor ist jedoch politischer Natur: nämlich ob in 30 Jahren unser Sozialversicherungssystem noch in der aktuellen Form bestehen und funktionieren wird. Von welcher Rentenhöhe und welchem Steuersatz sollen wir also im Alter ausgehen. Sollen wir die Besteuerung im Alter nach heutiger oder künftiger Kaufkraft berechnen? Wir wissen es nicht! Hier werden in vielen Zeitschriften von vielen Instituten und vielen Experten schlicht Rechnungen ohne den Wirt gemacht. Eine nicht gerade filigrane aber auch nicht dumme Überlegung wäre: Wenn ich schon nicht weiß, was die Zukunft bringt, dann nutze ich wenigstens jetzt jeden Steuervorteil aus, denn besser wird es sehr wahrscheinlich nicht.

Gehen wir einmal fiktiv von einer Steuerbelastung von 20 % aus. Das ist nicht unrealistisch. Aus einer Produktberechnung erfahre ich, dass sie im schlechtesten Fall eine Rente von 200 Euro garantiert, bei einer Wertsteigerung von 3 % immerhin eine lebenslange Rente von 360 Euro. Kürzen wir diesen Betrag um die Steuer erhalten wir eine Nettomonatsrente von 288 Euro. Der Nettoaufwand nach Abzug der bereits bezogenen Steuervorteile und Zulagen beträgt für Eva in der Ansparphase 33.915 Euro. Das bedeutet, dass Eva nach 9,8 Jahren – also mit 77 Jahren – den Nettoaufwand wieder drin hätte und alles darüber ein Gewinn wäre. Angesichts einer nach aktuellen Sterbetafeln prognostizierten Lebenserwartung von 98 Jahren für Frauen, die das 67. Lebensjahr erreicht haben, handelt es sich durchaus um kein schlechtes Geschäft.

Durchaus eine Empfehlung

Sichere Geldanlagen gibt es nicht. Hierbei handelt es sich um eine Illusion, die besonders bei Deutschen verbreitet ist. Ferner spielen Unsicherheiten eine Rolle: Welcher Zins, welche Inflationsrate, welche Lebenserwartung darf den Berechnungen bei der privaten Finanzplanung zugrundegelegt werden? Die oben angestellten Überlegungen halte ich für brauchbar, dürfen aber gerne berichtigt, korrigiert oder diskutiert werden. Ich würde Eva den Abschluss eines Riestervertrages als ein Baustein der Altersvorsorge neben anderen empfehlen. Die Frage, die wir in einem zweiten Teil besprechen ist nun: in welcher Form sollte sie das tun?

Dr. Guido Kirner, Finanzplaner aus Weilheim i.OB

“Günstig privat versichert” – eine Lebenslüge bei der Vermittlung Privater Krankenversicherungen

Gleich vorweg: es geht hier nicht darum die Private Krankenversicherung zu verteufeln und ein Loblied der Solidarität auf die Gesetzlichen Krankenkassen zu singen. Im Gegenteil: Gesetzlich Versicherte (und ihre Kinder!) leben zumeist auf Kosten anderer: von staatlichen Subventionen, von umverteilten Steuergeldern, die Rentner von den arbeitenden Jüngeren, die Ärmeren von den „Besserverdienenden“, die Kassenpatienten durch eine Art Quersubventionierung in den Arztpraxen durch die höheren Gebührensätze von den Privatpatienten. Dies ist hier nicht das Thema.

Mir geht es hier um einen Teilbereich bei der Vermittlung von Privaten Krankenversicherungen (PKV), den ich eine „Lebenslüge“ nenne, weil es sich m.E. um eine Vortäuschung falscher Tatsachen handelt, die den realistischen Blick auf die Tatsache verstellt, dass die PKV unter den gegebenen Voraussetzungen nicht für jedermann geeignet ist. Sie sollte als das verkauft werden, wofür sie sich eignet: eine im Vergleich zu gesetzlichen Kassenleistungen wesentlich bessere und deshalb teurere Gesundheitsvorsorge. Sie eignet sich deshalb letztlich nur für wohlhabende Menschen. Sicherlich lassen sich in manchen Fällen kurzfristig oder gar mittelfristig mit einer PKV Kosten einsparen; aus einer langfristigen Perspektive nachhaltiger Finanzplanung ist das aber schlichtweg Unfug.

Zweiklassensystem – JA, aber nicht wie immer behauptet!

Immer noch wird die Tatsache eines „Zweiklassensystems“ im Gesundheitssystem von manchen Gesundheitspolitikern geleugnet. Patienten sehen die Sache realistischer, spätestens im Wartezimmer des Arztes. Es wäre jedoch verkürzt, die Bifurkation des Gesundheitssystems zwischen Privatversicherten und gesetzlich Versicherten zu behaupten. Der Graben verläuft vielmehr zwischen jenen, die bessere Leistungen versichert haben und denen, die das nicht haben. Eine Private Krankenversicherung (PKV) ist kein Garant für gute Leistungen. Einsteigertarife bzw. Billigtarife können unterhalb der Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung liegen; und ein gesetzlich Versicherter mit privaten Krankenzusatzversicherungen kann einen weitaus besseren Schutz genießen als jemand, mit einer mittelmäßigen PKV. Die Fragen müssen hier lauten: wo bekomme ich welche Leistungen zu welchem Preis und welche Leistungen kann und möchte ich mir dauerhaft leisten. Um das herauszufinden, ist eine umfassende und professionelle Beratung notwendig.

Die PKV ist etwas für Wohlhabende

Selbstverständlich eignet sich die PKV aus mehreren Gründen nur für wohlhabende Menschen oder jene, die es werden. Wer das leugnet, begeht m.E. bereits einen Beratungsfehler, ungeachtet all der individuellen Umstände, die dabei zu berücksichtigen sind. Einsteiger und Billigtarife führen bei einer Unzahl von Privat Versicherten in eine teure Sackgasse. Einige Versicherungsgesellschaften haben deshalb aus gutem Grund ihre Billigtarife aus dem Programm genommen (vgl. Handelsblatt 29.7.11, S. 35). Ich möchte nun darlegen: selbst Billigtarife, hohe Selbstbehalte und anfängliche Einsparungsmöglichkeiten in der Privatversicherung sind nur etwas für Menschen mit hohen Einkommen, die ihren Lebensstandard auch im Alter gesichert haben werden.

Der Drang in die PKV zu wechseln, ist umso anziehender, je mehr ich mich als junger und gesunder Mensch Höchstbeitrag in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) annähere. Im Jahr 2011 sind das immerhin 575,44 Euro. Selbst der Mindestbeitrag für hauptberuflich Selbständige liegt (von Existenzgründertarifen einmal abgesehen) bei stolzen 285,52 Euro.  Dazu kommt dann noch die Pflegeversicherung. Die GKV ist folglich keine „billige“ Absicherung. Auch gut verdienende Selbständige, die nicht die Hälfte des Beitrages vom Arbeitgeber bezahlt bekommen, stöhnen unter der monatlichen Last von fast 600 Euro für die Krankenversicherung; und fast 300 Euro für den schlecht verdienenden Selbständigen sind ein harter Brocken. Im Vergleich dazu wird eine Private Krankenversicherung umso attraktiver, je jünger und gesünder jemand ist.  Für das gleiche Geld bekommt eine private Krankenversicherung mit sehr guten Leistungen oder kann sogar 100-200 Euro (je nach Alter) jeden Monat sparen.

PKV und Altersvorsorge

Wichtig ist: ein Versicherter sollte sich die Beiträge seiner privaten Krankenversicherung bis ins hohe Alter leisten können, denn seine Beiträge richten sich nicht nach dem Einkommen (wie in der GKV), sondern nach den kalkulierten Kosten. Diese sind im Alter besonders hoch und steigen dem Alter entsprechend, selbst unter Berücksichtigung von Altersrückstellungen (welche die GKV im Vergleich zur PKV gar nicht erst bildet). Die Hürden für den Wechsel aus der PKV in die GKV sind hoch und nach dem 55. Lebensjahr ist ein Wechsel gar nicht mehr möglich. Selbst der neu eingeführte und der PKV gesetzlich auferlegte sog. Basistarif ist unattraktiv und teuer.

Wer eine PKV abschließt, sollte den Erhalt des Lebensstandards deshalb im Rentenalter abgesichert haben. Das klingt gerade für jüngere Interessenden wenig spannend und abstrakt, so dass dieser wichtige Punkt zumeist in den Hintergrund rückt, obwohl er sich fatal auswirken kann. Konkret kann das z.B. bedeuten, dass jemand mit einer durchschnittlichen Altersrente von vielleicht 1.200 Euro neben der Miete auf einmal 900 Euro für seine Krankenversicherung aufbringen muss. Deshalb ist es äußerst wichtig: ein PKV-Versicherter muss zur Wahrung des Lebensstandards einen hohen Wohlstand im Alter aufgebaut haben, und das ist heute (außer bei Politikern und Beamten) nur noch durch hohe private Sparaufwendungen möglich. Deshalb sollten auch diese Mittel vor Abschluss einer PKV bei der langfristigen Finanzplanung berücksichtigt werden.

Ein Rechenbeispiel

Viele Vermittler empfehlen deshalb mit Abschluss einer PKV zusätzlich eine Kapital-Lebensversicherung oder einen Sparplan, um sich die PKV im Alter überhaupt leisten zu können. Dass diese Empfehlung nicht rein provisionsgetrieben ist, verdeutlich das folgende Rechenbeispiel. Nehmen wir z.B. eine Person die 1975 (am 1.6.) geboren wurde. Sie überlegt, wie viel Geld sie angespart haben müsste, um ab dem 67. Lebensjahr für weitere 25 Jahre 750 Euro pro Monat zur Finanzierung der privaten Krankenversicherung entnehmen zu können. Die Person ist also 36, möchte mit 67 in Rente gehen und glaubt mit 92 zu versterben (also kein ganz unrealistisches Szenario). Die Person rechnet zudem mit einer Durchschnittsverzinsung von 4 % p.a. auf das angesparte Kapital.

Unter diesen Voraussetzungen müsste die Person eine Summe von 143.645 Euro angespart haben. Eine enorme Summe, jedoch machbar, wenn die Person dafür monatlich 197,49 Euro auf die Seite legen kann. Diese Sparrate würde in etwa auch der Differenz entsprechen, was Gutverdiener im Vergleich zum GKV-Höchstbeitragssatz im Monat bei Abschluss einer PKV einsparen können. Der Rat des Vermittlers ist aber durchaus vernünftig: Bessere Leistungen für in etwas gleiches Geld.

Was dabei bisher aber noch nicht berücksichtigt wurde, ist die Inflation. Rechnen wir z.B. mit einer durchschnittlichen Inflation von 2,5% p.a., so würde eine Krankenversicherung, die nach heutiger Kaufkraft im Alter 750 Euro im Monat kostet, durch die Geldentwertung 1.612,51 Euro kosten. Um sich diesen Betrag monatlich bis zum 92. Lebensjahr auszubezahlen, müsste ich ein Kapital von 308.838,72 Euro angespart haben. Wird berücksichtigt, dass sich die die Geldentwertung auch im Rentenalter auswirkt, müssten hierfür sogar über 400.000 Euro angespart sein, wofür eine monatliche über 1000 Euro aufgebracht werden müssten. Die Inflation kann aber auch mittels einer jährlichen dynamischen Steigerung der Sparraten ausgeglichen werden, die der Teuerungsrate entspricht.

Ungeachtet aller Berechnung bleiben Unsicherheitsfaktoren, wie z.B. die Beitragsentwicklung in der GKV und PKV sowie allgemein die Entwicklung der gesetzlichen Rahmenbedingungen für das künftige Gesundheitssystem. Die Beispielrechnung sollte jedoch verdeutlicht haben: um die Kostenbelastung für die PKV im Alter aufzufangen, braucht man Summen, die sich nur Gutverdiener leisten können, zumal die Ansparung der eigentlichen Altersversorgung für die Bestreitung sonstiger Lebenshaltungskosten noch gar nicht berücksichtigt wurde.

Einsteigertarife und Selbstbehalt

Auch billige Einsteigertarife und hohe Selbstbehalte sind etwas für Versicherte mit permanent hohen Einkommen. Für den Selbstbehalt ist das auf den ersten Blick einleuchtend. Zwar nutzen Privatversicherte die hohen Selbstbehalte oft, um die Prämie unabhängig vom Einkommen zu senken. Jedoch kann das zu einer riskanten Wette werden. Einen Selbstbehalt von mehreren Tausend Euro muss nämlich auch aufgebracht werden können, wenn er durch eine medizinische Behandlung anfällt. In den seltensten Fällen haben Geringverdiener entsprechende Summen übrig. Kassenpatienten kennen dieses Gefühl, wenn ihnen der Zahnarzt für einen Zahnersatz eine Rechnung von mehreren Tausend Euro vorlegt. Für Privatpatienten besteht diese Gefahr bei hohen Selbstbehalten für jede kostenintensive Behandlung. Deshalb eignen sich hohe Selbstbehalte zur Beitragssenkung in der PKV nur für Menschen, die eine entsprechend hohe Summe problemlos langfristig vorhalten können.

Wieso aber sollen auch sog. Billigtarife nur etwas für Gutverdiener sein? Ist das nicht ein Widerspruch in sich selbst? Auch so manche Werbung, Mailings und Branchenvertreter vermitteln diesen Eindruck. Aber auch hier gilt der Spruch: „Billiges leisten kann ich mir nicht.“ Diese Tarife haben zumeist derart schlechte Leistungen, dass viele Leistungen im Krankheitsfall letztlich Cash bezahlt werden müssen. Diese Tarife sind also etwas für wohlhabende Menschen mit der Einstellung: Wenn ich schon dazu gezwungen bin, kaufe ich mir nur das Notwendigste und das Restrisiko decke ich aus dem Privatvermögen ab. Diese Einstellung können sich nur Menschen mit entsprechendem Vermögen leisten. Wer weiß, was teure Spezialoperationen oder Hilfsmittel kosten können, der weiß auch, dass wir hier nicht von kleinen Vermögen sprechen. Diese sind durch medizinische Kosten schnell aufgezehrt.

FAZIT

Wer Private Krankenversicherung (PKVs) als Sparmodelle verkauft, vermittelt für die meisten Fälle Illusionen, die sich fatal auswirken können. Private Krankenversicherungen sollten an Menschen vermittelt werden, die sie diese heute bis ins hohe Alter problemlos leisten können, weil sie ein entsprechend hohes Vermögen bzw. Einkommen haben (werden). Alles andere erscheint mir wie unlauteres Geschwätz. Politisch unkorrekt ausgedrückt heißt das: sie sind etwas für Wohlhabende oder jene, die es werden können. Dann sind sie eine hervorragende Sache.

Dr. Guido Kirner, Finanzberatung und Versicherungsmakler, Weilheim i.OB