Des Bankers Neue Kleider – ein wichtiges Buch von Anat Admati u. Martin Hellwig zur fragilen Bankenwelt

978-3-89879-825-9Aktuell steigen die Bankenkurse an den Börsen, auch weil bekannt wurde, dass die Verschuldungsregeln von Aufsichtsgremien lax gehandhabt werden (vgl. FAZ 14.01.2014, S. 17). Und Ein Kursfeuerwerk ist nicht unbedingt der Ausweis volkswirtschaftlicher Vernunft. Banken bleiben gefährliche Institutionen, zumal viele immer noch mit über 95 Prozent Fremdkapital arbeiten. Einerseits sind ihre Dienstleistungen unersetzlich, andererseits haben sie das Potential ganze Volkswirtschaften zu ruinieren. Das hat die jüngste Banken- und Finanzkrise (2007-2009) gezeigt. Nicht zu leugnen ist dabei ein Interessenskonflikt: Das Interesse der Banken liegt in der kurzfristigen Gewinnmaximierung, wobei die Haftung und Verantwortung für untragbare Kreditausfälle oder Spekulationsverluste auf die Allgemeinheit abgewälzt werden; das Interesse der Gesellschaft, d.h. der steuerzahlenden Bürger und ihrer nachkommenden Generationen, liegt hingegen in einem langfristig stabilen Finanzsystem, das möglichst keine Kosten verursacht. Beides lässt sich nicht in Einklang bringen und regelt sich auch nicht über den marktwirtschaftlichen Wettbewerb.

Kaum eine Lobby ist so erfolgreich wie jene der Banken. Das liegt an einer vielfältigen Verquickung zwischen Politik und Hochfinanz: dem sog. Drehtüreffekt bei Karrieren, bedeutenden Wahlkampfspenden sowie – und das ist wesentlich – der wechselseitigen Abhängigkeit bei politischen Finanzierungsprojekten (Staatsverschuldung). Die Geschichte der Bankenregulierung ist voll von Regeln und Gesetzen, die die Banken zur Finanzierung von politisch gewollten Aktivitäten anhalten, vor allem auch zur Finanzierung des Staates. Schließlich wirken die geschürten Ängste von vermeintlichen Standortnachteilen der Bankenbranche. Mehr als Lippenbekenntnisse sind von Politikern also kaum zu erwarten und ihre bürokratischen Scheinüberwachungsmaßnahmen haben eher beruhigende Alibifunktion für Wähler denn Kontrolleffekte für Finanzinstitutionen. Da bleibt womöglich nur Überzeugungsarbeit in der Hoffnung, die besseren Argumente mögen sich doch noch gegen die Bankenlobby und ihren Nachrednern in Politik und Medien durchsetzen. Das Buch Des Bankers neue Kleider der Finanzwissenschaftler Anat Admati und Martin Hellwig bietet hierfür Aufklärung im besten Sinne; ihre Ausführungen sind allgemein verständlich, anschaulich und überzeugend, dabei empirisch und wissenschaftlich fundiert. Continue reading Des Bankers Neue Kleider – ein wichtiges Buch von Anat Admati u. Martin Hellwig zur fragilen Bankenwelt

Wenn die Wirte die Rechnung ohne die Gäste machen

Stellen Sie sich vor, sie sind Wirt einer schönen Gaststätte, das Geschäft floriert, der Umsatz steigt, die Gäste kommen, es werden schöne Feste gefeiert, ein rauschendes Fest nach dem anderen, die Stimmung ist hervorragend. Irgendwann gibt es dann ein Problem: Sie stellen fest, ihre Gäste haben fast alle angeschrieben. Auf dem Papier haben sie riesige Gewinne gemacht, doch der Großteil sind Außenstände. In gewisser Weise haben Sie Kredite „verbrieft“, indem sie für jeden Gast einen “Deckel” aufgeschrieben haben, wie viel er noch zurückzahlen muss.

Viele Leute haben also gerne auf ihre Kosten Feste gefeiert, viel getrunken und gut gegessen, obwohl sie dafür eigentlich kein Geld hatten. Um einen guten Eindruck zu hinterlassen, haben sich ihre Gäste sogar noch von anderer Stelle Geld geliehen für schicke Kleidung, große Autos, eine akzeptabel Anzahlung usw., um einen guten Eindruck zu hinterlassen: „Solche Leute fragt man nicht nach Bonität, die können gar nicht Pleite gehen“ – hieß es.

Nun stellt sich heraus: der Schein trügt. Die meisten können ihre Rechnungen nicht bezahlen. Die Summe aller geschuldeten Einnahmen steht nur auf dem Papier, es ist ein Scheinwohlstand. Nun müsste man daraus Konsequenzen ziehen: versuchen, an Schulden einzutreiben, was noch einzutreiben ist, den Rest schmerzlich abschreiben, ein Schuldenschnitt für klare Verhältnisse. Auch Sie müssen ihre Rechnungen für das Betreiben der Gaststätte bezahlen, Waren einkaufen, Köche und Kellner bezahlen, Heizung und Strom usw. Um den gemachten Fehler künftig zu vermeiden, heißt es nun: die Gäste genauer aussuchen, die anschreiben lassen dürfen, die Risiken besser prüfen, lieber auf Umsatz verzichten, dafür solidere Geschäfte machen. Man könnte auch andere Wirte warnen, dass keiner mehr bestimmte Gäste anschreiben lässt, die gefälligst selbst prüfen sollen, was sie sich wirklich leisten können und was nicht. Womöglich handelt es sich ja auch bei manchen Gästen um angeberische und verzockte Familienväter, so dass man auch ihre Angehörigen informieren müsste, was die da so alles in den Kneipen auf Kosten ihrer eigenen Familie getrieben haben.

Das wäre der harte, schwere, steile, und womöglich einzig sinnvolle Weg. Dieser hat jedoch dahingehend Mängel, dass er Katerstimmung, wenn nicht sogar schmerzliche Entzugserscheinungen hervorrufen würde. Der große Geldumlauf durch Schulden würde abgeschnitten. Die Krankheit, die alle fürchteten hieße Deflation. Das würde schlechte Stimmung in den Wirtsstuben und weniger Konsum bedeuten. Die Schuldner würden dann vielleicht etwas schreckliches tun: tatsächlich sparen und Rücklagen bilden mit Geld, dass sie nicht mehr in den Wirtschaften ausgeben. Das wollen die Wirte auch nicht, es ginge ihnen dann schlecht.

Also suchen wir nach einem anderen Weg: Alle Wirte (die anderen haben ähnliche Erfahrungen gemacht) gründen einen Verein, der Geld drucken und verleihen darf. Hier können sich die Schuldner Geld leihen und auch die Wirte bezahlen. Sie können auch nur die alten Schulden durch neue begleichen. Das beruhigt erst einmal die Szene. Es herrscht die Illusion, die alten Schulden würden zumindest teilweise tatsächlich beglichen. Die Party kann weiter gehen und die Stimmung bleibt gut. Dann gründen wir Wirte (teils auch nur mit geliehenem Geld) noch einen Fonds, der als Sicherheit, als „Schutzschirm“ für diesen Verein dienen. Schließlich wollen wir, dass die Wirtschaften alle wieder auf die Beine kommen und beschließen Programme, die dafür sorgen sollen, dass wieder möglichst viele Gäste in die Wirtsstuben gehen und dort möglichst viel Geld ausgeben.

Nun haben wir nur noch das Problem, dass dafür eigentlich gar kein Geld da ist, da ja alles nur als Darlehen auf dem Papier steht. Doch das macht nichts. Wir Wirte beschließen einfach, uns auch gegenseitig Geld leihen, wobei die in den Büchern ausstehende Zahlungen von säumigen Gläubigern als Sicherheiten dienen können. Zudem soll jeder auch noch eine Kreditausfallversicherung abschließen, damit überhaupt niemand mehr an den Rückzahlungen zweifeln kann. Und weil das so ist, soll und darf auch jeder die Schulden auf dem Papier an andere weiterverkaufen, damit die Lasten auf möglichst viele Schultern verteilt wird.

Jetzt kommt noch jemand auf eine großartige Idee: Damit die Gäste sich bei unserem Verein Geld zum Ausgeben in den Wirtschaften in schier unbegrenzter Höhe leihen können, dürfen die verschuldeten Gäste auch selbst Schuldscheine drucken, um sich damit Geld zu beschaffen. Falls das nicht mehr so einfach möglich sein sollte, da diesen auf dem freien Markt kein Kredit mehr gewährt wird, dürfen sie ihre Schuldscheine aber wenigstens bei unserem Verein als Sicherheiten hinterlegen. Hier bekommt er dafür auf jeden Fall Geld und darf damit machen, was er will.

Das ist alles einfach genial: jetzt kann jemand, der nichts hat, die Rückzahlung seiner Schulden einer Institution versprechen, die ihm immer weiteren Kredit gewährt, weil er woanders keinen mehr bekommt; wir Wirte, die ebenfalls kaum mehr etwas haben bürgen dann für Zahlungsausfälle von anderen Wirten und Gästen, die überhaupt nichts mehr haben, also eigentlich bankrott sind. Und alles ist gut, jeder schuldet jedem eine Menge und das hält ja bekanntlich zusammen. Nichts fördert die Solidarität so sehr wie wechselseitig verschuldete Gläubigern und der Glaube, dass am Ende doch alles gut gehen müsse. Dieser Glaube heißt Vertrauen. Doch das ist so eine Sache mit dem Vertrauen. Es kann schwinden.

Dr. Guido Kirner (Polling)