Geldanlage: Gibt es noch einen Mehrwert der Anlageberatung?

Anlageberatung und Vermögensverwaltung werden zunehmend sinnlos, sollte sich herausstellen, dass die hierbei zugrundegelegten Methoden mehr Schein als Sein darstellen und man zudem mit wenigen einfachen Mitteln, dafür aber sehr viel kostengünstiger, gleich gute (oder schlechte) Ergebnisse erzielen kann.

Bestimmte Analysetechniken und die sog. Portfoliotheorie sind nicht in der Lage, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Wenn Vermögensverwaltung mehr sein soll als Selbstentmündigung des Kunden, muss sie beweisen, dass sie einen Mehrwert nach Kosten im Vergleich zu preiswerteren Alternativen bieten kann. Dies dürfte immer schwieriger werden.

Worin besteht der Wert einer Anlageberatung? In der technischen Analyse der Märkte mit Anwendung der sog. Charttechnik? Im Auffinden von lukrativen Unternehmen, die unterbewertet sind bzw. hohes Wachstumspotential versprechen? In der Fundamentalanalyse mit einem Value– oder Growth-Ansatz? Besteht es in der großartigen Mischung dieser Unternehmen in einer Art Fonds? Oder geht es um die Anwendung irgendeiner Portfoliotheorie zur richtigen Aufteilung des Vermögens über diverse Anlageklassen? Continue reading Geldanlage: Gibt es noch einen Mehrwert der Anlageberatung?

Fehler der Vermögensverwaltung – die Aktivitätsillusion

Die gediegenen Größen der Branche, die vornehmen Vermögensverwalter stehen in der Kritik, zumal immer wieder Studien und Untersuchungen belegen: Vermögensverwaltungen machen (auch bzw. die gleichen) Fehler, wie Privatanleger und kleine Beratungsfirmen. Sowohl aus Sicht der Profis als auch der Kunden könnte man zu dem Schluss kommen, beide geben sich Illusionen hin, die zum „Spiel“ der Anlagebranche gehören, wie die Bühne zum Theater.

Was Autoren wie der Wirtschaftsprofessor Martin Weber oder zuvor Größen wie David F. Swensen, der den milliardenschweren Stiftungsfonds der Universität Yale betreute, schon längst publiziert haben, das wird auch von neueren Studien bestätigt, jüngst von dem in Zürich ansässigen Beratungsunternehmen PPCmetrics, das für Pensionskassen und Vermögensverwalter tätig ist (davon berichtet Gerald Braunberger in der FAZ vom 22.05.2012 S. 17: Vermögensverwaltung. Typische Fehler)

Sie stellen vier Grundfehler von Vermögensverwaltungen fest:

1. Sie suchen eine Extrarendite, wo diese langfristig nicht zu holen ist, weil der Markt auf lange Sicht nicht geschlagen werden kann.

2. Wer das verstanden hat, der könne auf die Vergabe allzu vieler und teurer Verwaltungsmandate verzichten, nur weil diese in der Vergangenheit gut abgeschnitten hätten. Die Vergangenheit bei Anlageerfolgen besagt nichts über die Zukunft.

3. Das gilt auch für sog. alternative Anlagen bis hin zu Hedgefonds, deren Leistungen ungeachtet der enormen Kosten und Komplexität zumeist überschätzt würden.

4. Eine zu niedrige Aktienquote bei deutschen Großanlegern, obgleich bei den derzeit niedrigen Anleihezinsen die Aktien über die Performance im Portfolio entscheiden.

Betrachtet man die vier Kritikpunkte, so kommt man zu dem Ergebnis: man muss kein Nobelpreisträger sein, um zu verstehen, was hier schief läuft. Die Frage ist nur, weshalb hat das so wenig Einfluss auf die Praxis? Der Grund könnte darin liegen, dass es sich hierbei um kein Phänomen handelt, bei welchem die besseren Argumente in einer fachinternen Debatte über langfristige Geldanlage den Sieg davon tragen könnten, sondern bei welchem wissenssoziologische und sozialpsychologische Faktoren dominieren, die weit schwieriger zu durchbrechen sind. Letztlich gibt man sich einer teuren Aktivitätsillusion hin.

1. Wissenssoziologische Illusion

Die Portfoliotheorie hatte es gerade mit Hilfe der Mathematik (und Informatik) erreicht, sich den Mantel der Wissenschaftlichkeit zuzulegen, da könnte man eigentlich mangels Erfolg zu dem Ergebnis kommen, dass sie den Status der Kaffeesatzleserei niemals überwunden hat. Die ganzen Formeln, Programme und Ansätze gepriesener Nobelpreisträger haben es nicht geschafft, die zwei Naturgesetze der Geldanlage zu durchbrechen, auch wenn unablässig versucht wird, den gegenteiligen Eindruck zu verkaufen. Noch immer gilt: mehr Rendite ist nur durch mehr Risiko zu erzielen und der Schluss von der Vergangenheitsanalyse auf die Zukunft ist so sinnvoll wie der Gebrauch der Glaskugel. Prognosen sind einfach Glückssache.

Die angewandte Mathematik, sofern sie (wie zumeist) auf der Gaußschen Normalverteilung basiert, taugt nichts für das Feld der Geldanlage, allenfalls zur scheinwissenschaftlichen Verzauberung. Wie man das so einfach behaupten kann? Nun, nicht nur weil Autoren wie Mandelbrod oder Taleb dies überzeugend dargestellt haben, sondern ganz einfach weil sie durch reale Ereignisse bestenfalls als irreführend falsifiziert wurde, schlimmstenfalls Milliardenwerte vernichtet und die Finanzwelt an den Abgrund geführt hat. Nirgendwo sonst sind Machbarkeitsillusionen so teuer bezahlt worden. Der Crash 1997/87 des hochkarätig – u.a. von Scholes und Merton – verwalteten LTCM-Hedgefonds darf als große Vorwarnung für die gesamte Branche betrachtet werden.

2. Sozialpsychologische Illusion

Teuer ist nicht schlimm, wenn die Leistung dafür stimmt. Gerade wohlhabende oder reiche Kunden haben verinnerlicht, was nichts kostet hat keinen Wert; oder was oft wichtiger ist: bringt kein Prestige oder Renommee. Wer Diamanten, Autos oder Immobilien kauft, der weiß zumeist, was er hat. Wer eine Vermögensverwaltung beauftragt, der weiß das in der Regel selten. Deshalb sind Äußerlichkeiten umso wichtiger und man lässt sich ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.

Gediegenes Tuch, Titel, Einladungen zu glanzvollen Events, wo man seinesgleichen trifft und alles nur vom Feinsten ist, eine klingende Adresse im Marmorambiente usw., das alles sind die sozialpsychologischen Voraussetzungen, um Erfolg in der Finanzbranche bei den Schönen und Reichen zu verkaufen.

Die gelebte Visitenkarte und Fassade ist entscheidend für die Akquise in Milieux, das nur allzu gerne auf solche Dinge achtet (um unter Ihresgleichen zu sein) und hereinfällt. Die jüngste Geschichte der einst größten deutschen Privatbank spricht Bände und auch in der Geschichte der untergegangenen vermeintlichen Finanzgenies  fänden sich ausreichend Beispiele. Sie sind nur zumeist vergessen.

Ob sich daran etwas ändern wird, bleibt fraglich. Die menschliche Psyche ist in vielem zu schwach bzw. zu einfältig, um sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Schließlich fehlt auch ganz einfach das Wissen, um beurteilen zu können, welchen Wert welche Maßnahme in der Vermögensverwaltung hat und in welchem Verhältnis die Kosten zum Nutzen stehen. Letztlich bezahlen die Kunden all den Pomp selbst und bekommen ihn keinesfalls geschenkt.

3. Die Aktivitätsillusion

Ein Fehler zielt auf den Kernpunkt des Vermögensmanagements: die Aktivitätsillusion. Aktivität rechtfertigt Gebühren, legitimiert Kosten, passiert unter (schein)wissenschaftlichen Methoden und IT-basierten Programmen, entlastet bei Scheitern den Handelnden (“wir haben alles versucht…”) und kann sich in der Herde verstecken (“im Vergleich zu anderen haben wir…”).

Es gibt also viele Gründe für aktives und für den Anleger folglich sehr teures und den Verwalter sehr lukratives Vermögensmanagement, nur die eigentlichen Grund, das MEHR an Rendite ist es kaum, zumindest nicht bei einer nachhaltigen Betrachtung.

Das ganze „Hin und Her macht Taschen leer“, bedeutet hohe Transaktionskosten, ein über einige Jahre ertragreiches höheres Risiko wird durch die höheren Verluste um Anschluss wieder aufgezehrt und selbst die Avantgarde der Anlagebranche, die aktiven Hedgefondmanager, die alles dürfen und viel Geld dafür bekommen, schaffen es nicht einmal, den Aktienindex wie den MSCI World zu schlagen (siehe hier>>).

Die Vermögensverwaltungsbranche sollte m.E. vor einem Wendepunkt in Ihrem Selbstverständnis stehen: zurück zur kostengünstigen Einfachheit und zu inzwischen ausgereiften passiven Investmentstrategien. Die Frage ist, wann das auch bei den Kunden ankommt und verstanden wird.

Dr. Guido Kirner / Polling

Was ist vom “wissenschaftlichen” Depotcheck zu halten?

Was ist davon zu halten, wenn Finanzvertriebe, Banken oder Medien dazu aufrufen, sein Depot nach wissenschaftlichen Methoden „checken” zu lassen. Eine unabhängige Beratungsfirma für Investments würde dann ihre Investitionsentscheidungen prüfen und Ihnen das Resultat mitteilen. Kann das funktionieren?

Zunächst einmal sollten Sie misstrauisch sein, ihre Vermögensverhältnisse und damit schutzrelevante Daten irgendwelchen Menschen anzuvertrauen, die sich nicht kennen. Sofern Ihr Name und Adressen erfragt werden, sollten Sie überlegen, ob es sich hier nicht einfach um „Adressenfang” handelt, d.h. eine Firma erhält über den Fernsehsender eine Menge Anschriften, Mails oder Telefonnummern, die als potentielle Kunden wahrgenommen werden.

Depot-Analyse

Wenn Sie aber ihre Depotdaten eingesendet haben, was passiert dann damit? Offen gesagt ich weiß es nicht; der gesunde Menschenverstand sagt mir aber folgendes: Bestenfalls erhalten Sie irgendwann einen schicken Ausdruck mit Begriffen aus dem us-amerikanischem Bankerslang, Kurven und Bildchen, aus dem hervorgeht, dass Sie nicht das optimale Risiko-Rendite-Verhältnis haben. Möglicherweise wird ihnen erklärt, dass Sie Ihr Depot nach den wissenschaftlichen Methoden der Portfoliotheorie des Nobelpreisträgers Harry M. Markowitz(1) ausrichten sollten. Vielleicht sind Sie nun beeindruckt, fühlen sich als Laie und vereinbaren einen Termin.

Markovitz

Spätestens wenn dieser Name Markovitz mit gewichtigem Ton und hochgezogenen Augenbrauen des Beraters ins Spiel gebracht wird, um Sie zu beeindrucken, sollten Sie sich den Spaß gönnen und folgendes tun. Freuen Sie sich darüber, dass endlich jemand wissenschaftlich an das Thema geht und dazu noch mit einem Nobelpreisträger im Hintergrund. Bitten Sie ihn, alle Aktien und alle Werte in den Fonds zu analysieren und ausrechnen, wie es besser gemacht werden sollte, um das optimale Rendite-Risiko zu erhalten. Dazu solle er die möglichen Kapitalwerte aller Teilprojekte in ihrem Erwartungswert und Standardabweichung ermitteln. Dann würde Sie gerne wissen, welche Risikominimierung sich über den Diversifikationseffekt der projektspezifischen Kennzahlen erreichen ließe. Dabei soll er ihnen die informatorischen Voraussetzungen für Sigma als Risikoindikator erläutern.

Sie haben nichts verstanden? Macht nichts. In 99 % der Fälle hat ihr Berater auch nichts verstanden und wird in Zukunft vorsichtiger mit Namen um sich schmeißen, von deren Theorie er auch nichts versteht. Ist der Berater schlagfertig, wird er darauf verweisen, dass diese komplexen Berechnungen sich in der Kürze der Zeit heute nur noch mit dem Computer simulieren lassen und genau das habe er vor.  Dann liegt der Balls wieder bei ihnen. Jetzt stellt sich heraus ob Sie naiv wissenschaftsgläubig sind oder ob ihren Berater einfach nur aus anderen Gründen sympathisch und vertrauenswürdig finden. Vielleicht können Sie Ihn noch fragen, weshalb trotz dieser Theorie so viele Verluste ganz großer Experten nicht verhindert werden konnten.

Ferner sollten Sie wissen: Markovitz hat sein eigenes Geld angeblich auch nicht nach seiner eigenen Theorie angelegt. Der Informations- und Berechnungsaufwand war vor dem Computerzeitalter dazu auch viel zu hoch. Er gebrauchte die 1:N-Methode, d.h. ganz einfach: Verteile dein Geld gleichmäßig auf jeden von N Fonds. Hierbei kann ihnen auch heute noch ein guter Berater behilflich sein. Sie sollten zusammen mit ihrem Berater die Schwankungsbreiten der Börsenkurse verschiedener Anlageklassen, den zeitlichen Anlagehorizont ihres Investmentvorhabens auf ihre Risikoneigung und persönlichen Lebensumstände abstimmen. Ein guter Berater wird Ihnen immer auch die Frage stellen, mit welchen Verlusten sie noch gut schlafen können.

Was Sie aber ganz bestimmt nicht brauchen, ist eine Massenanalyse von Depots über einen Fernsehsender nach vermeintlich aktuellen wissenschaftlichen Methoden.

(1)Markovitz, Harry M. (1952): Portfolio Selection; Journal of Finance, Vol. 7, S. 77-91; ders. (1959) Portfolio Selection, New Haven / London.

Dr. Guido Kirner, Finanzplaner & Versicherungsmakler, Weilheim i.OB