Anlegen wie die Profis mit ETFs – Ein Buch von Claus Hecher

9783898797078_3ETFs, d.h. Exchange Traded Funds bzw. börsengehandelte Indexfonds erfreuen sich wachsender Beliebtheit und erhalten immer größere Mittelzuflüsse. Was einst nur für institutionelle Großanleger wie Pensionskassen etc. konzipiert wurde, erreicht allmählich den aufgeklärten Privatanleger.

ETFs bilden Indices nach, z.B. den DAX, MSCI World, Dow JonesEuro Stoxx 50, Nikkei 225, um hier nur einige der Bekanntesten zu nennen. Sie verzichten also bewusst auf aktives (und damit teures) Fondsmanagement, das durch Handel versucht, eine Überrendite zu erzielen und besser abzuschneiden als der vergleichbare Markt. Vielmehr beschränken sich auf ein passives Abbild eines bestimmten Marktes, der durch einen bekannten Index vorgezeichnet ist.

Die Gründe für den wachsenden Erfolg sind schnell aufgezählt: sie sind einfach verständlich, damit transparent, wie bei Fonds handelt es sich um ein geschütztes Sondervermögen, dafür sind sie aber überdies liquide und können börsentäglich gehandelt werden, ferner sind sie kostengünstig, flexibel einsetzbar und eignen sich hervorragend um Strategien der Asset Allocation zu realisieren, also der Verteilung einer Investition über verschiedene Märkte und Anlagenklassen zur Risikostreuung.

Wenn dem so ist, handelt es sich wohl um nahezu perfekte Anlagevehikel für Privatanleger. Weshalb sind sie dann noch relativ wenig bekannt? Der wichtigste Grund ist wohl der, dass sie im Vertrieb ohne Ausgabeaufschlag, also ohne Provision angeboten werden. Dessen ungeachtet bedürfen sie für den Finanzlaien aber doch der einführenden Erläuterung. Letztlich kann eine solche Beratung (wenn nicht durch Eigenlektüre) nur gegen Honorar erfolgen. Die Honorarberatung ist im Anlagenbereich aber noch nicht sehr verbreitet.

Zumindest für Kerninvestments werden ETFs in der einschlägigen Fachliteratur schon seit längerem empfohlen (David F. Svensen, Martin Weber, Malkiel & Ellis, Gerd Kommer etc.). Nun hat Claus Hecher ein über ETFs geschrieben, welches zwar auch die Vorzüge prägnant zusammenfasst, darüber hinaus aber insbesondere die technische Seite, d.h. die Konstruktions- und Funktionsweise dieser Anlageprodukte beleuchtet.

Ein Einführungskapitel widmet sich den Merkmalen und Besonderheiten von ETFs, vor allem im Unterschied zu Anlagezertifikaten. Das zweite Kapitel beschreibt, wie man in welche Märkte (Aktien, Anleihen, Geldmarkt, Rohstoffe, Immobilien, Strategien usw.) mit ETFs investieren kann. Das dritte Kapitel verdeutlicht die Auswahlkriterien für ETFs und wie man sich daraus ein Privatkundendepot mit diversen Anlagestrategien zusammenbauen kann. Schließlich wird noch die Besteuerung der börsennotierten Indexfonds dargestellt.

Der Leser erhält überwiegend grundlegende Informationen, jedoch ist das Buch auch für den Fachleute lesenswert. So erfährt man mehr über Regeln der Richtlinienerfüllung dieser Finanzprodukte (OGAW, UCITS), die Bildung eines Index und seiner möglichen Replikationsmethoden (vollständig oder swap-basiert) samt ihrer Risiken (Tracking-Error, Gegenparteirisiko, Liquiditätsrisiko).

Auch die wichtigsten Indexanbieter samt ihrer Marktkapitalisierungen werden erwähnt oder wie der Börsenhandel dieser Produkte stattfindet. Besonders aufschlussreich fand ich die Abschnitte zu Rohstoff- und Stratgieindizes sowie der Bedeutung der Gewichtung der Aktien im jeweiligen Index auch für die Renditeerwartung. Von herausragender praktischer Relevanz dürfte das systematische Kriterien-Schema für den Auswahlprozess von ETFs Seite 142-145 sein.

Freilich handelt es sich hier für den Laien um keine spannende Bettlektüre, dafür um wohl eines der grundlegenden Bücher für all jene, die sich mit dieser Anlageform genauer auseinandersetzen möchten. Wenn sie es nicht selbst lesen möchten, können sie ja ihren Finanzberater fragen ob er dieses Buch kennt; auch das wäre schon ein gutes Zeichen.

Guido Kirner

Claus HECHER: Anlegen wie die Profis mit ETFs, FinanzBuch Verlag München 2013. 24,99 €

Die Entdeckung der Einfachheit (in der Kapitalanlage)

Zufällig trafen sich zwei Bücher auf meiner Strandliege: zum einen ein berühmter Roman, zum anderen ein Sachbuch. Beide haben scheinbar nichts miteinander zu tun, jedoch musste ich zu meiner Überraschung feststellen, dass dies sehr wohl der Fall ist.

Die Entdeckung der Langsamkeit von Nadolny erzählt die Geschichte eines Mannes, der die Welt viel langsamer in sich aufnimmt als seine Mitmenschen. Die Erniedrigungen und Verachtung, denen er deshalb ausgesetzt ist, sind anfangs groß. Jedoch lernt er damit umzugehen, bis schließlich auch Vorteile aus seiner verlangsamten Wahrnehmung und Bewegung erwachsen.

Als Seemann, Soldat, Forschungsreisender, Entdecker und schließlich Gouverneur nimmt er die Dinge genauer war, bleibt hartnäckig, weiß die Zeichen intensiver zu deuten, kann sich besser erinnern und behält in existentiell bedrohlichen Situationen die nötige Ruhe. Um zurechtzukommen, klammert er sich an Merksätze und konzentriert sich auf wenige aber entscheidende Erfahrungswerte. Damit meistert er Krisen, führt Menschen zum Überleben und erlangt schließlich Respekt und Anerkennung.

Möglicherweise beruht der Erfolg des Romans nicht nur auf der Erzählkunst des Autors, sondern weil er ein Thema anspricht, das uns alle betrifft: Wie kommen wir zurecht in einer immer schneller und komplexer werdenden Welt? Diese Frage führt uns zu unserem zweiten Buch von Gerd Gigerenzer über das Risiko. Seine These lässt sich so zusammenfassen:

Bei hoher Ungewissheit, wenn sich viele Alternativen auftun, uns aber nur relativ wenige Daten zur Verfügung stehen, da mach es einfach, d.h. nutze Faustregeln, Checklisten, verlass dich auf deine Intuition bzw. dein Bauchgefühlt, denn sie sind hier keineswegs die schlechtesten Ratgeber. Sie sind allemal besser als falsche Gewissheit, indem man z.B. der Illusion ihrer Berechenbarkeit unterliegt. Das kann zur Katastrophe führen. Die Welt der Ungewissheit lässt sich nicht berechnen und damit vorhersagen. Damit wendet er sich gegen Theorien, welche nur rationale Systeme als maßgeblich bzw. besser erachten, konkret kritisiert er damit nicht zuletzt die vielgerühmte Theorie des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman.

Bei niedriger Ungewissheit hingegen, also wenn die Risiken weitgehend bekannt sind, weil sich wenige Alternativen auftun (z.B. Wappen oder Zahl beim Münzwerfen) und dabei auf eine relativ große Datenmenge (z.B. über Häufigkeiten) zurückgegriffen werden kann, da ist das durchaus von Vorteil, auf logisches Denken, Statistik und Wahrscheinlichkeitsmathematik zurückzugreifen. Die Welt des (bekannten) Risikos ist berechenbar.

Der Autor verdeutlich seine These überzeugend an vielen Beispielen: der Funktionsweise unsere Gehirns und seiner Evolution, in Anwendungsbereichen wie der Luftfahrt oder der Medizin, an historisch falschen Prognosen, an den Folgen von positiven oder negativen Fehlerkulturen in Unternehmen oder Krankenhäusern, an der Bedeutung von Checklisten zur Fehlervermeidung und vielem andern mehr.

Wir beschränken uns hier auf den Bereich der Finanzen, denn in kaum einem anderen Bereich (außer vielleicht in der Pharmazie und Medizin) wird mehr Popanz um den Begriff des Risikos veranstaltet und mit der Illusion seiner Berechenbarkeit Geld verdient. Dabei handelt es sich bei der Volatilität von Aktienkursen (und ergänzend könnte man sagen bei Konjunkturprognosen oder gar Vorhersagen zur weltwirtschaftlichen Entwicklung) gar nicht um eine Welt des Risikos, sondern schlicht um Ungewissheit. Voraussagen sind Glücksache, egal welche Ausbildung der vermeintliche Experte genossen hat und wie viel Geld er damit verdient. Zutreffend sind die Vorhersagen nur, wenn nichts Auffälliges geschieht, das heißt, wenn sich der Trend des Vorjahres fortsetzt. Dazu braucht es aber kaum echte Fertigkeiten oder besonderes Expertenwissen.

Fatal wird es, wenn man glaubt, die Welt der Ungewissheit mit den Mitteln aus der Welt des Risikos beherrschen zu können: Viele Menschen lächeln über altmodische Wahrsager. Doch sobald die Hellseher mit Computern arbeiten, nehmen wir ihre Vorhersagen ernst und sind bereit, für sie zu zahlen. Und schlimmer: Modelle, die von einem bekannten Risiko ausgehen, sind unter Umständen eher geeignet, eine Katastrophe heraufzubeschwören, als dazu, sie zu verhindern. Das Problem ist also die ungeeignete Risikoeinschätzung: Methoden, die in einer Welt der Ungewissheit falscherweise von bekannten Risiken ausgehen. Gerade ihre Genauigkeit erzeugt illusorische Gewissheit.

Dazu ist schon viel Kluges geschrieben worden: von Taleb, Mandelbrod und anderen. Auch bestätigt schlicht die Geschichte der Finanzkrisen, welche katastrophalen Folgen die Gewissheitsillusion haben kann, auch gerade jene seit 2008. Komplexe Portfoliotheorie (auch die von Nobelpreisträgern) samt Sensitivitäts- und Korrelationsanalysen funktioniert nur unter der Voraussetzung, dass nichts Unerwartetes eintritt, d.h. in „Normalistan“, nicht aber in „Extremistan“ (Taleb). Leider zeichnet sich die menschliche Welt aber durch unerwartete Ereignisse aus. Folglich handelt es sich hierbei um Finanzalchemie mit mathematischen Mitteln, die Ungewissheit eher verschleiert als Risiken tatsächlich beherrschbar macht.

Mit kaum verständlichen Finanzderivaten und beeindruckenden mathematischen Modellen täuscht man Kunden vor, man könne das finanzielle Risiko beherrschen. Letztlich ist es eine gute bezahlte Illusion. Was aber bedeutet das für den Privatanleger? Er kaufe nur, was er versteht, er zwinge seinen Berater dazu, sein Konzept in 15 Minuten zu erläutern und er vertraue lieber auf einfache Faustregeln wie: investiere ein Drittel in Aktien, ein Drittel in Anleihen und ein Drittel in Immobilien, streue dabei möglichst breit über diese Anlagenklassen. Oder: meide teure und komplizierte Produkte, wenn du es einfacher und günstiger haben kannst. Falls du dafür einen Berater brauchst, suche einen, der dir dabei hilft, die Dinge einfacher, statt kompliziert zu machen.

Dr. Guido Kirner

Gerd Gigerenzer: Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. C. Bertelsmann Verlag München.

Gold, Silber, Platin, Diamanten – ein nützliches Einführungsbuch für Anleger in schwierigen Zeiten

9783898797986Wenn Staatsanleihen für viele aktuell  eher ein zinsloses Risiko als risikolosen Zins darstellen, wenn sich nicht jeder eine Immobilie leisten kann oder er hierfür nur noch überteuerte Angebote findet, wem die Aktienmärkte zu aufgebläht sind oder wer eh eine Neigung weg von papierhaften Versprechungen hin zu echten Sachwerten verspürt, der begibt sich inzwischen auf die Suche nach – nennen wir es einmal – nach „mobilen Sachwerten“.

Gold und Silber, Edelmetalle und Diamanten bekommen wieder ihren ganz eigenen Reiz für Geldanlagen, je zweifelhafter und unsicherer Markt und Politik empfunden werden.

Doch Edelmetalle haben ihre je eigenen Märkte, ihre eigenen Gesetze, bringen keinen Zins, dafür aber erhebliche Preisschwankungen mit sich. Wer in Edelmetalle und Rohstoffe investiert, muss zudem die unterschiedlichen Mehrwertsteuern bedenken. Er muss entscheiden, ob er auf einen synthetischen Preisindex wettet oder physisch hinterlegtes Edelmetall haben möchte. Überdies muß die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufspreis bedacht werden. Und es stellt sich das Problem der Verkaufbarkeit, Aufbewahrung und Sicherheit. Schließlich muss er sich für eine Art Produkt entscheiden: Minenaktie, Rohstofffonds, Barren oder Münzen, ETC oder ETF usw. Kurz: er braucht Fachwissen, um sich darüber klar zu werden, wie viel er mit welchem Risiko in welcher Art von Geldanlage investieren möchte, um sein Depot mit edlen Sachwerten zu bereichern.

Eine kurze, anschauliche und hilfreiche Einführung in dieses Thema bietet das Buch von Beate Sander, das nunmehr bereits in der zweiten Auflage erschienen ist.

Es liefert die nötigen Hintergrundinformationen zur Geschichte, dem Gebrauchswert, die Besteuerung, den industriellen oder sonstigen Gebrauch und den entsprechenden Markteigenheiten von Gold, Silber, Platin, Palladium und in einem kurzen Abschnitt (S. 108-106) zu Diamanten. Überdies wird über die wichtigsten Produktkategorien und ihre Vor- und Nachteile informiert sowie entsprechende Empfehlungen abgegeben. Für den „Kleinsparer“ oder jene, die nicht unbedingt die Goldbarren zuhause aufbewahren möchten, sind hier unbedingt die Ausführungen zu den ETCs (Exchange Traded Commodities) interessant.

Zu Beachten ist wie immer bei der Geldanlage: man sollte die Emotionen eher aus dem Spiel  lassen, sich über die Preisschwankungen und Risiken informieren, zumindest als Anfänger mit kleineren Einsätzen beginnen und auf einfache Produkte wetten. Selbstverständlich sollte man auch nicht alles auf eine Karte setzen,  d.h. nur zwischen 5 % und 20 % in Edelmetalle anlegen und hierbei auch eher auf einen Korb, indem über mehrere Metalle gestreut wird.

Die Nützlichkeit des Buches ist unbestreitbar. Schade dass die Ausführungen und Empfehlungen zu Rohstoff-ETFs im Allgemeinen und GOLD-ETFs im Speziellen spärlich ausfallen. Vielleicht hätte man in der 2. Auflage auch etwas anders gliedern und dadurch Redundanzen vermeiden können. Letztlich kann das Buch aber als eine Art Nachschlagewerk genutzt werden, um sich schnell noch mal wichtige Informationen in Erinnerung zu rufen. Hierfür erscheint es unersetzlich.

Guido Kirner (Polling / Weilheim)

Beate Sander: Gold, Silber, Platin, Diamanten. Mit Edelmetallen richtig anlegen in schwierigen Zeiten, München Finanzbuchverlag 2013 (2. Aufl.), 287 S., 24,99 Euro. ISBN 978-3-89879-789-6.

Fehler der Vermögensverwaltung – die Aktivitätsillusion

Die gediegenen Größen der Branche, die vornehmen Vermögensverwalter stehen in der Kritik, zumal immer wieder Studien und Untersuchungen belegen: Vermögensverwaltungen machen (auch bzw. die gleichen) Fehler, wie Privatanleger und kleine Beratungsfirmen. Sowohl aus Sicht der Profis als auch der Kunden könnte man zu dem Schluss kommen, beide geben sich Illusionen hin, die zum „Spiel“ der Anlagebranche gehören, wie die Bühne zum Theater.

Was Autoren wie der Wirtschaftsprofessor Martin Weber oder zuvor Größen wie David F. Swensen, der den milliardenschweren Stiftungsfonds der Universität Yale betreute, schon längst publiziert haben, das wird auch von neueren Studien bestätigt, jüngst von dem in Zürich ansässigen Beratungsunternehmen PPCmetrics, das für Pensionskassen und Vermögensverwalter tätig ist (davon berichtet Gerald Braunberger in der FAZ vom 22.05.2012 S. 17: Vermögensverwaltung. Typische Fehler)

Sie stellen vier Grundfehler von Vermögensverwaltungen fest:

1. Sie suchen eine Extrarendite, wo diese langfristig nicht zu holen ist, weil der Markt auf lange Sicht nicht geschlagen werden kann.

2. Wer das verstanden hat, der könne auf die Vergabe allzu vieler und teurer Verwaltungsmandate verzichten, nur weil diese in der Vergangenheit gut abgeschnitten hätten. Die Vergangenheit bei Anlageerfolgen besagt nichts über die Zukunft.

3. Das gilt auch für sog. alternative Anlagen bis hin zu Hedgefonds, deren Leistungen ungeachtet der enormen Kosten und Komplexität zumeist überschätzt würden.

4. Eine zu niedrige Aktienquote bei deutschen Großanlegern, obgleich bei den derzeit niedrigen Anleihezinsen die Aktien über die Performance im Portfolio entscheiden.

Betrachtet man die vier Kritikpunkte, so kommt man zu dem Ergebnis: man muss kein Nobelpreisträger sein, um zu verstehen, was hier schief läuft. Die Frage ist nur, weshalb hat das so wenig Einfluss auf die Praxis? Der Grund könnte darin liegen, dass es sich hierbei um kein Phänomen handelt, bei welchem die besseren Argumente in einer fachinternen Debatte über langfristige Geldanlage den Sieg davon tragen könnten, sondern bei welchem wissenssoziologische und sozialpsychologische Faktoren dominieren, die weit schwieriger zu durchbrechen sind. Letztlich gibt man sich einer teuren Aktivitätsillusion hin.

1. Wissenssoziologische Illusion

Die Portfoliotheorie hatte es gerade mit Hilfe der Mathematik (und Informatik) erreicht, sich den Mantel der Wissenschaftlichkeit zuzulegen, da könnte man eigentlich mangels Erfolg zu dem Ergebnis kommen, dass sie den Status der Kaffeesatzleserei niemals überwunden hat. Die ganzen Formeln, Programme und Ansätze gepriesener Nobelpreisträger haben es nicht geschafft, die zwei Naturgesetze der Geldanlage zu durchbrechen, auch wenn unablässig versucht wird, den gegenteiligen Eindruck zu verkaufen. Noch immer gilt: mehr Rendite ist nur durch mehr Risiko zu erzielen und der Schluss von der Vergangenheitsanalyse auf die Zukunft ist so sinnvoll wie der Gebrauch der Glaskugel. Prognosen sind einfach Glückssache.

Die angewandte Mathematik, sofern sie (wie zumeist) auf der Gaußschen Normalverteilung basiert, taugt nichts für das Feld der Geldanlage, allenfalls zur scheinwissenschaftlichen Verzauberung. Wie man das so einfach behaupten kann? Nun, nicht nur weil Autoren wie Mandelbrod oder Taleb dies überzeugend dargestellt haben, sondern ganz einfach weil sie durch reale Ereignisse bestenfalls als irreführend falsifiziert wurde, schlimmstenfalls Milliardenwerte vernichtet und die Finanzwelt an den Abgrund geführt hat. Nirgendwo sonst sind Machbarkeitsillusionen so teuer bezahlt worden. Der Crash 1997/87 des hochkarätig – u.a. von Scholes und Merton – verwalteten LTCM-Hedgefonds darf als große Vorwarnung für die gesamte Branche betrachtet werden.

2. Sozialpsychologische Illusion

Teuer ist nicht schlimm, wenn die Leistung dafür stimmt. Gerade wohlhabende oder reiche Kunden haben verinnerlicht, was nichts kostet hat keinen Wert; oder was oft wichtiger ist: bringt kein Prestige oder Renommee. Wer Diamanten, Autos oder Immobilien kauft, der weiß zumeist, was er hat. Wer eine Vermögensverwaltung beauftragt, der weiß das in der Regel selten. Deshalb sind Äußerlichkeiten umso wichtiger und man lässt sich ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.

Gediegenes Tuch, Titel, Einladungen zu glanzvollen Events, wo man seinesgleichen trifft und alles nur vom Feinsten ist, eine klingende Adresse im Marmorambiente usw., das alles sind die sozialpsychologischen Voraussetzungen, um Erfolg in der Finanzbranche bei den Schönen und Reichen zu verkaufen.

Die gelebte Visitenkarte und Fassade ist entscheidend für die Akquise in Milieux, das nur allzu gerne auf solche Dinge achtet (um unter Ihresgleichen zu sein) und hereinfällt. Die jüngste Geschichte der einst größten deutschen Privatbank spricht Bände und auch in der Geschichte der untergegangenen vermeintlichen Finanzgenies  fänden sich ausreichend Beispiele. Sie sind nur zumeist vergessen.

Ob sich daran etwas ändern wird, bleibt fraglich. Die menschliche Psyche ist in vielem zu schwach bzw. zu einfältig, um sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Schließlich fehlt auch ganz einfach das Wissen, um beurteilen zu können, welchen Wert welche Maßnahme in der Vermögensverwaltung hat und in welchem Verhältnis die Kosten zum Nutzen stehen. Letztlich bezahlen die Kunden all den Pomp selbst und bekommen ihn keinesfalls geschenkt.

3. Die Aktivitätsillusion

Ein Fehler zielt auf den Kernpunkt des Vermögensmanagements: die Aktivitätsillusion. Aktivität rechtfertigt Gebühren, legitimiert Kosten, passiert unter (schein)wissenschaftlichen Methoden und IT-basierten Programmen, entlastet bei Scheitern den Handelnden (“wir haben alles versucht…”) und kann sich in der Herde verstecken (“im Vergleich zu anderen haben wir…”).

Es gibt also viele Gründe für aktives und für den Anleger folglich sehr teures und den Verwalter sehr lukratives Vermögensmanagement, nur die eigentlichen Grund, das MEHR an Rendite ist es kaum, zumindest nicht bei einer nachhaltigen Betrachtung.

Das ganze „Hin und Her macht Taschen leer“, bedeutet hohe Transaktionskosten, ein über einige Jahre ertragreiches höheres Risiko wird durch die höheren Verluste um Anschluss wieder aufgezehrt und selbst die Avantgarde der Anlagebranche, die aktiven Hedgefondmanager, die alles dürfen und viel Geld dafür bekommen, schaffen es nicht einmal, den Aktienindex wie den MSCI World zu schlagen (siehe hier>>).

Die Vermögensverwaltungsbranche sollte m.E. vor einem Wendepunkt in Ihrem Selbstverständnis stehen: zurück zur kostengünstigen Einfachheit und zu inzwischen ausgereiften passiven Investmentstrategien. Die Frage ist, wann das auch bei den Kunden ankommt und verstanden wird.

Dr. Guido Kirner / Polling

Finanzberatung als Glaubensfrage

Wer denkt, Finanzberatung habe mit ewigen, womöglich mathematischen Wahrheiten zu tun, deren Objektivität nur den interessenlosen Berater bei der Vermittlung seiner Empfehlungen und Produkte bedürften, der hängt einer Irrlehre an. Es gibt m.E. nur ganz wenige Wahrheiten des Wirtschaftens; und diese sind derart banal, dass sie sogar von Bankvorständen und Staatsmännern immer wieder vergessen werden.

1. Du musst mehr einnehmen als ausgeben, andernfalls bekommst du irgendwann Probleme.

2. Wer günstiger einkauft als verkauft macht Profit.

3. Es gibt keine hohe Rendite ohne entsprechendes Risiko.

4. Nur realisierte Gewinne sind echte Gewinne; alles andere sind wage Erwartungen.

5. Finanziell (jetzt) vorzusorgen ist besser als nichts zu tun. Wir wissen nicht was die Zukunft bringt.

6. Man sollte dabei nicht alles auf eine Karte setzen, sondern seine Anlagen über verschiedene Anlagenklassen streuen.

7. Man sollte die existentiellen Risiken abgesichert haben, andernfalls droht einem alles wieder zu verlieren.

Über diese „sieben Gebote“ lässt sich schwerlich streiten. Darüber hinaus wird es schon schwierig. Was das Renditeträchtigste, Profitabelste, Sicherste, Beste, Vernünftigste usw. ist, scheint mehr eine Glaubens- als eine Wissensfrage.  Die Finanzbranche im Allgemeinen sowie die volkswirtschaftlichen wie börsenorientierten Prognosen haben immer noch mehr mit der altrömischen Vogelschau, dem Runenschmeißen, dem Lesen in Eingeweiden oder Kaffeesatz bzw. dem Blick in die Kristallkugel oder einem großen Wettbüro zu tun als mit Wissenschaft. Wäre es anders, wären wir entweder alle reich bzw. arm.

Die  Finanzbranche treibt jedes Jahr eine neue Sau durchs Dorf (dieses Jahr sind es bezeichnenderweise sog. Garantieprodukte). Schließlich muss verkauft werden: einmal sind es besondere Fonds, dann Zertifikate, dann Indexprodukte, dann sind es Riester, Fondsriester, Wohn-Riester oder eine Rüruprente; dann ist es Diversifikation nach vermeintlich wissenschaftlich fundierten Anlagegrundsätzen, dann soll lieber auf gewisse Märkte setzen, um Chancen nicht zu verpassen. Einmal wird behauptet, nur Direktversicherungen und nur Direktbanken werden sich durchsetzen, andere schwören auf kundennahe zeitintensive Beratung. Einige meinen, nur Honorarberatung mache Sinn, lassen sich aber bei der womöglich zweitgrößten Investition ihres Lebens (nach dem Haus), nämlich beim Autokauf auch nicht gegen Honorar beraten. Die einen finden Bausparer gut, die anderen verachten sie. Die einen hassen Versicherungen, die anderen haben zu viel davon. Manche hassen sie und haben trotzdem zu viel davon. Die einen meinen, nur die eigene Immobilie zählt, die anderen sehen darin ein sog. Klumpenrisiko mit der Neigung zum Kostenfresser.

Die Finanzjournalisten sind nicht besser; sie müssen ja etwas schreiben.  Die einen sind bessere Marktschreier, die anderen nennen sich Verbrauchschützer. Wer prüft eigentlich mal die Empfehlungen der Zeitschrift Finanztest über die letzten zwanzig Jahre und was dabei herausgekommen wäre, hätte man darauf vertraut? Einer der redlichsten in diesem Bereich schreibt jeden Samstag in der FAZ zum Thema private Vorsorge und nennt sich Finanzanalytiker. Er stellt immer sehr schlaue Betrachtungen und Vergleichsrechnungen mit Bar- und Endwerten an. Auch seine Betrachtungen sind aber nur so gut, wie seine Zinsunterstellungen für die Zukunft; und seine Produktkenntnisse erschöpfen sich zumeist in dem Verweis auf einen Direktversicherer in Saarbrücken.

Ich habe seine Artikel über mehrere Jahre gesammelt, eifrig gelesen und in meinem Archiv abgelegt. Ein Archiv ist wirklich eine gute Sache; es zeigt die Vergänglichkeit von Wissen. Was wurde da nicht alles behauptet und geschrieben. Ob eine Sache für gut oder schlecht gehalten wird ist oft nur eine Frage der Zeit. Ein schlechtes Gedächtnis half schon immer bei der Selbstüberschätzung.

Deshalb meine These: Finanzberatung ist zumeist die Vermittlung der passenden Religion zum entsprechenden Glauben des Kunden. Der Zeitpunkt (Hausse, Baisse) ist wichtig, die Mission schwierig, die Unwissenheit groß, aber der Glaube versetzt bekanntlich Berge – oder wird enttäuscht. Woran erkennen wir nun die Heilsbotschaft der Finanzen, die uns begeistert?

Möglicherweise gerade in den Grenzen unseres Wissen. In der Aufrichtigkeit des Nichtwissens. In einer neuen Bescheidenheit in der Voraussage. In der Einfachheit der Botschaft. Kennen Sie den Unterschied zwischen Zertifikat und Fonds. Wissen Sie tatsächlich, wie die Garantie ihrer Lebensversicherung funktioniert? Sind Aktien Sachwerte? Haben Sie die Bilanz der Aktiengesellschaft und ihr Geschäftsmodell überprüft, von der sie einen Antiel gekauft haben? Glauben sie immer noch, Staatsanleihen sind eine sichere Anlage?  Haben sie den Fall der Mauer vorausgesehen? Haben Sie die Entwicklung Chinas kommen sehen? Sie glauben an den Nikolaus und Investmentbanken? Haben sie wirklich einen guten Berater?

Jedem das seine. Nur wer meint, die oben genannten „Wahrheiten“ seien veraltet, der ist womöglich für einige Zeit ein Star der Finanzbranche, der Mitarbeiter an der nächsten Finanzblase, ein Börsenguru, ein Vertriebsgenie oder was auch immer, auf lange Sicht – und es reden ja alle von Nachhaltigkeit – ein Idiot bzw. Scharlatan, egal wie viel Geld er in der Zwischenzeit am Glauben und auf Kosten anderer verdient hat.

Dr. Guido Kirner