Wozu braucht die EU die Schweiz?

Eine Replik auf den Artikel von Gerhard Schwarz „Was die EU an der Schweiz hat“ (FAZ vom 28. Juli 2017, Seite 20.)

Musterknabe und Europamodell

Der Eidgenosse pflegt Understatement. Gleichwohl ist er stolz auf seinen Wohlstand. Wenn Kritik aufkommt, hört man schnell den Satz: “Die sind ja nur neidisch”. Ein wichtiger Teil des Schweizer Lebensgefühls speist sich aus der Tatsache, dass man die Habsburger, Napoleon und Hitler überstanden hat, sich aus zwei Weltkriegen heraushalten konnte und heute fast alle Länder auf der Welt lieber die Probleme der Schweiz hätten, als ihre eigenen. Continue reading Wozu braucht die EU die Schweiz?

Die Deutschen, das Geld und das Risiko

Nun liegt erneut eine Studie vor, welche das Verhältnis der Deutschen zum Geld untersucht (vgl. YouGov, Die Welt, Handelsblatt, usw.). Dabei findet sich wenig Neues: dass die Deutschen den Banken nicht trauen, dass sie das Risiko scheuen wie der Teufel das Weihwasser, dass sie Angst haben vor Altersarmut, dass sie lieber eine Weile auf Sex verzichten würden, wenn sie dafür eine Million auf dem Konto hätten usw. Dass eine Mehrheit die Grundsicherung befürwortet, ist hingegen ein interessantes Ergebnis. Und dass sie sich deshalb nicht gleich die faule Haut legen würden, überrascht niemanden, der die deutsche Mentalität kennt.

All diese Umfragen und Studien sind aber nur so gut, wie sie ihre Umfrageergebnisse auch interpretieren bzw. in Beziehung setzen können. Und da hapert es nur all zu oft. Zu wenig erklärt werden all die Widersprüche, Ungereimtheiten und obskuren Verhaltensweisen, die einer rationalen ökonomischen Logik zuwiderlaufen und gerade deshalb so interessant sind. Continue reading Die Deutschen, das Geld und das Risiko

Max Weber oder die Kreativität des Scheiterns

978-3-87134-575-3.jpg.648846Dieser kleine Essay ist veranlasst durch die hervorragende unten genannte Biographie von Jürgen Kaube

Max Weber (1864-1920) war einer der großen deutschen Gelehrten, Professor, Jurist, Ökonom, Historiker, Gründerfigur der im Entstehen begriffenen Soziologie und streitbarer politischer Publizist. Die Gesamtausgabe seines Werkes ist auf 49 Bände angelegt. Seine Schriften haben selten weniger als ein paar hundert Seiten. Noch mehr ist über Max Weber geschrieben worden. Die Literatur zu seinem Leben und Werk füllt bereits Bibliotheken und man könnte fast von einem eigenen Fachgebiet der “Weberologie” sprechen.

Schnell entwickelte sich nach seinem Tod um ihn ein Kult, zunächst regional in Heidelberg (um Marianne Weber und Karl Jaspers), dann in den USA (durch Vermittlung Talcott Parsons), schließlich auch durch eine Art Reimport in der BRD. Im „kalten Krieg“ wurden Teile seines Werkes als Gegenentwurf zum historischen Materialismus stilisiert und seine Person (trotz der umstrittenen Monographie von Wolfang Mommsen) als liberales Vorbild verehrt.

Doch was bleibt von Max Weber, der vor 150 Jahren geboren wurde? Wird seine Dissertation zur Entstehung der offenen Handelsgesellschaft im Mittelalter noch zitiert? Was bedeuten uns noch seine Habilitation zu den römischen Agrarverhältnissen, seine Untersuchungen zum Börsenwesen, zur Situation der ostelbischen Landarbeiter oder zur Psychophysik der Arbeit? Sich durch diese tausende Seiten zu wälzen, ist selbst für Spezialisten Kärrnerarbeit und begründet wenngleich Respekt vor seinem Fleiß wohl kaum seinen Nachruhm.

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