Unersättlich und unfehlbar – zwei Bücher zu Investmentbanken

Bücher zur Finanzkrise gibt es inzwischen reichlich. Wenige konnten das System von innen heraus beschreiben, d.h. insbesondere aus Sicht der großen und einst viel bewunderten amerikanischen Investmentbanken. Zwei Büchern gelingt das in besonderer Weise, jeweils aus unterschiedlicher Perspektive.

Greg Smiths Buch Die Unersättlichen ist autobiografisch. Er arbeitete 12 Jahre bei der berühmt-berüchtigten Investmentbank Goldman Sachs bevor er seine aussichtsreiche Karriere mit einem mutigen Paukenschlag, nämlich einem Artikel in der New York Times (Why I Left Goldman Sachs) beendete.

Dabei handelt es sich bei dem Buch nicht wirklich um eine Abrechnung – und genau das macht auch seinen Charme aus. Es beginnt eher mit leisen Tönen. Stolz und mit Respekt beschreibt er seinen Karriereweg bei der Bank vom Praktikanten bis zum Leiter der Abteilung US-Aktienderivate in Europa u.a. Er beschreibt die harte Selektion in der Personalrekrutierung, das Elitebewusstsein, wobei nicht nur Noten und Leistung, sondern auch Persönlichkeit und wertbezogene Integrität eine Rolle spielten. Die Umsatzzahlen waren wichtig, jedoch waren auch die Fähigkeit zum Aushängeschild, zum „Kulturträger“ der Firma zu werden, entscheidend.

Irgendwann muss die alte, legendäre Goldman-Sachs-Kultur der Gründer verloren gegangen sein. War es mit der Veränderung zur Aktiengesellschaft, nach der Dotcom-Blase, mit der neuen Führung eines Hank Paulson oder eines Blankfein, mit der Bankenkrise 2008 und der Umwandlung zur Holding? Es gibt keine eindeutige Zäsur, eher einen schleichenden Prozess. Genannt werden mal das Jahr 2005 und dann ab 2012, wo nur noch die Zyniker das Sagen haben.

Man erfährt auch etwas über die unterschiedlichen Mentalitäten zwischen den Tradern und den Sales-Leuten, wobei letztere sich noch weit mehr als Dienstleister zum Wohl des Kunden verstehen. Kunden bedeutet bei GS zumeist milliardenschwere Hedge-Fonds, Regierungen, Pensionskassen, Staatsfonds und große Aktienunternehmen.

Die Trader übernahmen das Ruder und nur noch die Provisionserlöse sog. elephant-deals zählen. Werte, Charakter, Dienst am Kunden gehen unter. Letztere, auch gerne mal intern muppets genannt,  werden ausgenommen wie Weihnachtsgänse, mit versteckten Millionengebühren in undurchschaubaren Derivaten abgezockt. Quartalsumsatz, Provisionseinnahmen und Bonikultur sind maßgeblich für Karriere. Langfristiges Denken und haltbare Kundenbeziehungen werden vernachlässigt.

Das alles ist bekannt, wurde aber bislang noch nicht eindrucksvoll von einem Insider so glaubhaft beschrieben. Auch die letzten resümierenden Seiten haben es in sich. Man kann sie noch einmal als Mahnung und dringenden Appell an die Öffentlichkeit und insbesondere die Politik verstehen, mehr zu tun, insbesondere den Eigenhandel der Banken endgültig zu verbieten, da er zu kundenfeindlichen Interessenkonflikten führt.

Das Hauptproblem heißt asymmetrische Information. Bei wem alle Deals, alle Informationen aus der Industrie und Hochfinanz, alle entscheidenden Beziehungen und Analysen aus Wirtschaft und Politik zusammenlaufen, der weiß mehr als andere, der kann diesen Informationsvorsprung nutzen, um gegen seine Kunden in die eigene Tasche zu wetten. Diese Macht muss begrenzt werden, gleichwohl die Wallstreet bereits hunderte Millionen für Lobbyarbeit ausgegeben hat, um das zu verhindern.

Sorkins Buch Die Unfehlbaren (im Original: Too big to fail) beschreibt die Welt der Investmentbanken aus einem anderen Blickwinkel. Er hat 1000 Stunden Interviews mit den wichtigsten Akteuren aus der Hochfinanz geführt, Emails und Telefonprotokolle ausgewertet und fügt alles zu einem spannenden Drehbuch um die Lehman-Pleite den Untergang bzw. die Rettung weiterer einst hochgerühmter Investment- und Großbanken (Bank of America, Barclays, Goldman Sachs, JP Morgan Chase, Lehman Brothers, China Inventment Corgoration, Korea Development Bank, Citigroup) sowie Versicherungsgesellschaften (American International Group) und Hedge- Staats- und Beteiligungsfonds (BlackRock, Blackstone Group, Greenlight Capital, J.C. Flowers & Company) zusammen.

Man spürt den Habitus der Banker im Krisenmanagement, manche bewundert man sogar teilweise, für manche bleibt nur Verachtung. Dass der sich im Dauerstress befindliche Ex-Bank-Vorstand und Finanzminister Hank Paulson bei seiner Rettungsaktion der Bankenwelt auf Kosten der Bürger einmal in den Papierkorb übergeben musste, ist vielleicht Zeichen eines ekelerregenden Gewissenskonfliktes. Ein letztes Urteil über die Hauptakteure, ob sie das richtige getan oder versagt haben, ist noch nicht gesprochen. Manchmal jedenfalls, wünscht man sich eine Kultur würde untergehen, auf dass auf deren Ruinen besseres erwachse.

Doch das ist leicht gesagt, wenn die Großmächtigen der Finanzbranche die anderen mit in den Abgrund zu ziehen drohen – too big to fail. Aber genau deshalb sollte man sie eben zerschlagen. Beide Bücher belegen – es ist noch viel zu wenig passiert. Beide Bücher sollten gelesen werden, um sich einen spannenden Einblick in diese Welt zu verschaffen.

Dr. Guido Kirner (Polling)

Greg Smith: Die Unersättlichen. Ein Goldman-Sachs-Banker rechnet ab. Rohwolt, Reinbeck 2012. 366 S. ISBN 978-3-498-06056-5, Geb. Ausg. 19,95 Euro.

Andrew Ross Sorkin: Die Unfehlbaren. Wie Banker und Politiker nach der Lehman-Pleite darum kämpften, das Finanzsystem zu retten – und sich selbst. DVA und Spiegelverlag, München 2010. 613 S. ISBN 978-3-421-04488-4. Geb. Ausg. 24,99 Euro.

 

Warum gibt es keinen Wettbewerb der Verlustvermeidung?

Wieder einmal hat es ein junger Händler einer renommierten Geschäftsbank geschafft, einen Milliardenbetrag zu vernichten. Der 31jährige Adoboli arbeitete in der Londoner Investmentabteilung der Schweizer Großbank UBS und verspekulierte ca. 2.000.000.000 Euro mit dem sog. Delta-One-Handel.

Im Jahr 2008 schaffte es der Händler Kerviel damit Verluste von 4,8 Mrd. für die französische Société Générale zu erzeugen. Beide Banken werden den Milliardenverlust verkraften. Der vornehmen Bank Barings gelang dies Mitte der 90er Jahre nicht. Der 27jährige Nick Leesen ruinierte durch seine Spekulationen die älteste britische Handelsbank, die im 18. Jahrhundert gegründet worden war. Von wie vielen Vorfällen erfahren wir nichts, weil es dem Ruf der Bank nicht gerade einträglich ist?

So wenig wie Kriminelle für die Menschheit stehen, so wenig darf man betrügerische Derivatehändler über einen Kamm scheren und mit allen Investmentbankern gleichsetzen. Dessen ungeachtet können diese Vorfälle als Warnungen wahrgenommen werden, dass bei der Regulierung des Bankwesens nur Alibireformen stattgefunden haben.

Es sind keine Stalinisten mehr, welche die Zerschlagung von Großbanken fordern, sondern seriöse und unabhängige Finanzexperten wie Roubini. Damit die Finanzspekulationen nicht die Realwirtschaft bzw. ganze Volkswirtschaften ruinieren, wäre es längst notwendig, das Investmentbanking strikt von den anderen Banksparten zu trennen.

Ferner muss der Eigenhandel der Banken endgültig abgeschafft, derivative Hebelprodukte verboten und Handel auf Pump unterbunden werden. Jeder darf so viel Geld verspielen, wie er möchte, er sollte es nur mit seinen eigenen Mitteln tun und dafür im schlimmsten Fall voll haften. Es ist schön zu hören, dass 80% der Gewinne in den Investmentabteilungen der Banken erwirtschaftet werden. Wie viel von den Verlusten werden ebenfalls dort produziert und wer kommt dann dafür auf?

Das einzige Argument, das vermeintlich gegen strikte und wirksame Reformen spricht, ist dasjenige, dass wer damit anfängt, angeblich seinen Finanzstandort ruiniert. Ferner wandere dann der ganze Spuk nur in eine andere Region ab. Soll er doch. Irland und England stünden heute damit wahrscheinlich besser da.

Schließlich ließe sich entgegnen, dass es nicht nur einen Wettbewerb und Belohnung im Gewinnstreben geben darf, sondern auch ein Wettbewerb in der Verlustvermeidung. Ein guter Standort sorgt regulativ für beides. Auch die Anreizsysteme für die Händler sollten dementsprechend andere sein. Dies wird noch zu wenig bedacht, obgleich die Warnsignale schon längst überall auf Rot stehen.

Dr. Guido Kirner