BLASENÖKONOMIE – Teil I: Verkaufsgeschichten

An den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten unserer Universitäten benötigen wir Lehrstühle für Blasenökonomie. Dabei handelt sich um die methodische Beschreibung von realistischen Phänomenen unserer Finanzwirtschaft, die vielfältig in unterschiedlichen Bereichen mit unterschiedlichen Auswirkungsgraden vorkommen, dabei aber immer das gleiche Muster aufweisen:

1.       Das Muster

Am Beginn steht eine einfache und gerade dadurch plausible und überzeugende Verkaufs-Story –> In der Folge kommt es zu sich selbst bestätigende Rückkopplungsschleifen an immer erneutem und erhöhtem Kapitalzufluss -> Irgendwann erfolgt eine sog. Vertrauenskrise es kommt zum Crash und Geldvernichtung in erheblichen Ausmaßen.

Auch wichtig ist dabei: kurzfristig machen dabei die Geschichtenerzähler sofort Gewinn, verlagern aber die Chancen ihrer Gläubigen auf eine ungewisse Zukunft. Das Mittel dazu sind Finanzprodukte. Nicht immer, aber immer öfter führen die Geschichten zu Fehlallokationen, sofern überhaupt noch jemand weiß, wo man das Geld hätte besser anlegen sollen. Investitionen und Geschichte haben eines gemeinsam: erst hinterher ist man schlauer, es sei denn, man war auf alles vorbereitet. Wir beginnen nun im ersten Teil mit der Verkaufsgeschichte.

2.       Verkaufsgeschichten

Am Anfang muss eine Geschichte erzählt werden. Die Geschichte muss zu einem regelrechten Diskurs anschwellen bis sie eine so starke Plausibilität gewinnt, dass man sich ihr kaum noch entziehen kann. Die Story kann auch medial gesteuert werden: Bücher und Artikel werden geschrieben, Experten geben Interviews, Verkaufscoaches strömen aus und predigen die Geschichte passend zu den Lösungen der Produkte, die auf den Markt gebracht werden müssen. Dafür sollte die Geschichte durch irgendwelche Zahlen belegbar sein. Ferner sollte sie sogar einen Kern Wahrheit beinhalten und in der Vergangenheit an Erfahrungen bzw. Erfolgen anknüpfen.

Die Geschichte kann positiv sein, d.h. enorme  Wachstumschancen, ein hoher Investitionsbedarf, ein wissenschaftlicher Fortschritt, ein Megatrend oder gar ein neues Zeitalter sollte erkennbar sein. Aber auch negative Storys zeigen Wirkung. Wörter wie Rezession, Deflation und ähnliches werden dann wichtig. Man kann hier mit „nicht mehr wettbewerbsfähig“ beginnen und das Ganze zu bedrohlichen Untergangsszenarien oder gar Apokalypsen ausbauen. Am genialsten ist es freilich, die negativen und positiven Aspekte in einer Story zu verbinden, um Gelder regelrecht umzulenken: von alten zu neuen Energieformen, von Staatsanleihen in Immobilien oder Edelmetalle, von alten Wirtschaftsnationen in Schwellenländer, von Value in Growth-Aktion oder was auch immer.

Es darf nicht zu viel kritisch nachgefragt, gar hinterfragt werden. Zu tiefes Bohren erhöht nur die Relativität des Wahrheitsanspruches bzw. die Plausibilität der Geschichte. Das ist nicht gut. Die Geschichte muss sofort eingängig sein und wer eine andere Meinung vertreten würde, würde sich zu einer kleinen Minderheit bekennen oder gar zum „Narren“ machen. Deshalb leitet man die Geschichte am besten mit Sätzen ein; „Wie wir ja alle wissen“ oder „wie Experten aus aller Welt bestätigen“ etc.

Am einfachsten sind Erfolgsstorys. Nichts ist so überzeugend wie der Erfolg von etwas oder jemanden in der Vergangenheit, woran wir teilhaben möchten. Es genügt fast der Hinweis: „dieser Fonds hat in den letzten fünf Jahren im Schnitt immer über 10 Prozent Gewinn gemacht und hat allein in den letzten drei Monaten eine halbe Milliarde Kundengelder angezogen.“ Oder: „das Land X verzeichnete in den letzten Jahren immer Wachstumsraten von über 7 Prozent, man sieht also, wo die Wachstumsmärkte der Zukunft liegen – oder?“. Können Sie da noch nein sagen?

Bedarfsstorys sind auch nicht schlecht. „Experten haben ausgerechnet, dass in den allein zum Erhalt der Wasserleitungen in den Metropolen so und so viel Milliarden investiert werden müssen. Deshalb investieren wir in Firmen, die diesen Bedarf decken können.“

Weltverbesserungsstorys sind etwas für Spezialisten. Hier geht es vordergründig nicht um Profitgier, sondern um die Teilhabe am Guten: Ethik, Ökologie, Nachhaltigkeit und Mikrokredite sind die Themen. „Die Welt mit meinem Geld besser machen“ – lautet die Devise; freilich muss auch etwas dabei rauspringen. Also muss von einer Wende, von Umdenken, von unumgänglichen Wandel erzählt werden. Man kann zu einer Avantgarde der Wissenden gehören, die heute schon weiß, was morgen wichtig ist für die Menschheit. Prominente Wissenschaftler, Forscher, aber auch Schauspieler oder „ehrliche Politiker“, nichtkorrumpierte Eliten gelten als Kronzeugen dafür, wie die Welt von Morgen besser wird.

Sicherheitsstorys sind eine eigenständige Gattung. Gerade weil es so viel Wandel und Veränderung auf der Welt gibt, simulieren diese Geschichten gleichsam „eine feste Burg“ zum sichern, bewahren und überleben von Vermögenswerten in einer unsicheren, sich wandelnden Welt. „Man muss jetzt…“ oder „nur noch…“ formulieren die Trends zum vermeintliche sicheren Hafen, wie z.B. Immobilien oder Gold.

Rettungstorys für Unternehmen, ganze Volkswirtschaften oder die Welt sind ebenfalls bezeichnend und erleben aktuell eine Hausse in sämtlichen Industrienationen. Oft stellt sich hier die Alternative des alles oder nichts, oder im Neupolitsprech: sie sind alternativlos. Too big to fail, Systemkrisen, zivilisatorische Errungenschaften in Verbindung mit Horrorszenarien des Zusammenbruchs ganzer Branchen, Länder und Regionen ermöglichen die Schaffung (auf Kredit) oder Umleitung schier unbegrenzter Summen für die scheinbar historisch alternativlose Rettung bestimmter Institutionen, Branchen oder Wirtschaftssysteme. Während bei den meisten anderen Storys im schlimmsten Fall nur das Geld derer vernichtet wird, die die Geschichte geglaubt haben, also den Investoren, wird bei den Rettungsstorys ein viel größeres Rad gedreht. Hier muss dann das Geld zur Rettung eines maroden Unternehmens oder bankrotten Staates nicht selten von der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden.

3.       Typische Merkmale

Das sind nur einige Beispiele für Geschichten die Geld in bestimmte Kanäle leiten sollen. Sie haben folgende Gemeinsamkeiten: Es handelt sich (fast) immer um eine Anmaßung von Wissen über Zukunft mit mehr oder weniger gut fundierten Belegen aus der Vergangenheit. Sie erzeugen Emotionen (Begeisterung, Angst, Gier usw.) oder ruhen auf bereits vorhandenen Gefühlen und verstärken diese. Die Geschichten wirken nur, wenn sie ein hohes Maß an Plausibilität aufweisen, am besten so, dass man gar nicht mehr weiter über sie nachdenkt.

Diese Geschichten sind für sämtliche Akteure der Finanzbranche, ihre Medien und darüber hinaus üblich: renommierte Professoren, Chef-Volkswirte von Banken, Wirtschaftsjournalisten, Fernsehmoderatoren, Finanzberater, Fachpolitiker, Edelmetallhändler, Immobilienverkäufer, ja, sie werden von allen erzählt, die mit Geldanlagen für Erwartungen handeln oder glauben, sich dazu äußern zu müssen. Das interessante dabei ist, dass ein bestimmter Aspekt der Vergangenheit dabei stets ausgeblendet wird, nämlich was ihre Geschichten denn in der Vergangenheit ausgelöst haben. Wie viele Experten haben die Finanzkrisen tatsächlich vorausgesagt? Wie viele waren Analystenmeinungen in der Vergangenheit Wert? In welchem Namen und mit welchen Interessen sprachen Bank-CEOs, Volkswirte und Politiker? Die Erfolgsbilanz dieser Experten ist im Allgemeinen ernüchternd, doch das hält uns nicht davon ab, weiter an Sie zu glauben.

Der Grund dürfte darin liegen, dass das Expertentum selbst eine der erfolgreichsten und plausibelsten Geschichten der Moderne darstellt, hinter welcher wir nicht mehr zurückwollen. Wir unterscheiden einfach nicht zwischen einem Experten, der unser Auto oder unsere inneren Organe repariert und einem Finanzexperten, der angeblich weiß, wie und wo das große Geld in der Zukunft zu verdienen ist. Dafür unterscheiden wir zwischen Schamanen, die in Eingeweiden von Tieren die Zukunft voraussagen und technischen Finanzanalysten, obgleich beide auf ihre Art das gleiche tun: Kaffesatzleserei.

Charakteristisch für die Geschichten ist ihre Simplizität. Darin sind sie politischen Mythen ähnlich (Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Politischer_Mythos), nur dass der Vergangenheits- und Integrationsaspekt nicht so bedeutsam ist. Aber auch hier ist die Wirkung komplexitätsreduzierend; unüberschaubare Zusammenhänge werden mit Hilfe einfacher Wahrnehmungsschemata in geordnete Strukturen gebracht. Charakteristisch ist, dass die vermeintlichen Tatsachen nur selektiv empirisch überprüfbar sind und Argumente in stereotypisierter Weise wiedergegeben werden. Nicht hinterfragt wird die Erzählstruktur selbst, nämlich ob die Vergangenheit oder Gegenwart überhaupt etwas über die Zukunft aussagen kann. Denn es ist nicht immer klug bei Unternehmen und Volkswirtschaften einfach vom Bestehenden auf die Zukunft zu extrapolieren.

So betrachtet sind die Erzählungen eigentlich keine mythischen oder historischen, sondern ihrer Form nach sind sie seltsam geschichtslos, beinahe uchronistisch, weil sie allesamt den historischen Wandel und das Unvorhersehbare der Zukunft unberücksichtigt lassen.

4. Auswege?

Also für den Alltag: jedes Mal, wenn Sie eine Geschichte über Geld hören, die ihnen sofort einleuchtet, weil andere sie auch Glauben, weil sie alternativlos ist, weil sie so viel Erfolg in der Vergangenheit hatte, weil damit die Zukunft verändert oder die Welt gerettet wird (oder was auch immer), dann befinden sie sich möglicherweise in einem Stadium der Blasenökonomie bzw. sind selbst Bestandteil des entsprechenden Diskurses. Sie sollten sich dann mindestens drei Fragen stellen:

Interpretiere ich die Vergangenheit überhaupt richtig? (Denn das ist ein sehr schwieriges Unterfangen über das sich Historiker immer wieder streiten)

Kann ich die Zukunft richtig voraussagen? (wie Handleser, Vogelschauer, Evangelikale, utopistische Sozialisten, Finanzanalysten, Konjunkturforscher u.v.a.m.)

Wenn ich beide Fragen verneinen möchte, gibt es dann nicht vielleicht doch Alternativen oder Strategien, die sich dieses Wissen nicht anmaßen und trotzdem plausibel (wenngleich vielleicht weniger spannend) sind?

Wir werden darauf zurückkommen.

Dr. Guido Kirner (Polling)

 

Der Euro als politischer Mythos

Ein politischer Mythos ist eine intellektuelle und emotionale Erzählung über eine historische Person, einen politischen Sachverhalt oder ein politisches Ereignis mit einem kollektiven, sinn- und identitätsstiftenden Wirkungspotential.

Seine vereinnahmende Wirkung entfaltet der Mythos über soziale und kulturelle Gräben hinweg und erlangt (irgendwann) eine selbstverständlich-fraglose Geltung. Er vereinfacht die Wahrnehmung der Wirklichkeit und macht unüberschaubare Zusammenhänge verständlich. Er schreibt den Dingen unhinterfragten Sinn zu, worunter sich Menschen als Gemeinschaft sammeln können.

Kennzeichnend ist nicht eine Deutung mittels überprüfbarer und erfahrbarer Tatsachen, sondern gerade die stets wiederholte, selektive und typisierende Erzählung, die sich aus der historische Erinnerung speist.
Ist die Erzählung um die Schaffung einer einheitlichen Währung in Europa ein politischer Mythos?

Meine These ist: Es ist versucht worden, den Euro als politischen Mythos in Europa zu etablieren, er droht jedoch an einer überprüfbaren und erfahrbaren Wirklichkeit zu scheitern. Ich behaupte sogar, er konnte gar nicht anders eingeführt werden, weil der Euro noch gar keine eigene Wirklichkeit hatte, so dass eine mythische Erzählung diese ersetzen musste. Sofern versucht wurde, die Währungsunion an überprüfbaren Tatsachen historischer Erfahrung und volkswirtschaftlicher Theorie zu messen, gingen die Daumen aus der Fachwelt eher nach unten. Das tat der unermüdlichen Erzählung aber keinen Abbruch.

Was war das für eine Erzählung? Uns wurde erzählt, der Euro verhindere den andernfalls unaufhaltsamen Niedergang Europas im globalen Wettbewerb, er diene darüber hinaus als essentieller Schlussstein bei der Konstruktion einer europäischen Friedensordnung. Die vermeintlich unaufhaltsame und naturhafte Logik einer historischen Entwicklung wurde beschworen.

Weil die Deutschen ein besonders ungutes Gefühlt bei der Aufgabe ihrer geliebten DM hatten, musste es besonders massiv mit zusätzlichen Wirtschaftsmythen torpediert werden: Den Deutschen nütze der Euro am meisten, weil es auch am meisten in das europäische Ausland exportiere, zumal es enorme Währungsumtauschkosten spare; ferner werde es als Exportnation (noch) wettbewerbsfähiger, weil es nicht mehr ständig seine Währung aufwerten und folglich seine Produkte günstiger verkaufen könne. Zugleich würden die weniger wirtschaftkräftigen Nationen von der am deutschen Vorbild ausgerichteten Stabilität der neuen Währung profitieren, indem sie Zinskosten einsparen, die Inflation bekämpfen und sich an der Effizienz des wirtschaftlich erfolgreichsten Landes ausrichteten.

Sicherlich, diese Erzählungen machen Sinn, sind aber gerade in ihrer Typisierung und Selektivität derart verzerrend, dass sie sich an der aktuellen Wirklichkeit brechen: Die von der Schuldenkrise besonders betroffenen Länder haben sich nicht verändert, indem sie ihre Wirtschaft auf Vordermann brachten, sondern hier wurde eine große Party auf Pump gefeiert, weil es auf einmal so billig, sich Geld zu leihen. Die daraus resultierenden Blasen mussten irgendwann platzen und nun stellt sich die Frage, wer soll das bezahlen?

Dass Länder mit einer starken und stabilen Währung ein Exportproblem bei ständigen Aufwertungen haben, ist ebenfalls eine sehr selektive Betrachtung. Die Bundesrepublik konnte damit gut leben, die Deutschen hatten überdies das Gefühl im Ausland günstig einkaufen zu können. Auch wenn sie nicht überall beliebt waren, ihre Währung war es. Auch die Schweiz und Schweden kamen ohne den Euro ganz gut zurecht. Im Gegenteil, Aufwertungen zwingen dazu, die Produktivität zu steigern und die Volkswirtschaft noch wettbewerbsfähiger zu machen, um international bestehen zu können.

Ferner relativiert sich die Aussage, Deutschland profitiere vom Euro am meisten, weil es dahin am meisten exportiere. Die Deutschen exportieren so viel, weil ihre Produkte gefragt sind, wenn sie technische oder qualitative Vorteile bieten. Niemand kauft diese Waren, weil sie aus Deutschland kommen oder weil sie in Euro bezahlt werden können, sondern weil sie den Käufern Vorteile und einen Mehrwert im Vergleich zu anderen Waren und Produkten bieten. Das muss nicht so bleiben, wie einst große und inzwischen angeschlagene Wirtschaftsnationen zeigen, hat aber mit dem Euro wenig zu tun.

Bleibt die Frage, ob der Euro eine Rolle für die europäische Friedenordnung spielt. Auch das kann bezweifelt werden. Die aktuelle Unruhe lässt schlimmes ahnen: Die einen haben Angst, dass auf ihre Kosten (Steuergelder) unverantwortliche Politiker und Banker rausgehauen werden, die andern ächzen unter notwendig gewordenen rigiden Sparkursen, die in kürze nachholen sollen, was in einem Jahrzehnt versäumt wurde. Europa spaltet sich, Risse werden erkennbar, Demonstrationen und Unruhen nehmen erst ihren Anfang. So gesehen war die Einführung des Euro kein Friedenwerk, sondern eher ein Spaltpilz, der sich ausbreitet. Hier wurde zusammengezwungen, was womöglich (noch) nicht (auf diese Weise) zusammen gehört.

Der Euro war keine quasinatürliche Fortentwicklung der europäischen Einigung mit der unaufhaltsamen Logik eines Schutzwalls im globalen Wettbewerb. Er war ein überhasteter politischer Deal zwischen divergierenden politischen und wirtschaftlichen Interessen, insbesondere zwischen Deutschland und Frankreich. Letztere hassten das „Diktat der Bundesbank“ und spürten nach der Wiedervereinigung einen Bedeutungsverlust, denn sie über europäische Institutionen einfangen wollten. Andere Länder zogen mit. Kein Land hätte den Euro so wenig gebraucht wie Deutschland, auch wenn seine politischen Eliten immer wieder das Gegenteil erzählten.

So betrachtet ist der Euro ein gescheiterter politischer Mythos. Die Währung hatte in 10 Jahren nicht genug Zeit, um sich eine eigene glaubhafte unwidersprochene Erzählung zu schaffen. Die Erzählungen konnten keine Wirklichkeit schaffen die dauerhaft stärker ist als die Probleme, die damit einhergehen. Der Euro ist ein anderer geworden, der nun im Gestus der Rettung Europas gegen böse Spekulanten inszeniert wird, in Wahrheit aus Angst vor den Konsequenzen ein zweifelhaftes Durchwurschteln darstellt.

Dr. Guido Kirner