House of Debt – ein Buch von Atif Mian und Amir Sufi

9780226081946„If investors systematically ignore certain outcomes, financial innovation may just be secret code for bankers trying to fool investors into buying securities that look safe but are actually extremely vulnerable.“

“The financial system actually works against us, nor for us.”

“A financial system that relies excessively on dept amplifies wealth inequality.”

“To prevent runs and preserve the payment system, there is absolutely no reason for the government to protect long term creditors and shareholders of banks.”

“Debt and deflation are natural partners in crime.”

In den USA ist ein viel diskutiertes Buch erschienen, welches sich der Finanzkrise von 2007/8 von Seiten der Verschulung privater Haushalte nähert. Die wichtigsten Lehren bzw. Ergebnisse dieses Buches – House of Debt der Ökonomen Atif Mian und Amir Sufi fasse ich hier thesenhaft zusammen:

Erstens: Finanzsysteme, die auf Verschuldung basieren, vergrößern die Ungleichverteilung des Wohlstandes, ganz einfach, weil die Wohlhabenderen die Verluste besser verkraften können als die Ärmeren (hochverschuldeten) Haushalte. Dies zeigt anschaulich der Vergleich mit der Dot-Com-Blase.

Zweitens: Privathaushalte und Unternehmen handeln nicht so, als wären sie willenlose Erfüllungsgehilfen bestimmter volkswirtschaftlicher Theorien der Konjunkturbelebung. Vernünftigerweise sind sie in der Krise mit ihren Konsumausgaben und Investitionen zurückhaltend und versuchen ihre Finanzen zu konsolidieren.

Drittens: Deshalb ist es Unfug, Banken schier unbegrenzte Liquidität mit billigem Geld bereitzustellen, um in der Krise mittels Kreditvergabe die Konjunktur wieder ankurbeln zu wollen. Denn diese Kredite werden in der Krise schlicht nicht abgerufen.

Viertens: Verschuldung ist Verursacher und Verstärker von Finanzkrisen und nicht deren Lösung. Verschuldung mit noch mehr Verschuldung zu bekämpfen ist verantwortungslos, weil sie nur die nächste Finanzblase nährt, die zu einem noch größeren Crash führt. Continue reading House of Debt — ein Buch von Atif Mian und Amir Sufi

Die heimliche Enteignung – Ein Buch von Michael Rasch und Michael Ferber zur Notenbankpolitik

9783898797139Über Geldpolitik der Notenbanken zu schreiben, birgt zwei Gefahren: entweder es ist zu wissenschaftlich und für die meisten Leser damit unverständlich oder das Thema wird so vereinfacht, dass es in politisch-ideologische Phraseologie ausartet. Dabei drohen uns über die Geldpolitik immense Gefahren. Umso wichtiger sind ebenso fachkundige wie verständliche Darstellungen.

Im Vorwort spricht der renommierte Rohstoff- und Börsenexperte Marc Faber gleich Klartext: Er halte es für seine Pflicht, dem Leser mitzuteilen, „dass die Förderung von Anlageblasen oder die Förderung einer Inflation der Anlagewerte das größte Verbrechen ist, das eine Notenbank begehen kann.“ Außerdem seien „Anlageblasen, die von negativen realen Zinsen begleitet werden, die perfidesten, weil ehrliche Sparer entweder Jahr für Jahr an Kaufkraft einbüßen oder geradezu von den Notenbanken zur Spekulation gezwungen werden.“

Damit ist der Boden für die Autoren Michael Rasch und Michael Ferber bereitet. Beide sind Ökonomen und arbeiten als Wirtschaftsredakteure bei der Neuen Züricher Zeitung. Unter betont liberalem bis libertärem Blickwinkel (beide sind wohl Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie) erörtern sie die Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken und ihre Folgen. In einem ersten Teil beleuchten sie die Geschichte und die Auswirkungen der expansiven Geldpolitik seit den 70er Jahren auf der makroökonomischen Ebene (Notenbankpraxis, Geldentwertungsgefahr, Umverteilung von Sparern zu Schuldnern, die Politik der finanziellen Repression); im zweiten Teil werden die Folgen und Reaktionsmöglichkeiten im Rahmen verschiedener Szenarios (Deflation, Inflation, Stagflation, Hyperinflation, „Durchwursteln“) für den Privatanleger erörtert.

Die Autoren sehen den Grund für die Finanzkrise nicht in zu freien Märkten, fehlender Regulation und Aufsicht oder der gierigen Bankenwelt; gewisse Missstände werden zwar nicht geleugnet, doch in letzter Instanz sei eine fehlgeleitete Geldpolitik der Notenbanken der Grund für die schlimmsten Finanzkrisen in den letzten Jahrzehnten. Ihre Art der Geldschöpfung und Geldmengensteuerung sei auch die Ursache für die jüngsten Blasenbildungen an den Finanzmärkten, der Vermögenspreisinflation, und der ausufernden Staatsschulden. Dabei richte sich die unheilvolle Allianz zwischen Notenbanken, Politikversagen und Geschäftsbanken gegen wesentliche Grundsätze einer soliden Ordnungspolitik und enteigne insbesondere Mittelschichten und Kleinsparer.

Was ist Geld?

Geld hat definitionsgemäß drei Hauptfunktionen: es ist Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel und ein Umrechnungsmittel. Zudem sollte es einfach transportabel sein. Vieles kann diese Funktionen erfüllen und deshalb ist Geld auch schlicht das, was wir Menschen als Geld akzeptieren: das können Muscheln, Zigaretten, Metallstangen, Gold- und Silbermünzen oder bedruckte Papierscheine sein. Ein wichtiger Unterschied ist, ob das Geld selbst einen (inneren) Wert hat (wie z.B. Goldmünzen), ob es den Umtausch in einen Referenzwert wie z.B. den Goldpreis nur verspricht oder ob es diesbezüglich gar keine Bindung hat, sondern allein deshalb funktioniert, weil es von staatlicher Seite als alleiniges Zahlungsmittel zugelassen ist und die Menschen seiner Austauschbarkeit in sämtliche andere Wirtschaftsgüter vertrauen.

Das Fiatmoney der Notenbanken

Während man sich durchaus eine staatsfreie Währung vorstellen kann, wobei sich im freien Wettbewerb einfach das als Zahlungsmittel durchsetzt, was am meisten Vertrauen bei den Menschen genießt, ist dies aktuell nur schwer vorstellbar. Heutzutage vertrauen (oder misstrauen) jedenfalls die meisten Menschen dem sog. Fiatmoney. Fiatwährungen sind an keinen Referenzwert gebunden, sondern entstehen gleichsam aus dem Nichts durch die Kreditvergabe der Geschäftsbanken in Rückbindung an die Geldausgabe der Notenbanken. Das muss kein Problem darstellen. Solange die in Umlauf gebrachte Geldmenge im Verhältnis zu den realen Wirtschaftsgütern steht, bleibt der Wert des Geldes relativ konstant. Ist zu viel Geld in Umlauf, sinken sein Wert und damit seine Kaufkraft (Inflation), ist es zu wenig, steigt seine Kaufkraft und die Waren werden relativ dazu billiger (Deflation).

Notenbanken, Konjunktur und politischen Interessen

Unterliegt die Geldwertstabilität politischen Interessen, bedeutet das zumeist, dass Geld zur Konjunkturbelebung in den Wirtschaftskreislauf gepumpt wird, um deflationäre Tendenzen abzuwenden und Arbeitslosigkeit zu senken. Damit werde versucht, „natürliche“ Konjunkturverläufe (dargestellt am Pring-Modell) zu durchbrechen, obgleich sich die Wirkungslosigkeit (zumindest auf lange Sicht) solcher Maßnahmen immer wieder zeige. Drohende Rezession werde nicht aufgehoben, allenfalls aufgeschoben. Außerdem handle es sich zumeist um ein Nachfrage- und kein Liquiditätsproblem. Umgekehrt setze ein zu niedriger Zins (im Verhältnis zur Taylor-Regel) falsche Signale und führe zu Fehlallokationen und Finanzblasen (insbesondere im Bausektor). Das alles wird sehr anschaulich und eindrücklich für die historischen Krisen und die gegenwärtige Finanzpolitik von den Autoren beschreiben.

Warum aber ist das so? Für die Autoren befindet sich die Politik in der Falle ihrer eigenen Interessen. Letztlich sehe sie sich den Steuerzahlern und Leistungsempfängern des Staates verpflichtet. Die Tatsache, dass man nicht mehr ausgeben als einnehmen kann, werde durch Aufnahme von Schulden umgangen. Damit verschaffe sie den „gegenwärtig stimmberechtigten Bürgern einen übermäßigen weil nicht erarbeiteten Konsum, der zulasten künftiger Generationen geht“. Die Schuldenwirtschaft habe immer das gleiche Muster: Erhöhung der Staatsausgaben, um zu hohe Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen, starker Anstieg der Schulden und dann entziehe sich der Staat seiner Verpflichtung, indem er die Währung schwächt oder gar zerstört.

Vier Wege aus der Finanzkrise

Aus der Verschuldungspolitik gebe es letztlich nur vier Auswege: 1. durch stärkeres Wirtschaftswachstum; 2. durch einen harten Sparkurs bei gleichzeitiger Steuererhöhung; 3. durch einen Schuldenschnitt oder im Extrem sogar den Staatsbankrott; oder 4. indem die Notenbanken mehr Geld drucken, um offene Rechnungen (alte Schulden in teurem Geld mit neuem billigen Geld) zu begleichen, was letztlich eine hohe Inflation bedeutet. Der beste Weg ist für die Autoren eine Mischung aus Sparmaßnahmen, Steuererhöhungen und Strukturreformen.  Jedoch seien hierfür die politischen Widerstände zu hoch. Einfacher ist es, die Schulden über die Geldentwertung loszuwerden.

Die Euroländer haben das besondere Problem dass ihre politischen Interessen für die Lösung der Schuldenkrise völlig divergieren. Deshalb stehe die Eurozone vor einer regelrechten Zerreißprobe zwischen Nord- und Südländern. Die ausufernden Targetsalden, der Sündenfall des Anleihekaufs durch die EZB, die dadurch bewirkte Staatsfinanzierung, der Billionen-Euro-Drei-Jahres-Tender zur Bankenrettung usw., all das bedeute letztlich der Verlust der Unabhängigkeit der Notenbank und die Abkehr von der einst gerühmten Tradition der Geldwertstabilität. Letztlich sei sie zur Geisel der Politik geworden.

Probleme der Risikoeinschätzung

Zu den stärksten Teilen des Buches gehört gerade die Darstellung der marktverfälschenden Auswirkung dieser Politik mit Konsequenzen auch für die Finanzberatung. Nullzinspolitik, Staatsfinanzierung und Geldmengenexpansion verzerren nämlich die Marktinformationen. Gängige Mittel der Portfoliotheorie und Marktanalyse führen dann in die Irre, wenn die Korrelationen und Risikosignale der Märkte verfälscht sind. Dies ist m.E. in der Finanzbranche noch viel zu wenig angekommen. Altbewährte Konzepte der Geldanlage wie Konjunkturbeobachtung, Analyse von Kennzahlen (z.B. KGV, KBV) oder der Zinsstrukturkurve, auch bestimmte Maßnahmen zur Portfoliodiversifikation zwischen Anleihen und Aktienwerten werden durch die Geldmengenexpansion und Zinsmanipulation zumindest teilweise unbrauchbar.

Wie kann der Anleger sich schützen?

Der Anleger braucht ein entsprechend flexibles Verständnis bei der Einschätzung der Finanzmärkte. Wie die Zukunft genau verlaufen wird, wissen wir nicht und hängt auch von politischen Entscheidungen ab. Deflation kann durch Inflation abgelöst werden. Für manche Staaten droht evtl. der Staatsbankrott und damit der Schuldenschnitt. Wichtig ist deshalb, welche Auswirkungen die jeweiligen Szenarios auf Finanzanlagen haben können. Dem widmet sich der zweite Buchteil.

Schrumpft die Wirtschaft (Deflation) parken die meisten das Geld auf Spar-, Tages- und Festgeldkonten. Auch eignen sich Anleihen von Staaten mit solider Haushaltspolitik und guter Bonität. Aktien- und Immobilienwerte sind dagegen klare Verlierer. Gold kann eine sinnvolle Anlage für Vermögenserhaltung sein.

Steigen die Inflationserwartungen sind dagegen eher Spar-, Fest- und Tagesgelder sowie Anleihen die Verlierer. Auch Aktienanlagen können (entgegen der Empfehlung vieler Banken) nur bedingt die Teuerung ausgleichen. Selbstgenutzte Immobilien sind dafür gerade ideale Geldanlagen. Auch Gold, andere Edelmetalle und Rohstoffe versprechen Werterhaltung.

Auch die Stagflation (kaum Wachstum bei hoher Geldentwertung), der „Albtraum“ Hyperinflation sowie ein „Durchwursteln“ ohne Eskalation werden als Szenarien besprochen. Letztlich empfehlen die Autoren wenig Neues bzw. was bessere Finanzberater immer schon geraten haben: um eine breite Diversifikation des Portfolios kommt man nicht herum, wie auch immer die Zukunft aussieht. Die Kunst liegt aktuell eher im Werterhalt als in hohen Renditeversprechen. Sehr schwierig ist die Suche nach geeigneten Anleihen. Weil auf Dividenden nicht verzichtet werden sollte, müssen Aktien trotz Volatilität dabei sein. Bei der Auswahl brächten aber Praktiken wie Market Timing und Stock Picking keine höhere Rendite. Insgesamt ist auf Gebühren und Kosten zu achten.

Fazit:

Es mag bessere Bücher über Geldanlage und substantiellere Bücher zur Notenbankpolitik geben. Auch scheint mir die Literatur zu einseitig zitiert und die vielen Redundanzen wirken störend. Wer jedoch die Geld- und Finanzpolitik unter Berücksichtigung historischer und aktueller Beispiele und ökonomisch versierter Argumentation in Auswirkung auf private Geldanlagen im Kontext gut lesbar erörtert haben möchte, der sollte dieses Buch zur Hand nehmen.

Es ist auch ein wichtiger Warnschuss an die Finanzpolitiker. Es ist eine unverstellte Stellungnahme wider den keynesianischen Mainstream antiliberaler und antimonetaristischer Volkswirtschaftler, Notenbanker und Finanzpolitiker. Es enttarnt die Mittel der Geldpolitik als kaum kontrollierbare Instrumente, welche als Lösungen der aktuellen Krise verkauft werden, obgleich sie selbst deren Ursache waren und künftig sind. Die Geldpolitik leidet in Gefälligkeit zur Konjunkturpolitik und Scheu vor strukturellen Veränderungen unter einer unverantwortlichen Hybris. Wir leben unter dem wohl größten Experiment der Finanzgeschichte, dessen Ausgang wenig Gutes verheißt.

Was kurzfristig wie Krisenbewältigung aussieht, führt mittelfristig zur politischen Abhängigkeit, wenn nicht Erpressbarkeit und langfristig zur Enteignung der Sparer, sei es schleichend durch Inflation, sei es plötzlich durch den nächsten großen Crash. Sich dagegen zu schützen ist schwierig, verlangt eine breite Streuung der Anlagen und gewiefte Flexibilität unter Anpassung an unterschiedliche Szenarios. Das ist leichter gesagt als getan.

Michael Rasch / Michael Ferber: Die heimliche Enteignung. So schützen Sie ihr Geld vor Politikern und Banken. Finanzbuch Verlag (München) 2012, 304 Seiten, 24,99 €. ISBN 978-3-89879-713-9.

Dr. Guido Kirner

Die Vereinigten Staaten von Euroland – Henrik Müllers Buch ‘Eurovision’

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Mit Euroland, also jenen europäischen Staaten, die sich zu einer Währungsunion zusammengeschlossen haben, steht es bekanntlich nicht zum Besten. Wir haben es mit einer ökonomischen und politischen Überschuldungskrise zu tun, deren Ende noch lange nicht in Sicht ist und die immer noch zur Bankrotterklärung führen kann, auch wenn manche Experten das Schlimmste für überwunden wähnen. Um so wichtiger sind konstruktive Beiträge und Lösungsansätze. Henrik Müller – promovierter Volkswirt und Redakteur des manager-magazins – bietet hierfür eine breit argumentierende und gut geschriebene Analyse.

Weite Teile des Buches widmen sich ebenso engagiert wie sachkundig der Darstellungen des Überschuldungsproblems. Besonders die Passagen zur Entstehung der Ungleichgewichte zwischen den Euroökonomien, USA, Japan und den wichtigsten Schwellenländern halte ich für sehr gelungen. Auch die Darstellung der Handlungsweise der Europäischen Zentralbank und ihres Scheiterns ist interessant. Neu war mir, dass die EZB nur die Teuerung berücksichtigt, der Geldmenge jedoch keine Aufmerksamkeit schenkt. Also auch hier kann man eine Traditionslinie zur monetaristisch agierenden Deutschen Bundesbank kaum feststellen. Diese ist inzwischen eh Makulatur.

Auf die analytischen Kapitel (Finanzkrise, Staatsschulden, Bankenkrise usw.) möchte ich hier nicht genauer eingehen. In weiten Teilen kann man ihnen zustimmen. Interessanter scheint mir der „visionäre“ Teil des Buches, immerhin lautet sein Titel ja auch Eurovision. Sicherlich ist es richtig, dass „auch Billionen von Hilfszusagen kein Vertrauen stiften können, solange dem gemeinsamen Geld das politische und ideelle Fundament fehlt und dass folglich die ökonomische Krise automatisch eine politische Krise nach sich zieht. Es fehlt einfach der gemeinsame Zukunftsentwurf.“ Welchen Entwurf also bietet Müller?

Euroland als Super-Sub-Staat

Im Pathos der Einleitung klingt er schon an. Hier häufen sich Begriffe wie  „Super-Demokratie“, „Super-Staat“, „super-nation-builiding“, „Super-Identität“. Man fragt sich alsbald: wieso sollte dem Buch etwas gelingen, was ganze Bibliotheken von europäischen Intellektuellen, was Heerscharen euroidealistischer Politiker, was eine Debatte zur Umsetzung einer europäischen Verfassung bislang nicht vermochten? Leider bleibt es in dem Buch zum Großteil bei Stichworten, deren Ausführung in keinem Verhältnis zum Geforderten stehen: der Forderung nach einer Fiskalunion, gemeinsamen EU-Steuern zwischen den Euroländern, die im Rahmen der Gesamtunion eine „Sub-Kommission als Euro-Regierung“, ein „Sub-Parlament als Unterhaus oder Konvent“, einen „Sub-Ministerrat als Oberhaus“ und einen „Sub-EuGH“ bilden sollen. Das ist alles schnell gefordert, die Umsetzung aber wenig durchdacht.

Einiges wird angedeutet: z.B. ein Verfahren zur Vermeidung großer Leistungsbilanzdifferenzen. Ist das die Umschreibung für den größten Umverteilungssozialismus seit Zusammenbruch der UdSSR? Und wieso sollte Deutschland eigentlich als einziges Land der Welt auf Wettbewerbsvorteile seiner Industrie verzichten? Oder ein gemeinsames System der Unternehmensbesteuerung. Soll das die Chancen für wirtschaftlich zurückgebliebene Staaten verhindern, Unternehmen in ihr Land zu locken? Sollen wir es also genauso mit den südlichen Euroländern machen, wie einst mit den neuen Bundesländern? Auch eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung soll es geben. Bekommt dann ein slowenischer Arbeiter mit einem Drittel des Lohnes genau so viel Arbeitslosengeld wie ein Deutscher? Die verlangte gemeinsame Finanzmarktaufsicht und Banken-Union ist ja schon bald Realität, dessen ungeachtet bleiben Zweifel, ob diese die nächste Finanzkrise richtig voraussagen oder gar verhindern wird.

Letztlich möchte Müller eine Art Wohlfahrts-Euroland nach dem Vorbild der Bundesrepublik. Er spricht zwar von der verantwortungslosen Schuldenpolitik seit den 70er Jahren; ob es einen Zusammenhang zwischen Verschuldung und Sozialstaatlichkeit gibt und ob dieser für Euroland überhaupt zu leisten wäre, wenn er schon in seinem reichsten Land die Budgets überdehnt, dieses Thema lässt er außen vor. Grundsätzlich muss man fragen: Wieso sollte auch auf europäischer Ebene funktionieren, was sogar Deutschland überfordert: die Finanzverfassung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden oder die seit Jahrzehnten geforderte große Steuerreform sind Dauerbaustellen.

Und wie soll ein europäisches Steuerwesen gelingen, wenn manche europäische Länder (wie Griechenland) noch nicht einmal ein funktionierendes Steuerwesen haben? Eine Europaregierung: Wer soll das sein? Berlusconi als Jusitizminister und Hollande als Minister für Arbeit und Soziales? Müller stellt die fehlende Europaidentität fest, fordert aber eine europäische Demokratie. Er ist sicherlich kein Feind des Wettbewerbs, fordert aber Umverteilungsinstitutionen, die diesen weitgehend verhindern. Transferzahlungen verhindern Wettbewerbsföderalismus und zementieren den Status Quo zu Gunsten der Mitglieder mit dem größten Leistungsbilanzdefizit. Auch die Forderung einer “nördlichen Vision Europas” bleibt eine Hülle. Zwar wird hierfür ein Harvard-Professor zitiert, es wird aber nicht klar, was damit gemeint ist, geschweige denn, was Südeuropäer davon halten sollen.

Jetzt einen europäischen Superstaat zu fordern, ist mehr als gewagt. Man denke an die Separationstendenzen in England, Schottland und Katalonien, an die besorgniserregenden korrupten Günstlingswirtschaften wie Zypern, Griechenland oder in Teilen Osteuropas, an die fragile Rechtsstaatlichkeit (nicht nur) in ostmitteleuropäischen Ländern. Man erinnere sich daran, dass es auch in Jahrzehnten der Europapolitik nicht gelungen ist, Vereinheitlichungen und Zentralisierungen dort vorzunehmen, wo sie wirklich wichtig gewesen wären: so gibt es keine gemeinsame europäische Sicherheitsstandards für Kernkraftwerke, keine ernstzunehmende europäische Eingreiftruppe, keine zentralisierte Abstimmung darüber, wie mit Atomwaffen im Ernstfall verfahren wird. Und jetzt solle auf einmal ein zentralisierter europäischer Superstaat alles richten? Auch das Werk einer Europäischen Verfassung war wohl das Maximum an Symbolpolitik mit einem Minimum europabürgerlichen Interesses.  Die Vereinigten Staaten von Euroland bleiben ein Trugbild, trotz oder gerade aufgrund der Schuldenkrise.

Die Schuldenvergemeinschaftung

Wie soll nun das größte Problem Europas, die immense Verschuldung gelöst werden. Müller möchte im Einklang mit einem Expertengremium einen Gemeinschaftsfonds mit einem Tilgungsplan. Damit soll die sog. Überschussverschuldung von 7,3 Billionen Euro abgebaut werden bis eine erträgliche Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Haushalten von 60 Prozent BIP erreicht ist. Doch wer zahlt hier was? Ist der Fonds die Verkleidung für die Tatsache, dass die Tilgung hauptsächlich von einigen wenigen reichen Staaten erfolgt?  Etwas später liest man: Jeder „Staat verpflichtet sich, seinen eigenen Anteil zu bedienen und zu tilgen.“ Wozu dann dieser Fonds? Doch dann kommt es: Zusätzlich „bräuchten die Problemländer Geldtransfusionen aus den europäischen Gemeinschaftskassen“.

Nun wird die Sache schon deutlicher. Es geht um einen institutionellen Verschleierungsmechanismus. Einerseits soll damit die Akzeptanz der Bürger erhöht werden, andererseits gilt es „Banken, Versicherungen und Pensionsfonds“ dazu zu zwingen, „niedrig verzinste Anleihen des Euro-Tilgungsfonds zu halten“. Offen gesagt geht es also um Folgendes: Die Bürger jener Länder, die hauptsächlich zahlen, sollen das nicht so direkt merken (deshalb der Umweg über irgendwelche Fonds, wie das ja auch beim ESM der Fall ist); überdies sollen sie über mickriger Zinsen für Zwangsstaatsanleihen bei höherer Inflation nun auch noch ganz offiziell enteignet werden. Ist das eine positive Europavision?

Selbst ein Gegner dieser Ideen muss Müller jedoch recht geben, dass dies wenigstens der offenere Weg wäre im Vergleich zu der „stillschweigenden Beistandsverpflichtung“ Deutschlands für europäische Problemstaaten. So oder so geht der Weg wohl in diese Richtung. Ob die politische Kunst Merkels langfristig zum Erfolg führt, darf man ebenfalls bezweifeln, nämlich den Druck für strukturelle Reformen und Sparhaushalte in den Euroländern aufrecht zu halten, aber dessen ungeachtet den Eindruck zu vermitteln, im Ernstfall werde Deutschland aus Nachkriegsverantwortung und Europaliebe bis zur Selbstüberforderung schon bürgen. Abgesehen davon, dass auch dieser Weg in die Irre führt, ist er immerhin eine gewisse Zeit politisch praktikabel.

Wer zahlt was?

Stellen wir doch einfach jene Frage, um die sich all diese Diskurse und Diskussionen herumdrücken: Wie verkauft man den Bürgern Deutschlands die Tatsache, dass sie für die Überschuldung sämtlicher Eurolandstaaten haften sollen, obwohl ihr Land selbst das Problem hat, seine Schulden abzubauen und dabei auch nur annähernd seine Sozialstandards aufrecht zu erhalten?

Dazu fällt mir u.a. eine Passage aus dem offenen Brief des renommierten Fondsverwalters Edouard Carmignac an den französischen Präsidenten Hollande ein. Zwar spricht er hier nur ein Teilaspekt an, der aber m.E. symptomatisch und verallgemeinerbar ist. Er schreibt: Darüber hinaus auch unsere deutschen Freunde zur Kasse bitten zu wollen, ist ein gefährliches und unüberlegtes Unterfangen. Warum sollten sie auch einem Beitrag zur Finanzierung des Ruhestands ab 60 Jahren in Frankreich zustimmen, wo doch ihr eigenes Rentenalter selbst gerade bis auf 67 Jahre angehoben wurde? Sicherlich hätte Deutschland bei einem Auseinanderfallen des Euro viel zu verlieren. Es ist politisch aber nicht vertretbar, von Deutschland eine Unterstützung für den Erhalt sozialer Errungenschaften einzufordern, welche sich das Land selbst nicht zugesteht. Zudem ist es unrealistisch zu erwarten, dass Deutschland alleine die Last eines Europa, das weit über seinen Verhältnissen lebt, tragen könnte.

Müller befindet sich sicherlich mehr auf der Linie des politischen Mainstreams als seine Kritik glauben machen möchte. Es besteht ja kein Zweifel mehr, dass Schäuble und Merkel als Erben Kohls auf die eine oder andere Weise die Vereinigten Staaten von Europa bzw. Euroland anstreben, egal was die eigene Bevölkerung davon hält. Müllers Eurolandvision überzeugen mich nicht. Seine Kritik und Einwände zur Geschichte der Schuldenpolitik ist plausibel, seine Analysen stichhaltig. Was seine Zukunftsvision anbetrifft, so fordert Müller von der Politik eine inkonsistente und folglich unglaubwürdige Steigerung ihrer Bemühungen nach dem Motto, wenn ihr schon nicht den mit dem Auto umgehen könnt, dann fahrt doch wenigstens gleich den Rennwagen. Das kann und wird nicht funktionieren.

Was wirklich Not tut

Statt einer Europavision brauchen wir eine nüchterne Bestandsaufnahme dessen, was in Europa bisher funktioniert hat und zukunftsfähig ausgebaut werden kann, eine Wertschätzung des Integrationsniveaus, hinter das nur sehr wenige wirklich zurück möchten, Institutionen, welche Eigenverantwortung fordern statt Geschäfte zu Lasten Dritter zu fördern, eine Rückbesinnung auf das Prinzip der Subsidiarität, dass die Dinge dort geregelt haben möchte, wo sie einen unmittelbaren Bezug zur Region und Kultur der Bevölkerung haben.

Die Einführung des Euro war letztlich ein idealistisch-ideologisch geleitetes politisches Experiment wider den ökonomischen und historischen Sachverstand. Es hat Europa gespalten und nicht unumkehrbar geeinigt. Ein weiteres Zwangskorsett wie das von Müller angedachte Supereuroland als Schuldenumverteilungsmaschine würde die Katastrophe nur noch verschlimmern.

Dr. Guido Kirner (Polling)

 

Henrik Müller: Eurovision. Warum ein Scheitern unserer Währung in die Katastrophe führt. Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2012, 19,99 €, ISBN 978-3-593-39685-9.

 

Eine kleine europäische Schuldenethnologie – Michael Lewis’ Buch Boomerang

Man stelle sich ein neues Fach vor: Völkerkunde für Schuldenländer. Warum das interessant ist? Weil folgende Fragen nicht ganz leicht zu beantworten sind: Wie konnte ein kleines Fischervölkchen wie Island zu einem riesigen Hedgefonds werden? Wie konnten Mönche des heiligen Berges Athos in Griechenland ein wertloses Seegrundstück gegen staatliche Immobilien im Wert von einer Milliarde Euro tauschen? Wie konnte aus dem nördlichen Armenhaus Europas Irland zunächst das zweit reichste Land der Welt werden, bevor es sich kollektiv der Schuldknechtschaft ergab? Wie konnte Deutschland in die Position geraten, auf einmal ungewollt Europa zu besitzen? Sind bankrotte Städte wie das kalifornische Valejo mit nur noch einem Angestellten, aber riesigen Pensionsverpflichtungen möglicherweise die Speerspitze kommender Allgemeinzustände?

Nachdem Michael Lewis bereits einen Bestseller (The Big Short) zur Finanzkrise geschrieben hat, begab er sich nun auf einen Streifzug durch Europa und Kalifornien, um diese Fragen zu beantworten. Er entdeckt die “Gier nach Schulden” und dringt dabei partiell bis zu den Volksseelen vor.

In Island müssen 300.000 Bürger für 70 Milliarden Euro Verlust gerade stehen (die Verluste aus privaten Devisenspekulationen und Kurseinbruch an der Börse von 85 Prozent nicht eingerechnet). Die Isländer stehen mit unglaublichen 850 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes (BIP) in der Kreide. Ein Erklärungsansatz wäre: unbegrenzter Kredit trifft auf eine intelligente junge Bevölkerung, die Beschäftigung außerhalb von Energie und Fischerei sucht und das Investmentbanking entdeckt. Die Amerikaner werden imitiert, jedoch ohne recht Ahnung vom Geschäft zu haben. Dafür kennt daheim jeder jeden und in der Vetternwirtschaft wird ein gegenseitiger Wohlstand auf dem Papier mittels Kredit erzeugt. Gleichzeitig wird es jede Warnung aufgrund eines kolonialen Komplexes (insbesondere gegenüber Dänemark) ignoriert bzw. abgetan. Interessant wird es, wo Lewis das unerklärliche Spekulantentum mit der äußerst wagemutigen Art isländischer Hochseefischerei und dem Gehabe von „Alpha-Männchen“ in Verbindung bringt.

Griechenland ist anders. Im Gegensatz zu anderen Volkswirtschaften, die von ihren Banken ruiniert wurden, schaffte es der griechische Staat seine Banken zu ruinieren. Sie mussten der Regierung 30 Milliarden Euro leihen, die dann verschwendet und veruntreut wurden. Insgesamt hat (sofern nicht weitere Löcher entdeckt werden) Hellas 830 Milliarden Euro schulden, mehr als die Hälfte davon an Pensionsverpflichtungen. Rettungspakete von 100 Milliarden Euro sind folglich eher Geste als Rettung.

Die Lohnkosten im öffentlichen Sektor hatten sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Die staatliche Eisenbahn machte 100 Millionen Umsatz, hatte aber 400 Millionen Euro Personalkosten im Jahr. Die Beispiele für Ineffizienz im staatlichen Sektor sind Legende, der Übergang von Verschwendung zu Diebstahl fließend. Eine Haushaltsbehörde gibt es nicht wirklich, Steuerbehörden dienen dazu, Steuern gegen Bestechung nicht einzutreiben. Gerichtsverfahren in Steuersachen dauern in der Regel 15 Jahre, ein funktionierendes Grundbuchsystem existiert nicht. In einer gleichsam öffentlich geförderten Epidemie des Lügens und Betrügens fehlt jegliches Vertrauen, Bürgersinn ist unmöglich, jeder verlässt sich nur auf sich und seine Familie. Die Struktur der griechischen Wirtschaft sei zwar geschlossen und kollektivistisch, jedoch herrsche ein Geist, in dem jeder auf sich allein gestellt sei und die Schuld immer beim anderen suche, kurz: es handelte sich um den totalen Zusammenbruch jeglicher Moral.

Was ist mit Irland? „In einer Zeit, in der die Kapitalisten ihr Bestes taten, um den Kapitalismus zu vernichten, zeichneten sich die irischen Banker durch besondere Zerstörungswut aus.“ Während der isländische Mann mit ausländischem  Geld auf ausländische (insbesondere britische und skandinavische) Anlagen spekulierte, verwendete der Ire das ausländische Geld, um Irland zu erobern. Irland gilt bei professionellen Kreditanalysefirmen inzwischen als Land mit der dritthöchsten Ausfallwahrscheinlichkeit und ist damit eindeutig Drittweltniveau.

Auch hier gab es einen maßlosen Bauboom. Ein Fünftel der Bevölkerung arbeitete in der Baubranche, das Baugewerbe machte fast ein Viertel des BIP aus. Der Durchschnittspreis von Eigenheimen in Dublin wuchs seit 1994 um 500 Prozent, obgleich die Mietrenditen gering waren. Die Regierung erteilte Genehmigungen für 180.000 Wohneinheiten, von denen nun über 100.000 unbewohnt herumstehen. Ganze Geisterstädte bröckeln auf der gründen Insel vor sich hin. Die irische Wirtschaft verkam zu einem riesigen Schneeballsystem. Im Unterschied zur US-Immobilienblase war das irische System noch nicht einmal durch obskure Finanzprodukte getarnt. Auch war das System nicht zynisch, denn im Gegensatz zu den Wallstreet-Größen, die für ihr Versagen auch noch Millionen-Abfindungen bekamen, blieb den irischen Kollegen nur sozial Ächtung.

Wieso gab dann die Regierung eine Staatsgarantie für die drei Hauptbanken der irischen Finanzmisere ab? Es scheint völlig unverständlich, zumal diese Banken gar kein systemisches Risiko darstellten; vielmehr wurden sie es erst, durch die Vergemeinschaftung ihrer Verluste! Privatanleger erhielten hier Geld vom Steuerzahler, die das gar nicht mehr erwarteten. Machten deutsche Banken als Gläubiger Druck?

Was ist mit Deutschland? Wer die größten Geldgeber für all diese Blasen sucht, der wird sie vor allem in den Banken dieses Landes finden. „Die Deutschen waren nicht nur die wichtigsten Gläubiger der verschiedenen abgebrannten europäischen Nationen, sie stellten außerdem deren einzige Hoffnung auf künftige Kredite dar.“ Lewis spitzt die Situation zu:

Entweder müssen die Deutschen einer gemeinsamen Haushaltspolitik mit den übrigen europäischen Nationen zustimmen, das heißt, die deutschen Bürger müssen mit ihren Steuern die griechischen Bürger alimentieren. Oder die Griechen  (…) müssen eine “Strukturreform“ durchführen und auf wunderbare Weise genau so effizient werden wie die Deutschen.

Was „ursprünglich als Mittel gedacht war, um die Deutschen in Europa zu integrieren und ihre Vorherrschaft zu verhindern, hat sich in ihr Gegenteil verkehrt. Wie man es auch dreht und wendet, die Deutschen besitzen heute Europa.“ Wollen wir das?

Was ist der Grund für das alles? Es ist die “Gier nach Schulden”. Lewis zeigt es nicht zuletzt an den kalifornischen Städten, wo mithilfe der Gewerkschaften, parteiischen Lohnschiedssprüchen und Nachahmungseffekten riesige, nicht bezahlbare Pensionsverpflichtungen für Feuerwehrleute und Polizeibeamte angehäuft wurden, so dass viele Kommunen vor dem Bankrott stehen, wenn sie es noch nicht sind. Ist das vielleicht auch unsere Zukunft, wenn wir uns übernehmen?

Zusammenfassend haben wohl eine Menge Menschen Schulden in einer Höhe aufgenommen, die nicht zurückbezahlt werden können. Sie haben dies getan weil sie jetzt Reichtum und Wohlstand simulieren wollten und für die Zukunft entweder naive Optimisten waren oder einfach Asoziale, die davon ausgingen, andere werden dafür schon aufkommen. Sie hatten wahrscheinlich sogar recht! Die Banken als Gläubiger und Kreditvermittler wurden raus gehauen und die Steuerzahler, nicht zuletzt der deutsche bleibt auf riesigen Schuldenbergen sitzen, die niemals zurückbezahlt werden können. Bei all dem Geld ging es immer nur um Wetten, nie um die Schaffung eines echten Mehrwertes.

Lewis sieht den Grund in „der Gier von Menschen, die ohne Rücksicht auf die gesamtgesellschaftlichen Folgen an sich raffen, was sie nur können, weil sie es können.“ Die eigentliche Krankheit ist kultureller Natur und verlangt Verhaltensänderungen. Wir haben die „Fähigkeit zur Selbstregulierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen verloren.“ Unsere Reptiliengehirne können mit Knappheit umgehen, nicht aber mit Überfluss.

Das schnell zu lesende Büchlein von Michael Lewis fängt in der Einleitung etwas platt an, doch sollte man durchhalten, denn es wird noch richtig gut und birgt erstaunliche Geschichten. Mögen die europäischen Staatsmänner den Nobelpreis entgegennehmen und sich ihrer Solidarität versichern, mögen die Deutschen so tun, als könnten Sie Europa, für das sie inzwischen haften, einfach zurückschenken, ich fürchte, ein Grieche oder Portugiese wird niemals ein “effizienter Deutscher” werden (und das ist auch gut so) und ein Deutscher wird niemals die ganze Zeche für Europa zahlen wollen – egal was Minister und Europapolitiker phrasenhaft-repetitiv von sich geben. Ein Masterplan für Europa ist nicht in Sicht. Es bleibt spannend, der Boomerang kommt gerade erst zurück.

Dr. Guido Kirner (Polling)

Unersättlich und unfehlbar – zwei Bücher zu Investmentbanken

Bücher zur Finanzkrise gibt es inzwischen reichlich. Wenige konnten das System von innen heraus beschreiben, d.h. insbesondere aus Sicht der großen und einst viel bewunderten amerikanischen Investmentbanken. Zwei Büchern gelingt das in besonderer Weise, jeweils aus unterschiedlicher Perspektive.

Greg Smiths Buch Die Unersättlichen ist autobiografisch. Er arbeitete 12 Jahre bei der berühmt-berüchtigten Investmentbank Goldman Sachs bevor er seine aussichtsreiche Karriere mit einem mutigen Paukenschlag, nämlich einem Artikel in der New York Times (Why I Left Goldman Sachs) beendete.

Dabei handelt es sich bei dem Buch nicht wirklich um eine Abrechnung – und genau das macht auch seinen Charme aus. Es beginnt eher mit leisen Tönen. Stolz und mit Respekt beschreibt er seinen Karriereweg bei der Bank vom Praktikanten bis zum Leiter der Abteilung US-Aktienderivate in Europa u.a. Er beschreibt die harte Selektion in der Personalrekrutierung, das Elitebewusstsein, wobei nicht nur Noten und Leistung, sondern auch Persönlichkeit und wertbezogene Integrität eine Rolle spielten. Die Umsatzzahlen waren wichtig, jedoch waren auch die Fähigkeit zum Aushängeschild, zum „Kulturträger“ der Firma zu werden, entscheidend.

Irgendwann muss die alte, legendäre Goldman-Sachs-Kultur der Gründer verloren gegangen sein. War es mit der Veränderung zur Aktiengesellschaft, nach der Dotcom-Blase, mit der neuen Führung eines Hank Paulson oder eines Blankfein, mit der Bankenkrise 2008 und der Umwandlung zur Holding? Es gibt keine eindeutige Zäsur, eher einen schleichenden Prozess. Genannt werden mal das Jahr 2005 und dann ab 2012, wo nur noch die Zyniker das Sagen haben.

Man erfährt auch etwas über die unterschiedlichen Mentalitäten zwischen den Tradern und den Sales-Leuten, wobei letztere sich noch weit mehr als Dienstleister zum Wohl des Kunden verstehen. Kunden bedeutet bei GS zumeist milliardenschwere Hedge-Fonds, Regierungen, Pensionskassen, Staatsfonds und große Aktienunternehmen.

Die Trader übernahmen das Ruder und nur noch die Provisionserlöse sog. elephant-deals zählen. Werte, Charakter, Dienst am Kunden gehen unter. Letztere, auch gerne mal intern muppets genannt,  werden ausgenommen wie Weihnachtsgänse, mit versteckten Millionengebühren in undurchschaubaren Derivaten abgezockt. Quartalsumsatz, Provisionseinnahmen und Bonikultur sind maßgeblich für Karriere. Langfristiges Denken und haltbare Kundenbeziehungen werden vernachlässigt.

Das alles ist bekannt, wurde aber bislang noch nicht eindrucksvoll von einem Insider so glaubhaft beschrieben. Auch die letzten resümierenden Seiten haben es in sich. Man kann sie noch einmal als Mahnung und dringenden Appell an die Öffentlichkeit und insbesondere die Politik verstehen, mehr zu tun, insbesondere den Eigenhandel der Banken endgültig zu verbieten, da er zu kundenfeindlichen Interessenkonflikten führt.

Das Hauptproblem heißt asymmetrische Information. Bei wem alle Deals, alle Informationen aus der Industrie und Hochfinanz, alle entscheidenden Beziehungen und Analysen aus Wirtschaft und Politik zusammenlaufen, der weiß mehr als andere, der kann diesen Informationsvorsprung nutzen, um gegen seine Kunden in die eigene Tasche zu wetten. Diese Macht muss begrenzt werden, gleichwohl die Wallstreet bereits hunderte Millionen für Lobbyarbeit ausgegeben hat, um das zu verhindern.

Sorkins Buch Die Unfehlbaren (im Original: Too big to fail) beschreibt die Welt der Investmentbanken aus einem anderen Blickwinkel. Er hat 1000 Stunden Interviews mit den wichtigsten Akteuren aus der Hochfinanz geführt, Emails und Telefonprotokolle ausgewertet und fügt alles zu einem spannenden Drehbuch um die Lehman-Pleite den Untergang bzw. die Rettung weiterer einst hochgerühmter Investment- und Großbanken (Bank of America, Barclays, Goldman Sachs, JP Morgan Chase, Lehman Brothers, China Inventment Corgoration, Korea Development Bank, Citigroup) sowie Versicherungsgesellschaften (American International Group) und Hedge- Staats- und Beteiligungsfonds (BlackRock, Blackstone Group, Greenlight Capital, J.C. Flowers & Company) zusammen.

Man spürt den Habitus der Banker im Krisenmanagement, manche bewundert man sogar teilweise, für manche bleibt nur Verachtung. Dass der sich im Dauerstress befindliche Ex-Bank-Vorstand und Finanzminister Hank Paulson bei seiner Rettungsaktion der Bankenwelt auf Kosten der Bürger einmal in den Papierkorb übergeben musste, ist vielleicht Zeichen eines ekelerregenden Gewissenskonfliktes. Ein letztes Urteil über die Hauptakteure, ob sie das richtige getan oder versagt haben, ist noch nicht gesprochen. Manchmal jedenfalls, wünscht man sich eine Kultur würde untergehen, auf dass auf deren Ruinen besseres erwachse.

Doch das ist leicht gesagt, wenn die Großmächtigen der Finanzbranche die anderen mit in den Abgrund zu ziehen drohen – too big to fail. Aber genau deshalb sollte man sie eben zerschlagen. Beide Bücher belegen – es ist noch viel zu wenig passiert. Beide Bücher sollten gelesen werden, um sich einen spannenden Einblick in diese Welt zu verschaffen.

Dr. Guido Kirner (Polling)

Greg Smith: Die Unersättlichen. Ein Goldman-Sachs-Banker rechnet ab. Rohwolt, Reinbeck 2012. 366 S. ISBN 978-3-498-06056-5, Geb. Ausg. 19,95 Euro.

Andrew Ross Sorkin: Die Unfehlbaren. Wie Banker und Politiker nach der Lehman-Pleite darum kämpften, das Finanzsystem zu retten – und sich selbst. DVA und Spiegelverlag, München 2010. 613 S. ISBN 978-3-421-04488-4. Geb. Ausg. 24,99 Euro.