ZITAT: Derivate als Feinde der Demokratie

Das folgende Zitat stammt aus einem Artikel im Handelsblatt (24./15.01.2011, S. 64) des an der amerikanischen Universität Princeton lehrenden Historikers Harold James.

ZITAT: “Die Revolution der Finanzwirtschaft, die in den letzten beiden Jahrzehnten über die Welt hinweggefegt ist, schien die Verbindung zwischen repräsentativer Regierung und öffentlicher Finanzen zu durchtrennen. Derivate und andere komplexe Finanzinstrumente schienen eine Möglichkeit zu bieten, die Verantwortung der Bürger für Ausgaben, denen sie zugestimmt haben, zu umgehen.

Diese Finanzrevolution verlief parallel zur effrektiven Entrechtung der Europäer. In den letzten 20 Jahren sah es so aus, als würde die Macht an eine technikratische Elite übertragen. Versteckte Buchführungstricks wurden von versteckten politischen Tricks begleitet. Es überrascht nicht, dass sich die Bürger über die ablehnende Legitimität von EU-Institutionen beschweren.

Die Idee, einen Teil der Staatschulden von EU-Mitgliedern in eine europäische Anleihe zu übertragen, mag rhetorisch reizvoll sein, doch wird dies nur funktionieren, wenn es eine Rückkehr zu den britischen Prinzipien von 1688 gibt: Steuerzahler überall in der EU müssen das Gefühl haben, dass sie die Kontrolle über ihre Schulden haben – und nicht für die Fehler und Betrügereien der unheilvollen Allianz aus verantwortungsloser Finanzwelt und verantwortungslosem Staat haften.”

Was ist ein Leerverkauf?

Der Wirtschaftsjournalist Rainer Hank hat in seinem eher braven Buch zur Finanzkrise – Der amerikanische Virus. Wie verhindern wir den nächsten Crash? – ein sehr schönes Kapitel zum Thema Kredit geschreiben (S. 92 ff.). An anderer Stelle (S. 127f.) finden sich eine sehr eingängige Erklärung des sog. Leerverkaufs, einem wichtigen Finanzinstrument, mit welchem sich auch bei fallenden Märkten Gewinne realisieren lassen. Da der Leerverkauf nicht ganz einfach zu verstehen ist bzw. oft recht kompliziert erklärt wird, möchte ich die Stelle (S. 127f.) hier zitieren:

“Nehmen wir an, Fritz borgt sich – gegen eine kleine Leihgebühr – bei einem Freund Hans einen Korb mit Äpfeln, läuft zum Markt und verkauft den Korb zu heutigen Marktpreisen für zehn Euro. Er macht das, weil er weiß (oder vermutet), dass am nächsten Tag die neue Ernte auf den Markt kommt und die Äpfel dann, angesichts des großen Angebots, billiger werden. Tritt seine Vermutung ein, fällt der Preis und kosten die Äpfel am folgenden Tag dann nur noch 5 Euro, kann er um den halben Preis einen Apfelkorb erstehen, die Äpfel an seinen Freund Hans zurückgeben und einen Gewinn von 5 Euro (minus der Leihgebühr) einstreichen.
Man kann sich das auch noch einen Dreh raffinierter vorstellen. In diesem Fall hat Fritz selbst gar keine Äpfel. Er verspricht nur jemanden einen Korb Äpfel für zehn Euro (den aktuellen Marktpreis), setzt aber darauf, dass der Preis fällt, und kann dann die Äpfel für weniger als zehn Euro selbst einkaufen und einen entsprechenden Gewinn kassieren. Raffiniert an dieser Strategie ist, dass Fritz allein mit seiner Ankündigung eines größeren Marktangebots gelingen könnte, den Preis zu drücken. Es ist ja nicht so, dass die Spekulanten in einer Sonderwelt außerhalb des Marktes leben. SIe selbst beeinflussen mit ihrem Verhalten, das sich aus Annahmen über die Marktentwicklung speist, den Markt. Fritz hätte in unserem Beispiel also selbst herbeigeführt, woruaf er spekuliert. Ganz schön clever.”