Finanzberatung als Glaubensfrage

Wer denkt, Finanzberatung habe mit ewigen, womöglich mathematischen Wahrheiten zu tun, deren Objektivität nur den interessenlosen Berater bei der Vermittlung seiner Empfehlungen und Produkte bedürften, der hängt einer Irrlehre an. Es gibt m.E. nur ganz wenige Wahrheiten des Wirtschaftens; und diese sind derart banal, dass sie sogar von Bankvorständen und Staatsmännern immer wieder vergessen werden.

1. Du musst mehr einnehmen als ausgeben, andernfalls bekommst du irgendwann Probleme.

2. Wer günstiger einkauft als verkauft macht Profit.

3. Es gibt keine hohe Rendite ohne entsprechendes Risiko.

4. Nur realisierte Gewinne sind echte Gewinne; alles andere sind wage Erwartungen.

5. Finanziell (jetzt) vorzusorgen ist besser als nichts zu tun. Wir wissen nicht was die Zukunft bringt.

6. Man sollte dabei nicht alles auf eine Karte setzen, sondern seine Anlagen über verschiedene Anlagenklassen streuen.

7. Man sollte die existentiellen Risiken abgesichert haben, andernfalls droht einem alles wieder zu verlieren.

Über diese „sieben Gebote“ lässt sich schwerlich streiten. Darüber hinaus wird es schon schwierig. Was das Renditeträchtigste, Profitabelste, Sicherste, Beste, Vernünftigste usw. ist, scheint mehr eine Glaubens- als eine Wissensfrage.  Die Finanzbranche im Allgemeinen sowie die volkswirtschaftlichen wie börsenorientierten Prognosen haben immer noch mehr mit der altrömischen Vogelschau, dem Runenschmeißen, dem Lesen in Eingeweiden oder Kaffeesatz bzw. dem Blick in die Kristallkugel oder einem großen Wettbüro zu tun als mit Wissenschaft. Wäre es anders, wären wir entweder alle reich bzw. arm.

Die  Finanzbranche treibt jedes Jahr eine neue Sau durchs Dorf (dieses Jahr sind es bezeichnenderweise sog. Garantieprodukte). Schließlich muss verkauft werden: einmal sind es besondere Fonds, dann Zertifikate, dann Indexprodukte, dann sind es Riester, Fondsriester, Wohn-Riester oder eine Rüruprente; dann ist es Diversifikation nach vermeintlich wissenschaftlich fundierten Anlagegrundsätzen, dann soll lieber auf gewisse Märkte setzen, um Chancen nicht zu verpassen. Einmal wird behauptet, nur Direktversicherungen und nur Direktbanken werden sich durchsetzen, andere schwören auf kundennahe zeitintensive Beratung. Einige meinen, nur Honorarberatung mache Sinn, lassen sich aber bei der womöglich zweitgrößten Investition ihres Lebens (nach dem Haus), nämlich beim Autokauf auch nicht gegen Honorar beraten. Die einen finden Bausparer gut, die anderen verachten sie. Die einen hassen Versicherungen, die anderen haben zu viel davon. Manche hassen sie und haben trotzdem zu viel davon. Die einen meinen, nur die eigene Immobilie zählt, die anderen sehen darin ein sog. Klumpenrisiko mit der Neigung zum Kostenfresser.

Die Finanzjournalisten sind nicht besser; sie müssen ja etwas schreiben.  Die einen sind bessere Marktschreier, die anderen nennen sich Verbrauchschützer. Wer prüft eigentlich mal die Empfehlungen der Zeitschrift Finanztest über die letzten zwanzig Jahre und was dabei herausgekommen wäre, hätte man darauf vertraut? Einer der redlichsten in diesem Bereich schreibt jeden Samstag in der FAZ zum Thema private Vorsorge und nennt sich Finanzanalytiker. Er stellt immer sehr schlaue Betrachtungen und Vergleichsrechnungen mit Bar- und Endwerten an. Auch seine Betrachtungen sind aber nur so gut, wie seine Zinsunterstellungen für die Zukunft; und seine Produktkenntnisse erschöpfen sich zumeist in dem Verweis auf einen Direktversicherer in Saarbrücken.

Ich habe seine Artikel über mehrere Jahre gesammelt, eifrig gelesen und in meinem Archiv abgelegt. Ein Archiv ist wirklich eine gute Sache; es zeigt die Vergänglichkeit von Wissen. Was wurde da nicht alles behauptet und geschrieben. Ob eine Sache für gut oder schlecht gehalten wird ist oft nur eine Frage der Zeit. Ein schlechtes Gedächtnis half schon immer bei der Selbstüberschätzung.

Deshalb meine These: Finanzberatung ist zumeist die Vermittlung der passenden Religion zum entsprechenden Glauben des Kunden. Der Zeitpunkt (Hausse, Baisse) ist wichtig, die Mission schwierig, die Unwissenheit groß, aber der Glaube versetzt bekanntlich Berge – oder wird enttäuscht. Woran erkennen wir nun die Heilsbotschaft der Finanzen, die uns begeistert?

Möglicherweise gerade in den Grenzen unseres Wissen. In der Aufrichtigkeit des Nichtwissens. In einer neuen Bescheidenheit in der Voraussage. In der Einfachheit der Botschaft. Kennen Sie den Unterschied zwischen Zertifikat und Fonds. Wissen Sie tatsächlich, wie die Garantie ihrer Lebensversicherung funktioniert? Sind Aktien Sachwerte? Haben Sie die Bilanz der Aktiengesellschaft und ihr Geschäftsmodell überprüft, von der sie einen Antiel gekauft haben? Glauben sie immer noch, Staatsanleihen sind eine sichere Anlage?  Haben sie den Fall der Mauer vorausgesehen? Haben Sie die Entwicklung Chinas kommen sehen? Sie glauben an den Nikolaus und Investmentbanken? Haben sie wirklich einen guten Berater?

Jedem das seine. Nur wer meint, die oben genannten „Wahrheiten“ seien veraltet, der ist womöglich für einige Zeit ein Star der Finanzbranche, der Mitarbeiter an der nächsten Finanzblase, ein Börsenguru, ein Vertriebsgenie oder was auch immer, auf lange Sicht – und es reden ja alle von Nachhaltigkeit – ein Idiot bzw. Scharlatan, egal wie viel Geld er in der Zwischenzeit am Glauben und auf Kosten anderer verdient hat.

Dr. Guido Kirner

 

Was ist vom “wissenschaftlichen” Depotcheck zu halten?

Was ist davon zu halten, wenn Finanzvertriebe, Banken oder Medien dazu aufrufen, sein Depot nach wissenschaftlichen Methoden „checken” zu lassen. Eine unabhängige Beratungsfirma für Investments würde dann ihre Investitionsentscheidungen prüfen und Ihnen das Resultat mitteilen. Kann das funktionieren?

Zunächst einmal sollten Sie misstrauisch sein, ihre Vermögensverhältnisse und damit schutzrelevante Daten irgendwelchen Menschen anzuvertrauen, die sich nicht kennen. Sofern Ihr Name und Adressen erfragt werden, sollten Sie überlegen, ob es sich hier nicht einfach um „Adressenfang” handelt, d.h. eine Firma erhält über den Fernsehsender eine Menge Anschriften, Mails oder Telefonnummern, die als potentielle Kunden wahrgenommen werden.

Depot-Analyse

Wenn Sie aber ihre Depotdaten eingesendet haben, was passiert dann damit? Offen gesagt ich weiß es nicht; der gesunde Menschenverstand sagt mir aber folgendes: Bestenfalls erhalten Sie irgendwann einen schicken Ausdruck mit Begriffen aus dem us-amerikanischem Bankerslang, Kurven und Bildchen, aus dem hervorgeht, dass Sie nicht das optimale Risiko-Rendite-Verhältnis haben. Möglicherweise wird ihnen erklärt, dass Sie Ihr Depot nach den wissenschaftlichen Methoden der Portfoliotheorie des Nobelpreisträgers Harry M. Markowitz(1) ausrichten sollten. Vielleicht sind Sie nun beeindruckt, fühlen sich als Laie und vereinbaren einen Termin.

Markovitz

Spätestens wenn dieser Name Markovitz mit gewichtigem Ton und hochgezogenen Augenbrauen des Beraters ins Spiel gebracht wird, um Sie zu beeindrucken, sollten Sie sich den Spaß gönnen und folgendes tun. Freuen Sie sich darüber, dass endlich jemand wissenschaftlich an das Thema geht und dazu noch mit einem Nobelpreisträger im Hintergrund. Bitten Sie ihn, alle Aktien und alle Werte in den Fonds zu analysieren und ausrechnen, wie es besser gemacht werden sollte, um das optimale Rendite-Risiko zu erhalten. Dazu solle er die möglichen Kapitalwerte aller Teilprojekte in ihrem Erwartungswert und Standardabweichung ermitteln. Dann würde Sie gerne wissen, welche Risikominimierung sich über den Diversifikationseffekt der projektspezifischen Kennzahlen erreichen ließe. Dabei soll er ihnen die informatorischen Voraussetzungen für Sigma als Risikoindikator erläutern.

Sie haben nichts verstanden? Macht nichts. In 99 % der Fälle hat ihr Berater auch nichts verstanden und wird in Zukunft vorsichtiger mit Namen um sich schmeißen, von deren Theorie er auch nichts versteht. Ist der Berater schlagfertig, wird er darauf verweisen, dass diese komplexen Berechnungen sich in der Kürze der Zeit heute nur noch mit dem Computer simulieren lassen und genau das habe er vor.  Dann liegt der Balls wieder bei ihnen. Jetzt stellt sich heraus ob Sie naiv wissenschaftsgläubig sind oder ob ihren Berater einfach nur aus anderen Gründen sympathisch und vertrauenswürdig finden. Vielleicht können Sie Ihn noch fragen, weshalb trotz dieser Theorie so viele Verluste ganz großer Experten nicht verhindert werden konnten.

Ferner sollten Sie wissen: Markovitz hat sein eigenes Geld angeblich auch nicht nach seiner eigenen Theorie angelegt. Der Informations- und Berechnungsaufwand war vor dem Computerzeitalter dazu auch viel zu hoch. Er gebrauchte die 1:N-Methode, d.h. ganz einfach: Verteile dein Geld gleichmäßig auf jeden von N Fonds. Hierbei kann ihnen auch heute noch ein guter Berater behilflich sein. Sie sollten zusammen mit ihrem Berater die Schwankungsbreiten der Börsenkurse verschiedener Anlageklassen, den zeitlichen Anlagehorizont ihres Investmentvorhabens auf ihre Risikoneigung und persönlichen Lebensumstände abstimmen. Ein guter Berater wird Ihnen immer auch die Frage stellen, mit welchen Verlusten sie noch gut schlafen können.

Was Sie aber ganz bestimmt nicht brauchen, ist eine Massenanalyse von Depots über einen Fernsehsender nach vermeintlich aktuellen wissenschaftlichen Methoden.

(1)Markovitz, Harry M. (1952): Portfolio Selection; Journal of Finance, Vol. 7, S. 77-91; ders. (1959) Portfolio Selection, New Haven / London.

Dr. Guido Kirner, Finanzplaner & Versicherungsmakler, Weilheim i.OB

Verbraucherschutz in der Finanzdienstleistung. 10 Fragen und Antworten helfen Kunden mehr als 100 Paragrafen

Die Qualität der Finanzberatung hängt letztlich von der Qualität des Beraters ab. Auf welche Weise er Sie beraten wird hängt ab von seiner Kompetenz, seinem Charakter und seiner Persönlichkeit. In allen Branchen gibt es gute und schlechte Berater. Richtig ist aber auch: viel hängt von den Strukturen ab, wie unabhängig und kompetent er überhaupt für Sie arbeiten kann bzw. darf. Die Wahrscheinlichkeit auf einen guten Berater zu treffen wächst unter bestimmten strukturellen Voraussetzungen.

Zurecht werden deshalb im Rahmen des Verbraucherschutzes die strukturellen Voraussetzungen von fairer Finanzberatung diskutiert. In jüngster Zeit wurde das Thema auf die Gegenüberstellung von Provisionsberatung versus Honorarberatung verkürzt. Nicht selten werden dabei Besitzstände von Verbänden und Einflussgruppen verteidigt. Der “Verbraucher” gerät dabei aus dem Blickfeld. Wem es tatsächlich um den Verbraucher geht, der sollte dafür sorgen, dass er sich überhaupt ein Bild machen und selbst entscheiden kann, was für ihn das Beste ist. Alles andere sind obrigkeitsstaatliche Hanswurstiaden mit wenig Praxisrelevanz. Dabei wird noch die beste Absicht in schlechte Gesetze gegossen, der Verbraucher mit noch mehr unverständlichem Papier überschüttet.

Dabei kann Verbraucherschutz so einfach sein!

Jeder Interessent braucht sich nur 10 Fragen von seinem Finanzdienstleister beantworten lassen. Mit ein wenig Branchenkenntnissen und gesundem Menschenverstand weiß er besser, woran er mit seinem Berater ist. Continue reading Verbraucherschutz in der Finanzdienstleistung. 10 Fragen und Antworten helfen Kunden mehr als 100 Paragrafen