Der Odysseus-Komplex. Ein Buch von Johannes Becker und Clemens Fuest zur Eurokrise

 

Die Währungsunion ist ein großer Irrtum, ein abenteuerliches, waghalsiges und verfehltes Ziel, das Europa nicht eint, sondern spaltet.“ (Ralf Dahrendorf 1995)

Johannes Becker und Clemens Fuest sind keine Eurogegner. Zwar haben die beiden Ökonomen gewichtige Einwände gegen diesen suboptimalen Währungsraum, doch zum einen kann man den Euro nicht mehr so einfach abschaffen, zum anderen wollen die meisten Bürger nicht mehr zu ihren nationalen Währungen zurückkehren.

Die Autoren sehen aber eine fatale Prozesshaftigkeit innerhalb der europäischen Institutionen am Werk. Geschuldet ist sie einer Verfasstheit, die den nationalen Akteuren große Entscheidungsspielräume lässt, ohne dass sie zur Übernahme von Verantwortung bei unpopulären Maßnahmen bereit wären. So steckt die Eurozone in einer Art strukturellen Sackgasse fest.

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Wir sind nicht das Volk

Hört man unseren Politikern im Fernsehen zu, bekommt man den Eindruck, sie verlieren sich in der Welt ihrer veralteten Sprachgewohnheiten. Ihre phrasenhaften Wortkaskaden machen es nicht einfacher, ihren Ausführungen zu glauben. Im Gegenteil.

In der letzten Sendung von hart aber fair fand ich es erstmals faszinierender, die Gesichter des Publikums zu betrachten als den Ausführungen der prominenten Gäste zu lauschen.

Es hatte etwas Beklemmendes. Da wurde sich in gewohnter Talkshowmanier ereifert und die Zuschauer waren gebannt entsetzt über das Schauspiel. Sie wirkten wie Kinder, die sich aufgrund widriger Umstände plötzlich der Willkür einer neuen Stiefmutter ausgesetzt sehen, die ihre Zukunftschancen verfrühstückt.

Nebenbei entstand der Eindruck, die lieben Volksvertreter waren sich noch nicht mal einig, worüber sie tatsächlich im Rahmen neuer institutionalisierter Bürgschaften für überschuldete europäische Staaten abstimmen werden.

Auch wenn das nur ein singulärer Eindruck und eine Momentaufnahme war, ich glaube es spiegelt etwas von dem Unbehagen wieder, das Bürger in Deutschland inzwischen empfinden: Es gibt eine Beamten-, Politiker und Expertenkaste, die sich im Rahmen der europäischen und nationalstaatlichen Institutionen zu einer veritablen Oligarchie gemausert hat, die kaum mehr rückgebunden ist an die veritablen Sorgen und Ängste der Bürger. Schlimmer noch: sie glauben nicht mehr daran, dass jene ihre Interessen vertreten, allenfalls ihre eigenen.

Nach einer Immobilienkrise, einer Bankenkrise, einer Staatsschuldenkrise und einer Eurokrise bekommen wir eine weitere dazu. Diese kommt leiser daher, schleicht sich ein, verbreitet sich seit Jahren und man weiß noch nicht, was daraus wird. Das macht sie um so gefährlicher. Wir haben eine Legitimationskrise der herrschenden Pseudoeliten.

Dr. Guido Kirner