Warum gibt es keinen Wettbewerb der Verlustvermeidung?

Wieder einmal hat es ein junger Händler einer renommierten Geschäftsbank geschafft, einen Milliardenbetrag zu vernichten. Der 31jährige Adoboli arbeitete in der Londoner Investmentabteilung der Schweizer Großbank UBS und verspekulierte ca. 2.000.000.000 Euro mit dem sog. Delta-One-Handel.

Im Jahr 2008 schaffte es der Händler Kerviel damit Verluste von 4,8 Mrd. für die französische Société Générale zu erzeugen. Beide Banken werden den Milliardenverlust verkraften. Der vornehmen Bank Barings gelang dies Mitte der 90er Jahre nicht. Der 27jährige Nick Leesen ruinierte durch seine Spekulationen die älteste britische Handelsbank, die im 18. Jahrhundert gegründet worden war. Von wie vielen Vorfällen erfahren wir nichts, weil es dem Ruf der Bank nicht gerade einträglich ist?

So wenig wie Kriminelle für die Menschheit stehen, so wenig darf man betrügerische Derivatehändler über einen Kamm scheren und mit allen Investmentbankern gleichsetzen. Dessen ungeachtet können diese Vorfälle als Warnungen wahrgenommen werden, dass bei der Regulierung des Bankwesens nur Alibireformen stattgefunden haben.

Es sind keine Stalinisten mehr, welche die Zerschlagung von Großbanken fordern, sondern seriöse und unabhängige Finanzexperten wie Roubini. Damit die Finanzspekulationen nicht die Realwirtschaft bzw. ganze Volkswirtschaften ruinieren, wäre es längst notwendig, das Investmentbanking strikt von den anderen Banksparten zu trennen.

Ferner muss der Eigenhandel der Banken endgültig abgeschafft, derivative Hebelprodukte verboten und Handel auf Pump unterbunden werden. Jeder darf so viel Geld verspielen, wie er möchte, er sollte es nur mit seinen eigenen Mitteln tun und dafür im schlimmsten Fall voll haften. Es ist schön zu hören, dass 80% der Gewinne in den Investmentabteilungen der Banken erwirtschaftet werden. Wie viel von den Verlusten werden ebenfalls dort produziert und wer kommt dann dafür auf?

Das einzige Argument, das vermeintlich gegen strikte und wirksame Reformen spricht, ist dasjenige, dass wer damit anfängt, angeblich seinen Finanzstandort ruiniert. Ferner wandere dann der ganze Spuk nur in eine andere Region ab. Soll er doch. Irland und England stünden heute damit wahrscheinlich besser da.

Schließlich ließe sich entgegnen, dass es nicht nur einen Wettbewerb und Belohnung im Gewinnstreben geben darf, sondern auch ein Wettbewerb in der Verlustvermeidung. Ein guter Standort sorgt regulativ für beides. Auch die Anreizsysteme für die Händler sollten dementsprechend andere sein. Dies wird noch zu wenig bedacht, obgleich die Warnsignale schon längst überall auf Rot stehen.

Dr. Guido Kirner

ZITAT: Derivate als Feinde der Demokratie

Das folgende Zitat stammt aus einem Artikel im Handelsblatt (24./15.01.2011, S. 64) des an der amerikanischen Universität Princeton lehrenden Historikers Harold James.

ZITAT: “Die Revolution der Finanzwirtschaft, die in den letzten beiden Jahrzehnten über die Welt hinweggefegt ist, schien die Verbindung zwischen repräsentativer Regierung und öffentlicher Finanzen zu durchtrennen. Derivate und andere komplexe Finanzinstrumente schienen eine Möglichkeit zu bieten, die Verantwortung der Bürger für Ausgaben, denen sie zugestimmt haben, zu umgehen.

Diese Finanzrevolution verlief parallel zur effrektiven Entrechtung der Europäer. In den letzten 20 Jahren sah es so aus, als würde die Macht an eine technikratische Elite übertragen. Versteckte Buchführungstricks wurden von versteckten politischen Tricks begleitet. Es überrascht nicht, dass sich die Bürger über die ablehnende Legitimität von EU-Institutionen beschweren.

Die Idee, einen Teil der Staatschulden von EU-Mitgliedern in eine europäische Anleihe zu übertragen, mag rhetorisch reizvoll sein, doch wird dies nur funktionieren, wenn es eine Rückkehr zu den britischen Prinzipien von 1688 gibt: Steuerzahler überall in der EU müssen das Gefühl haben, dass sie die Kontrolle über ihre Schulden haben – und nicht für die Fehler und Betrügereien der unheilvollen Allianz aus verantwortungsloser Finanzwelt und verantwortungslosem Staat haften.”

Finanzkrise und Leverage-Effekt

Viel wird immer noch von der Bankenkrise bzw. Finanzkrise gesprochen. Ihre Folgen sind noch lange nicht behoben. Wer zum Kern vieler Spekulationsdesaster vordringen möchte, der braucht eine Antwort auf die Frage, weshalb es so verlockend ist, mit Fremdkapital – also geliehenem Geld – zu arbeiten. Dahinter steckt zunächst ein völlig normaler Vorgang unseres Wirtschaftskreislaufes. Jeder Unternehmer leiht sich irgendwann  Geld in der Erwartung mit diesem Geld mehr zu verdienen, als er für das Ausleihen bezahlen muss. Dies ist die Banalität des Kapitalismus. Etwas anderes ist es, wenn diese Einstellung ins Extrem getrieben wird, und die Verschuldung nicht aus Notwendigkeit der Unternehmensfinanzierung, sondern zum Spekulationszweck schlechthin wird.

Die Grundüberlegung ist einfach: Wenn ich mit jedem geliehenen Euro mehr Gewinn erwirtschafte (Zins, Rendite) als ich für das Ausleihen dieser Euros zahlen muss (Schuldzins), so mache ich mit jedem geliehenen Euro Gewinn. Je mehr Geld ich mir also leihe, desto mehr Gewinn mache ich auf das eingesetzte Kapital. Man hat hier eine HEBELWIRKUNG mittels Verschuldungsgrad, denn je höher die Verschuldung, desto größer wird der Gewinn. Das ist laienhaft  aber verständlich ausgedrückt, was man im Fachjargon den Leverage-Effekt nennt. Er drückt sich in folgender Formel aus:

EKR = GKR + (GKR – FKR) x V

EKR = Eigenkapitalrendite
GKR = Gesamtkapitalrendite
FKR = Fremdkapitalrendite bzw. Fremdkapitalzins
V = Verschuldungsgrad, d.h. Fremdkapital : Eigenkapital

Der Schuss kann allerdings auch nach hinten losgehen (negativer Leverage Effekt), wenn z.B. die Kosten (Zinsen) auf das geliehene Kapital steigen. Die Hebelwirkung für die Eigenkapitalrendite ist nämlich nur positiv, solange zwischen Gesamtkapitalrendite und Fremdkapitalzins eine positive Differenz versteht. Andernfalls mache ich mit jedem geliehenen Euro Verluste und auch hier wirkt der Hebel. Die finanzielle Existenz ist bedroht, wenn die daraus entstehenden Verluste nicht mehr aufgefangen werden können. Das Problem bei der Spekulation besteht nun, dass keiner so recht weiß, wie sich die Zinskosten im Verhältnis zu den Renditeerwartungen entwickeln.

Zur Finanzkatastrophe kommt es, wenn massenweise zwei Erwartungen enttäuscht werden: die Finanzierungskosten des Fremdkapitals bleiben dauerhaft gering und die Spekulationsobjekte werfen dauerhaft eine hohe Renditen ab. Der Optimismus ist hier Programm und die Neigung zum Risiko nimmt bekanntlich zu, je länger diese Erwartungen nicht enttäuscht werden, weil jeder etwas von dem Renditekuchen abhaben möchte.

Dreht sich das Verhältnis allerdings um, kommt es zu Massenpleiten, wie z.B. auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Bis dahin wäre es nur ein amerikanisches Problem. Doch die Spirale dreht sich weiter. Nicht nur die Renditeerwartung der Immobilien wurde enttäuscht, weil die Kreditzinsen stiegen (die von der FED künstlich niedrig gehalten wurden); auch die Renditeerwartung auf Finanzprodukte wurde enttäuscht, in denen diese Immobilienkredite (und andere Kredite) in Derivaten verbrieft und weltweit erfolgreich weiterverkauft wurden. Zur Kettenreaktion kam es, weil diese Verbriefungen immer wieder neu kombiniert in neue Finanzprodukte gepackt und weiterverkauft wurden. Es wird nun niemand wundern: zumeist kauften diese Abnehmer, d.h. Banken und in Deutschland besonders die Landesbanken, diese Derivate mit geliehenem Geld. Das Versagen der Ratingagenturen und Risikoabteilungen in der Einschätzung dieser Produkte ist bis heute unerfindlich.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass für alle Finanzinstitutionen (nicht nur für Banken, auch für Hedgefonds u.ä.) die Eigenkapitalanforderungen auf die eingegangenen Risiken international gesetzlich strenger gehandhabt werden. Ferner darf die Derivatebranche nicht mehr als Avantgarde des Laissez-faire behandelt werden. Andernfalls hat Kurt Tucholsky recht, jede Wirtschaft beruhe auf dem „Kreditsystem, das heißt, auf der irrtümlichen Annahme, der andere werde gepumptes Geld zurückzahlen.”  Wer wird die Schulden aus der Finanzkrise zurückzahlen? Die Volkswirtschaft sollte keine „Gesellschaft mit unbeschränkter Haftung” für Schäden sein, die letztlich das Resultat einer zu optimistischen Renditegier mit dem Geld anderer Leute einiger Institutionen ist.

Autor: Dr. Guido Kirner, Finanzplaner & Versicherungsmakler, Weilheim i.OB

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