Goldstandard vs Fiatgeld – Bücher von Steve Forbes und James Rickards

Wenn sich die Wirtschaft mit einer Erweiterung der Geldbasis in Schwung halten ließe, müsste Simbabwe das reichste Land der Welt sein. (S. Forbes)

Man stelle sich die Frage, wie der Wohlstand einer Gesellschaft entsteht: durch international wettbewerbsfähige Unternehmen, mäßige Steuern, Innovationfreude, ausreichend Realzinsen und stabile Währungsverhältnisse? Oder durch manipulierte Zinskurven, Nullzinspolitik, Abwertungen, unbegrenzte Geldvermehrung durch die Notenbanken und staatliche Konjunkturprogramme? Die Antwort dürfte klar sein.

Ein Einwand könnte sein, dass sich die Alternative so nicht stelle, da letzteres allenfalls eine staatliche Ergänzung von ersterem sein könne. Aber ist das so? Aktuell wird einem diese Alternative geradezu aufgezwungen. Es ist ein Konflikt zwischen Wirtschaftsideologien, der das Potential hat, zu der Kampfarena künftiger Finanz- und Währungspolitik zu werden. Im Euroraum macht er selbst vor den Mitgliedern der EZB nicht halt und gewinnt an Schärfe.

Die Notenbanken haben seit der Finanzkrise 2008 nicht nur ihre Bilanzsumme aufgebläht, sondern auch einen ungeheuren Machtzuwachs erfahren. Je mehr sich aber ihre konjunkturellen Not- und Rettungsmaßnahmen (z.B. Quantitative Easing, Operation Twist, OMT) perpetuieren, ohne die eigentlichen strukturellen Probleme der angeschlagenen Wirtschaftsräume und ihrer Banken zu lösen, desto lauter werden die Rufer in der Wüste.

Zur Stützung maroder Geschäftsbanken und überschuldeter Staaten sind die Notenbanken im Rettungsaktionismus zu übermächtigen Institutionen geworden. Über ihre Hybris beim Gelddrucken können Menschen mit gesundem Menschenverstand nur den Kopf schütteln. Wie lange kann das wohl noch gut gehen? In den USA hat die Gegnerschaft zur Zentralbank (Fed) eine längere Tradition. Hier möchte ich zwei amerikanische Autoren vorstellen, die sich mit ihren aktuellen Büchern jeweils in diese Kritik einreihen.

Steve Forbes, Verleger, Geschäftsmann und Chefredakteur des Forbes-Magazine, ist vor allem durch seine jährlich veröffentlichte Liste der reichsten Erdbewohner berühmt. James Rickards ist Rechtsanwalt, Berater von Investmentbanken und Regierungsinstitutionen und hat bereits mit seinem Buch Currency Wars Aufsehen erregt. Der Grundtenor ihrer Bücher ist ähnlich. Continue reading Goldstandard vs Fiatgeld — Bücher von Steve Forbes und James Rickards

Des Bankers Neue Kleider – ein wichtiges Buch von Anat Admati u. Martin Hellwig zur fragilen Bankenwelt

978-3-89879-825-9Aktuell steigen die Bankenkurse an den Börsen, auch weil bekannt wurde, dass die Verschuldungsregeln von Aufsichtsgremien lax gehandhabt werden (vgl. FAZ 14.01.2014, S. 17). Und Ein Kursfeuerwerk ist nicht unbedingt der Ausweis volkswirtschaftlicher Vernunft. Banken bleiben gefährliche Institutionen, zumal viele immer noch mit über 95 Prozent Fremdkapital arbeiten. Einerseits sind ihre Dienstleistungen unersetzlich, andererseits haben sie das Potential ganze Volkswirtschaften zu ruinieren. Das hat die jüngste Banken- und Finanzkrise (2007-2009) gezeigt. Nicht zu leugnen ist dabei ein Interessenskonflikt: Das Interesse der Banken liegt in der kurzfristigen Gewinnmaximierung, wobei die Haftung und Verantwortung für untragbare Kreditausfälle oder Spekulationsverluste auf die Allgemeinheit abgewälzt werden; das Interesse der Gesellschaft, d.h. der steuerzahlenden Bürger und ihrer nachkommenden Generationen, liegt hingegen in einem langfristig stabilen Finanzsystem, das möglichst keine Kosten verursacht. Beides lässt sich nicht in Einklang bringen und regelt sich auch nicht über den marktwirtschaftlichen Wettbewerb.

Kaum eine Lobby ist so erfolgreich wie jene der Banken. Das liegt an einer vielfältigen Verquickung zwischen Politik und Hochfinanz: dem sog. Drehtüreffekt bei Karrieren, bedeutenden Wahlkampfspenden sowie – und das ist wesentlich – der wechselseitigen Abhängigkeit bei politischen Finanzierungsprojekten (Staatsverschuldung). Die Geschichte der Bankenregulierung ist voll von Regeln und Gesetzen, die die Banken zur Finanzierung von politisch gewollten Aktivitäten anhalten, vor allem auch zur Finanzierung des Staates. Schließlich wirken die geschürten Ängste von vermeintlichen Standortnachteilen der Bankenbranche. Mehr als Lippenbekenntnisse sind von Politikern also kaum zu erwarten und ihre bürokratischen Scheinüberwachungsmaßnahmen haben eher beruhigende Alibifunktion für Wähler denn Kontrolleffekte für Finanzinstitutionen. Da bleibt womöglich nur Überzeugungsarbeit in der Hoffnung, die besseren Argumente mögen sich doch noch gegen die Bankenlobby und ihren Nachrednern in Politik und Medien durchsetzen. Das Buch Des Bankers neue Kleider der Finanzwissenschaftler Anat Admati und Martin Hellwig bietet hierfür Aufklärung im besten Sinne; ihre Ausführungen sind allgemein verständlich, anschaulich und überzeugend, dabei empirisch und wissenschaftlich fundiert. Continue reading Des Bankers Neue Kleider – ein wichtiges Buch von Anat Admati u. Martin Hellwig zur fragilen Bankenwelt

Knappheit – Ein Buch über etwas, das uns alle irgendwie betrifft

9783593396774 “Der Mensch ist umso reicher, je mehr Dinge er liegen lassen kann.” (Henry David Thoreau)

Jeder kennt Mangel, sei es an Zeit, Geld oder Raum usw. Eine Wissenschaft gründet ganz besonders auf dieser anthropologischen Grundkonstante: der methodische Umgang mit knappen Ressourcen gebar den Geist der Ökonomie. Doch dessen Menschenbild vom stets rational zu seinem eigenen Nutzen bzw. Vorteil handelnden Menschen stieß und stößt an Grenzen.

Deshalb widmeten sich Sendhil Mullainathan (Professor in Harvard für Verhaltensökonomie) und Eldar Shafir  (Professor in Princeton für Psychologie) dem menschlichen Umgang mit Knappheit von einer anderen Warte. Was macht Knappheit tatsächlich mit uns, wie verändert es unsere Denk- und Verhaltensweisen?

Knappheit kann verstanden werden als „die Meinung, weniger zu haben als man braucht“. Die Autoren vertreten folgende These: „Knappheit ist nicht nur materieller Mangel, Knappheit richtet auch etwas mit den Köpfen an. Wenn Knappheit unsere Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt, ändert sich unser Denken, sei es auf der Ebene von Millisekunden, von Stunden, Tagen oder Wochen. Indem, die Knappheit in unserem Denken ganz oben steht, beeinflusst sie, was wir wahrnehmen, wie wir unsere Möglichkeiten abwägen, wie wir nachdenken und schließlich auch, wie wir entscheiden und wie wir uns verhalten. Wenn wir von Knappheit bestimmt sind, verkörpern, bewältigen und erledigen wir die Probleme anders.“

Damit wenden sich die Autoren explizit gegen ein liberales Credo der stets gegebenen Wahlfreiheit. Bei stark empfundener Knappheit haben wir keine (ganz) freie Wahl mehr: „Wir können die geistige Kapazität oder Brandbreite unseres Denkens direkt messen. Wir können die fluide Intelligenz messen, eine wesentliche Ressource, die darüber entscheidet wie wir Informationen verarbeiten und Entscheidungen treffen. Wir können die Handlungskontrolle messen, eine Ressource, die unsere Impulsivität beeinflusst. Unserer Ansicht nach reduziert Knappheit alle diese Komponenten unserer Bandbreite. Knappheit macht uns weniger einfühlsam und verständnisvoll, wir denken weniger voraus und handeln unkontrollierter.“

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Wohlfahrtsstaat und Freiheit – ein Buch von Gerd Habermann

978-3-89879-800-6Gerd Habermanns Buch über den Wohlfahrtsstaat ist nunmehr in der dritten Auflage neu erschienen. Das lässt aufhorchen, scheint es doch ein gewisses Interesse am Liberalismus zu geben. Denn sein Thema ist weniger der Wohlfahrtstaat als solcher, sondern die Auseinandersetzung des Liberalismus mit seiner Tradition und Entwicklung seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert.

Bücher über freiheitliches politisches Denken haben fast schon etwas Nostalgisches. Als politische Einstellung in Reinform ist er nur noch in aussterbenden Milieus auffindbar. Als parteipolitische Organisation ist er bis zur Farce verkommen. Als Grundbedingung für einen freiheitlichen Rechtsstaat schmücken sich gerne andere mit seinen Erfolgen. In der zeitgenössischen politischen Rhetorik gerät er leicht unter die Hegemonie des Sozialen und Umweltbewussten. So stellt sich die Frage, aus welchen Quellen kann der Liberalismus heute überhaupt noch schöpfen und inspirieren?

Sein historischer Werdegang seit Auflehnung gegen den absolutistischen Obrigkeitsstaat Ende des 18. Jahrhunderts über den Vormärz, die 48er Revolution und die Paulskirchenverfassung ist eben so heroisch wie sein Niedergang seit der Bismarckära tragisch. Freilich, immer mal wieder gab es Hochzeiten liberaler Politik, zumal nach den Katastrophen der Weltkriege mit der Etablierung einer offenen Gesellschaft; doch der freisinnige Impetus erlahmte, zersplitterte und blieb Minderheit kleiner Eliten. Staatsvergottung, bürokratische Einmischung, das Ideal des Beamtenstaates, zuerst die Königstreue und dann der Nationalismus, die Tendenz zu Kartell, Pfründe und staatlicher Lizenzierung auch in Wirtschaftskreisen sowie nicht zuletzt die Utopie  des allfürsorglichen Staatswesens, all diese Traditionen waren stark verankert und machten es dem politischen Freisinn schwer.

Habermann beginnt seine Darstellung mit dem preußischen Königtum und den Vordenkern des aufgeklärten Absolutismus. Politik und Landrecht werden zum Beglückungszwang für Untertanen zum „allgemeinen Besten“ und zur Wohlfahrtssteigerung. Landesväterlich wird ein Vervollkommnungsprogramm angestrebt, das in intimste Lebensbereiche hineinregiert. Lizenzen, Prämien, Subventionen, Aufseher, Überwachung und Kontrolle in allen Bereichen. Doch das paternalistische soziale Königtum übernimmt sich, unterliegt einer rationalistischen Illusion, wenn es die Gesellschaft wie eine Maschine betrachtet.

Es sind die Physiokratien wie Mirabeau, die als erste Kritiker auftreten. Die Gegenentwürfe eines Justus Möser oder der deutschen Aufklärung (Herder, Schiller, Goethe, Kant, Humboldt) erscheinen in neuem Licht. Als echtes Deregulierungsprogramm dient aber Adam Smith, der in Deutschland ausgerechnet in der aufgeklärten Beamtenschaft rezipiert wird. So entsteht eine Art Beamtenabsolutismus im Namen der Freiheit unter den preußischen Reformern. Eine Art Professorenliberalismus herrscht auch noch in der Paulskirchenverfassung (1849), wenngleich das aufstrebende Bürgertum eine breitere Interessenvertretung gewinnt.

Es beginnt die Hochphase des Liberalismus als Emanzipationsprogramm im Machtkampf um Gewerbefreiheit, privates Versicherungswesen, Eisenbahnbau, Freihandel und Persönlichkeitsentfaltung in Abwehr staatlicher Bevormundung. Doch auch hier zeigt sich die liberale Strömung gespalten und in ihren Ideen mit „erstaunlichen Residuen der alten Bevormundungstradition“. Habermann skizziert die Diskussion, ob es sich bei der „sozialen Frage“ angesichts der allg. Wohlfahrtsteigerung um einen „Mythos“ handelt, den Streit um das (eherne oder goldene) „Lohngesetz“, die Debatte für Selbsthilfe gegen staatliche Wohlfahrt und die Auseinandersetzung mit den sog. „Kathedersozialisten“. Hier zeigen sich große und leider fast vergessene liberale Persönlichkeiten wie Bastiat, Prince-Smith, Ludwig Bamberger und Schulze-Delitzsch.

Der Niedergang des Liberalismus, d.h. seine Aufspaltung in verschiedene Parteien und sein partieller Opportunismus beginnt für Habermann in der Hochzeit der Bismarckära, namentlich im Jahr 1878 mit der Wende zum Protektionismus, mit  der Tendenz immer mehr Bereiche zu verstaatlichen (auch um Einnahmen außerhalb des parlamentarischen Budgetrechts zu generieren), zumindest unter staatliche Kuratel zu stellen. Die Frage der Sozialversicherung wird zum großen Spielfeld der Machtpolitik. Der Erste Weltkrieg, die Hyperinflation, der Nationalsozialismus zerrütten das Bürgertum. Man wundert sich fast, dass Eliten des freiheitlichen Denkens überleben. Umso erstaunlicher ist es, dass mit Entstehung der Bundesrepublik eine liberale Strömung Einfluss gewinnen kann, als dessen große Figur Ludwig Erhard gelten darf.

Doch finden diese Ideen außerhalb von gesinnungsdeklamatorischer Phraseologie noch Beachtung und Einfluss in konkrete Politik? So denken heute politische Institutionen darüber nach, ob offene Olivenölkännchen auf den Tischen von Restaurants stehen dürfen; die politische „Lufthoheit über die Himmelbetten“ will man zudem erobern, wie das mal ein sozialdemokratischer Politiker ausdrückte. Auch Vertreter aus Wirtschaft und Industrie passen sich lieber an aktuelle Machtverhältnisse an und versuchen ihre Interessen pragmatisch zu vertreten.

Was bleibt? Vielleicht nur die leidige Frage, wer die Rechnungen bezahlt. Angesichts der Schuldenkrise erkennt Habermann eine „fortschreitende Selbstzerstörung des Wohlfahrtsstaates“ und sieht den Ausweg in einer „Kombination von öffentlichem Minimalversorgungssystem mit vitalisierter Marktwirtschaft, umfassender Selbsthilfe der Generationen und kapitalgedeckter Eigenvorsorge das günstigste und wohl auch wahrscheinlichste Rettungsszenario.“ Auch wenn das manche anders sehen werden, eines wird man kaum leugnen können: der „Wohlfahrtsstaat kann nur so lange bestehen, wie sein ‚Wirt‘ besteht, die moderne Marktwirtschaft, der ‚Kapitalismus‘”.

Die liberal-libertäre Kritik Habermanns am Wohlfahrtsstaat ist deutlich, jedoch nicht so aufdringlich, dass man das Buch als Pamphlet abtun könnte. Sicherlich handelt es sich aber um eine „Geschichte der Gegenwart“ in kritischer Absicht. Man kann dieses Buch aber auch mit Gewinn lesen, wenn man nicht in allem Habermanns Meinung ist. Es ist eine herausragende Ideengeschichte des Liberalismus, die in keinem Bücherschrank letzter Insulationen bürgerlichen Freisinns fehlen sollte.

Die Unterscheidung zwischen Taxis und Kosmos im Sinne Hayeks ist m.E. zu grobmaschig; und den deutschen Wohlfahrtstaat als „geschlossene Gesellschaft“ im Sinne Poppers zu verstehen, eine Überzeichnung. Wichtiger ist: das Buch regt an, die schwierige Grenze zwischen entmündigender Intervention und sichernder Fürsorge des Staates für sich neu zu überdenken. Das ist politische Literatur im besten Sinne. Die Herausforderung wird für jede Generation darin bestehen, über ihr Verständnis von politischer Freiheit unter den je veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen immer wieder neu nachzudenken.

Dr. Guido Kirner

GERD HABERMANN: DER WOHLFAHRTSSTAAT. ENDE EINER ILLUSION, FinanzBuch Verlag 2013. München. ISBN 978-3-89879-800-6, 480 Seiten, 19,99 €.

Eine kleine europäische Schuldenethnologie – Michael Lewis’ Buch Boomerang

Man stelle sich ein neues Fach vor: Völkerkunde für Schuldenländer. Warum das interessant ist? Weil folgende Fragen nicht ganz leicht zu beantworten sind: Wie konnte ein kleines Fischervölkchen wie Island zu einem riesigen Hedgefonds werden? Wie konnten Mönche des heiligen Berges Athos in Griechenland ein wertloses Seegrundstück gegen staatliche Immobilien im Wert von einer Milliarde Euro tauschen? Wie konnte aus dem nördlichen Armenhaus Europas Irland zunächst das zweit reichste Land der Welt werden, bevor es sich kollektiv der Schuldknechtschaft ergab? Wie konnte Deutschland in die Position geraten, auf einmal ungewollt Europa zu besitzen? Sind bankrotte Städte wie das kalifornische Valejo mit nur noch einem Angestellten, aber riesigen Pensionsverpflichtungen möglicherweise die Speerspitze kommender Allgemeinzustände?

Nachdem Michael Lewis bereits einen Bestseller (The Big Short) zur Finanzkrise geschrieben hat, begab er sich nun auf einen Streifzug durch Europa und Kalifornien, um diese Fragen zu beantworten. Er entdeckt die “Gier nach Schulden” und dringt dabei partiell bis zu den Volksseelen vor.

In Island müssen 300.000 Bürger für 70 Milliarden Euro Verlust gerade stehen (die Verluste aus privaten Devisenspekulationen und Kurseinbruch an der Börse von 85 Prozent nicht eingerechnet). Die Isländer stehen mit unglaublichen 850 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes (BIP) in der Kreide. Ein Erklärungsansatz wäre: unbegrenzter Kredit trifft auf eine intelligente junge Bevölkerung, die Beschäftigung außerhalb von Energie und Fischerei sucht und das Investmentbanking entdeckt. Die Amerikaner werden imitiert, jedoch ohne recht Ahnung vom Geschäft zu haben. Dafür kennt daheim jeder jeden und in der Vetternwirtschaft wird ein gegenseitiger Wohlstand auf dem Papier mittels Kredit erzeugt. Gleichzeitig wird es jede Warnung aufgrund eines kolonialen Komplexes (insbesondere gegenüber Dänemark) ignoriert bzw. abgetan. Interessant wird es, wo Lewis das unerklärliche Spekulantentum mit der äußerst wagemutigen Art isländischer Hochseefischerei und dem Gehabe von „Alpha-Männchen“ in Verbindung bringt.

Griechenland ist anders. Im Gegensatz zu anderen Volkswirtschaften, die von ihren Banken ruiniert wurden, schaffte es der griechische Staat seine Banken zu ruinieren. Sie mussten der Regierung 30 Milliarden Euro leihen, die dann verschwendet und veruntreut wurden. Insgesamt hat (sofern nicht weitere Löcher entdeckt werden) Hellas 830 Milliarden Euro schulden, mehr als die Hälfte davon an Pensionsverpflichtungen. Rettungspakete von 100 Milliarden Euro sind folglich eher Geste als Rettung.

Die Lohnkosten im öffentlichen Sektor hatten sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Die staatliche Eisenbahn machte 100 Millionen Umsatz, hatte aber 400 Millionen Euro Personalkosten im Jahr. Die Beispiele für Ineffizienz im staatlichen Sektor sind Legende, der Übergang von Verschwendung zu Diebstahl fließend. Eine Haushaltsbehörde gibt es nicht wirklich, Steuerbehörden dienen dazu, Steuern gegen Bestechung nicht einzutreiben. Gerichtsverfahren in Steuersachen dauern in der Regel 15 Jahre, ein funktionierendes Grundbuchsystem existiert nicht. In einer gleichsam öffentlich geförderten Epidemie des Lügens und Betrügens fehlt jegliches Vertrauen, Bürgersinn ist unmöglich, jeder verlässt sich nur auf sich und seine Familie. Die Struktur der griechischen Wirtschaft sei zwar geschlossen und kollektivistisch, jedoch herrsche ein Geist, in dem jeder auf sich allein gestellt sei und die Schuld immer beim anderen suche, kurz: es handelte sich um den totalen Zusammenbruch jeglicher Moral.

Was ist mit Irland? „In einer Zeit, in der die Kapitalisten ihr Bestes taten, um den Kapitalismus zu vernichten, zeichneten sich die irischen Banker durch besondere Zerstörungswut aus.“ Während der isländische Mann mit ausländischem  Geld auf ausländische (insbesondere britische und skandinavische) Anlagen spekulierte, verwendete der Ire das ausländische Geld, um Irland zu erobern. Irland gilt bei professionellen Kreditanalysefirmen inzwischen als Land mit der dritthöchsten Ausfallwahrscheinlichkeit und ist damit eindeutig Drittweltniveau.

Auch hier gab es einen maßlosen Bauboom. Ein Fünftel der Bevölkerung arbeitete in der Baubranche, das Baugewerbe machte fast ein Viertel des BIP aus. Der Durchschnittspreis von Eigenheimen in Dublin wuchs seit 1994 um 500 Prozent, obgleich die Mietrenditen gering waren. Die Regierung erteilte Genehmigungen für 180.000 Wohneinheiten, von denen nun über 100.000 unbewohnt herumstehen. Ganze Geisterstädte bröckeln auf der gründen Insel vor sich hin. Die irische Wirtschaft verkam zu einem riesigen Schneeballsystem. Im Unterschied zur US-Immobilienblase war das irische System noch nicht einmal durch obskure Finanzprodukte getarnt. Auch war das System nicht zynisch, denn im Gegensatz zu den Wallstreet-Größen, die für ihr Versagen auch noch Millionen-Abfindungen bekamen, blieb den irischen Kollegen nur sozial Ächtung.

Wieso gab dann die Regierung eine Staatsgarantie für die drei Hauptbanken der irischen Finanzmisere ab? Es scheint völlig unverständlich, zumal diese Banken gar kein systemisches Risiko darstellten; vielmehr wurden sie es erst, durch die Vergemeinschaftung ihrer Verluste! Privatanleger erhielten hier Geld vom Steuerzahler, die das gar nicht mehr erwarteten. Machten deutsche Banken als Gläubiger Druck?

Was ist mit Deutschland? Wer die größten Geldgeber für all diese Blasen sucht, der wird sie vor allem in den Banken dieses Landes finden. „Die Deutschen waren nicht nur die wichtigsten Gläubiger der verschiedenen abgebrannten europäischen Nationen, sie stellten außerdem deren einzige Hoffnung auf künftige Kredite dar.“ Lewis spitzt die Situation zu:

Entweder müssen die Deutschen einer gemeinsamen Haushaltspolitik mit den übrigen europäischen Nationen zustimmen, das heißt, die deutschen Bürger müssen mit ihren Steuern die griechischen Bürger alimentieren. Oder die Griechen  (…) müssen eine “Strukturreform“ durchführen und auf wunderbare Weise genau so effizient werden wie die Deutschen.

Was „ursprünglich als Mittel gedacht war, um die Deutschen in Europa zu integrieren und ihre Vorherrschaft zu verhindern, hat sich in ihr Gegenteil verkehrt. Wie man es auch dreht und wendet, die Deutschen besitzen heute Europa.“ Wollen wir das?

Was ist der Grund für das alles? Es ist die “Gier nach Schulden”. Lewis zeigt es nicht zuletzt an den kalifornischen Städten, wo mithilfe der Gewerkschaften, parteiischen Lohnschiedssprüchen und Nachahmungseffekten riesige, nicht bezahlbare Pensionsverpflichtungen für Feuerwehrleute und Polizeibeamte angehäuft wurden, so dass viele Kommunen vor dem Bankrott stehen, wenn sie es noch nicht sind. Ist das vielleicht auch unsere Zukunft, wenn wir uns übernehmen?

Zusammenfassend haben wohl eine Menge Menschen Schulden in einer Höhe aufgenommen, die nicht zurückbezahlt werden können. Sie haben dies getan weil sie jetzt Reichtum und Wohlstand simulieren wollten und für die Zukunft entweder naive Optimisten waren oder einfach Asoziale, die davon ausgingen, andere werden dafür schon aufkommen. Sie hatten wahrscheinlich sogar recht! Die Banken als Gläubiger und Kreditvermittler wurden raus gehauen und die Steuerzahler, nicht zuletzt der deutsche bleibt auf riesigen Schuldenbergen sitzen, die niemals zurückbezahlt werden können. Bei all dem Geld ging es immer nur um Wetten, nie um die Schaffung eines echten Mehrwertes.

Lewis sieht den Grund in „der Gier von Menschen, die ohne Rücksicht auf die gesamtgesellschaftlichen Folgen an sich raffen, was sie nur können, weil sie es können.“ Die eigentliche Krankheit ist kultureller Natur und verlangt Verhaltensänderungen. Wir haben die „Fähigkeit zur Selbstregulierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen verloren.“ Unsere Reptiliengehirne können mit Knappheit umgehen, nicht aber mit Überfluss.

Das schnell zu lesende Büchlein von Michael Lewis fängt in der Einleitung etwas platt an, doch sollte man durchhalten, denn es wird noch richtig gut und birgt erstaunliche Geschichten. Mögen die europäischen Staatsmänner den Nobelpreis entgegennehmen und sich ihrer Solidarität versichern, mögen die Deutschen so tun, als könnten Sie Europa, für das sie inzwischen haften, einfach zurückschenken, ich fürchte, ein Grieche oder Portugiese wird niemals ein “effizienter Deutscher” werden (und das ist auch gut so) und ein Deutscher wird niemals die ganze Zeche für Europa zahlen wollen – egal was Minister und Europapolitiker phrasenhaft-repetitiv von sich geben. Ein Masterplan für Europa ist nicht in Sicht. Es bleibt spannend, der Boomerang kommt gerade erst zurück.

Dr. Guido Kirner (Polling)