Mehr! – Eine Philosophie des Geldes von Christoph Türcke

9783406674570_largeDieses Buch will eine Philosophie des Geldes sein. Gelungen ist Christoph Türcke die gut lesbare Erzählung von allerlei Geldgeschichten von der Steinzeit bis heute. Das wäre für sich genommen schon eine bewundernswerte Leistung, da es nicht einfach ist, ein an sich trockenes und komplexes Thema wie Geld verständlich und unterhaltsam darzustellen.

Doch leider will das Buch mit dem Titel „Mehr!“ auch mehr und letztlich zu viel. Denn es wird kaum grundsätzlicher über das Wesen des Geldes nachgedacht als dies bereits geschehen ist, schon gar nicht seit Georg SimmelsPhilosophie des Geldes“ aus dem Jahr 1900.

So erfährt man eine Menge über Geld, Schuldverhältnisse und die Geschichte von Wertpapieren. Es hat hier eindeutig Höhepunkte in der historischen Darstellung von der Antike bis zur frühen Neuzeit. Jeder wird hier fündig und kann dazulernen. Für die prähistorische Zeit bleibt das Werk naturgemäß im Bereich der Imagination. Für modernere Zeiten lässt die Qualität der Darstellung merklich nach und fällt gegen Ende stark ab bzw. ergießt sich in Platituden der Neoliberalismuskritik. Continue reading Mehr! — Eine Philosophie des Geldes von Christoph Türcke

Max Weber oder die Kreativität des Scheiterns

978-3-87134-575-3.jpg.648846Dieser kleine Essay ist veranlasst durch die hervorragende unten genannte Biographie von Jürgen Kaube

Max Weber (1864-1920) war einer der großen deutschen Gelehrten, Professor, Jurist, Ökonom, Historiker, Gründerfigur der im Entstehen begriffenen Soziologie und streitbarer politischer Publizist. Die Gesamtausgabe seines Werkes ist auf 49 Bände angelegt. Seine Schriften haben selten weniger als ein paar hundert Seiten. Noch mehr ist über Max Weber geschrieben worden. Die Literatur zu seinem Leben und Werk füllt bereits Bibliotheken und man könnte fast von einem eigenen Fachgebiet der “Weberologie” sprechen.

Schnell entwickelte sich nach seinem Tod um ihn ein Kult, zunächst regional in Heidelberg (um Marianne Weber und Karl Jaspers), dann in den USA (durch Vermittlung Talcott Parsons), schließlich auch durch eine Art Reimport in der BRD. Im „kalten Krieg“ wurden Teile seines Werkes als Gegenentwurf zum historischen Materialismus stilisiert und seine Person (trotz der umstrittenen Monographie von Wolfang Mommsen) als liberales Vorbild verehrt.

Doch was bleibt von Max Weber, der vor 150 Jahren geboren wurde? Wird seine Dissertation zur Entstehung der offenen Handelsgesellschaft im Mittelalter noch zitiert? Was bedeuten uns noch seine Habilitation zu den römischen Agrarverhältnissen, seine Untersuchungen zum Börsenwesen, zur Situation der ostelbischen Landarbeiter oder zur Psychophysik der Arbeit? Sich durch diese tausende Seiten zu wälzen, ist selbst für Spezialisten Kärrnerarbeit und begründet wenngleich Respekt vor seinem Fleiß wohl kaum seinen Nachruhm.

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Des Bankers Neue Kleider – ein wichtiges Buch von Anat Admati u. Martin Hellwig zur fragilen Bankenwelt

978-3-89879-825-9Aktuell steigen die Bankenkurse an den Börsen, auch weil bekannt wurde, dass die Verschuldungsregeln von Aufsichtsgremien lax gehandhabt werden (vgl. FAZ 14.01.2014, S. 17). Und Ein Kursfeuerwerk ist nicht unbedingt der Ausweis volkswirtschaftlicher Vernunft. Banken bleiben gefährliche Institutionen, zumal viele immer noch mit über 95 Prozent Fremdkapital arbeiten. Einerseits sind ihre Dienstleistungen unersetzlich, andererseits haben sie das Potential ganze Volkswirtschaften zu ruinieren. Das hat die jüngste Banken- und Finanzkrise (2007-2009) gezeigt. Nicht zu leugnen ist dabei ein Interessenskonflikt: Das Interesse der Banken liegt in der kurzfristigen Gewinnmaximierung, wobei die Haftung und Verantwortung für untragbare Kreditausfälle oder Spekulationsverluste auf die Allgemeinheit abgewälzt werden; das Interesse der Gesellschaft, d.h. der steuerzahlenden Bürger und ihrer nachkommenden Generationen, liegt hingegen in einem langfristig stabilen Finanzsystem, das möglichst keine Kosten verursacht. Beides lässt sich nicht in Einklang bringen und regelt sich auch nicht über den marktwirtschaftlichen Wettbewerb.

Kaum eine Lobby ist so erfolgreich wie jene der Banken. Das liegt an einer vielfältigen Verquickung zwischen Politik und Hochfinanz: dem sog. Drehtüreffekt bei Karrieren, bedeutenden Wahlkampfspenden sowie – und das ist wesentlich – der wechselseitigen Abhängigkeit bei politischen Finanzierungsprojekten (Staatsverschuldung). Die Geschichte der Bankenregulierung ist voll von Regeln und Gesetzen, die die Banken zur Finanzierung von politisch gewollten Aktivitäten anhalten, vor allem auch zur Finanzierung des Staates. Schließlich wirken die geschürten Ängste von vermeintlichen Standortnachteilen der Bankenbranche. Mehr als Lippenbekenntnisse sind von Politikern also kaum zu erwarten und ihre bürokratischen Scheinüberwachungsmaßnahmen haben eher beruhigende Alibifunktion für Wähler denn Kontrolleffekte für Finanzinstitutionen. Da bleibt womöglich nur Überzeugungsarbeit in der Hoffnung, die besseren Argumente mögen sich doch noch gegen die Bankenlobby und ihren Nachrednern in Politik und Medien durchsetzen. Das Buch Des Bankers neue Kleider der Finanzwissenschaftler Anat Admati und Martin Hellwig bietet hierfür Aufklärung im besten Sinne; ihre Ausführungen sind allgemein verständlich, anschaulich und überzeugend, dabei empirisch und wissenschaftlich fundiert. Continue reading Des Bankers Neue Kleider – ein wichtiges Buch von Anat Admati u. Martin Hellwig zur fragilen Bankenwelt

Knappheit – Ein Buch über etwas, das uns alle irgendwie betrifft

9783593396774 “Der Mensch ist umso reicher, je mehr Dinge er liegen lassen kann.” (Henry David Thoreau)

Jeder kennt Mangel, sei es an Zeit, Geld oder Raum usw. Eine Wissenschaft gründet ganz besonders auf dieser anthropologischen Grundkonstante: der methodische Umgang mit knappen Ressourcen gebar den Geist der Ökonomie. Doch dessen Menschenbild vom stets rational zu seinem eigenen Nutzen bzw. Vorteil handelnden Menschen stieß und stößt an Grenzen.

Deshalb widmeten sich Sendhil Mullainathan (Professor in Harvard für Verhaltensökonomie) und Eldar Shafir  (Professor in Princeton für Psychologie) dem menschlichen Umgang mit Knappheit von einer anderen Warte. Was macht Knappheit tatsächlich mit uns, wie verändert es unsere Denk- und Verhaltensweisen?

Knappheit kann verstanden werden als „die Meinung, weniger zu haben als man braucht“. Die Autoren vertreten folgende These: „Knappheit ist nicht nur materieller Mangel, Knappheit richtet auch etwas mit den Köpfen an. Wenn Knappheit unsere Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt, ändert sich unser Denken, sei es auf der Ebene von Millisekunden, von Stunden, Tagen oder Wochen. Indem, die Knappheit in unserem Denken ganz oben steht, beeinflusst sie, was wir wahrnehmen, wie wir unsere Möglichkeiten abwägen, wie wir nachdenken und schließlich auch, wie wir entscheiden und wie wir uns verhalten. Wenn wir von Knappheit bestimmt sind, verkörpern, bewältigen und erledigen wir die Probleme anders.“

Damit wenden sich die Autoren explizit gegen ein liberales Credo der stets gegebenen Wahlfreiheit. Bei stark empfundener Knappheit haben wir keine (ganz) freie Wahl mehr: „Wir können die geistige Kapazität oder Brandbreite unseres Denkens direkt messen. Wir können die fluide Intelligenz messen, eine wesentliche Ressource, die darüber entscheidet wie wir Informationen verarbeiten und Entscheidungen treffen. Wir können die Handlungskontrolle messen, eine Ressource, die unsere Impulsivität beeinflusst. Unserer Ansicht nach reduziert Knappheit alle diese Komponenten unserer Bandbreite. Knappheit macht uns weniger einfühlsam und verständnisvoll, wir denken weniger voraus und handeln unkontrollierter.“

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Die Entdeckung der Einfachheit (in der Kapitalanlage)

Zufällig trafen sich zwei Bücher auf meiner Strandliege: zum einen ein berühmter Roman, zum anderen ein Sachbuch. Beide haben scheinbar nichts miteinander zu tun, jedoch musste ich zu meiner Überraschung feststellen, dass dies sehr wohl der Fall ist.

Die Entdeckung der Langsamkeit von Nadolny erzählt die Geschichte eines Mannes, der die Welt viel langsamer in sich aufnimmt als seine Mitmenschen. Die Erniedrigungen und Verachtung, denen er deshalb ausgesetzt ist, sind anfangs groß. Jedoch lernt er damit umzugehen, bis schließlich auch Vorteile aus seiner verlangsamten Wahrnehmung und Bewegung erwachsen.

Als Seemann, Soldat, Forschungsreisender, Entdecker und schließlich Gouverneur nimmt er die Dinge genauer war, bleibt hartnäckig, weiß die Zeichen intensiver zu deuten, kann sich besser erinnern und behält in existentiell bedrohlichen Situationen die nötige Ruhe. Um zurechtzukommen, klammert er sich an Merksätze und konzentriert sich auf wenige aber entscheidende Erfahrungswerte. Damit meistert er Krisen, führt Menschen zum Überleben und erlangt schließlich Respekt und Anerkennung.

Möglicherweise beruht der Erfolg des Romans nicht nur auf der Erzählkunst des Autors, sondern weil er ein Thema anspricht, das uns alle betrifft: Wie kommen wir zurecht in einer immer schneller und komplexer werdenden Welt? Diese Frage führt uns zu unserem zweiten Buch von Gerd Gigerenzer über das Risiko. Seine These lässt sich so zusammenfassen:

Bei hoher Ungewissheit, wenn sich viele Alternativen auftun, uns aber nur relativ wenige Daten zur Verfügung stehen, da mach es einfach, d.h. nutze Faustregeln, Checklisten, verlass dich auf deine Intuition bzw. dein Bauchgefühlt, denn sie sind hier keineswegs die schlechtesten Ratgeber. Sie sind allemal besser als falsche Gewissheit, indem man z.B. der Illusion ihrer Berechenbarkeit unterliegt. Das kann zur Katastrophe führen. Die Welt der Ungewissheit lässt sich nicht berechnen und damit vorhersagen. Damit wendet er sich gegen Theorien, welche nur rationale Systeme als maßgeblich bzw. besser erachten, konkret kritisiert er damit nicht zuletzt die vielgerühmte Theorie des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman.

Bei niedriger Ungewissheit hingegen, also wenn die Risiken weitgehend bekannt sind, weil sich wenige Alternativen auftun (z.B. Wappen oder Zahl beim Münzwerfen) und dabei auf eine relativ große Datenmenge (z.B. über Häufigkeiten) zurückgegriffen werden kann, da ist das durchaus von Vorteil, auf logisches Denken, Statistik und Wahrscheinlichkeitsmathematik zurückzugreifen. Die Welt des (bekannten) Risikos ist berechenbar.

Der Autor verdeutlich seine These überzeugend an vielen Beispielen: der Funktionsweise unsere Gehirns und seiner Evolution, in Anwendungsbereichen wie der Luftfahrt oder der Medizin, an historisch falschen Prognosen, an den Folgen von positiven oder negativen Fehlerkulturen in Unternehmen oder Krankenhäusern, an der Bedeutung von Checklisten zur Fehlervermeidung und vielem andern mehr.

Wir beschränken uns hier auf den Bereich der Finanzen, denn in kaum einem anderen Bereich (außer vielleicht in der Pharmazie und Medizin) wird mehr Popanz um den Begriff des Risikos veranstaltet und mit der Illusion seiner Berechenbarkeit Geld verdient. Dabei handelt es sich bei der Volatilität von Aktienkursen (und ergänzend könnte man sagen bei Konjunkturprognosen oder gar Vorhersagen zur weltwirtschaftlichen Entwicklung) gar nicht um eine Welt des Risikos, sondern schlicht um Ungewissheit. Voraussagen sind Glücksache, egal welche Ausbildung der vermeintliche Experte genossen hat und wie viel Geld er damit verdient. Zutreffend sind die Vorhersagen nur, wenn nichts Auffälliges geschieht, das heißt, wenn sich der Trend des Vorjahres fortsetzt. Dazu braucht es aber kaum echte Fertigkeiten oder besonderes Expertenwissen.

Fatal wird es, wenn man glaubt, die Welt der Ungewissheit mit den Mitteln aus der Welt des Risikos beherrschen zu können: Viele Menschen lächeln über altmodische Wahrsager. Doch sobald die Hellseher mit Computern arbeiten, nehmen wir ihre Vorhersagen ernst und sind bereit, für sie zu zahlen. Und schlimmer: Modelle, die von einem bekannten Risiko ausgehen, sind unter Umständen eher geeignet, eine Katastrophe heraufzubeschwören, als dazu, sie zu verhindern. Das Problem ist also die ungeeignete Risikoeinschätzung: Methoden, die in einer Welt der Ungewissheit falscherweise von bekannten Risiken ausgehen. Gerade ihre Genauigkeit erzeugt illusorische Gewissheit.

Dazu ist schon viel Kluges geschrieben worden: von Taleb, Mandelbrod und anderen. Auch bestätigt schlicht die Geschichte der Finanzkrisen, welche katastrophalen Folgen die Gewissheitsillusion haben kann, auch gerade jene seit 2008. Komplexe Portfoliotheorie (auch die von Nobelpreisträgern) samt Sensitivitäts- und Korrelationsanalysen funktioniert nur unter der Voraussetzung, dass nichts Unerwartetes eintritt, d.h. in „Normalistan“, nicht aber in „Extremistan“ (Taleb). Leider zeichnet sich die menschliche Welt aber durch unerwartete Ereignisse aus. Folglich handelt es sich hierbei um Finanzalchemie mit mathematischen Mitteln, die Ungewissheit eher verschleiert als Risiken tatsächlich beherrschbar macht.

Mit kaum verständlichen Finanzderivaten und beeindruckenden mathematischen Modellen täuscht man Kunden vor, man könne das finanzielle Risiko beherrschen. Letztlich ist es eine gute bezahlte Illusion. Was aber bedeutet das für den Privatanleger? Er kaufe nur, was er versteht, er zwinge seinen Berater dazu, sein Konzept in 15 Minuten zu erläutern und er vertraue lieber auf einfache Faustregeln wie: investiere ein Drittel in Aktien, ein Drittel in Anleihen und ein Drittel in Immobilien, streue dabei möglichst breit über diese Anlagenklassen. Oder: meide teure und komplizierte Produkte, wenn du es einfacher und günstiger haben kannst. Falls du dafür einen Berater brauchst, suche einen, der dir dabei hilft, die Dinge einfacher, statt kompliziert zu machen.

Dr. Guido Kirner

Gerd Gigerenzer: Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. C. Bertelsmann Verlag München.