“Günstig privat versichert” – eine Lebenslüge bei der Vermittlung Privater Krankenversicherungen

Gleich vorweg: es geht hier nicht darum die Private Krankenversicherung zu verteufeln und ein Loblied der Solidarität auf die Gesetzlichen Krankenkassen zu singen. Im Gegenteil: Gesetzlich Versicherte (und ihre Kinder!) leben zumeist auf Kosten anderer: von staatlichen Subventionen, von umverteilten Steuergeldern, die Rentner von den arbeitenden Jüngeren, die Ärmeren von den „Besserverdienenden“, die Kassenpatienten durch eine Art Quersubventionierung in den Arztpraxen durch die höheren Gebührensätze von den Privatpatienten. Dies ist hier nicht das Thema.

Mir geht es hier um einen Teilbereich bei der Vermittlung von Privaten Krankenversicherungen (PKV), den ich eine „Lebenslüge“ nenne, weil es sich m.E. um eine Vortäuschung falscher Tatsachen handelt, die den realistischen Blick auf die Tatsache verstellt, dass die PKV unter den gegebenen Voraussetzungen nicht für jedermann geeignet ist. Sie sollte als das verkauft werden, wofür sie sich eignet: eine im Vergleich zu gesetzlichen Kassenleistungen wesentlich bessere und deshalb teurere Gesundheitsvorsorge. Sie eignet sich deshalb letztlich nur für wohlhabende Menschen. Sicherlich lassen sich in manchen Fällen kurzfristig oder gar mittelfristig mit einer PKV Kosten einsparen; aus einer langfristigen Perspektive nachhaltiger Finanzplanung ist das aber schlichtweg Unfug.

Zweiklassensystem – JA, aber nicht wie immer behauptet!

Immer noch wird die Tatsache eines „Zweiklassensystems“ im Gesundheitssystem von manchen Gesundheitspolitikern geleugnet. Patienten sehen die Sache realistischer, spätestens im Wartezimmer des Arztes. Es wäre jedoch verkürzt, die Bifurkation des Gesundheitssystems zwischen Privatversicherten und gesetzlich Versicherten zu behaupten. Der Graben verläuft vielmehr zwischen jenen, die bessere Leistungen versichert haben und denen, die das nicht haben. Eine Private Krankenversicherung (PKV) ist kein Garant für gute Leistungen. Einsteigertarife bzw. Billigtarife können unterhalb der Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung liegen; und ein gesetzlich Versicherter mit privaten Krankenzusatzversicherungen kann einen weitaus besseren Schutz genießen als jemand, mit einer mittelmäßigen PKV. Die Fragen müssen hier lauten: wo bekomme ich welche Leistungen zu welchem Preis und welche Leistungen kann und möchte ich mir dauerhaft leisten. Um das herauszufinden, ist eine umfassende und professionelle Beratung notwendig.

Die PKV ist etwas für Wohlhabende

Selbstverständlich eignet sich die PKV aus mehreren Gründen nur für wohlhabende Menschen oder jene, die es werden. Wer das leugnet, begeht m.E. bereits einen Beratungsfehler, ungeachtet all der individuellen Umstände, die dabei zu berücksichtigen sind. Einsteiger und Billigtarife führen bei einer Unzahl von Privat Versicherten in eine teure Sackgasse. Einige Versicherungsgesellschaften haben deshalb aus gutem Grund ihre Billigtarife aus dem Programm genommen (vgl. Handelsblatt 29.7.11, S. 35). Ich möchte nun darlegen: selbst Billigtarife, hohe Selbstbehalte und anfängliche Einsparungsmöglichkeiten in der Privatversicherung sind nur etwas für Menschen mit hohen Einkommen, die ihren Lebensstandard auch im Alter gesichert haben werden.

Der Drang in die PKV zu wechseln, ist umso anziehender, je mehr ich mich als junger und gesunder Mensch Höchstbeitrag in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) annähere. Im Jahr 2011 sind das immerhin 575,44 Euro. Selbst der Mindestbeitrag für hauptberuflich Selbständige liegt (von Existenzgründertarifen einmal abgesehen) bei stolzen 285,52 Euro.  Dazu kommt dann noch die Pflegeversicherung. Die GKV ist folglich keine „billige“ Absicherung. Auch gut verdienende Selbständige, die nicht die Hälfte des Beitrages vom Arbeitgeber bezahlt bekommen, stöhnen unter der monatlichen Last von fast 600 Euro für die Krankenversicherung; und fast 300 Euro für den schlecht verdienenden Selbständigen sind ein harter Brocken. Im Vergleich dazu wird eine Private Krankenversicherung umso attraktiver, je jünger und gesünder jemand ist.  Für das gleiche Geld bekommt eine private Krankenversicherung mit sehr guten Leistungen oder kann sogar 100-200 Euro (je nach Alter) jeden Monat sparen.

PKV und Altersvorsorge

Wichtig ist: ein Versicherter sollte sich die Beiträge seiner privaten Krankenversicherung bis ins hohe Alter leisten können, denn seine Beiträge richten sich nicht nach dem Einkommen (wie in der GKV), sondern nach den kalkulierten Kosten. Diese sind im Alter besonders hoch und steigen dem Alter entsprechend, selbst unter Berücksichtigung von Altersrückstellungen (welche die GKV im Vergleich zur PKV gar nicht erst bildet). Die Hürden für den Wechsel aus der PKV in die GKV sind hoch und nach dem 55. Lebensjahr ist ein Wechsel gar nicht mehr möglich. Selbst der neu eingeführte und der PKV gesetzlich auferlegte sog. Basistarif ist unattraktiv und teuer.

Wer eine PKV abschließt, sollte den Erhalt des Lebensstandards deshalb im Rentenalter abgesichert haben. Das klingt gerade für jüngere Interessenden wenig spannend und abstrakt, so dass dieser wichtige Punkt zumeist in den Hintergrund rückt, obwohl er sich fatal auswirken kann. Konkret kann das z.B. bedeuten, dass jemand mit einer durchschnittlichen Altersrente von vielleicht 1.200 Euro neben der Miete auf einmal 900 Euro für seine Krankenversicherung aufbringen muss. Deshalb ist es äußerst wichtig: ein PKV-Versicherter muss zur Wahrung des Lebensstandards einen hohen Wohlstand im Alter aufgebaut haben, und das ist heute (außer bei Politikern und Beamten) nur noch durch hohe private Sparaufwendungen möglich. Deshalb sollten auch diese Mittel vor Abschluss einer PKV bei der langfristigen Finanzplanung berücksichtigt werden.

Ein Rechenbeispiel

Viele Vermittler empfehlen deshalb mit Abschluss einer PKV zusätzlich eine Kapital-Lebensversicherung oder einen Sparplan, um sich die PKV im Alter überhaupt leisten zu können. Dass diese Empfehlung nicht rein provisionsgetrieben ist, verdeutlich das folgende Rechenbeispiel. Nehmen wir z.B. eine Person die 1975 (am 1.6.) geboren wurde. Sie überlegt, wie viel Geld sie angespart haben müsste, um ab dem 67. Lebensjahr für weitere 25 Jahre 750 Euro pro Monat zur Finanzierung der privaten Krankenversicherung entnehmen zu können. Die Person ist also 36, möchte mit 67 in Rente gehen und glaubt mit 92 zu versterben (also kein ganz unrealistisches Szenario). Die Person rechnet zudem mit einer Durchschnittsverzinsung von 4 % p.a. auf das angesparte Kapital.

Unter diesen Voraussetzungen müsste die Person eine Summe von 143.645 Euro angespart haben. Eine enorme Summe, jedoch machbar, wenn die Person dafür monatlich 197,49 Euro auf die Seite legen kann. Diese Sparrate würde in etwa auch der Differenz entsprechen, was Gutverdiener im Vergleich zum GKV-Höchstbeitragssatz im Monat bei Abschluss einer PKV einsparen können. Der Rat des Vermittlers ist aber durchaus vernünftig: Bessere Leistungen für in etwas gleiches Geld.

Was dabei bisher aber noch nicht berücksichtigt wurde, ist die Inflation. Rechnen wir z.B. mit einer durchschnittlichen Inflation von 2,5% p.a., so würde eine Krankenversicherung, die nach heutiger Kaufkraft im Alter 750 Euro im Monat kostet, durch die Geldentwertung 1.612,51 Euro kosten. Um sich diesen Betrag monatlich bis zum 92. Lebensjahr auszubezahlen, müsste ich ein Kapital von 308.838,72 Euro angespart haben. Wird berücksichtigt, dass sich die die Geldentwertung auch im Rentenalter auswirkt, müssten hierfür sogar über 400.000 Euro angespart sein, wofür eine monatliche über 1000 Euro aufgebracht werden müssten. Die Inflation kann aber auch mittels einer jährlichen dynamischen Steigerung der Sparraten ausgeglichen werden, die der Teuerungsrate entspricht.

Ungeachtet aller Berechnung bleiben Unsicherheitsfaktoren, wie z.B. die Beitragsentwicklung in der GKV und PKV sowie allgemein die Entwicklung der gesetzlichen Rahmenbedingungen für das künftige Gesundheitssystem. Die Beispielrechnung sollte jedoch verdeutlicht haben: um die Kostenbelastung für die PKV im Alter aufzufangen, braucht man Summen, die sich nur Gutverdiener leisten können, zumal die Ansparung der eigentlichen Altersversorgung für die Bestreitung sonstiger Lebenshaltungskosten noch gar nicht berücksichtigt wurde.

Einsteigertarife und Selbstbehalt

Auch billige Einsteigertarife und hohe Selbstbehalte sind etwas für Versicherte mit permanent hohen Einkommen. Für den Selbstbehalt ist das auf den ersten Blick einleuchtend. Zwar nutzen Privatversicherte die hohen Selbstbehalte oft, um die Prämie unabhängig vom Einkommen zu senken. Jedoch kann das zu einer riskanten Wette werden. Einen Selbstbehalt von mehreren Tausend Euro muss nämlich auch aufgebracht werden können, wenn er durch eine medizinische Behandlung anfällt. In den seltensten Fällen haben Geringverdiener entsprechende Summen übrig. Kassenpatienten kennen dieses Gefühl, wenn ihnen der Zahnarzt für einen Zahnersatz eine Rechnung von mehreren Tausend Euro vorlegt. Für Privatpatienten besteht diese Gefahr bei hohen Selbstbehalten für jede kostenintensive Behandlung. Deshalb eignen sich hohe Selbstbehalte zur Beitragssenkung in der PKV nur für Menschen, die eine entsprechend hohe Summe problemlos langfristig vorhalten können.

Wieso aber sollen auch sog. Billigtarife nur etwas für Gutverdiener sein? Ist das nicht ein Widerspruch in sich selbst? Auch so manche Werbung, Mailings und Branchenvertreter vermitteln diesen Eindruck. Aber auch hier gilt der Spruch: „Billiges leisten kann ich mir nicht.“ Diese Tarife haben zumeist derart schlechte Leistungen, dass viele Leistungen im Krankheitsfall letztlich Cash bezahlt werden müssen. Diese Tarife sind also etwas für wohlhabende Menschen mit der Einstellung: Wenn ich schon dazu gezwungen bin, kaufe ich mir nur das Notwendigste und das Restrisiko decke ich aus dem Privatvermögen ab. Diese Einstellung können sich nur Menschen mit entsprechendem Vermögen leisten. Wer weiß, was teure Spezialoperationen oder Hilfsmittel kosten können, der weiß auch, dass wir hier nicht von kleinen Vermögen sprechen. Diese sind durch medizinische Kosten schnell aufgezehrt.

FAZIT

Wer Private Krankenversicherung (PKVs) als Sparmodelle verkauft, vermittelt für die meisten Fälle Illusionen, die sich fatal auswirken können. Private Krankenversicherungen sollten an Menschen vermittelt werden, die sie diese heute bis ins hohe Alter problemlos leisten können, weil sie ein entsprechend hohes Vermögen bzw. Einkommen haben (werden). Alles andere erscheint mir wie unlauteres Geschwätz. Politisch unkorrekt ausgedrückt heißt das: sie sind etwas für Wohlhabende oder jene, die es werden können. Dann sind sie eine hervorragende Sache.

Dr. Guido Kirner, Finanzberatung und Versicherungsmakler, Weilheim i.OB