Ein toter Banker, Betrug und Korruption. Ein Blick auf die älteste Bank der Welt

Die beste Art, die Betrügereien einer kleineren Bank zu verschleiern, ist die, sie von einer größeren Bank aufkaufen zu lassen und diese dann zu fusionieren, daran besteht kein Zweifel. Auf diese Weise wird alles verwässert und es ist so gut wie unmöglich zu rekonstruieren, was passiert ist.“ Paolo Emilio Falaschi (Rechtsanwalt zahlreicher Aktionäre der Banca Monte dei Paschi)

Ein dubioser Fenstersturz eines Pressesprechers der ältesten Bank der Welt in Siena; ein rätselhafter Tod eines Derivatespezialisten der Deutschen Bank in London; Festnahmen, politische Einflußnahme, Korruption, Bilanzfälschung; nein, es handelt sich nicht um das Drehbuch eines erfundenen Thrillers; es handelt sich um eine Reportage aus der realen italienischen Bankenwelt, die kürzlich bei Arte ausgestrahlt wurde: Tod eines Bankers – Banca Monte die Paschi di Siena>>.

Dabei handelt es sich um den wohl größten Finanzskandal Europas mit einem Schaden von rund 50 Mrd. Euro. Und sehr wahrscheinlich bleibt es kein Einzelfall. Des es geht um tieferliegendere, strukturelle Probleme der italienischen Bankenlandschaft: mit zu viel Einfluss der Politik, geschönten Bilanzen, Korruption, Realitätsverdrängung, Anlegerbetrug und einem unfaßbar hohen Berg an faulen Krediten. Unerklärlich ist die Tatsache, das man scheinbar noch nicht einmal weiß, wohin das viele Geld geflossen ist.

Es geht um die ehrenwerte Banca Monte dei Pasche di Siena (MPS). Immerhin hat sie ein halbes Jahrtausend, ja über 500 Jahre überlebt! Das muss man erst einmal schaffen. Der endgültige Niedergang aber beginnt mit ehrgeizigen Expansionsplänen. Bis Mitte der 70er Jahre handelte es sich um ein regionales Bankhaus Mittelitaliens. Dann folgte der bekannte Größenwahn der 80er und 90er Jahre (vgl. z.B. auch die RBS). Zum einen glaubte man in den hochriskanten Derivatehandel am Handelsplatz London einsteigen zu müssen. Zum anderen bedeutet Wachstum für Banken zumeist ein Kauf von anderen Banken. In beiden Fällen bedeutete es aber für die Bank hohe Verluste.

Der Anfang vom Ende war wohl der Erwerb der Banca Antonveneta zu einem (wie sich später herausstellen sollte) völlig überhöhten Preis. Dass der Übernahmekandidat bis dahin bereits wie eine heiße Kartoffel von mehreren bedeutenden Bankhäusern weitergereicht und ausgesaugt worden war, spielte keine Rolle; dafür erhielt man den Segen der italienischen Politik.

Die Parti démocrate (PD) ist wohl nicht wenig in die Machenschaften der MPS verstrickt. Ihr bedeutendstes Mitglied und der international anerkannte Politiker Matteo Renzi hat es sogar fertiggebracht, die Situation der Bank in einer Fernsehsendung noch schönzureden als der Kurs kurze Zeit später um 60 Prozent eingebrach. Schon das allein wirf Fragen zur Rolle von Politikern in der Finanzbranche auf.

Es gibt aber noch eine andere pikante Personalie: Der verheerende Kauf der Antonveneta wurde von keinem geringeren als Mario Draghi durchgewunken: heute umstrittener Präsident der Zentralbank (EZB), damals noch Gouverneur der Banca d‘Italia. Die Bank wurde einige Monate zuvor auf Herz und Nieren geprüft und für unbedenklich gehalten, kurz darauf wird nach dem Verkauf festgestellt, dass ihre Bücher frisiert und ihre Kreditvergabepraxis mehr als bedenklich war. So viel zur Bankenaufsicht.

Nun drohte der Bank Monte dei Paschi 2017 endgültig der Bankrott. Jedoch wurde sie mit unter Bruch der gerade erst verabschiedeten EU-Regeln zur Bankenunion mit italienischen Steuergeldern gerettet (vgl. FAZ>>); und die Komission in Brüssel fungierte mal wieder nicht als Hüter des Rechts, sondern folgt lieber ihrem eigenen politischen Opportunismus. Freilich fand sich ein Schlupfloch um der Rettung abzusegnen (vgl. FAZ1>>, FAZ2>>), obwohl die MPS von vielen Experten nicht für systemrelevant (too big to fail) erachtet wurde. (vgl. auch Deutsche Wirtschaftsnachrichten>>).

Fazit: eine Bank die sich unermäßlich verspekuliert hat, Anleger betrogen und Bilanzen gefälscht hat, Geld an welche dunkle Gestalten und Kanäle auch immer auf Nimmerwiedersehen verliehen hat, wird mit Milliardensummen auf Kosten italienischer Bürger und Steuerzahler am Leben erhalten! Was braucht es noch, damit eine korrupte Pleitebank endlich vom Markt verschwindet?

Die Finanzkrise von 2007/8 ist bald ein Jahrzehnt vorbei. Die Vertrauenskrise wird doch solche Vorfälle aber reichlich genährt. Das erzeugt Wut und Europafeindlichkeit und genau das Gegenteil davon, Vertrauen von den Bürgern zurückzugewinnen.

Was kann man tun?

  1. Auf keinen Fall sollte man sich auf eine weitergehenderere Bankenunion, Schuldenvergemeinschaftung oder auch nur Gedanken an Eurobonds einlassen!
  2. Zuvor müssen die Abschreibungen fauler Kredite und die Risiken in den Derivatebüchern bei den europäischen Banken geklärt werden.
  3. Zudem muss Deutschland eine deutliche und verantwortbare rote Linie bei der Haftungshöhe gegenüber seinen europäischen Partnern markieren, auf die sich der Markt einstellen kann.
  4. Ferner muss Deutschland die Forderung nach einem Mechanismus zum jährlichen Ausgleich der Target2-Salden nach amerikanischem oder schweizer Vorbild ins Spiel bringen, bevor überhaupt an eine weitere Vertiefung der Währungsunion gedacht wird.
  5. Die Bankenaufsicht muss dringend räumlich, personell und rechtlich entpolitisiert und von der EZB getrennt werden.

Wer weiß, wie schwierig es ist, die Geld- und Finanzpolitik Europas auf eine solide Basis zu stellen, der kann sie jedenfalls über den europapolitischen Zwangsoptimismus mancher deutscher Politiker und Parteiführer nur wundern.

Guido Kirner

Stupid German Money und das Eurosystem

978-3-446-44468-3_21542621658-119„Wenn man in den Euro hinein will, tut man alles. Wenn man schon drin ist, kann man offenbar tun, was man will.“ (Valdis Dombrovski)

Hans Werner Sinns neuestes Buch erschien zunächst auf Englisch, ist von der Fachwelt schon weithin gerühmt und liegt nun aktualisiert in der deutschen Fassung vor. Dieses Buch ist ein Politikum oder sollte es werden. Gerade weil es sich um wissenschaftliche Analyse bester Güte handelt, ringt man nach der Lektüre um Fassung. Sinn könnte als normaler neoklassischer Mainstream-Ökonom und Befürworter der freien Marktwirtschaft gelten, wäre er im Kampf gegen den politisch einflussreichen Vulgärkeynesianismus und die Phrasenwand vieler Europa- und Finanzpolitiker nicht schon fast zu einer eigenständigen Institution geworden.

Ihm und seinen Mitarbeitern war auch die Aufdeckung des Haftungsrisikos für Deutschland aus den sog. Target-Salden zu verdanken, als alle Welt dieses Problem noch leugnete. Nun legt er eine umfassende Gesamtanalyse des Eurosystems vor und behandelt den Zeitraum von 1995 bis in das Jahr 2015. In Würdigung dieses Buches gelang mir vorerst nur dieses polemische Resümee, weil es meine Befürchtungen zu diesem Thema bestätigt und wissenschaftlich fundiert. Continue reading Stupid German Money und das Eurosystem

House of Debt – ein Buch von Atif Mian und Amir Sufi

9780226081946„If investors systematically ignore certain outcomes, financial innovation may just be secret code for bankers trying to fool investors into buying securities that look safe but are actually extremely vulnerable.“

“The financial system actually works against us, nor for us.”

“A financial system that relies excessively on dept amplifies wealth inequality.”

“To prevent runs and preserve the payment system, there is absolutely no reason for the government to protect long term creditors and shareholders of banks.”

“Debt and deflation are natural partners in crime.”

In den USA ist ein viel diskutiertes Buch erschienen, welches sich der Finanzkrise von 2007/8 von Seiten der Verschulung privater Haushalte nähert. Die wichtigsten Lehren bzw. Ergebnisse dieses Buches – House of Debt der Ökonomen Atif Mian und Amir Sufi fasse ich hier thesenhaft zusammen:

Erstens: Finanzsysteme, die auf Verschuldung basieren, vergrößern die Ungleichverteilung des Wohlstandes, ganz einfach, weil die Wohlhabenderen die Verluste besser verkraften können als die Ärmeren (hochverschuldeten) Haushalte. Dies zeigt anschaulich der Vergleich mit der Dot-Com-Blase.

Zweitens: Privathaushalte und Unternehmen handeln nicht so, als wären sie willenlose Erfüllungsgehilfen bestimmter volkswirtschaftlicher Theorien der Konjunkturbelebung. Vernünftigerweise sind sie in der Krise mit ihren Konsumausgaben und Investitionen zurückhaltend und versuchen ihre Finanzen zu konsolidieren.

Drittens: Deshalb ist es Unfug, Banken schier unbegrenzte Liquidität mit billigem Geld bereitzustellen, um in der Krise mittels Kreditvergabe die Konjunktur wieder ankurbeln zu wollen. Denn diese Kredite werden in der Krise schlicht nicht abgerufen.

Viertens: Verschuldung ist Verursacher und Verstärker von Finanzkrisen und nicht deren Lösung. Verschuldung mit noch mehr Verschuldung zu bekämpfen ist verantwortungslos, weil sie nur die nächste Finanzblase nährt, die zu einem noch größeren Crash führt. Continue reading House of Debt — ein Buch von Atif Mian und Amir Sufi