House of Debt – ein Buch von Atif Mian und Amir Sufi

9780226081946„If investors systematically ignore certain outcomes, financial innovation may just be secret code for bankers trying to fool investors into buying securities that look safe but are actually extremely vulnerable.“

“The financial system actually works against us, nor for us.”

“A financial system that relies excessively on dept amplifies wealth inequality.”

“To prevent runs and preserve the payment system, there is absolutely no reason for the government to protect long term creditors and shareholders of banks.”

“Debt and deflation are natural partners in crime.”

In den USA ist ein viel diskutiertes Buch erschienen, welches sich der Finanzkrise von 2007/8 von Seiten der Verschulung privater Haushalte nähert. Die wichtigsten Lehren bzw. Ergebnisse dieses Buches – House of Debt der Ökonomen Atif Mian und Amir Sufi fasse ich hier thesenhaft zusammen:

Erstens: Finanzsysteme, die auf Verschuldung basieren, vergrößern die Ungleichverteilung des Wohlstandes, ganz einfach, weil die Wohlhabenderen die Verluste besser verkraften können als die Ärmeren (hochverschuldeten) Haushalte. Dies zeigt anschaulich der Vergleich mit der Dot-Com-Blase.

Zweitens: Privathaushalte und Unternehmen handeln nicht so, als wären sie willenlose Erfüllungsgehilfen bestimmter volkswirtschaftlicher Theorien der Konjunkturbelebung. Vernünftigerweise sind sie in der Krise mit ihren Konsumausgaben und Investitionen zurückhaltend und versuchen ihre Finanzen zu konsolidieren.

Drittens: Deshalb ist es Unfug, Banken schier unbegrenzte Liquidität mit billigem Geld bereitzustellen, um in der Krise mittels Kreditvergabe die Konjunktur wieder ankurbeln zu wollen. Denn diese Kredite werden in der Krise schlicht nicht abgerufen.

Viertens: Verschuldung ist Verursacher und Verstärker von Finanzkrisen und nicht deren Lösung. Verschuldung mit noch mehr Verschuldung zu bekämpfen ist verantwortungslos, weil sie nur die nächste Finanzblase nährt, die zu einem noch größeren Crash führt. Continue reading House of Debt — ein Buch von Atif Mian und Amir Sufi

Des Bankers Neue Kleider – ein wichtiges Buch von Anat Admati u. Martin Hellwig zur fragilen Bankenwelt

978-3-89879-825-9Aktuell steigen die Bankenkurse an den Börsen, auch weil bekannt wurde, dass die Verschuldungsregeln von Aufsichtsgremien lax gehandhabt werden (vgl. FAZ 14.01.2014, S. 17). Und Ein Kursfeuerwerk ist nicht unbedingt der Ausweis volkswirtschaftlicher Vernunft. Banken bleiben gefährliche Institutionen, zumal viele immer noch mit über 95 Prozent Fremdkapital arbeiten. Einerseits sind ihre Dienstleistungen unersetzlich, andererseits haben sie das Potential ganze Volkswirtschaften zu ruinieren. Das hat die jüngste Banken- und Finanzkrise (2007-2009) gezeigt. Nicht zu leugnen ist dabei ein Interessenskonflikt: Das Interesse der Banken liegt in der kurzfristigen Gewinnmaximierung, wobei die Haftung und Verantwortung für untragbare Kreditausfälle oder Spekulationsverluste auf die Allgemeinheit abgewälzt werden; das Interesse der Gesellschaft, d.h. der steuerzahlenden Bürger und ihrer nachkommenden Generationen, liegt hingegen in einem langfristig stabilen Finanzsystem, das möglichst keine Kosten verursacht. Beides lässt sich nicht in Einklang bringen und regelt sich auch nicht über den marktwirtschaftlichen Wettbewerb.

Kaum eine Lobby ist so erfolgreich wie jene der Banken. Das liegt an einer vielfältigen Verquickung zwischen Politik und Hochfinanz: dem sog. Drehtüreffekt bei Karrieren, bedeutenden Wahlkampfspenden sowie – und das ist wesentlich – der wechselseitigen Abhängigkeit bei politischen Finanzierungsprojekten (Staatsverschuldung). Die Geschichte der Bankenregulierung ist voll von Regeln und Gesetzen, die die Banken zur Finanzierung von politisch gewollten Aktivitäten anhalten, vor allem auch zur Finanzierung des Staates. Schließlich wirken die geschürten Ängste von vermeintlichen Standortnachteilen der Bankenbranche. Mehr als Lippenbekenntnisse sind von Politikern also kaum zu erwarten und ihre bürokratischen Scheinüberwachungsmaßnahmen haben eher beruhigende Alibifunktion für Wähler denn Kontrolleffekte für Finanzinstitutionen. Da bleibt womöglich nur Überzeugungsarbeit in der Hoffnung, die besseren Argumente mögen sich doch noch gegen die Bankenlobby und ihren Nachrednern in Politik und Medien durchsetzen. Das Buch Des Bankers neue Kleider der Finanzwissenschaftler Anat Admati und Martin Hellwig bietet hierfür Aufklärung im besten Sinne; ihre Ausführungen sind allgemein verständlich, anschaulich und überzeugend, dabei empirisch und wissenschaftlich fundiert. Continue reading Des Bankers Neue Kleider – ein wichtiges Buch von Anat Admati u. Martin Hellwig zur fragilen Bankenwelt

Erschreckende Unkenntnis

Wer des Öfteren als Finanzdienstleister mit Kunden zu tun hat, kann vielleicht bestätigen: Frauen stapeln eher tief, Männer hoch; Frauen entschuldigen sich für Ihre Unkenntnis, stellen dann aber kluge Fragen und entscheiden recht logisch; Männer dagegen geben sich gerne selbst als Fachmann, deuten an, dass sie alles im Griff haben und entscheiden dann viel emotionaler, als sie glauben. Solange beide bedürfnisgerecht beraten werden, ist es egal, und Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel.

Traurig wird das Ganze nur, wenn zwei Dinge zusammenkommen: Ahnungslosigkeit und Beratungsresistenz. Und tatsächlich bestätigt eine Studie beides in erschreckendem Maße, und zwar unabhängig vom Geschlecht. So liegt nun das Ergebnis einer Umfrage des Fondsbranchenverband BVI vor, bei dem 1000 Leute befragt wurden. Das beginnt damit, dass überhaupt nur 11 % es für wichtig halten, etwas ihre Geldanlagen zu verstehen. Wenn das so ist, dann helfen auch keine Gesetze und kein Verbraucherschutz. Da sind die 20 %, die schlechte Erfahrungen mit Finanzgeschäften gemacht haben, noch erstaunlich wenige; oder ist der Rest vielleicht so unbedarft, noch nicht einmal beurteilen zu können, was ein gutes und was ein schlechtes Geschäft ist?

Tatsächlich glauben 61 % (bei jüngeren sogar 80 %), Geldanlagen wie Tagesgeld, Festgeld und Sparbuch seien geeignete Geldanlagen für die Altersvorsorge, obgleich diese allenfalls dafür geeignet sind, Geld bis zur besseren Verwendung zu parken und (inzwischen noch nicht einmal) die Inflation auszugleichen. Im Gegenzug halten nur ein Viertel der Jüngeren die betriebliche Altersvorsorge (bAV), Fondssparpläne oder Rentenversicherungen für geeignet. Bei der Mehrheit fehlen also Grundkenntnisse.

Sicherheit ist fast der Hälfte der Befragten das Wichtigste bei der Geldanlage. Verständlich, erstaunlich nur, dass nur 6 % das wichtigste Mittel, nämlich die Risikostreuung für wichtig halten. Eine gewisse Konsequenz im Verhältnis zur Risikoneigung birgt das Ergebnis, das für nur 6 % der Ertrag das wichtigste ist. Da erinnere ich mich an einen Kommentar der FAZ, die Deutschen seien „Renditeverweigerer“.

Die verbreitete Unkenntnis führt jedenfalls dazu, dass die Deutschen zu wenig, falsch bzw. mit ungeeigneten Instrumenten ihre Sparziele verfolgen. Da stellt sich doch die Frage, ob nicht Experten weiterhelfen könnten? Dem widerspricht, dass es immerhin 90 % für immer wichtiger halten, sich selbst mit dem Thema zu befassen. Die wichtigsten Gründe, warum sie das dann aber nicht tun, sind: es macht keinen Spaß (43 %), kein Vertrauen in Finanzinstitute (40 %), starke Verunsicherung, was man tun soll (37 %), Schwierigkeiten beim Verständnis von Informationsmaterialien (37 %). Die FAZ erwähnt in ihrem Artikel noch eine Umfrage. Hier bestätigt sich die umfassende Unkenntnis: so haben z.B.  60 % noch nie etwas vom Drei-Säulen-Modell der Altersvorsorge gehört.

Sind die meisten Bürger selbst schuld an ihrer Unkenntnis oder ist es auch der Branche anzulasten, dass sie zu schlecht beraten? Möglicherweise beides. Die Mission für meinen Beruf sollte also sein: Aufklärung zu mündigen Finanzbürgern, zumindest wenn das Interesse da ist.

Dr. Guido Kirner, Finanzberatung und Versicherungsmakler, Weilheim i.OB

Libysch-italienisch-bayerische Bank

In jeder besseren Stadt Bayerns (so auch in unserem schönen Weilheim in Oberbayern) gibt es (zumeist in bester Lage) eine Filiale der HypoVereinsbank (HVB), ehemals bayerische Vereinsbank. Viele Bayern sind Kunden dieser Bank. Der älteste Zweig lässt sich sogar auf die Hochfürstlich-Brandenburg-Anspach-Bayreuthische Hofbanco zurückführen. (hier mehr>>)

Sie steht nach wechselvoller Geschichte u.a. in der Tradition der bayerischen Staatsbank, der bayerischen Hypotheken- und Wechselbank und vieler anderen Banken, die fusionierten. 1998 entstand die bayerische Hypo- und Vereinsbank. Bis 2002 wurde noch die österreichische Bank Austria Creditanstalt einverleibt, die u.a. eine bulgarische und serbische Bank kaufte.

Doch die Bank wuchs nicht nur, es wurden auch Sparten abgespalten, zumindest der Immobilienfinanzierer der Bank. So entstand die Hypo Real Estate, welche in der Finanz- und Bankenkrise der letzten Jahre zum großen Sorgenkind avancierte. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Hypo- und Vereinbsank wurde nun zwischen 2006-2008 in mehreren Phasen italienisch, nämlich zur Tochter der UniCredit Group. Dieser ehrenwerten Mailändischen Großbank wurde das zweifelhafte Glück zuteil, dass sich ein ein gewisser Muammar al-Gaddafi mittels eines Staatsfonds und der Libyan Foreign Bank an der UniCredit beteiligte.

Gaddafi ist von Beruf Diktator und Staatsschauspieler in Libyen, der sich aktuell blutig weigert, seine Stellung aufzugeben, weil das Volk ihn nicht mehr haben will.

Nun habe ich zwei Fragen? Wem gehören eigentlich die libyschen Anteile, dem Volk oder dem Dikator? Und wissen die Kunden der einstigen HVB eigentlich, wo sie ihr Geld anlegen?

Dr. Guido Kirner, Finanzberater und Versicherungsmakler, Weilheim i.OB

Falsche Signale: Europasolidarität als Bankensubventionierung?

Ich bin gerne Europäer, habe u.a. in Paris studiert, spreche Englisch und Französisch und bin mit einer Italienerin verheiratet. Womöglich bin ich schon dadurch in manchem europäischer als bestimmte Politiker, die leichtfertig Europa durch falsche Propaganda aufs Spiel setzen. Ich möchte, dass es mit der europäischen Integration weitergeht, gerade weil es Fehlentwicklungen gibt und sie in vielem eher einer Baustelle als einem soliden Gebäude gleicht.

Ich bin aber auch ein Verfechter eines fairen Wettbewerbs, der die Regel zur Grundlage hat, dass Unternehmen, also auch Banken für ihre Risiken haften. Das Prinzip des Scheiterns und Untergangs ist im Wettbewerb angelegt. Andererseits gibt es Chancen auf Belohnung für jene, die bessere Ideen haben, besser wirtschaften, was ihren Aufstieg ermöglicht. Das bringt die Wirtschaft voran und sichert unseren Wohlstand. Wird dieses Prinzip durch politischen Aktionismus außer Kraft gesetzt, gerät die freie Wirtschaftsordnung in Gefahr, auf die sich Banker und Politiker gerne berufen.

Beides, das Verantwortungsprinzip einerseits, dass jeder für seine Handlungen verantwortlich ist, einstehen und haften muss, sowie das Solidaritätsprinzip andererseits, dass Stärkere für Schwächere einstehen, gerät seit der Griechenlandkrise in ein offenes Missverhältnis. Bereits an anderer Stelle habe ich mehrfach darauf hingewiesen.
[vgl. die Blogartikel: Das Ende einer Währung; Das Ende der Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank; Hellas – Euro – Europa, was auf dem Spiel steht]

Schlimmes kündigt sich an, wenn der Wille zum Besseren zum Feind des Guten wird und emotionale Appelle die Sinne verschleiern. Sicherlich wollen die Finanzmärkte hinsichtlich der Überschuldungskrise europäischer Staaten beruhig werden. Gleichwohl ist die Unruhe kaum unbegründet. Wenn nun nach dem Motto „Koste es, was es wolle“ Rettungsschirme aufgespannt, Versprechen lanciert und Freibriefe verteilt werden, so hat das mit europäischer Solidarität letztlich wenig zu tun.

Vielmehr ist es so, dass die Banken ihre unabkömmliche strategische Position im Finanzsystem schamlos ausnutzen, die Politik in Geiselhaft nehmen und ihre Ausfallrisiken als Gläubiger von Staaten auf den Steuerzahler abwälzen möchten. Letztlich werden europäische Banken durch Steuergelder subventioniert, während die sparenden Bürger magere Zinsen auf ihre Einlagen von den Banken erhalten. Das hat mit europäischer Solidarität ungefähr so viel zu tun, wie die Vergabe von Süßigkeiten mit Zahnpflege. Falsches Verhalten wird belohnt, während jene, die vorsichtiger investiert waren indirekt bestraft werden.

Hier läuft etwas schief! Gläubiger müssen an den Ausfallrisiken beteiligt werden, andernfalls wird das Leben auf Kosten Dritter mi9t fatalen Konsequenzen für eine solide Wirtschafts- und Finanzpolitik belohnt. Auch wenn es kurz- bzw. mittelfristig zu nervösen Märkten führt, ist es besser als langfristig die nächste große Finanzblase zu schüren, deren Platzen zu einer noch größeren Krise führt, bei der dann kein Rettungsschirm mehr hilft.

Dr. Guido Kirner, Weilheim i.OB