Die Illusion der Berechenbarkeit

Ein anspruchsvoller Kunde

Vor einiger Zeit saß ich bei einem Kunden. Es sollte um eine Anschlussfinanzierung für sein Haus (und evtl. noch mehr) gehen. Schon am Telefon hatte er knapp aber deutlich darauf hingewiesen, er lasse drei bis vier Berater kommen und entscheide erst dann, mit wem er zusammenarbeiten wolle. Ich bedankte mich für seine offenen Worte und fuhr gespannt zum Termin.

Man merkte dem Mann an, dass er auf den Baustellen der Welt bei großen Projekten den Ton angegeben hatte und der Duktus seines Südbadischen Dialektes versprühte Autorität, die wenig Widerspruch duldete. Nach einem prüfenden Blick saßen wir in seiner rustikalen Essecke, ich mit einem Bleistift und einem Block, er hatte mehrere Ordner vor sich, die auf viel Arbeit für den Finanzberater schließen ließen.

Das Beste möglichst günstig

Zunächst machte er mir klar, für ihn zähle nur die beste Kondition; er habe als Bauingenieur hart gearbeitet und er könne es sich bei all den Steuern und Abgaben mit Frau und zwei Kindern nicht leisten, Geld zu verschenken. Noch nickte ich verständnisvoll und erwiderte, ich habe Möglichkeiten, sehr gute Konditionen anzubieten.

Was nun folgte war ein etwa halbstündiger Vortrag, was er von seinem künftigen Finanzberater alles erwarte: unter anderem präzise Voraussagen über die volkswirtschaftliche Entwicklung und damit einhergehend über die Zinsentwicklung. Auf meinen kurzen Einwand, dass sich diesbezüglich sogar die größten Experten ständig irrten, meinte er: zumindest wolle er klare Risikoanalysen, A-B-C-Szenarios usw., schließlich setze er diese für sein Projektmanagement auf den Baustellen auch ein.

Mein Eingeständnis

Nachdem ich mir dass alles in Ruhe angehört hatte, gab ich ihm zwei Dinge zu bedenken: Aufgrund meines Studiums wüsste ich, was er meine, jedoch hätte ich das für meinen jetzigen Beruf bisher nie gebraucht. Wenn er dies aber nutzen möchte, müsste er selbstverständlich auch bereit sein, mir dauerhaft ein Gehalt eines Ingenieurs seiner Güte oder etwa eines Chefvolkswirtes einer großen Bank zahlen. Letztere seien nämlich Experten für die Dinge, die er haben und nutzen möchte.

Ich sah den Mann nun zum ersten Mal baff erstaunt und etwas nachdenklich. Er hatte nämlich mit vielem gerechnet, wahrscheinlich dass ich mich verkäuferisch anbiedere und meine Vorzuge und Kompetenzen herauskehre. Doch ich machte das Gegenteil und untermauerte das noch einem zweiten Schritt.

Die Illusion der Berechenbarkeit

Denn ich gestand nun frank und frei, dass ich von all den Prognosen wenig halte, zumal die entscheidenden Krisen, Einbrüche und Zinsveränderungen in den seltensten Fällen von den bestbezahltesten Experten korrekt vorausgesagt wurden. Im Gegenteil: sie täuschten sich oft mehr als der normale gesunde Menschenverstand. Ich könne nur professionell dabei helfen, sich so gut wie möglich strategisch zu positionieren, um das Risiko für verschiedene Szenarios zu verringern.

Die Märkte sind kein Uhrwerk

Warum diese lange Vorgeschichte? Um zu verdeutlichen, selbst gut ausgebildete, sehr welterfahrene Personen täuschen sich über die Eigenschaft der Wirtschaft und Finanzmärkte. Nicht selten unterliegen sie hier ihrer eigenen beruflichen Prägung.  So wenig wie die Welt ein Uhrwerk ist, so wenig lassen sich Entwicklungen in Wirtschaft und Finanzmärkten sicher voraussagen, geschweige denn berechnen. Da hilft auch nicht der Gestus der Wissenschaftlichkeit in mathematischen Formeln. Wer dies behauptet, der belügt sich selbst oder lebt (als Professor, Gutachter, Volkswirt) einfach davon, dass er diese Illusion verkauft.

Mathematik, so hilfreich und wichtig sie für vieles ist, kann auch nur eine Zierde sein. Selbst nobelpreisbejubelte Modelle sind selten realistisches Abbild innerweltlicher Abläufe. Auch hier kommt es meistens anders als man denkt. Es hat für mein Weltverständnis etwas beruhigendes, wenn sich Politik, Gesellschaft, Wirtschaft – kurz die Menschen in ihren chaotischen, unendlich mannigfaltigen und widerstrebenden Bemühungen nicht in mathematische Modelle einfangen lassen. Und das gilt auch für das Geld der Menschen und die Märkte auf denen sie handeln, erst recht für die Börse.

Was ein “Chef-Anlage-Architekt” bestätigt

Eine Überschrift der gestrigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ 30.04.2010, S. 23) im Finanzmarktteil gibt mir recht: „Anleger unterliegen der Illusion mathematischer Korrektheit.“ Im Artikel wird weitgehend der „Chief Investment Architect“ – Titel gibt es! – der feinen Privatbank Pictet und Cie aus der französischen Schweiz zitiert. Unter anderem heißt es: „Eine Unzahl von Strategen und Analysten befassten sich mit den Märkten, erarbeiteten Unmengen an Studien, um zu Prognosen zu kommen, und doch seien die Resultate der Analysten und draus resultierenden Anlageempfehlungen fast immer falsch.“

Leider habe ich einen potentiellen Kunden verloren, weil ich offen gestand, dass ich seine Erwartungen nicht erfüllen könne. Ich hoffe, er hat den Berater seiner Wünsche gefunden, irgendwie war mir dieser Mann sogar sympathisch. Ich hatte wenigstens eines: Ich bin mir treu geblieben und habe offen gesagt, was ich denke. Das ist meine Pflicht. Und hier ist es wie bei guten Ärzten oder Ingenieuren. Das Eingeständnis, etwas nicht zu wissen, kann heilsamer bzw. solider sein als die Operation bzw. der Bau auf Grundlage von Scheinwissen.

Dr. Guido Kirner, Finanzplaner und Versicherungsmakler, Weilheim i.OB