Jahrzehnte gebuckelt, wenig verdient, kaum Rente

Das Thema Altersvorsorge hat sich bei Kunden allmählich verbraucht, obgleich das Thema an Bedeutung gewinnt. Denn  eines wird immer offensichtlicher: die Brisanz der künftigen Altersarmut in Deutschland. Die Zahl derjenigen, welche die gesetzliche Rente als das alleinige Heilmittel für eine ausreichende Altersversorgung im Alter sehen, verflüchtigt sich auf eine geringe Zahl Wohlfahrtstaatsromantiker, während die Zahlen aus Wissenschaft und die Versuche der Politik zur Gegensteuerung die Problemlage nicht mehr leugnen.

Auch wenn die Arbeitsministerin von der Leyen mit ihrem Gesetzesentwurf zur Zuschussrente scheitern sollte, die vorgelegten Zahlen ihres Ministeriums offenbaren die Abwärtsspirale von der einstigen Vollversorgung hin zur Basisrente als Existenzminimum:

Wer als Arbeitnehmer derzeit weniger als 2.500 Euro im Monat verdient wird auch nach 35 Jahren Arbeit eine Rente unterhalb der Grundsicherung von 688 Euro erhalten. Auch wer 40 Jahre arbeiten und dabei knapp 3000 Euro verdienen würde, wird es nach dem Jahr 2030 wohl kaum über die 1000 Euro Rente schaffen. Wenn man dabei nun noch die schleichende Geldentwertung berücksichtigt, wird es ganz schlimm. Die Rente wird kaum mehr für die Miete reichen.

Dass das Thema in der Bevölkerung trotzdem kaum mehr verfängt, wie Umfragen feststellen, dafür lassen sich mehrere Gründe anführen: Das Alter liegt in einer eh ungewissen Zukunft und dafür vorzusorgen wirkt für viele zu abstrakt oder sie sind bereits durch die Dauerbearbeitung in den Medien abgestumpft. Ferner haben wohl jene, die am meisten im Alter von Armut betroffen sein könnten, jetzt schon zu wenig Mittel, um sich überhaupt eine ausreichende private Vorsorge leisten zu können.

Ihnen bleiben der Fatalismus und die vage Hoffnung auf den Sozialstaat, auf dass er in Jahrzehnten überhaupt noch in der heutigen Form existieren wird. Schließlich ist die Verunsicherung angesichts der gravierenden Staatsverschuldungs- und Finanzkrise so groß, dass viele eh nicht wissen, wie sie finanziell am besten planen, selbst wenn die Bereitschaft dazu da wäre. Das Systemvertrauen schwinden umso mehr, je jünger die Jahrgänge.

Der politische Streit, ob nun die privat-individuelle (jeder für sich) oder die kollektiv-gesetzliche (alle für jeden) die richtige Weise der Finanzierung von künftigen Renten stellt sich nicht mehr als Alternative, sondern als notwendige Kombination. Das gesetzliche Umlageverfahren hat den großen Vorteil, nicht vom Kapitalmarkt abhängig zu sein, weil jetzige Arbeitnehmer die Rente der jetzigen Rentner bezahlen.

Wenn es angesichts sinkender Lebensarbeitszeiten und Geburtenraten immer weniger Beitragszahler gibt, muss das Rentensystem zwangsläufig entweder über Schulden oder Steuern finanziert werden oder die Rentenzahlungen werden noch mehr gekürzt. Noch mehr Schulden für noch mehr Sozialleistungen oder noch mehr Steuern für immer höhere Staatsausgaben ist wohl kaum ein zukunftsträchtiges Konzept, auch wenn das manche in der Politik noch nicht so recht begriffen haben. Weitere Kürzungen im gesetzlichen Rentensystem würde seinen Bestand kaum mehr rechtfertigen, zumal der jüngeren Generation eh schon blüht, was für Lasten auf sie zukommen, ohne noch viel davon zu haben.

Bleibt also nur die private Vorsorge. Doch was tun? Will er nicht resignieren muss er Finanzprodukte kaufen. Der Deutsche wünscht sich dabei Sicherheit. Doch sämtliche Lehrbuchweisheiten auf die Frage, wie ich heute mein Geld für eine Zukunft in Jahrzehnten sicher anlegen kann, sind veraltet bzw. Makulatur. Einst sicher geglaubte Staatsanleihen verkörpern nur noch zinsloses Risiko. Die Aktienmärkte sind süchtig danach, dass billiges Geld in den Markt gepumpt wird. Was wird passieren, wenn hier das Ende der Fahnenstange erreicht ist? Die vielgepriesene Flucht in die Sachwerte als Alternative hat den Punkt der günstigen Gelegenheiten längst hinter sich gelassen. Es bleibt nur der schlaue Anlagenmix für jene, die können; und die unbarmherzige Nachricht, dass die Zeiten für jene, die kaum oder wenig vorsorgen können, nicht besser werden. Der politische Verteilungsspielraum schrumpft.

Dr. Guido Kirner (Polling / Weilheim i.OB)

 

Einheitsrente für die Briten

Nach Überlegungen zur Aufhebung der Altesgrenze plant die britische Regierung eine Einheitsrente. Sie schlägt einen einheitlichen Rentensatz von 140 Pfund (644 Euro) im Monat vor. Er soll 2016 erstmals angewendet und an die Entwicklung der britischen Durchschnittslöhne angepasst werden.

Geltung hat er allerdings nicht für die jetzigen Rentner, sondern nur für die Berufstätigen, die in den nächsten Jahren pensioniert werden. Auch bekommt die neue Einheitsrente nur, wer zuvor 30 Jahre lang in die Sozialversicherung eingezahlt hat. Ein Anspruch entsteht erst nach dem siebten Jahr der Einzahlung.

Damit würde die doppelstöckige Rente mit einem vermögensabhängigen Zuschlag abgeschafft.  Bisher erhielten britische Rentner eine kleine Staatsrente von umgerechnet knapp 400 Euro pro Monat. Einkommensabhängig konnte die Rente auf bis zu 600 Euro aufgestockt werden.

Ein Hauptmotiv für die Änderung ist, dass Berufstätige nicht privat für das Alter sparten, weil sie damit rechnen mussten, dass Ihnen der vermögensabhängige Zuschlag dann nicht ausbezahlt wird. Die britische Regierung, die sich aufgrund der Verschuldungs- und Finanzkrise auch auf anderen Gebieten zu radikalen Reformen gezwungen sieht, möchte nun das Gegenteil erreichen.

Möglicherweise kann man daran erkennen, wohin die Reise in der Altersvorsorge in Europa geht. Deutschland hat mit Einführung der in der Ansparphase staatlich und steuerlich geförderten Riesterrente (Zulagenrente), Rüruprente (Basisrente) sowie betrieblichen Altersversorgung (bAV) Anreize für private Altersvorsorge geschaffen. Nicht wenige vermuten, dass schon aus Gründen der Finanzierbarkeit die Gesetzliche Rente ebenfalls auf eine Art Basisabsicherung auf niedrigem Niveau hinauslaufen wird. Die Ära, wo manche von der staatlichen Rente gut leben konnten, geht ihrem Ende entgegen (außer vielleicht für die üppigen Beamtenpensionen, die dafür noch nicht einmal Sozialabgaben entrichten mussten).

Wer anderes verkündet, lebt in einer Welt politisch naiver Wünschbarkeiten, ohne sich die Frage der Ausfinanzierung von künftigen Renten zu stellen, zumal die deutschen Sozialversicherungssysteme schon heute trotz hoher Sozialabgaben zusätzlich durch Steuermittel finanziert werden müssen. Wer die Notwendigkeit der privaten Altersversorgung kleinredet oder gar verpönt und die staatlichen Systeme immer noch für das Maß aller Dinge hält, der lebt in einer Welt von gestern. Das darf er. Nur seriöse Finanz- und Sozialpolitiker dürfen sich diese Nostalgiker nicht nennen.

Dr. Guido Kirner, Finanzberater und Versicherungsmakler, Weilheim i.OB