Was ist vom “wissenschaftlichen” Depotcheck zu halten?

Was ist davon zu halten, wenn Finanzvertriebe, Banken oder Medien dazu aufrufen, sein Depot nach wissenschaftlichen Methoden „checken” zu lassen. Eine unabhängige Beratungsfirma für Investments würde dann ihre Investitionsentscheidungen prüfen und Ihnen das Resultat mitteilen. Kann das funktionieren?

Zunächst einmal sollten Sie misstrauisch sein, ihre Vermögensverhältnisse und damit schutzrelevante Daten irgendwelchen Menschen anzuvertrauen, die sich nicht kennen. Sofern Ihr Name und Adressen erfragt werden, sollten Sie überlegen, ob es sich hier nicht einfach um „Adressenfang” handelt, d.h. eine Firma erhält über den Fernsehsender eine Menge Anschriften, Mails oder Telefonnummern, die als potentielle Kunden wahrgenommen werden.

Depot-Analyse

Wenn Sie aber ihre Depotdaten eingesendet haben, was passiert dann damit? Offen gesagt ich weiß es nicht; der gesunde Menschenverstand sagt mir aber folgendes: Bestenfalls erhalten Sie irgendwann einen schicken Ausdruck mit Begriffen aus dem us-amerikanischem Bankerslang, Kurven und Bildchen, aus dem hervorgeht, dass Sie nicht das optimale Risiko-Rendite-Verhältnis haben. Möglicherweise wird ihnen erklärt, dass Sie Ihr Depot nach den wissenschaftlichen Methoden der Portfoliotheorie des Nobelpreisträgers Harry M. Markowitz(1) ausrichten sollten. Vielleicht sind Sie nun beeindruckt, fühlen sich als Laie und vereinbaren einen Termin.

Markovitz

Spätestens wenn dieser Name Markovitz mit gewichtigem Ton und hochgezogenen Augenbrauen des Beraters ins Spiel gebracht wird, um Sie zu beeindrucken, sollten Sie sich den Spaß gönnen und folgendes tun. Freuen Sie sich darüber, dass endlich jemand wissenschaftlich an das Thema geht und dazu noch mit einem Nobelpreisträger im Hintergrund. Bitten Sie ihn, alle Aktien und alle Werte in den Fonds zu analysieren und ausrechnen, wie es besser gemacht werden sollte, um das optimale Rendite-Risiko zu erhalten. Dazu solle er die möglichen Kapitalwerte aller Teilprojekte in ihrem Erwartungswert und Standardabweichung ermitteln. Dann würde Sie gerne wissen, welche Risikominimierung sich über den Diversifikationseffekt der projektspezifischen Kennzahlen erreichen ließe. Dabei soll er ihnen die informatorischen Voraussetzungen für Sigma als Risikoindikator erläutern.

Sie haben nichts verstanden? Macht nichts. In 99 % der Fälle hat ihr Berater auch nichts verstanden und wird in Zukunft vorsichtiger mit Namen um sich schmeißen, von deren Theorie er auch nichts versteht. Ist der Berater schlagfertig, wird er darauf verweisen, dass diese komplexen Berechnungen sich in der Kürze der Zeit heute nur noch mit dem Computer simulieren lassen und genau das habe er vor.  Dann liegt der Balls wieder bei ihnen. Jetzt stellt sich heraus ob Sie naiv wissenschaftsgläubig sind oder ob ihren Berater einfach nur aus anderen Gründen sympathisch und vertrauenswürdig finden. Vielleicht können Sie Ihn noch fragen, weshalb trotz dieser Theorie so viele Verluste ganz großer Experten nicht verhindert werden konnten.

Ferner sollten Sie wissen: Markovitz hat sein eigenes Geld angeblich auch nicht nach seiner eigenen Theorie angelegt. Der Informations- und Berechnungsaufwand war vor dem Computerzeitalter dazu auch viel zu hoch. Er gebrauchte die 1:N-Methode, d.h. ganz einfach: Verteile dein Geld gleichmäßig auf jeden von N Fonds. Hierbei kann ihnen auch heute noch ein guter Berater behilflich sein. Sie sollten zusammen mit ihrem Berater die Schwankungsbreiten der Börsenkurse verschiedener Anlageklassen, den zeitlichen Anlagehorizont ihres Investmentvorhabens auf ihre Risikoneigung und persönlichen Lebensumstände abstimmen. Ein guter Berater wird Ihnen immer auch die Frage stellen, mit welchen Verlusten sie noch gut schlafen können.

Was Sie aber ganz bestimmt nicht brauchen, ist eine Massenanalyse von Depots über einen Fernsehsender nach vermeintlich aktuellen wissenschaftlichen Methoden.

(1)Markovitz, Harry M. (1952): Portfolio Selection; Journal of Finance, Vol. 7, S. 77-91; ders. (1959) Portfolio Selection, New Haven / London.

Dr. Guido Kirner, Finanzplaner & Versicherungsmakler, Weilheim i.OB

Verbraucherschutz in der Finanzdienstleistung. 10 Fragen und Antworten helfen Kunden mehr als 100 Paragrafen

Die Qualität der Finanzberatung hängt letztlich von der Qualität des Beraters ab, d.h. seiner Kompetenz, seinem Charakter und seiner Persönlichkeit, auf welche Weise er Sie beraten wird. Überall gibt es gute und schlechte Berater. Richtig ist aber auch: es hängt zudem von den Strukturen ab, wie unabhängig und kompetent er überhaupt für Sie arbeiten kann bzw. darf. Die Wahrscheinlichkeit auf einen guten Berater zu treffen wächst unter bestimmten strukturellen Voraussetzungen.

Zurecht werden deshalb im Rahmen des Verbraucherschutzes die strukturellen Voraussetzungen von fairer Finanzberatung diskutiert. In jüngster Zeit wurde das Thema auf die Gegenüberstellung von Provisionsberatung versus Honorarberatung verkürzt. Nicht selten werden dabei Besitzstände von Verbänden und Einflussgruppen verteidigt und der “Verbraucher” gerät aus dem Blickfeld. Wem es tatsächlich um den Verbraucher geht, der sollte dafür sorgen, dass er sich überhaupt ein Bild machen und selbst entscheiden kann, was für ihn das Beste ist. Alles andere sind obrigkeitsstaatliche Hanswurstiaden mit wenig Praxisrelevanz. Dabei wird noch die beste Absicht in schlechte Gesetze gegossen, deren Folge nur ist, dass der Verbraucher mit noch mehr Papier überschüttet wird, dessen Inhalt er kaum versteht und für dessen Lektüre er auch kaum ein Wochenende opfern möchte.

Dabei kann Verbraucherschutz so einfach sein!

Jeder Interessent braucht sich nur 10 Fragen von seinem Finanzdienstleister beantworten lassen. Mit ein wenig Branchenkenntnissen und gesundem Menschenverstand weiß er besser, woran er mit seinem Berater ist. Continue reading Verbraucherschutz in der Finanzdienstleistung. 10 Fragen und Antworten helfen Kunden mehr als 100 Paragrafen