Aus den Erinnerungen von Felix Somary

Somary_1Felix Somary war mehr als ein Schweizer Privatbankier. Er war ein gesuchter politischer Seismograph, galt ob seiner scharfen sich bewahrheitenden politischen Prognosen als „Rabe von Zürich“. Er wirkte als internationale Ratgeber in Währungsfragen und Finanzdiplomat in schwierigen Zeiten. Kennzeichen ist seine Allergie wider den Zeitgeist, seine Eigenständigkeit und geistige Unabhängigkeit. Das macht seine Erinnerung zum Kontrastmittel für all jene politischen und volkswirtschaftlichen Moden, die (nicht nur) in dem von ihm behandelten Zeitraum (1899-1955) viel Leid und Opfer hervorgebracht haben. Aber auch heute stimmen manche seiner Sätze nachdenklich. Deshalb möchte ich mir erlauben, einige Auszüge aus seiner Autobiographie hier zu zitieren.
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Jürgen Stark zur Notenbankpolitik

Jürgen Stark war von 2006 bis 2011 Chef-Volkswirt der Europäischen Zentralbank. Er trat nicht zuletzt deshalb zurück, weil er die Geldpolitik der EZB 2011 nicht mehr mit verantworten wollte. Im Münchner Merkur von heute (Nr. 46, 23./24. Februar 2013, S. 7) gibt er ein Interview, aus welchem ich zwei Passagen zitiere.

Zur politischen Unabhängigkeit der Notenbanken

Die EZB hat das so wichtige Element ihrer Unabhängigkeit von der Politik verspielt. Um dem sich intensivierenden Druck der Politik zuvorzukommen, hat die EZB im vorauseilenden Gehorsam gehandelt. Ihr Mandat wurde bis zum Exzess ausgedehnt – das war ja auch ein wesentlicher Grund für meinen Rücktritt. Das Mandat ist spätestens mit dem Kauf von Staatspapieren in Italien und in Spanien im Jahr 2011 überschritten worden. Aber wir erleben nicht nur in Europa, sondern weltweit eine Politisierung der Zentralbanken. Dasselbe gilt für die amerikanische Zentralbank. Das eklatanteste Beispiel ist Japan. Dort ist die Unabhängigkeit der Zentralbank völlig verloren gegangen durch massiven politischen Druck.

Zur Liquiditätsschwemme und Inflationsgefahr

Es gibt eine Blase an den Anleihemärkten. Es gibt Übertreibungen an den Aktienmärkten. Immobilien sind ein heterogenes Feld. Natürlich sieht man Übertreibungen in deutschen Ballungsgebieten. Das muss man beobachten. Die Liquidität, die da ist, findet ihren Weg. Wenn es zunächst nicht der Weg in die Verbraucherpreisinflation ist, dann findet sie ihren Weg in die Vermögenspreise, die Immobilienpreise oder die  Anleihemärkte.  Wir werden höhere Inflationsraten haben, nicht nur in Europa, sondern weltweit. Es gibt eine große Liquiditätsschwemme. Die wird sich nicht heute und nicht morgen, aber irgendwann in höheren Inflationsraten niederschlagen. Die Notenbanken werden nicht in der Lage sein, die von ihnen geschaffene Überschussliquidität wieder einzusammeln, bevor sich die Inflationserwartungen auf einem höheren Niveau festsetzen.

Das Gerede vom “Primat des Politischen”

It´s the Economy, stupit war 1992 das legendäre Wahlkampfmotto eines Bill Clinton; und von Walter Rathenau wird der Ausruf überliefert: Die Wirtschaft ist unser Schicksal. Und ich erinnere mich noch an das Lamento nicht weniger Intellektueller und Professoren in Berliner Vorkrisenzeiten, dass das „Primat des Politischen“ von der Wirtschaft wieder zurückgewonnen werden müsse.

Wenn man den Satz wie der berühmte General von Clausewitz in Relation zum Militärischen setzt, muss man ihn bejahen, beruht dieser Bereich von vorne herein auf Kommando und Gehorsam. Und weil man sich als freiheitsliebender Mensch keine Militärdiktatur wünschen kann, sollte man dafür sorgen, dass die Politik resp. das Parlament hier das letzte Wort behält.

Setzt man den Satz allerdings ins Verhältnis zum Ökonomischen, muss man das ablehnen, es sei denn, man wünscht sich eine Wirtschaftsdiktatur, die ebenfalls auf Kommando und Gehorsam beruht, also eine Planwirtschaft.

Deshalb hat der weitsichtige und damals gegen den intellektuellen Trend totalitärer Ideologien anschreibende Friedrich von Hayek in seinem „Der Weg zur Knechtschaft“ 1944 davor gewarnt:

Der Gegensatz zwischen einem liberalen System und einer totalen Planwirtschaft findet eine treffende Illustration in den Nationalsozialisten und den Sozialisten gemeinsamen Klage über die ‚künstliche Trennung von Wirtschaft und Politik‘ und in der ihnen ebenfalls gemeinsamen Forderung nach dem Primat der Politik über die Wirtschaft.

Nun, nachdem so manche Krise durch Kurzarbeiterregelung, enorme Subventionen, Bankenrettung usw. vermeintlich gelöst wurde, erkennt man das selbstzufriedene Grinsen einer politischen Klasse, die mit stolz geschwellter Brust jubelt: wir, die Politiker haben jetzt mal der Wirtschaft gezeigt, auf wen es letztlich doch im „Ausnahmezustand“ ankommt.

Die Frage ist: Wer wird uns retten, wenn die Staaten kollabieren? Wir haben aktuelle keine Krise des Neoliberalismus (übrigens einer der größten, aufgebauschten Pappkameraden der politischen Semantik seit ungefähr 20 Jahren); wir haben eine „STAATS-Schulden-Krise“, also eine Krise des Spät-Etatismus.

Und nun finde ich beim stets anregenden Sloterdijk Worte, die meinen Eindruck bestätigen:

Was die Rückkehr zum Primat der Politik und des Politischen bedeutet: Hochkonjunktur für Einseitigkeit, Wahnurteil, Wichtigtuerei, Alles-oder-Nichts-Entscheidung. Man wird sich bald nach der entspannten Zeit der Marktideologie und der Neutralitätsillusion zurücksehnen. Die Hetzer nehmen wieder ihre Plätze ein, die Bombenwerfer arbeiten noch im Keller. Die Kritischen von gestern sind zu geschwächt, um Wirksamen dagegen aufbieten zu können.

Ist das so? Wir müssen jedenfalls nicht nur auf Radikalen achten, sondern auch auf jene politischen Wendehälse, die gestern noch von der Derivatelobby bezahlt wurden und Bankvorständen in den Hintern krochen, sich heute aber als politische Retter gebärden. So oder so kann man Millionen verdienen. Positionseliten zeichnen sich wohl auch dadurch aus, dass man eben erst einmal eine gewisse Position erreicht haben muss, dann kommt die entsprechende Gesinnung und das entsprechende Konto von ganz alleine. Ob uns damit geholfen ist?

Guido Kirner

 

“Mythos Hausbank” in der Baufinanzierung

Ein Finanzierungsspezialist äußert sich (>>hier>>) zum Mythos Hausbank bei der Immobilienfinanzierung und fragt, ob der Vertrauensvorschuss (über Girokonto und Sparpläne) überhaupt gerechtfertigt ist.

Was hat der Kunde davon mit einem leistungsstarken Angebot eines freien Vermittlers zur Hausbank zu gehen? Selbst wenn die Hausbank dann mit ihrem Angebot „gleichziehe“, sei das nur oberflächlich positiv: zum einen offenbare sie damit im Bereich der Preisfindung nur die Kernkompetenz des Nachmachens; überdies könne dann erwartet werden, dass die Hausbank die verlorene Marge zwischen Hausbankzins und verhandeltem Zins wieder hereinzuholen versuche, z.B. bei Zusatzprodukten.

Da die Immobilienfinanzierung in der Dimension und Bedeutung fast immer alle anderen Finanzprodukte in der Schatten stelle, solle der Kunde gut überlegen, „ob es sinnvoll ist, die Verantwortung für dieses Wagnis einem Institut in die Hände zu legen, dass zwar gut beim Girokonto ist, allerdings in Tests zu Baufinanzierungen nicht oder schlecht abschneidet.“

Ich kann dem nur beipflichten. Hinzufügen möchte ich: gewisse Banken gestalten die Finanzierung des öfteren mittels Bausparverträge, Aufteilung der Finanzierungssumme über unterschiedliche Zinsbindungsfristen usw. derart, dass der Kunde bei der Anschlussfinanzierung (Prolongation zumeist nach 10 Jahren) kaum von der Hausbank loskommt, um günstigere Angebote zu nutzen. Spätestens dann wird die geliebte Hausbank ihre Verhandlungsposition auszunützen.

Zitat: Institutionen und Gemeinwohl

There is no necessity for a society to develop or adopt the institutions that are best for economic growth or welfare of its citizens, because other institutions may be even better for those who control politics and political institutions.

aus: Daraon Acempglu / James A. Robinson: Why Nations Fail. The Origins of Power, Prosperity, and Poverty. Crown Business / New York 2012, S. 44.

Ansonsten ist das Buch keine Empfehlung. Ansätze, die Versuchen, politischen und wirtschaftlichen Erfolg bzw. Mißerfolg von Staaten über ökonomistische Modelle hinaus mittels Berücksichtigung von Geschichte, Kulturen und Institutionen vergleichend auf den Grund zu gehen, sind schlicht notwendig und leider Mangelware. Oft wird Geisteswissenschaftlern vorgeworfen, von Wirtschaft keine Ahnung zu haben; auch wenn Ökonomen keine Ahnung von Geschichte und Kultur haben, führt das zu nichts. Ganz schlimm wird es, wenn irgendwelche vermeintlichen Experten keine Ahnung von beidem haben. Das ist hier der Fall. Die Institutionentheorie der Autoren ist von derartig erbärmlicher Schlichtheit, dass man sich einfach nur wundert. Die Geschichtskenntnisse, welche die Theorie mit Beispielen unterfüttern sollte, zumal jene von Europa, sind derart mangelhaft und anglozentristisch, dass man den Autoren gerne Nachhilfestunden bei studentischen Hilfskräften der Geschichtswissenschaften in Kontinentaleuropa empfehlen würde. Bewundernswert ist jedoch der Mut, mit welch selbstbewusster Argumentation dies unausgegorene Gebräu vorgetragen wird. Erstaunlich, dass dieses Werk solche Wellen schlug und auf intellektualistischen Cocktailparties in den USA zum Thema wurde. Möglicherweise eignet es sich auch nur dafür. (Dr. Guido Kirner)