Renditegier und Verlustangst – Versuch zu einer Schieflage bei Investmententscheidungen

Drei Beispiele und eine Gemeinsamkeit

Was haben das Betrugssystem von Bernard Madoff, die Banken- bzw. Finanzkrise der letzten Jahre und das Parken von Geld auf isländischen Tagesgeldkonten von Kleinanlegern gemeinsam?
Es ist das Nichtbeachten der möglicherweise einzigen unerschütterlichen Wahrheit beim Investieren in Kapitalanlagen: höhere Renditen ohne erhöhtes Risiko gibt es nicht! Wenn sich diese Wahrheit immer wieder bestätigt, weshalb lassen sich dann nicht nur Kleinanleger, sondern auch Millionäre, erfahrene Vermögensverwalter, Bankvorstände, Ratingagenturen – kurz, warum lassen wir uns alle immer wieder täuschen bzw. weshalb täuschen wir uns selbst?

Der Fall Madoff

Bernard Madoff hat seine Anleger um die schier unglaubliche Summe von 50 Milliarden Dollar betrogen. Er gehörte zum Establishment der Wallstreet, hatte Einfluss und gute Beziehungen. Wie zumeist in solchen Fällen verfügte er wohl auch über persönliche Anziehungskraft. Zudem investierten ja so viele angesehene Leute in seine Fonds, so dass man froh sein durfte, dabei zu sein. Schließlich das wichtigste: sein System schien zu funktionieren. Angestrebt wurden ca. 8% mit geringen Schwankungen und null Risiko. Das ging auch eine Weile gut und sprach sich herum. Doch diese Renditen wurden eben nicht durch ein komplexes Computersystem erreicht, welches keiner verstand außer dem genialen Madoff selbst; es funktionierte – wie immer bei diesen Schneeballsystemen – durch den steten Zufluss von Kapital durch Neukunden, dass dann als Rendite an die Altkunden ausgeschüttet werden konnte. (vergleichbar dem Skandal in Deutschland um die Göttinger Gruppe u.a.). Hohe Renditen bei null Risiko? Der gesunde Menschenverstand muss bei sehr intelligenten und betuchten Leuten einfach ausgesetzt haben.

Banker und Finanzkrise

Kommen wir zu unseren Bankern. Hier wurden Milliarden in Kreditderivate investiert, welche die Bankvorstände nach eigenen Aussagen oft selbst nicht verstanden. Immerhin führten Sie damit das Finanzsystem an den Abgrund. Jede Bank hatte bestimmt ihre eigenen Gründe. Einer der wichtigsten aber wird gewesen sein: die anderen Banken machen das auch und so müssen wir ebenfalls dabei sein. Ferner bestätigten führende Ratingagenturen die Unbedenklichkeit dieser Produkte (was machen die eigentlich?). Auch hier winkten ein paar Prozent mehr Rendite zu vermeintlich geringem Risiko. Also leiht man sich am besten noch Geld zu niedrigerem Zins – wie unsere Landesbanken – und investiert in diese strukturierten Finanzprodukte, die heute als Finanzgiftmüll bezeichnet werden. Es ist noch nicht aufgeklärt, was hier eigentlich die Geister geritten hat. Das alles wirkt so, wie wenn man über der Kurvendiskussion das kleine Einmaleins vergessen hätte. Auch hier hat sich bestätigt: höhere Renditen, höheres Risiko.

Der Zins in Island

Sprechen wir aber nicht nur von Derivatehändlern, Verkaufsbetrügern, Bankern, Investmentgurus, die alle dem gleichen Fehlurteil erlagen, obwohl sie Investmentprofis sind. Sprechen wir von uns: dem Kleinanleger, der für sich am Ende der Informationskette auf den Finanzmärkte ebenfalls den größten Vorteil sucht. Wieso kommen deutsche Bürger dazu ihr Geld bei der Kaupthing Bank auf einer Insel anzulegen, von der sie wahrscheinlich nicht viel mehr wissen, als dass für ihre Ponys und vulkanischen Aktivitäten berühmt ist. Der Grund ist auch hier – wir ahnen es schon: der Glaube an etwas mehr Rendite ohne erhöhtes Risiko.

Gier und Angst

Wieso erliegen Profis wie Laien immer wieder demselben Fehlurteil? Meine Vermutung ist folgende: Es sind zwei Faktoren, die ungleich auf unsere Entscheidung wirken und aufgrund ihrer Schieflage zu einer Fehleinschätzung führen, und zwar nicht selten wider besseres Wissen: zum einen ist da die schlichte Gier, mehr aus meinem Geld machen wollen, sei es aus Angst eine vermeintlich günstige Gelegenheit zu verpassen, sei es um besser zu sein als die Anderen oder sei es gerade deshalb, weil viele andere es auch machen. Sowohl der Konformismus als auch das Avantgardegefühl verschafft innere Befriedigung. Dagegen spricht ein weiteres Gefühl, das ebenfalls eine Rolle für unsere Anlageentscheidungen spielt: die Angst vor Verlusten. Wahrscheinlich ist dieses Gefühl im Entscheidungsmoment zu abstrakt, zu weit weg und wird von Argumenten weggewischt, die unser Gemüt zu finden sucht, um seine Gier zu rechtfertigen. Das Haben-Wollen, egal ob in Vorstandsetagen oder Wohnzimmern ist wichtiger als wir glauben, schließlich prägt es uns seit unserer Kindheit. Es wird von guten Verkäufern entsprechend befriedigt.

Die emotionale Finanzentscheidung

Wieso ist hier so viel von Gefühlen und so wenig von rationalen Entscheidungen die Rede, schließlich geht es doch um nüchterne Finanzentscheidungen. Gerade das ist der Irrtum. Wir kaufen und investieren nicht mit klarem Verstand und nüchternem Kalkül. Wir rechtfertigen damit nur unsere Gefühlsentscheidung. Und so manches finanzmathematische hochkomplexe Modell dient wohl nicht selten mehr als Fassade für Rationalität und Wissenschaftlichkeit, wobei es eigentlich um die Legitimation von Bauchentscheidungen handelt.

Die Schutzfrage (statt Schutzbehauptung)

Keiner ist vor Fehlspekulationen gefeit. Sie gehören zum Leben. Ein guter Schutz ist ein gesundes Misstrauen, wenn Versprechungen gemacht werden, von denen man wissen sollte, dass ihre Erfüllung eigentlich unmöglich ist. Dazu gehört das Versprechen von hohen Renditen mit geringem oder gar keinem Risiko. Wenn wir davon hören, sollten wir zum Selbstschutz immer die eine Frage stellen: Woher kommen die höheren Renditen und wie werden sie erwirtschaftet? Wenn wir die Antwort nicht verstehen oder uns nicht plausibel erscheint, sollten wir die Finger davon lassen.
Dr. Guido Kirner, Finanzplaner und Versicherungsmakler, Weilheim i.OB

Sozialkleptokratie

ZITAT: “Wir leben gegenwärtig ja keineswegs “im Kapitalismus” – wie eine so gedankenlose wie hysterische Rhetorik neuerdings wieder suggeriert -, sondern in einer Ordnung der Dinge, die man cum grano salis als einen massenmedial animierten, steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialsimus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage definieren muss.”
Peter Sloterdijk, Die Revolution der gebenden Hand, Art. FAZ 10.06.2009, S. 28, 31.

Finanzkrise und Leverage-Effekt

Viel wird immer noch von der Bankenkrise bzw. Finanzkrise gesprochen. Ihre Folgen sind noch lange nicht behoben. Wer zum Kern vieler Spekulationsdesaster vordringen möchte, der braucht eine Antwort auf die Frage, weshalb es so verlockend ist, mit Fremdkapital – also geliehenem Geld – zu arbeiten. Dahinter steckt zunächst ein völlig normaler Vorgang unseres Wirtschaftskreislaufes. Jeder Unternehmer leiht sich irgendwann  Geld in der Erwartung mit diesem Geld mehr zu verdienen, als er für das Ausleihen bezahlen muss. Dies ist die Banalität des Kapitalismus. Etwas anderes ist es, wenn diese Einstellung ins Extrem getrieben wird, und die Verschuldung nicht aus Notwendigkeit der Unternehmensfinanzierung, sondern zum Spekulationszweck schlechthin wird.

Die Grundüberlegung ist einfach: Wenn ich mit jedem geliehenen Euro mehr Gewinn erwirtschafte (Zins, Rendite) als ich für das Ausleihen dieser Euros zahlen muss (Schuldzins), so mache ich mit jedem geliehenen Euro Gewinn. Je mehr Geld ich mir also leihe, desto mehr Gewinn mache ich auf das eingesetzte Kapital. Man hat hier eine HEBELWIRKUNG mittels Verschuldungsgrad, denn je höher die Verschuldung, desto größer wird der Gewinn. Das ist laienhaft  aber verständlich ausgedrückt, was man im Fachjargon den Leverage-Effekt nennt. Er drückt sich in folgender Formel aus:

EKR = GKR + (GKR – FKR) x V

EKR = Eigenkapitalrendite
GKR = Gesamtkapitalrendite
FKR = Fremdkapitalrendite bzw. Fremdkapitalzins
V = Verschuldungsgrad, d.h. Fremdkapital : Eigenkapital

Der Schuss kann allerdings auch nach hinten losgehen (negativer Leverage Effekt), wenn z.B. die Kosten (Zinsen) auf das geliehene Kapital steigen. Die Hebelwirkung für die Eigenkapitalrendite ist nämlich nur positiv, solange zwischen Gesamtkapitalrendite und Fremdkapitalzins eine positive Differenz versteht. Andernfalls mache ich mit jedem geliehenen Euro Verluste und auch hier wirkt der Hebel. Die finanzielle Existenz ist bedroht, wenn die daraus entstehenden Verluste nicht mehr aufgefangen werden können. Das Problem bei der Spekulation besteht nun, dass keiner so recht weiß, wie sich die Zinskosten im Verhältnis zu den Renditeerwartungen entwickeln.

Zur Finanzkatastrophe kommt es, wenn massenweise zwei Erwartungen enttäuscht werden: die Finanzierungskosten des Fremdkapitals bleiben dauerhaft gering und die Spekulationsobjekte werfen dauerhaft eine hohe Renditen ab. Der Optimismus ist hier Programm und die Neigung zum Risiko nimmt bekanntlich zu, je länger diese Erwartungen nicht enttäuscht werden, weil jeder etwas von dem Renditekuchen abhaben möchte.

Dreht sich das Verhältnis allerdings um, kommt es zu Massenpleiten, wie z.B. auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Bis dahin wäre es nur ein amerikanisches Problem. Doch die Spirale dreht sich weiter. Nicht nur die Renditeerwartung der Immobilien wurde enttäuscht, weil die Kreditzinsen stiegen (die von der FED künstlich niedrig gehalten wurden); auch die Renditeerwartung auf Finanzprodukte wurde enttäuscht, in denen diese Immobilienkredite (und andere Kredite) in Derivaten verbrieft und weltweit erfolgreich weiterverkauft wurden. Zur Kettenreaktion kam es, weil diese Verbriefungen immer wieder neu kombiniert in neue Finanzprodukte gepackt und weiterverkauft wurden. Es wird nun niemand wundern: zumeist kauften diese Abnehmer, d.h. Banken und in Deutschland besonders die Landesbanken, diese Derivate mit geliehenem Geld. Das Versagen der Ratingagenturen und Risikoabteilungen in der Einschätzung dieser Produkte ist bis heute unerfindlich.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass für alle Finanzinstitutionen (nicht nur für Banken, auch für Hedgefonds u.ä.) die Eigenkapitalanforderungen auf die eingegangenen Risiken international gesetzlich strenger gehandhabt werden. Ferner darf die Derivatebranche nicht mehr als Avantgarde des Laissez-faire behandelt werden. Andernfalls hat Kurt Tucholsky recht, jede Wirtschaft beruhe auf dem „Kreditsystem, das heißt, auf der irrtümlichen Annahme, der andere werde gepumptes Geld zurückzahlen.”  Wer wird die Schulden aus der Finanzkrise zurückzahlen? Die Volkswirtschaft sollte keine „Gesellschaft mit unbeschränkter Haftung” für Schäden sein, die letztlich das Resultat einer zu optimistischen Renditegier mit dem Geld anderer Leute einiger Institutionen ist.

Autor: Dr. Guido Kirner, Finanzplaner & Versicherungsmakler, Weilheim i.OB

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