Das Ende der Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank?

Noch im Januar hatte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet beteuert:  „Wir werden unsere Regeln für die Sicherheiten nicht zum Wohle irgend eines bestimmten Landes ändern.“ Seit vorgestern ist es damit vorbei. Die Beleihungsregeln wurden erneut aufgeweicht, um Griechenland und den Banken die Finanzierung zu erleichtern. So dürfen griechische Staatsanleihen als Sicherheiten bei der Zentralbank von den Banken des Euro-Systems eingereicht werden, obwohl sie ein viel zu schlechtes Bonitätsrating (A- oder A3) nach den bis 2008 gültigen Regeln haben.

In der Finanzkrise wurden die Anforderungen bereits auf das Rating von BBB-Noten abgesenkt. Griechische Anleihen liegen aber bei zwei von den drei führenden Ratingagenturen in ihrer Bewertung noch unterhalb dieser Qualität und gelten damit als sog. Ramschanleihen.  Vornehm ausgedrückt gibt die EZB die Orientierung an einer externen Kreditbewertung ganz auf. Anders ausgedrückt akzeptiert sie Ramsch als Sicherheiten.

Wo soll das noch hinführen? Das Vorgehen ist nur durch erheblichen Druck aus Politik und Bankenwelt zu erklären, dem die EZB nachgegeben hat. Zunächst pfiffen die Haushaltspolitiker auch die Einhaltung der Maastricht-Kriterien. Dann wird vertragswidrig von den Euro-Staaten eine Hilfe von 80 Milliarden Euro beschlossen. Nun ist der letzte Schutzwall vor politischer Willfährigkeit des Euro gefallen. Die Unabhängigkeit der EZB. Der Anfang der europäischen Währung lief sich gut an. Der Anfang von ihrem Ende hat begonnen.

Dr. Guido Kirner, Finanzplaner & Versicherungsmakler, Weilheim i.OB

Die These vom Crack-Up-Boom

Thesen und Meinungen zu den Finanzmärkten und deren künftige Entwicklung gibt es viele; fast so viele wie die Anzahl der Experten, die sie äußern. Dabei wird zumeist mit unterschiedlichen Methoden von Szenarien der Vergangenheit auf die Zukunft geschlossen. Eine Methodendiskussion hierzu möchte ich nicht eröffnen.

Wichtig ist mir jedoch auf eine sehr gewagte Prognose aus dem April 2009 zu verweisen. Dabei handelt es sich um eine Stellungnahme der Zeitschrift Smart Investor, die sich auf den Ökonomen Ludwig von Mises beruft.

Zwei Gründe bewegen mich, die These vom Crack-Up-Boom bzw. der “Katastrophenhausse” in diesem Blog herauszustellen: zum einen scheinen sich erste Anzeichen zu bestätigen – insbesondere in der politischen Entwicklung; zum anderen wegen der katastrophalen Konsequenzen, die sich herumsprechen sollten und die ein Ökonom einer völlig anderen Schule (John Maynard Keynes) folgendermaßen bschrieben hat: “Es gibt kein feineres und kein sicheres Mittel, die bestehenden Grundlagen der Gesellschaft umzustürzen, als die Vernichtung der Währung.”

Denn zusammengefaßt läuft die Crack-Up-Boom-These darauf hinaus, dass wir auf eine letzte große Boomphase vor einem Crash zulaufen, bei dem nichts geringeres als die Währung selbst auf dem Spiel steht. Eine steigende Inflation in den nächsten (2-3?) Jahren wird ein wichtiges Signal sein, ob die These vom Crack-Up-Boom an Plausibilität gewinnt.

Lesen Sie selbst hier als PDF:  cub-smartinvestor

Dr. Guido Kirner, Finanz- und Versicherungsmakler, Weilheim i.OB

Finanzkrise und Leverage-Effekt

Viel wird immer noch von der Bankenkrise bzw. Finanzkrise gesprochen. Ihre Folgen sind noch lange nicht behoben. Wer zum Kern vieler Spekulationsdesaster vordringen möchte, der braucht eine Antwort auf die Frage, weshalb es so verlockend ist, mit Fremdkapital – also geliehenem Geld – zu arbeiten. Dahinter steckt zunächst ein völlig normaler Vorgang unseres Wirtschaftskreislaufes. Jeder Unternehmer leiht sich irgendwann  Geld in der Erwartung mit diesem Geld mehr zu verdienen, als er für das Ausleihen bezahlen muss. Dies ist die Banalität des Kapitalismus. Etwas anderes ist es, wenn diese Einstellung ins Extrem getrieben wird, und die Verschuldung nicht aus Notwendigkeit der Unternehmensfinanzierung, sondern zum Spekulationszweck schlechthin wird.

Die Grundüberlegung ist einfach: Wenn ich mit jedem geliehenen Euro mehr Gewinn erwirtschafte (Zins, Rendite) als ich für das Ausleihen dieser Euros zahlen muss (Schuldzins), so mache ich mit jedem geliehenen Euro Gewinn. Je mehr Geld ich mir also leihe, desto mehr Gewinn mache ich auf das eingesetzte Kapital. Man hat hier eine HEBELWIRKUNG mittels Verschuldungsgrad, denn je höher die Verschuldung, desto größer wird der Gewinn. Das ist laienhaft  aber verständlich ausgedrückt, was man im Fachjargon den Leverage-Effekt nennt. Er drückt sich in folgender Formel aus:

EKR = GKR + (GKR – FKR) x V

EKR = Eigenkapitalrendite
GKR = Gesamtkapitalrendite
FKR = Fremdkapitalrendite bzw. Fremdkapitalzins
V = Verschuldungsgrad, d.h. Fremdkapital : Eigenkapital

Der Schuss kann allerdings auch nach hinten losgehen (negativer Leverage Effekt), wenn z.B. die Kosten (Zinsen) auf das geliehene Kapital steigen. Die Hebelwirkung für die Eigenkapitalrendite ist nämlich nur positiv, solange zwischen Gesamtkapitalrendite und Fremdkapitalzins eine positive Differenz versteht. Andernfalls mache ich mit jedem geliehenen Euro Verluste und auch hier wirkt der Hebel. Die finanzielle Existenz ist bedroht, wenn die daraus entstehenden Verluste nicht mehr aufgefangen werden können. Das Problem bei der Spekulation besteht nun, dass keiner so recht weiß, wie sich die Zinskosten im Verhältnis zu den Renditeerwartungen entwickeln.

Zur Finanzkatastrophe kommt es, wenn massenweise zwei Erwartungen enttäuscht werden: die Finanzierungskosten des Fremdkapitals bleiben dauerhaft gering und die Spekulationsobjekte werfen dauerhaft eine hohe Renditen ab. Der Optimismus ist hier Programm und die Neigung zum Risiko nimmt bekanntlich zu, je länger diese Erwartungen nicht enttäuscht werden, weil jeder etwas von dem Renditekuchen abhaben möchte.

Dreht sich das Verhältnis allerdings um, kommt es zu Massenpleiten, wie z.B. auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Bis dahin wäre es nur ein amerikanisches Problem. Doch die Spirale dreht sich weiter. Nicht nur die Renditeerwartung der Immobilien wurde enttäuscht, weil die Kreditzinsen stiegen (die von der FED künstlich niedrig gehalten wurden); auch die Renditeerwartung auf Finanzprodukte wurde enttäuscht, in denen diese Immobilienkredite (und andere Kredite) in Derivaten verbrieft und weltweit erfolgreich weiterverkauft wurden. Zur Kettenreaktion kam es, weil diese Verbriefungen immer wieder neu kombiniert in neue Finanzprodukte gepackt und weiterverkauft wurden. Es wird nun niemand wundern: zumeist kauften diese Abnehmer, d.h. Banken und in Deutschland besonders die Landesbanken, diese Derivate mit geliehenem Geld. Das Versagen der Ratingagenturen und Risikoabteilungen in der Einschätzung dieser Produkte ist bis heute unerfindlich.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass für alle Finanzinstitutionen (nicht nur für Banken, auch für Hedgefonds u.ä.) die Eigenkapitalanforderungen auf die eingegangenen Risiken international gesetzlich strenger gehandhabt werden. Ferner darf die Derivatebranche nicht mehr als Avantgarde des Laissez-faire behandelt werden. Andernfalls hat Kurt Tucholsky recht, jede Wirtschaft beruhe auf dem „Kreditsystem, das heißt, auf der irrtümlichen Annahme, der andere werde gepumptes Geld zurückzahlen.”  Wer wird die Schulden aus der Finanzkrise zurückzahlen? Die Volkswirtschaft sollte keine „Gesellschaft mit unbeschränkter Haftung” für Schäden sein, die letztlich das Resultat einer zu optimistischen Renditegier mit dem Geld anderer Leute einiger Institutionen ist.

Autor: Dr. Guido Kirner, Finanzplaner & Versicherungsmakler, Weilheim i.OB

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