Der verkaufte Kunde. Einige große Lebensversicherer wollen ihre hoch verzinsten Bestandsverträge loswerden

Ergo, Generali & Co. wollen ihre Lebensversicherungsverträge mit teuren Zinsversprechen an Finanzinvestoren verkaufen. Was folgt daraus für die Versicherten und wie sollen sie darauf reagieren?

Die Niedrig- bzw. Nullzinspolitik der Europäischen Notenbank macht auch den Lebensversicherern das Leben schwer. Je mehr Verträge sie aus der Vergangenheit mit hohen Zinsgarantien haben, desto schwieriger fällt es Ihnen, diese heute im Niedrigzinsumfeld zu erwirtschaften. Lebensversicherungen legen ihren Deckungsstock in der Hauptsache in Anleihen an, für die man aktuell kaum mehr Zinsen bekommt.

Das Zinsumfeld erzwingt nun einen Kulturwandel in der Versicherungsbranche. Einst galten ihre Altersvorsorgeprodukte als langweilig aber zuverlässig. Gefordert sind nun neue, kosteneinsparende und flexible Produkte mit mehr Risiko. Das muss dem Kunden erst einmal vermittelt werden.

Manche Versicherungsgesellschaft haben hier den Anschluss an Produktinnovationen verpasst (z.B. Verträge ohne Zinsgarantien, Index-Renten, ETF-Portfolios). Nicht selten sind es auch jene Gesellschaften, die bereits wegen anderer Vorfälle in der Vergangenheit schon ins Gerede gekommen sind, deren Werbeversprechen mangels Realitätsbezug nur noch als Zynismus interpretiert werden können. Mag es für die eine oder andere Gesellschaft wirtschaftlich sinnvoll oder gar notwendig sein, Bestandsverträge zu veräußern, für das Image der Branche ist es ein Desaster.

Die Ergo ist schon seit langem das Sorgenkind der Muttergesellschaft Münchner Rück. Sie möchte etwa 6 Millionen Policen verkaufen, findet hierfür aber aktuell keinen Abnehmer. Auch der französische Versicherungsriese AXA sondiert wohl Möglichkeiten, sich von teuren Verträgen zu trennen.

Die Generali (drittgrößter Versicherungskonzern Europas; in Deutschland gehören ihm Marken wie: AachenMünchner, Cosmos, Dialog, Advocard, Central Krankenversicherung, Badenia Bausparkasse) plant einen umfassenden Konzernumbau: Markenvereinheitlichung, Kostensenkung durch Fusionen, Mitarbeiterabbau und Abwicklung von rund 4 Millionen Policen. Die 2800 Außendienstvertreter  sollen in den Strukturvertrieb DVAG integriert werden, an welchem die Generali 40 Prozent Anteile hält, die aber rund 50 Prozent der Prämieneinnahmen erwirtschaften.

Womöglich ist das erst der Anfang, bei der sich in der Lebensversicherungsbranche allmählich die die Spreu vom Weizen trennt. Tatsache ist jedenfalls: große und traditionsreiche Lebensversicherer wollen mit einem sog. run off ihr Firmenkapital entlasten und die teuren Lebensversicherungsverträge mit hohen Zinsgarantien loswerden.

Was bedeutet das nun aber für den Kunden?

Für den Kunden ändert sich zunächst erst einmal wenig, außer dass er die unschöne Botschaft erhält, dass er mit seinen alten Verträge unerwünscht ist. Mittelfristig wird er es zu spüren bekommen, egal ob sein Vertrag an einen Finanzinvestoren verkauft oder von einem zusammengekürzten Serviceteam betreut oder gar an die Strukturvertrieb abgegeben wird.

Rein rechtlich handelt es sich um einen privatrechtlichen Vertrag, dessen Versicherungsbedingungen weiterhin gelten. Sollte es hierbei zu einseitigen Änderungen kommen, ist das Einverständnis des Versicherungsnehmers einzuholen. Wahrscheinlich wird es dann eine Reihe von Prozessen geben, ähnlich wie bei den Bausparkassen. All das bleibt abzuwarten.

Wer das als Kunde nicht mitmachen möchte, von der Gesellschaft enttäuscht ist usw., kann als Kunde seinen Vertrag selbstverständlich kündigen. Einen größeren Gefallen könnte er der Versicherung freilich kaum machen; sie möchte den Vertrag ja eh am liebsten abwickeln.

Handelt es sich bei den Verträgen um sog. Riester- oder Rürup-Renten, also Verträge mit staatlicher bzw. steuerlicher Förderung, so muss man vor einer Kündigung einiges beachten. Zulagen oder Steuervorteile müssten dann ggf. zurückbezahlt werden. Einfacher wäre deshalb die Beitragsfreistellung, was den Vertrag nicht auflöst bzw. beendet, sondern die weitere Besparung nur unterbricht. Noch etwas komplexer gestaltet sich das Thema bei der betrieblichen Altersversorgung. Hier muss der Arbeitgeber genau überlegen, wen er sich ins Boot holt und wie er mit Altervrträgen umgeht.

Für die zahlreichen Riester-Verträge gibt es noch eine einfache Lösung, die der Gesetzgeber ausdrücklich vorgesehen hat. Anders als bei Rürup- bzw. Basisrenten ist der Wechsel des Versicherers ausdrücklich vorgesehen. Riester-Kunden haben das Recht, ihr angespartes Kapital (abzüglich der Vertriebs- und Verwaltungskosten) auf einen neuen Vertrag der Gesellschaft zu übertragen. Der Nachteil ist: neben einer kleineren Wechselgebühr fallen erneut Vertriebskosten an, die zu Lasten des neuen Vertrages gehen. Kurz: man hätte zwei Mal Provision bezahlt. Ob sich das dann lohnt, sollte man sich gut überlegen.

Wechsel in einen sog. Nettotarif

Schließlich könnte die Lösung aber noch darin bestehen, das angesparte Kapital auf einen neuen provisionsfreien Vertag (sog. Nettotarif) zu übertragen. Angeboten werden diese Tarife in der Regel aber nur von Honorarberatern. Die Höhe des anfallenden Honorars und die damit einhergehenden Kosten, müssten ebenfalls berücksichtigt werden.

Auch Versicherungsmakler haben die Möglichkeit Nettotarife anzubieten, sofern sie geneigt sind, auf Einkommen (Provision, Courtage) zu verzichten. Gute Kunden, die mehrere Verträge bei einem Versicherungsmakler und über Jahre ein gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut haben, werden sicherlich ein offenes Ohr bei ihrem Vermittler finden, zumal wenn er Ihnen den betreffenden Vertrag einst selbst vermittelt hat.

Wichtig ist nur: der neue Vertrag sollte auch wirklich Vorteile zum alten Vertrag bieten und bei einer Gesellschaft untergebracht werden, bei der nicht zu erwarten ist, dass sie in absehbarer Zeit ihre Kundverträge loswerden möchten.

Guido Kirner

Lemminge und Spekulanten

imagesWenn wir uns einen Markt vorstellen, dann vielleicht naheliegend einen Wochenmarkt in der nächst größeren Stadt: ein Gewimmel von Menschen, viele Stände mit Verkäufern und Waren, die um Aufmerksamkeit buhlen. Das geschäftige Treiben bedeutet Angebot und Nachfrage- Beides trifft aufeinander, gleicht sich aus und in dem Gewimmel von Menschen und Waren bildet sich eine spontane Ordnung, die Versorgung und Einkommen ermöglicht. Der Markt funktioniert, wenn Händler und Käufer zufrieden nach Hause gehen. Unsichtbar bleibt bis zum Konfliktfall die Marktordnung, die kommunale Aufsicht und gesetzlichen Reglen, welchen den reibungslosen Ablauf garantieren sollen.

1911_originalEin Musterbeispiel eines Marktes ist bekanntlich die Börse. Kaum ein Gebilde kommt dem so nahe, was Ökonomen einen vollkommenen Markt nennen. Persönliche, zeitliche, sachliche und räumliche Unterschiede spielen kaum (mehr) eine Rolle. Jeder kann heute zu fast jeder Zeit von überall auf der Welt mittels elektronischer Medien Wertpapiere handeln. Die Standortvorteile der Handelsplätze heben sich auf, Werbung spielt eine untergeordnete Rolle, Serviceunterschiede gleichen sich an.

Das Wichtigste sind neben der gehandelten Ware die Informationen über sie. Davon gibt es reichlich, eher zu viele und Bilanzen, Quartalsberichte, Experteneinschätzungen, Studien, Ratings usw. lassen sich im Internet mühelos beschaffen. Man könnte fast meinen: der Markt ist tatsächlich transparent. Überdies sind die gehandelten Güter, nämlich die Wertpapiere homogen: jeder kann Wertpapiere der gleichen Qualität kaufen und verkaufen.

Weshalb aber nur nehmen wir die Börse trotz dieser besten Voraussetzungen für fairen Handel und Chancengleichheit nicht als vollkommenen Markt war? Womöglich ist die Chancengleichheit auch hier eine Illusion. Denn die Informationen sind womöglich doch asymmetrischer verteilt als viele (zumal die Händler selbst) glauben. Continue reading Lemminge und Spekulanten

Geldanlage: Gibt es noch einen Mehrwert der Anlageberatung?

Anlageberatung und Vermögensverwaltung werden zunehmend sinnlos, sollte sich herausstellen, dass die hierbei zugrundegelegten Methoden mehr Schein als Sein darstellen und man zudem mit wenigen einfachen Mitteln, dafür aber sehr viel kostengünstiger, gleich gute (oder schlechte) Ergebnisse erzielen kann.

Bestimmte Analysetechniken und die sog. Portfoliotheorie sind nicht in der Lage, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Wenn Vermögensverwaltung mehr sein soll als Selbstentmündigung des Kunden, muss sie beweisen, dass sie einen Mehrwert nach Kosten im Vergleich zu preiswerteren Alternativen bieten kann. Dies dürfte immer schwieriger werden.

Worin besteht der Wert einer Anlageberatung? In der technischen Analyse der Märkte mit Anwendung der sog. Charttechnik? Im Auffinden von lukrativen Unternehmen, die unterbewertet sind bzw. hohes Wachstumspotential versprechen? In der Fundamentalanalyse mit einem Value– oder Growth-Ansatz? Besteht es in der großartigen Mischung dieser Unternehmen in einer Art Fonds? Oder geht es um die Anwendung irgendeiner Portfoliotheorie zur richtigen Aufteilung des Vermögens über diverse Anlageklassen? Continue reading Geldanlage: Gibt es noch einen Mehrwert der Anlageberatung?

Investment: Schwarmintelligenz oder gegen den Strom?

In dem etwas anderen Wirtschaftsmagin brandeins zum aktuellen Schwerpunktthema „Geld“ fand ich einen interessanten Artikel über finnische Aktivisten, welche im Gestus poststrukturalistischer Philosophien Geld vermehren möchten.* Linke Theoretiker rechtfertigen die Tatsache, dass sie in die Vermögensverwaltung einsteigen, wohl damit, dass der Kapitalismus nur noch mit seinen eigenen Mitteln geschlagen werden kann.

Schwarmintelligenz

So betreibt die Robin Hood Minor Asset Management mittels selbst programmierter Software data mining und wertet ungeheure Datenmengen von Transaktionen der Finanzmärkte aus. Analysiert wird dabei die „Schwarmbildung“, d.h. die Herausbildung eines Konsenses unter den Kompetenten. So werden die „Leitvögel“ der Wallstreet etc. imitiert, wie sie ihre Profite machen (Kompetenz-Kartierung).

Der Vordenker des alternativen Investmentfonds heißt Akseli Virtanen. Dieser referiere gerne „über die Arbeiten von linken Vordenkern wie Christian Marazzi und Franco ‚Bifo‘ Berardi, setzt sie in Beziehung zu dem Machtbegriff Foucaults und Gilles Deleuze sowie der Studien des Psychoanalytikers Felix Guattari und den Überlegungen von Keynes zu den Konventionen auf dem Kapitalmarkt“. Themen sind das „Ende der Industriegesellschaft, die Aufwertung des Immateriellen, der Einstieg in die Wissensgesellschaft und das Schicksal derjenigen, die in ihr abgehängt werden.“

Wow, endlich mal was anderes als dieser langweilige Bankerjargon! Doch was kommt dabei heraus? Mehr als programmierter Opportunismus, damit für die Genossenschaft und das Prekariat auch mal was von den Spekulationsgewinnen der Finanzhaie abfällt? Das wäre ja sogar interessant, aber kann es auf Dauer funktionieren?

Datamining zur Imitation von Spekulationsmustern hat eine lange Tradition und ist der Ausgangspunkt der technischen Analyse von Finanzmärkten. Ob Muster der Vergangenheit aber Hinweise auf die Zukunft geben, wird angezweifelt. Die „Schwarmintelligenz“ ist womöglich nicht immer der beste Ratgeber. Auch die Heringsschwärme werden Opfer von intelligenteren Wesen wie Tümmler, Delphine und Haien.

Gegen den Strom

Über eine Art Finanzhai berichtet die letzte Ausgabe der FAS.** Es handelt sich um den erfolgreichsten Hedgefondsmanager des letzten Jahres. Er heißt David Tepper und hat 2013 gute 3,5 Milliarden Dollar verdient. Er verkörpert schon vom Typ her das Gegenteil des schlecht rasierten Nickelbrillenträgers. Er ist bullig, selbstbewusst, trägt teuersten Zwirn und hat riesige Stierhoden aus Messing als Skulptur vor seinem Büro stehen. Bettelbriefe von Schülern und Stipendiaten beantwortet er gerne mit dem Satz: „Ich mache dir gerne ein Geschenk und gebe dir das, was ich in deinem Alter hatte – nichts.“

Wie verdient er sein Geld? Er kauft das, wovon andere die Finger lassen mit der Einstellung, dass sich der Kurs wieder erholen wird. Geht es nochmal 20 Prozent bergab, kauft er doppelt so viel. So kaufte er 2008 Bankaktien in großem Stil. Freilich ist das hoch spekulativ und riskant, aber genau das ist Teppers Rezept: Wir verdienen so viel Geld, wie wir keine Angst haben, es zu verlieren. Aber auch dazu gehört nicht nur Mut, sondern auch Wissen. Tepper begann im Handelsraum von Goldman Sachs und war schon mit 30 dort der beste Händler für Junk-Bonds. Heute gehört er zu den reichsten Menschen der Welt.

Wer hat recht?

Auch (oder gerade) die mutigen Hedgefondsmanager haben schon Milliarden verloren. Darüber wird weniger geredet. Große Fische essen die Schwärme, aber es gibt Schwärme, die greifen die großen Fische an. Beim Geld ist es wie immer eine Frage des Zeitpunktes, ob es besser ist, mit oder gegen den Strom zu schwimmen. Nur weiß das vorher keiner so genau.

Guido Kirner (Polling)

(der Artikel findet sich auch auf investment.com)

*Matthias Hannemann: Der Trittbrettfahrer. Ein Ökonom aus Finnland will die Finanzwelt mit ihren eigenen Mitteln schlagen, in: brandeins – Wirtschaftsmagazin: Das Maß aller Dinge. Schwerpunkt Geld. Jg. 16, Heft 06.06.2014, S. 62-66.
** Dennis Kremer: Wie hat dieser Mann 3,5 Milliarden Dollar verdient? in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.06.2014, Nr. 22, S. 29.

 

Schädliche Nebenwirkungen beim Anlegerschutz

Leider zu oft (und wo Aktionismus die Reflexion ersetzt, immer öfter) wird gerade im sog. Verbraucher- oder Anlegerschutz der Wille zum Guten zum Feind des Besseren. Daniel Mohr hat nun im  Wirtschaftsteil der FAZ (31.08.2013, S. 11) Klartext geschrieben und die aktuelle Situation in der Anlageberatung erläutert. Sein Titel: „Wie Anlegerschutz schadet“. In der Hauptsache geht es dabei um bürokratischen Aufwand und Über- bzw. Fehlregulierung.

Die Regulierung ist an dieser Stelle weit über das Ziel hinausgeschossen. Unter dem Deckmantel des Anlegerschutzes ist ein bürokratisches Monstrum entstanden, das allen Anlegern letztlich schadet.

Dabei wird brillant geschildet, wie drei Persönlichkeitstypen bei der Finanzberatung letztlich auf die neu geforderte Papierflut an verpflichtenden Informationen und Protokollen im Gegensatz zur Absicht der Gesetzgeber reagieren: Der erste ist der in Finanzdingen Ungebildete, dessen Rechtsposition sich nun noch verschlechtert: er sieht nun schwarz auf weiß seine Unwissenheit protokoliert und wird sich nicht mehr darauf berufen können, von all dem nichts gewusst zu haben. Der zweite  Typ neigt eh zum Zögern und Aufschieben und wird nun noch mehr abgeschreckt. Der dritte Typ ist informiert, sieht sich aber einer regelrechten Inquisition ausgesetzt und entmündigt.

Die Nebenwirkung des gesteigerten bürokratischen Aufwandes ist für den Kunden letztlich von Nachteil. Der Kleinanleger rentiert sich für die Finanzdienstleister kaum mehr. In der breiten Fläche wird Anlageberatung abgebaut und auf einige wenige Zentren konzentriert. Sinnvolle, aber beratungsintensive Produkte werden gar nicht erst angeboten. Absurd wird der ganze Aufwand, wenn gleichzeitig ein fast regulierungsfreier Markt mit hochriskanten Finanzanlagenprodukten entsteht, deren Flyer unsere  Briefkästen überfluten, wie z.B. Genussscheine bzw. geschlossene Beteiligungen an Windkraftanlagen mit hohen Renditeversprechen. Da werden Gesetze zum Alibi, Papier zur allg. Last und dem Anleger kaum geholfen.

Guido Kirner