Der verkaufte Kunde. Einige große Lebensversicherer wollen ihre hoch verzinsten Bestandsverträge loswerden

Ergo, Generali & Co. wollen ihre Lebensversicherungsverträge mit teuren Zinsversprechen an Finanzinvestoren verkaufen. Was folgt daraus für die Versicherten und wie sollen sie darauf reagieren?

Die Niedrig- bzw. Nullzinspolitik der Europäischen Notenbank macht auch den Lebensversicherern das Leben schwer. Je mehr Verträge sie aus der Vergangenheit mit hohen Zinsgarantien haben, desto schwieriger fällt es Ihnen, diese heute im Niedrigzinsumfeld zu erwirtschaften. Lebensversicherungen legen ihren Deckungsstock in der Hauptsache in Anleihen an, für die man aktuell kaum mehr Zinsen bekommt.

Das Zinsumfeld erzwingt nun einen Kulturwandel in der Versicherungsbranche. Einst galten ihre Altersvorsorgeprodukte als langweilig aber zuverlässig. Gefordert sind nun neue, kosteneinsparende und flexible Produkte mit mehr Risiko. Das muss dem Kunden erst einmal vermittelt werden.

Manche Versicherungsgesellschaft haben hier den Anschluss an Produktinnovationen verpasst (z.B. Verträge ohne Zinsgarantien, Index-Renten, ETF-Portfolios). Nicht selten sind es auch jene Gesellschaften, die bereits wegen anderer Vorfälle in der Vergangenheit schon ins Gerede gekommen sind, deren Werbeversprechen mangels Realitätsbezug nur noch als Zynismus interpretiert werden können. Mag es für die eine oder andere Gesellschaft wirtschaftlich sinnvoll oder gar notwendig sein, Bestandsverträge zu veräußern, für das Image der Branche ist es ein Desaster.

Die Ergo ist schon seit langem das Sorgenkind der Muttergesellschaft Münchner Rück. Sie möchte etwa 6 Millionen Policen verkaufen, findet hierfür aber aktuell keinen Abnehmer. Auch der französische Versicherungsriese AXA sondiert wohl Möglichkeiten, sich von teuren Verträgen zu trennen.

Die Generali (drittgrößter Versicherungskonzern Europas; in Deutschland gehören ihm Marken wie: AachenMünchner, Cosmos, Dialog, Advocard, Central Krankenversicherung, Badenia Bausparkasse) plant einen umfassenden Konzernumbau: Markenvereinheitlichung, Kostensenkung durch Fusionen, Mitarbeiterabbau und Abwicklung von rund 4 Millionen Policen. Die 2800 Außendienstvertreter  sollen in den Strukturvertrieb DVAG integriert werden, an welchem die Generali 40 Prozent Anteile hält, die aber rund 50 Prozent der Prämieneinnahmen erwirtschaften.

Womöglich ist das erst der Anfang, bei der sich in der Lebensversicherungsbranche allmählich die die Spreu vom Weizen trennt. Tatsache ist jedenfalls: große und traditionsreiche Lebensversicherer wollen mit einem sog. run off ihr Firmenkapital entlasten und die teuren Lebensversicherungsverträge mit hohen Zinsgarantien loswerden.

Was bedeutet das nun aber für den Kunden?

Für den Kunden ändert sich zunächst erst einmal wenig, außer dass er die unschöne Botschaft erhält, dass er mit seinen alten Verträge unerwünscht ist. Mittelfristig wird er es zu spüren bekommen, egal ob sein Vertrag an einen Finanzinvestoren verkauft oder von einem zusammengekürzten Serviceteam betreut oder gar an die Strukturvertrieb abgegeben wird.

Rein rechtlich handelt es sich um einen privatrechtlichen Vertrag, dessen Versicherungsbedingungen weiterhin gelten. Sollte es hierbei zu einseitigen Änderungen kommen, ist das Einverständnis des Versicherungsnehmers einzuholen. Wahrscheinlich wird es dann eine Reihe von Prozessen geben, ähnlich wie bei den Bausparkassen. All das bleibt abzuwarten.

Wer das als Kunde nicht mitmachen möchte, von der Gesellschaft enttäuscht ist usw., kann als Kunde seinen Vertrag selbstverständlich kündigen. Einen größeren Gefallen könnte er der Versicherung freilich kaum machen; sie möchte den Vertrag ja eh am liebsten abwickeln.

Handelt es sich bei den Verträgen um sog. Riester- oder Rürup-Renten, also Verträge mit staatlicher bzw. steuerlicher Förderung, so muss man vor einer Kündigung einiges beachten. Zulagen oder Steuervorteile müssten dann ggf. zurückbezahlt werden. Einfacher wäre deshalb die Beitragsfreistellung, was den Vertrag nicht auflöst bzw. beendet, sondern die weitere Besparung nur unterbricht. Noch etwas komplexer gestaltet sich das Thema bei der betrieblichen Altersversorgung. Hier muss der Arbeitgeber genau überlegen, wen er sich ins Boot holt und wie er mit Altervrträgen umgeht.

Für die zahlreichen Riester-Verträge gibt es noch eine einfache Lösung, die der Gesetzgeber ausdrücklich vorgesehen hat. Anders als bei Rürup- bzw. Basisrenten ist der Wechsel des Versicherers ausdrücklich vorgesehen. Riester-Kunden haben das Recht, ihr angespartes Kapital (abzüglich der Vertriebs- und Verwaltungskosten) auf einen neuen Vertrag der Gesellschaft zu übertragen. Der Nachteil ist: neben einer kleineren Wechselgebühr fallen erneut Vertriebskosten an, die zu Lasten des neuen Vertrages gehen. Kurz: man hätte zwei Mal Provision bezahlt. Ob sich das dann lohnt, sollte man sich gut überlegen.

Wechsel in einen sog. Nettotarif

Schließlich könnte die Lösung aber noch darin bestehen, das angesparte Kapital auf einen neuen provisionsfreien Vertag (sog. Nettotarif) zu übertragen. Angeboten werden diese Tarife in der Regel aber nur von Honorarberatern. Die Höhe des anfallenden Honorars und die damit einhergehenden Kosten, müssten ebenfalls berücksichtigt werden.

Auch Versicherungsmakler haben die Möglichkeit Nettotarife anzubieten, sofern sie geneigt sind, auf Einkommen (Provision, Courtage) zu verzichten. Gute Kunden, die mehrere Verträge bei einem Versicherungsmakler und über Jahre ein gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut haben, werden sicherlich ein offenes Ohr bei ihrem Vermittler finden, zumal wenn er Ihnen den betreffenden Vertrag einst selbst vermittelt hat.

Wichtig ist nur: der neue Vertrag sollte auch wirklich Vorteile zum alten Vertrag bieten und bei einer Gesellschaft untergebracht werden, bei der nicht zu erwarten ist, dass sie in absehbarer Zeit ihre Kundverträge loswerden möchten.

Guido Kirner

Die Deutschen, das Geld und das Risiko

Nun liegt erneut eine Studie vor, welche das Verhältnis der Deutschen zum Geld untersucht (vgl. YouGov, Die Welt, Handelsblatt, usw.). Dabei findet sich wenig Neues: dass die Deutschen den Banken nicht trauen, dass sie das Risiko scheuen wie der Teufel das Weihwasser, dass sie Angst haben vor Altersarmut, dass sie lieber eine Weile auf Sex verzichten würden, wenn sie dafür eine Million auf dem Konto hätten usw. Dass eine Mehrheit die Grundsicherung befürwortet, ist hingegen ein interessantes Ergebnis. Und dass sie sich deshalb nicht gleich die faule Haut legen würden, überrascht niemanden, der die deutsche Mentalität kennt.

All diese Umfragen und Studien sind aber nur so gut, wie sie ihre Umfrageergebnisse auch interpretieren bzw. in Beziehung setzen können. Und da hapert es nur all zu oft. Zu wenig erklärt werden all die Widersprüche, Ungereimtheiten und obskuren Verhaltensweisen, die einer rationalen ökonomischen Logik zuwiderlaufen und gerade deshalb so interessant sind. Continue reading Die Deutschen, das Geld und das Risiko

Bargeldpolitik – Die Beschränkung des Bargeldes und die Zinspolitik der EZB

Die Vorschläge zur Beschränkung von Bargeldgeschäften auf eine Höhe bis zu 5000 Euro oder gar die Abschaffung des Bargeldes, zumindest aber des 500-Euro-Scheins haben einiges Aufsehen erregt. Das Misstrauen der Bürger gegen Überwachung und Bevormundung ist sicherlich berechtigt, wenngleich die Gründe für die Vorschläge womöglich noch ganz woanders liegen als vermutet.

Banken sehen zumeist die hohen Kosten für den Bargeldverkehr. Der Staat oder jüngst der deutsche und französische Finanzminister argumentieren lieber mit der Verfolgung von Geldwäsche, Schwarzarbeit und Schattengeschäften. Dies ist zwar nachvollziehbar, jedoch wirken die Forderungen obskur und uberzogen, denn zum einen scheinen die Beschränkungen für die angeführten Gründe wilkürlich, zum anderen stellt sich die Frage, weshalb diese Forderungen gerade jetzt verbreitet werden.

Deshalb sollte man tiefer graben und nach anderen Gründen suchen. So könnte die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) im Interesse der südlichen Krisenländer dahinterstecken. Zumindest hat diesen Zusammenhang (wieder einmal) der Ökonom Hans-Werner Sinn aufgedeckt (FAZ am 06.02.2016 “Wie sich der Einzug des 500-Euro-Scheins rechnet”). Laut Sinn konnte man:

“die Handlungen der EZB am besten verstehen, wenn man die salbungsvollen Formulierungen ihrer Kommunikationsabteilungen überhörte und sich fragte, was wohl die Maßnahmen waren, die man zur Vermeidung und Verschleppung von Staatskonkursen in Südeuropa benötigen würde.“  Continue reading Bargeldpolitik — Die Beschränkung des Bargeldes und die Zinspolitik der EZB

Sparquote ohne Vermögensbildung

Kaum jemand (außer den Japanern) spart in der OECD-Welt so viel wie die Deutschen, aber kaum jemand bildet damit so wenig Vermögen. Bereits eine EZB-Studie kam zu dem Ergebnis, dass die angeblich so reichen Deutschen im europäischen Vergleich wenig Vermögen hätten. Das hatte in einer Zeit, da viele Politiker einer Transferunion das Wort reden, wo deutsche Steuergelder in europäische Beinahe-Pleite-Staaten umverteilt werden sollen, eine gewisse Brisanz.

Kaum verwunderlich, dass die Ergebnisse der Studie angezweifelt wurden. Wie dem auch sei, eine neue Studie der Banca d’Italia (*) stützt das Ergebnis der EZB-Studie. Wie bereits hier beschrieben, spielt das eher geringe Immobilienvermögen dabei eine gewichtige Rolle. Doch allein damit lässt sich die geringe Vermögensbildung auch nicht erklären. Ein weiterer Grund ist das Sicherheitsstreben der Deutschen. Der Vergleich ihres Anlageverhaltens mit anderen Ländern verdeutlicht die große Risikoaversion und damit gleichzeitig die Renditeverweigerung. Kurz: die Deutschen sparen zwar viel, aber falsch im Hinblick auf Vermögenswachstum.

So liegen mehr als 40 Prozent des Finanzvermögens als sog. Sicht- und Sparvermögen auf Bankkonten. Das sind fast 5 Billionen Euro. Ihr nominaler Wert schwankt zwar kaum oder gar nicht, jedoch sind die Zinsen derart gering, dass sie nach Abzug der Inflation ein Verlustgeschäft darstellen. Bezeichnend niedrig ist dagegen der Aktienanteil: nur 17 Prozent, davon die Hälfte in Fonds. Nur 11 Prozent der Deutschen haben überhaupt ein Aktiendepot. Das bedeutet umgekehrt – so Philip Plickert in der FAZ (**) – dass 89 Prozent von der jüngsten Aktienhausse nicht profitiert haben.

Ob wir nun die Schwankungen an den Börsen mögen oder nicht, fest steht, eine Vermögensbildung ohne Aktienquote ist zumindest unter den aktuellen Bedingungen einer Niedrigzinspolitik kaum möglich. Wer dazu ein Buch eines sehr erfahrenen Vermögensverwalters lesen möchte, dem empfehle ich Gottfried Hellers: Der einfach Weg zum Wohlstand (***). Man kann sein Resümee nach über 40 Jahren Erfahrung mit Geldanlagen (Gründer der FIDUKA u.a. in Zusammenarbeit mit Börsenlegende André Kostolany) als Plädoyer für die Unumgänglichkeit der Investition in  Aktien lesen. Es bietet einen historischen Rückblick, politische Einschätzung und konkrete Vorschläge zur Portfoliodiversifizierung, die sowohl Privatanleger als auch Finanzberater beherzigen sollten.

Guido Kirner

(*) Household aggregate walth in the main OECD countries from 1980 to 2011: What do the data tell as?, Banca d’Italia Occasional Papers, April 2013.

(**) Philip Plickert: FAZ 3. Juni 2013 Nr. 125, S. 18: Das Sparkonto macht uns arm.

(***) Gottfried Heller: Der einfache Weg zum Wohlstand. München FBV.

14 % Umweltrendite, absolut sicher, konservative Anlage – Achtung, retten Sie ihr Geld!*

Die Entscheidung, Geld zu investieren, basiert nicht zuletzt auch auf der Idee und der damit zusammenhängende Geschichte, die einem präsentiert wird, bevor man ein Investmentprodukt kauft. Der Welt Gutes zu tun, dabei noch kräftig Gewinne einzustreichen und das auch noch absolut sicher, das wünschen wir uns alle. Es gibt nur ein Problem: auf dieser Welt gibt es das nicht, auch wenn immer wieder versucht wird, entsprechende Produkte zu verkaufen, nunmehr gehäuft in Form von Anlageprodukten in erneuerbare Energien, die eine vermeintlich sichere „Umweltrendite“ versprechen.

Gegen Investitionen in „Nachhaltigkeit“ ist grundsätzlich nichts einzuwenden, außer sie geschehen unter völlig falschen Voraussetzungen wie einer fehlgeleiteten Risikoeinschätzung und Kostenverschleierung. Ich möchte das an einem erlebten Beispiel erläutern.

 

Ein Beispielfall

Ein Interessent, nennen wir ihn Herrn Maier, hat mit mir einen Termin zur Ruhestandsplanung vereinbart. Er hat einige Vermögenswerte und Rücklagen und muss nach Auslauf des Sozialplans seiner Firma einige Jahre bis zur Auszahlungen der betrieblichen und gesetzlichen Rente finanziell überbrücken. Dafür soll ihm ein Konzept unter Berücksichtigung bestehender und evtl. noch einzusetzender Kapitalanlagen unterbreitet werden.

So weit so gut. Herr Maier hatte vor mir schon eine Art Kollege von einem sehr großen und erfolgreichen deutschen Allfinanzvertrieb zu Besuch. Nun möchte Herr Maier wissen, was ich davon halte. Das ist immer etwas heikel, zumal wenn der Kunde bereits von einer Idee begeistert ist und/oder auch noch eine freundschaftliche Beziehung zu dem Berater pflegt, der Sie ihm nahe gebracht hat. Sei’s drum, ich fühle mich zu einer offenen Einschätzung verpflichtet.

Der Vorschlag des werten Kollegen basiert (typischerweise) nicht auf einem Konzept, sondern auf einem ganz bestimmten Produkt. Man ahnt es, jedoch braucht es eine Weile, um sich darüber klar zu werden, was hier tatsächlich angeboten wird. Denn Herrn Maier wurde nicht etwa ein umfangreicher Prospekt zu diesem Produkt ausgehändigt, sondern ein Din-A4-Blatt mit anhängender Berechnung. Der Einleitungstext ist großartig und lohnt vollständig zitiert zu werden:

 

Das Versprechen

Wir übertreiben nicht, wenn wir behaupten, Ihnen eine der interessantesten Anlageformen unserer Zeit vorstellen zu können. Einzigartige Merkmale im Bezug auf Sicherheit und Rendite machen dieses innovative Finanzprodukt zu einem absoluten Highlight auf dem Finanzmarkt. Die konservative Form der Anlage verbunden mit einer gesicherten Rendite, wie sie bislang meist nur mit spekulativen Strategien zu erreichen war, zeichnen die Umweltrendite aus.

Versprochen werden 14 % p.a. in monatliche Auszahlungen. Der Vertrag läuft 20 Jahre. Außerordentliche Kündigung ist möglich ab dem 3. Jahr, jedoch gibt es ein Agio von 12 %, so dass freundlich darauf hingewiesen wird, dass eine Kündigung auch erst ab dem 3. Jahr empfehlenswert sei.

Investiert werden soll in eine Beteiligung in Form eines partiarischen Darlehens an Großprojekten zur Erzeugung regenerativer Energie, vorrangig in Biogas-Anlagen und Photovoltaikfarmen. Genaue Standorte werden nicht genannt, es gehe um Länder mit hoher Energieausbeute.

 

Die Sicherheiten

Auch Sicherheiten werden geboten: Zunächst die Abtretung der Erträge an den jeweiligen Investor bei Einstellung des Geschäftsbetriebes durch den Produktgeber. Das verstehe ich nicht. Wieso sollte der Geschäftsbetrieb eingestellt werden, wenn es Erträge gibt? Oder wie sollen Erträge erwirtschaftet werden, die abgetreten werden können, wenn der Betrieb gar nicht mehr läuft? Wieso sollte das Geschäftsmodell bzw. die technische Anlage in einem Fall profitabel arbeiten, im anderen Fall aber nicht? Wer ist überhaupt hier der Produktgeber, welche Rechtskonstruktion liegt genau vor? Wir wissen es nicht.

Dafür gibt es aber noch eine zweite Sicherheit und die ist wirklich rührend: nämlich die „Vermögensschadensversicherung bei nachgewiesener Falschberatung“. Gemeint ist die Vermögensschaden-Haftpflicht-Versicherung, die jeder in meiner Branche haben muss. Ich bin der Meinung, mein Kollege wird sie wahrscheinlich benötigen, wenn er das von ihm angepriesene Produkt an Menschen verkauft, die Sicherheit suchen. Wir werden sehen. Ob aber Herr Mayer auf diese Versicherung vertrauen kann, ist fraglich, sollte der Vertriebsmitarbeiter dann evtl. überhaupt nicht mehr bei der Vertriebsgesellschaft arbeiten (die Fluktuation ist hier bekanntlich groß).

 

Gutes tun

Das Angebot inklusive Berechnung klingt einfach nur gut: zweistellige Rendite, man „investiert in die Umwelt“ (wie es umgangssprachlich häufig heißt) und das Ganze sei auch noch absolut sicher und wird deshalb als konservative Anlage angepriesen. Endlich scheint er gefunden, der heilige Gral der Kapitalanlagen … wäre da nur nicht dieses berechtigte Misstrauen von Herrn Maier gewesen. Wenn alles zu schön klingt, ist vielleicht Vorsicht geboten.

Herr Maier ist branchenfremd und fragte deshalb noch einmal per Mail bei dem Vertreter des Finanzvertriebes nach (die Antwortmail liegt mir vor). Herr Maier möchte drei Sachen wissen: 1. Was ist ein partiarisches Darlehen, 2. ob die Berechnung tatsächlich stimme, dass ihm bei Einzahlung von 120.000 Euro 15 Jahre lang jeden Monat 2.567 Euro ausbezahlt würden, also über 450.000 Euro, 3. welche Kosten dabei anfallen und 4. was passiert, wenn die Idee mit dem Investment in „Hybridanlagen“ scheitert?

Herr Maier trifft mit seinen Fragen das Wesentliche: Die Anlageform, die Sicherheit der Rendite, die Kosten und das Ausfallrisiko. Gehen wir der Reihe nach die Punkte durch.

 

 1.      Partiarisches Darlehen

Die Antwort des “Vermögensberaters” ist bestechend: Partiarisches Darlehen besage nach dem Gesetz, dass Sie an Gewinnen beteiligt sind, nicht aber an Verlusten. Diese müsste die Firma tragen, ohne Sie damit zu belasten. Durch die Garantien und dem Zukunftsmarkt „Energie“ werde es zu keinen Verlusten kommen.

Grundsätzlich handelt es sich (laut Gablers Wirtschaftslexikon) bei einem partiarischen Darlehen um ein Darlehen, bei dem der Gläubiger an Stelle von Zinsen einen bestimmten Anteil am Umsatz oder Gewinn erhält. Die Vertragsparteien können den Vertrag beliebig gestalten.

In einem anderen Finanzlexikon wird es deshalb auch gewinnbeteiligtes Gesellschafterdarlehen genannt, welches eine Personengesellschaft durch ihre Gesellschafter erhält. In einem Rechtswörterbuch wird erwähnt, dass die „Geldhingabe gegen Gewährung von 20 % des erzielten Reingewinns betrage“. Es finden sich dazu selbstverständlich noch viele detailliertere Ausführungen, jedoch konnte ich nichts dazu finden, dass durch die Rechtskonstruktion oder gar „durch Gesetz“ der Darlehensnehmer nur an Gewinnen, nicht aber an Verlusten beteiligt ist.

In Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Partiarisches_Darlehen) wird schließlich die Bedeutung als nicht regulierte Kapitalanlage erwähnt. Dazu gehört auch, dass ein förmlicher Verkaufsprospekt nicht erforderlich ist. Auch eine Banklizenz ist zur Ausgabe eines solchen Anlageproduktes nicht erforderlich. Nun wird mir klar, weshalb kein umfangreiches Verkaufsprospekt ausgehändigt wurde. Allmählich mulmig wird mir, wenn ich den Kommentar lese: Häufig werden die partiarischen Darlehen juristisch mangelhaft konstruiert, so dass die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) immer wieder Untersagungsverfügungen in Bezug auf die Einwerbung oder Abwicklungsverfügungen in Bezug auf angenommene Darlehen erlässt.

Für den Allfinanzvertrieb ist es bestimmt auch nicht von Nachteil, dass für den Verkauf entsprechender Produkte keine Erlaubnis nach dem Kreditwesengesetz, vielmehr ist lediglich eine Erlaubnis nach § 34 c Gewerbeordnung notwendig ist.

Wenngleich ich kein Rechtsexperte für Kapitalanlagen oder Gesellschaftsrecht bin, genügen mir die Informationen für den Verdacht, dass es sich hier schwerlich um eine sichere, konservative Anlage in einem rechtlich verlässlichen Mantel handeln kann. Weshalb wäre sonst diese Konstruktion überhaupt notwendig?

Nebenbei sei erwähnt, dass der Begriff in den Ausführungen des werten Kollegen und selbst auf dem Berechnungsbogen stets falsch als „patriarchisches Darlehen“ bezeichnet wurde. Da ist ein wenig Schmunzeln schon erlaubt. Nicht so lustig und vielleicht bezeichnend ist die Tatsache, dass da Menschen Dinge anpreisen, von denen Sie noch nicht mal wissen, wie man sie schreibt (geschwiege denn, was es ist).

 

2.      Die Renditeberechnung

Auf die Renditeberechnung möchte ich hier im Einzelnen gar nicht eingehen. Erstens fällt auf, dass nirgends begründet wird, woraus sich die 14 % vermeintlich sichere Rendite genau ableiten. Angeblich ja aus dem Eneuerbare Energien Gesetz (EEG). Dieses Gesetz ist ein Monstrum, in das ich mich nicht einarbeiten möchte. Gerade deshalb wäre ich für eine eine Musterberechnung mit Hinweis auf die genauen Gesetzesgrundlagen unter Zitierung der jeweiligen Paragrafen dankbar. So werden sie hier einfach mal nur behauptet.

Entscheidend scheint mir aber der Hinweis auf ein zusätzliches Darlehen. Der Abschluss des Produktes scheint nämlich an ein Darlehen (aus Dubai, warum Dubai?) gekoppelt. Weshalb sollte man sich noch zusätzlich verschulden, wenn man doch schon ausreichend Geld für eine Investition hat? Hier soll wohl mittels Verschuldungsfaktor die Rendite durch den Leverage-Effekt künstlich nach oben gehebelt werden. Diesen Effekt habe ich bereits an anderer Stelle erläutert. Man sollte dazu wissen, dass der Schuss auch nach hinten losgehen und zur Überschuldung führen kann. Also findet sich hier abermals ein Hinweis auf Risikomaximierung und keineswegs auf eine sichere, konservative Anlage.

 

 3.      Die Kosten

 Um es kurz zu machen: die Kosten werden nirgends zusammengestellt und explizit ausgewiesen. Ein brauchbarer Prospekt liegt ja nicht vor. Möglicherweise hat das auch seine Gründe.

Sichtbar ist das Agio von 12 %. Man bedenke, dies würde einen bei Anlage von 120.000 Euro Kosten von 14.400 Euro bedeuten. Nun wird das Agio aber nicht nur auf das Eigenkapital angewendet, sondern auf die Summe der Gesamtanlage, also inklusive der Darlehenssumme. Das wären dann bei einer Gesamtanlage von 375.000 Euro allein 45.000 Euro Agio. Für das eingesetzte Eigenkapital (120.000 Euro) hätte man also ein Drittel allein für das Agio zu bezahlen. Das muss ja auch erst einmal wieder erwirtschaftet werden, bevor überhaupt Gewinne für den Anleger entstehen können!

Zudem hat man jetzt aber auch noch Schulden. Dafür muss man Zinsen bezahlen. Die Zinskosten werden aber nicht eigens ausgewiesen, sondern hinter einer Rate für Zins und Tilgung verschleiert (bei 5,35 % jährlich allein über 20.000 Euro). Da ich nicht sehen kann, wie hoch die Tilgung ist, weiß ich auch nicht, wie hoch die Zinsen sind. Zu den für geschlossene Fonds nicht unerheblichen zusätzlichen Kosten für Provisionen, Honorare und Management gibt es keine Angaben.

Der Vermittler hat die Frage von Herrn Maier nach den Kosten folgendermaßen beantwortet: Keine mehr; alles innerhalb der 120.000 Euro Einzahlsumme verrechnet. Kosten werden also damit abgetan, dass sie verrechnet werden. Es gibt sie nicht, weil sie irgendwo abgezogen werden. Das ist schon haarsträubend. So allmählich wird mir angst und bange. Um nicht falsch verstanden zu werden: hohe Kosten sind bei Beteiligungsfonds normal, doch sollte man erfahren, wie viel wofür ausgegeben wird.

 

4.      Investmentidee und Ausfallrisiko

Die präzise Frage zum Ausfallrisiko wird von dem Vertriebsmitarbeiter schlicht nicht beantwortet. Wahrscheinlich hätte die korrekte Antwort lauten müssen: es besteht die Möglichkeit eines Totalausfalls. Dies ist meistens bei geschlossenen Fonds der Fall, aber bei diversifizierten Anlageformen eher theoretischer Natur. Die Aussage, dass es gar kein Verlustrisiko geben kann, hat m.E. allerdings die Tendenz zur Falschberatung bzw. Vortäuschung falscher Tatsachen.

Dafür erhält Herr Maier in der Antwortmail des Vertreters einen lehrreichen Kommentar zur Investmentidee: Die Hybridanlagen dieser Art sind erst im Aufbau. Günstig Biodiesel herzustellen wird zukunftsträchtig, gerade für Firmen mit großen Fuhrparks, die aus ihren eigenen Abfällen ihre Auto betreiben z.B. Brauereien, Müllunternehmungen, Kommunen usw. Es gibt im Rahmen des EEG eine Abnahmegarantie, so dass was hergestellt wird auch abgenommen werden muss, so werden diese umgeschrieben und bekommen Sie Anteile von einer Anderen.

Mal abgesehen von der unverständlichen Ausdrucksweise möchte ich nun doch mehr wissen zu diesen Anlagen. Zum Glück findet sich auf dem ausgehändigten Papier ein Link zu einer Investmentfirma. Gegen deren Webseite ist meine trotz ihrer Durchschnittlichkeit geradezu ein Hochglanzprodukt. Der Informationswert tendiert gegen Null. Vielleicht hilft aber der zweite Link auf eine Umweltbroschüre. Diese findet sich auf einem Publikationsserver (Issuu.com), jedoch nicht als PDF, weder ausdruckbar noch herunterzuladen. Allmählich schrillen bei mir die Alarmglocken. Auf dem Deckblatt der virtuellen Broschüre werden gleich mal 23,5 % Umweltrendite versprochen. Neben allgemeinen und überlesenswerten Informationen erfährt man immerhin, dass in ein sog. KOI-Hybrid-System (Bezeichnung wurde geändert) investiert wird.

Da ich kein Ingenieur bin, kann ich dazu wenig sagen. Aber auch wenn es sich eine Technik handeln würde, die das Potential hätte, all unsere Energieprobleme zu lösen, so fällt dessen ungeachtet auf, dass es sich hier wohl um kein diversifiziertes Portfolio handelt, d.h. es wird nicht in Dutzende unterschiedliche Firmen oder Verfahren oder gar Branchen investiert, so dass bei Ausfall einiger immer noch von den anderen profitiert werden kann; es wird vielmehr hauptsächlich in eine Technologie investiert und wenn die nicht klappt – tja, was passiert dann? Ich vermute (wissen kann ich es ja nicht, weil kein Prospekt vorliegt), dann war es das wohl nicht nur mit der vermeintlich sicheren Rendite, sondern auch mit dem eingesetzten Kapital, womöglich besteht sogar noch eine Nachschusspflicht und das Darlehen muss auch noch zurückbezahlt werden. Das Agio ist ohnehin weg.

Die Hilfsargumentation beruft sich immer wieder auf das EEG und seine Abnahmegarantie. Selbst wenn diese wie behauptet besteht, wer garantiert mir über Jahrzehnte das Bestehen des EEG? Wird das hochsubventionierte Gesetz so lange Bestand haben? Angesichts der Subventionskürzung in der Solarbranche wird deutlich, wie hoch die Halbwertszeit für gut gemeinte Subventionen sein können, wenn sie nicht mehr zu rechtfertigen sind. Und selbst wenn eine Abnahmegarantie besteht, so wirkt sie sich doch nur profitabel aus, wenn die dadurch erzielten Einnahmen die Kosten der betriebenen Anlagen nicht übersteigen. Wird auch das garantiert? Schließlich stellt sich die Frage, ob genau diese Anlagen angesichts der weltweiten technischen Entwicklung auch noch in 10 Jahren Vorzeigeanlagen sind (falls sie es jetzt überhaupt schon sind), die profitabel arbeiten. Diese Problematik zeigt sich doch ebenfalls in der Solarbranche, wo bestimmte Module inzwischen sehr viel günstiger in China hergestellt werden, weshalb sich die hohen Subventionen für deutsche Firmen kaum mehr rechtfertigen lassen. Das sollte wenigstens bedacht werden, bevor man viel Geld in eine Sache investiert, die als „absolut sicher“ verkauft wird.

 

FAZIT

Investments in geschlossene Beteiligungsfonds mit ökologischen Anliegen können seriöse Grundlagen haben und chancenreiche Investments sein. Sie sind keineswegs grundsätzlich zu verurteilen, schließlich muss das Geld für die enormen Investitionskosten der „Energiewende“ ja auch irgendwie eingesammelt werden. Sie müssen jedoch zum Anlagehorizont und zum Ziel des Kapitalgebers passen! Ist das bei uns der Fall? Nein! Diese Anlageform eignet sich keineswegs dafür, den Rentenausfall für einige Jahre gesichert zu überbrücken. Aus Sicht eines juristischen Laien, haben wir hier m.E. ein hervorragendes Beispiel für eine Falschberatung.

Bei dem empfohlenen Produkt scheint mir das gesunde Misstrauen von Herrn Maier mehr als berechtigt. Sind geschlossene Beteiligungsfonds schon für sich genommen riskant genug, so handelt es sich wohl hier zudem noch um ein potenziertes Risiko: kein ausgehändigter Prospekt, kein renommiertes Emissionshaus, keine Kostenaufstellung, eine fragwürdige Rechtskonstruktion, fehlende Diversifizierung im Anlageportfolio, eine Renditeberechnung unter irgendwelchen Bestannahmen, eine mit der Finanzierung einhergehende Verschuldung sowie ein Agio das ich gerne mal als Honorar verlangen würde, wenn ich vor dieser Investition unbedingt abrate. Es schrillen die Alarmglocken. Für mich ist das schlicht Finanzmüll und ich wünsche mir solidere Formen für die Finanzierung regenerativer Energien. Es gibt schönere Arten, das Geld auszugeben…

Dr. Guido Kirner

*Dem Text liegt ein realer Fall zu Grunde. Die Namen wurden geändert bzw. frei erfunden.