Zitat: Institutionen und Gemeinwohl

There is no necessity for a society to develop or adopt the institutions that are best for economic growth or welfare of its citizens, because other institutions may be even better for those who control politics and political institutions.

aus: Daraon Acempglu / James A. Robinson: Why Nations Fail. The Origins of Power, Prosperity, and Poverty. Crown Business / New York 2012, S. 44.

Ansonsten ist das Buch keine Empfehlung. Ansätze, die Versuchen, politischen und wirtschaftlichen Erfolg bzw. Mißerfolg von Staaten über ökonomistische Modelle hinaus mittels Berücksichtigung von Geschichte, Kulturen und Institutionen vergleichend auf den Grund zu gehen, sind schlicht notwendig und leider Mangelware. Oft wird Geisteswissenschaftlern vorgeworfen, von Wirtschaft keine Ahnung zu haben; auch wenn Ökonomen keine Ahnung von Geschichte und Kultur haben, führt das zu nichts. Ganz schlimm wird es, wenn irgendwelche vermeintlichen Experten keine Ahnung von beidem haben. Das ist hier der Fall. Die Institutionentheorie der Autoren ist von derartig erbärmlicher Schlichtheit, dass man sich einfach nur wundert. Die Geschichtskenntnisse, welche die Theorie mit Beispielen unterfüttern sollte, zumal jene von Europa, sind derart mangelhaft und anglozentristisch, dass man den Autoren gerne Nachhilfestunden bei studentischen Hilfskräften der Geschichtswissenschaften in Kontinentaleuropa empfehlen würde. Bewundernswert ist jedoch der Mut, mit welch selbstbewusster Argumentation dies unausgegorene Gebräu vorgetragen wird. Erstaunlich, dass dieses Werk solche Wellen schlug und auf intellektualistischen Cocktailparties in den USA zum Thema wurde. Möglicherweise eignet es sich auch nur dafür. (Dr. Guido Kirner)

Buchbesprechung – Dirk Müllers Cashkurs

Dirk Müller Cahskurs
Dirk Müller Cashkurs

Gute Bücher gehören zu den besten und preiswertesten Ratgebern. Leider benötigen sie etwas intellektuellen Aufwand und Zeit, der aus der Mode gekommen ist. Der Autor ist aus den Medien bekannt; er gehört zu den sympathischen Erscheinungen, der als Talkshowgast seine fundierte Meinung in verständlichen Sätzen unprätentiös zu äußern weiß. Weshalb sollte er also diesen Fundus nicht auch für eine Buchpublikation nutzen, bietet sich hier die optimale Ergänzung zur eh schon genialen Selbstvermarktung?

Seine Bankausbildung und Berufserfahrung als Börsenhändler verweisen auf eine gewisse Expertise, bedeuten aber nicht per se, dass er in allen Themen der privaten Finanzplanung vom Fach ist und darüber auch anschaulich schreiben kann. Man muss feststellen, Müller hat diese Aufgabe mit Bravour gelöst.

Bei seiner Kapitelabfolge geht der Autor über vier „Levels“: Zunächst wird Basiswissen geliefert (Risiko-Rendite-Verhältnis, Haushaltsbuch usw.), d.h. die Grundregeln der einfachen Finanzplanung, erste einfache und sichere Bankprodukte (z.B. Tagesgeld und Bundeswertpapiere), Einsparpotentiale und die Absicherungen, die für jeden ein Muss sind (z.B. Haftpflichtversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung).

Auf der nächsten Stufe geht es um die betriebliche Altersvorsorge, die Riester- und Rürup-Rente, Investmentfonds und überdies wichtige Versicherungen je nach Lebenssituation (Risiko-Lebensversicherung, Hausratvers., Rechtsschutzvers.).

Auf der dritten Stufe bilden Immobilienerwerb und Baufinanzierung den Schwerpunkt sowie des Autors Lieblingsthema Aktien und Anleihen. Schließlich wird noch auf einige Exoten wie Derivate und geschlossene Fonds eingegangen.

Am Ende wird die Finanzbranche kurz unter die Lupe genommen, damit der Kunde weiß, mit wem er es bei den verschiedenen Beratertypen zu tun hat (nur Finanz- und Versicherungsmakler sowie der Nischenmarkt der Honorarberater kommen gut weg).

Fehler findet man kaum, Schwächen kann man im Versicherungsbereich erkennen. Hier wird zwar erwähnt, welche Versicherungen wichtig bzw. unwichtig sind, auch einige nützliche Tipps bekommt man, jedoch erfährt der Leser nicht wirklich, worauf bei den vielen Klauseln der Anbieter tatsächlich zu achten ist, um nicht nur ein billiges, sondern auch ein Produkt mit brauchbaren bis hervorragenden Leistungen zu erhalten. Hier finden sich wohl die Kompetenzgrenzen des Autors, der sich als Börsenmensch auch gelegentlich (teils berechtigt) abfällig gegenüber der Versicherungsbranche äußert (aber auch das liegt ja im Trend).

Auch das Thema Altersvorsorge ließe sich verbessern. So ist die Riester-Beispielberechnung (S. 101) schlicht falsch, weil die Kinderzulage in dem vorausgesetzten Fall statt 185 Euro 300 Euro hoch ist. Auch sollte erwähnt werden, dass es eine Bemessungsgrenze von 2.100 Euro gibt usw.

Die Kritik am Kaufwunsch von Wohneigentum ist sicherlich in weiten Teilen berechtigt, sofern dieser auf falschen Vorstellungen über Kosten und Wertentwicklung gründet, jedoch würde ich die Bedeutung für die Vermögensbildung höher einschätzen. Im Bereich der Finanzierungsprodukte kommt für mich das Bausparen, insbesondere das vorfinanzierte Bauspardarlehen (für mich eines der größten Mogelpackungen) noch zu gut weg.

Das Buch richtet sich nicht an den Experten, sondern den Otto-Normalverbraucher. Dirk Müllers Cashkurs ist für diese Lesegruppe ein Gewinn und sollte sich jeder zu Gemüte führen, der seine finanzielle Mündigkeit verbessern möchte. Es ist flott geschrieben (manchmal etwas anbiedernd), bietet viele nützliche Informationen und kann (wer keine Lust bzw. Zeit hat, es am Stück zu lesen) auch als kleines Nachschlagewerk bei Bedarf genutzt werden.

Dirk Müller: Cashkurs. So machen Sie das Beste aus Ihrem Geld: Aktien, Versicherungen, Immobilien. Droemer Verlag München, 2011, 368 S., geb. 19,99 €.

Dirk Müller hat auch eine Website eingerichtet, siehe: www.cashkurs.com

Dr. Guido Kirner

Buchtipp: ‘The Big Short’ von Michael Lewis

Michael Lewis erzählt Spekulationsgeschichte so spannend wie ein Krimi. Das mit meisterhaften Personenportraits versehene Buch, berichtet von der wohl größten Wette gegen einen Markt mit obskuren Finanzprodukten, die letztlich zur größten Finanzkrise dieses noch jungen Jahrhundert führten, deren Auswirkungen noch lange nicht ausgestanden sind.

Hauptdarsteller sind einige wenige Investoren, die wohl die wagemutigeste Short-Position gegen den amerikanischen Subprime Hypothenmarkt eingehen. Sie tun dies, indem sie auf das das Platzen der daraus abgleiteten obskuren Finanzderivate CDO (Collateralized Dept Obligation) mittels Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps) wetten. Man erhält dabei eine konkrete Vorstellung in diese Finanzprdukte und ihres Handels, ferner in die Hinter- und Abgründe der Investmentbanken, des Rentenmarktes, der Hedgefonds, der Trader usw.

Das Buch erzeugt ein beklemmendes Gefühl aus Kopfschütteln, Abscheu und Staunen über einen Markt, der die Finanzwelt mit Auswirkungen auf die globale Ökonomie in einen tiefen schwarzen Abgrund blicken ließ. Dabei vermeidet das Buch moralinsaure Statements und Analysen, vielmehr erzeugt das Berichtete seine eigene Wirkung. Das Buch ist unbedingt empfehlenswert auch für Menschen, die sich normalerweise nicht mit diesen Themen auseinandersetzen, zumal es wirklich gut und kurzweilig geschreiben ist, ohne deshalb unseriös und reisserisch daherzukommen; ein echtes Leseerlebnis im Genre der Nonfiction.
Dr. Guido Kirner

PS Übrigens tauchen im englischen Original an mehreren Stellen die fucking idiots from Düsseldorf als Antwort auf die Frage auf, wer unverständlicherweise die CDOs begierig gekauft hat.

Grundsätze soliden Investierens (von Hannes Peterreins)

Die meisten Menschen kennen nicht den Unterschied zwischen einem Trader und einem Broker, viele glauben an Börsengurus, Chartanalysen oder Investmentzeitschriften. Gar schillernd ist die Welt moderner Kaffeesatzleserei bzw. an Kristallkugeln im Glauben an vergangene Renditeerfolge oder Marktprognosen. Das meiste davon ist auf gut Deutsch bullshit.

Solides Investieren hat mehr mit Disziplin und Risikostreuung zu tun. Der Vermögensverwalter Dr. Hannes Peterreins hat dazu ein sehr gutes Buch geschrieben, dass zur Pflichtlektüre werden sollte. Auf S. 80 fasst er seine Grundsätze zusammen, die ich mir hier zu zitieren erlaube. Wer die Gründe und Argumente wissen möchte, kaufe und lese das Buch. Es wäre die geringste Investition, dafür aber von großem Nutzen. Je banaler die Ratschläge klingen, desto schwieriger sind sie zumeist umzusetzen bzw. durchzuhalten. Suchen SIe sich deshalb einen Fachmann, der Ihnen bei der Umsetzung dieser Grundsätze hilft.


1. Überlegen Sie sich, welche Ziele Sie mit Ihrer Geldanlage verfolgen
2. Minimieren Sie ihr Risiko
3. Der unsachgemäße Umgang mit Vergangenheitsdaten, insbesondere mit Charts, ist wertlos, häufig sogar gefährlich.
4. Kapitalmarktprognosen sind wertlos, häufig sogar gefährlich.
5. Sie können nicht erwarten, den Markt zu schlagen.
6. Minimieren Sie Gebühren!
7. Diversifizieren Sie ihr Vermögen!
8. Beachten Sie den Anlagehorizont Ihrer Vergleichsziele!
9. Risikomanagement
10. Bewahren Sie jederzeit eine innere Distanz.


Dr. Guido Kirner

Bürgerprivatversicherung – Alternative zu GKV und PKV?

DownloadDie Finanzen der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) waren das heiße innenpolitische Thema vor der Sommerpause; und auch danach wird das Gesundheitswesen in Deutschland ein Streitthema bleiben, ganz einfach weil die Frage im Raum steht: Wer soll das bezahlen?

Ärgerlich ist jedoch das über Fachkreise hinaus vermittelte Niveau der Diskussion dieser brisanten politischen Frage. Gewiss, es handelt sich um eine spröde Materie. Doch hat Deutschland wirklich nichts Besseres zu bieten als die immer gleichen Gesichter von Politikern und Lobbyisten in den Gazetten und Talkrunden?

Wenn die Probleme bekannt sind, z.B. das Verhältnis von Beitragszahler zur Kostenentwicklung der Krankenkassen, wo sind dann die NEUEN IDEEN als Problemlösungsansätze? Wo dürfen sie sich erst einmal entfalten, ohne sogleich abgebügelt oder zerredet und verzerrt zu werden? Wo und wann dürfen eigentlich einmal Experten selbst zu Wort kommen, ohne gleich Fürsprecher irgendeines Systems, Ideologie oder Partei zu sein?

Im Jahr 2008 erschien im renommierten Wissenschaftsverlag Mohr Siebeck das Buch einer Forschergruppe der Kölner Universität mit dem Titel “BÜRGERPRIVATVERSICHERUNG”. Es ist keine leichte Lektüre und evtl. nur für Fachleute. Einiges davon scheint sogar die politische Bühne erreicht zu haben, jedoch nicht so, dass einmal vorurteilsfrei über Problematik und Lösung des Gesundheitssystems diskutiert werden könnte.

Das Konzept der Bürgerprivatversicherung stellt sich dem Problem: Das Gesundheitssystem ist geprägt durch geringe Effizienz, unbefriedigende Verteilungswirkung und geringe Eigenverantwortung. Es ist demografieanfällig und kaum kompatibel mit der Freizügigkeit in der EU.

Der Ansatz der Autoren (Johann Eekhoff, Vera Bünnagel, Susanna Kochskämper, Kai Menzel) zur Lösung dieser Probleme ist verheißungsvoll.

Zu lösen gilt es:

in der GKV:

  • die Belastung des Arbeitsmarktes durch lohnabhängige Beiträge;
  • die Tendenz zur Risikoselektion durch Beiträge unabhängig vom individuellen Krankheitsrisiko;
  • unbefriedigende Verteilungswirkung von leistungsfähigen zu bedürftigen Bürgern mittels lohnabhängiger Beiträge, da der Lohn ein unzureichender Indikator für die wirtschaftliche Leistungskraft darstellt (Mieteinkünfte, Zinseinkünfte usw. sind z.B. nicht berücksichtigt);
  • das Umlageverfahren bewirkt eine Umverteilung zu Lasten künftiger Generationen.

In der PKV

  • fehlende bzw. unzureichende Mitnehmbarkeit der Altersrückstellungen bei Versicherungswechsel;
  • fehlender Annahmezwang;
  • fast völlig fehlender Wettbewerb um Bestandsversicherte.

Dazu wird ein Alternativsystem entwickelt:

  • Versicherungspflicht für ALLE Bürger im gleichen System mit einem Mindestleistungskatalog und Mindeststandards. Die Zweiteilung in GKV und PKV entfällt.
  • Die Ausgliederung der Beiträge vom Lohneinkommen. Alle Organisationsversuche einer treffsicheren Umverteilung von wirtschaftlich leistungsfähigen zu bedürftigen Bürgern im Rahmen des Gesundheitssystems sind zum Scheitern verurteilt. Die notwendigen Transfers können nur über das Steuersystem finanziert werden. Jeder Bürger muss eine Prämie für die KV zahlen, die einen echten Preis für die entsprechend Leistung darstellt. Wer eine höherwertige Versicherung wünscht, muss die vollen Kosten dafür über eine höhere Prämie tragen.
  • Die unentgeltliche Mitversicherung der Kinder wird aufgegeben.
  • Ermöglichung eines effizienten Versicherungswettbewerbes durch Übertragung individueller risikoäquivalenter Altersrückstellungen. Die Grundidee ist: Die alte Versicherung gibt jedem Versicherungswechsler so viel an Altersrückstellungen mit, wie dieser unter dem Strich noch kosten würde, wenn er bei ihr bliebe. Dem Wechsler wird also die Differenz aus erwarteten zukünftigen Kosten und erwarteten zukünftigen Prämienzahlungen mitgegeben.
  • Übergang zum Kapitaldeckungsverfahren. Hauptproblem ist dabei der fehlende Deckungsstock für Altersrückstellungen der GKV, der nachfinanziert werden muss. Die Autoren machen hierzu interessante Vorschläge, wie das realisiert werden könnte. Ferner werden Vorschläge zu einer Verzahnung der Gesundheitssysteme in Europa gemacht.

Erste Reformschritte wären:

  • die Altersrückstellungen der PKV risikoäquivalent zu individualieren und übertragbar zu gestalten;
  • parallel dazu die Beiträge in der GKV auf eine Gesundheitspauschale umzustellen. Dies gilt als Zwischenschritt zu angestrebten risikoäquivalenten Prämien;
  • der schwerste Schritt ist die Umstellung der GKV vom Umlage- auf das Kapitaldeckungssystem als Kern der Bürgerprivatversicherung.

Wer der Gründe und sachlichen Ausführungen dazu zur Kenntnis nehmen möchte, lese dieses Buch (ISBN 978-3-16-149636-3). Egal welche Schlussfolgerungen man daraus zieht, sinnvoll wäre es, sich mit solchen Ideen auseinanderzusetzen und auf entsprechendem Niveau zu diskutieren. Wahrscheinlich sind die Argumente nur schwerer zu vermitteln als Platituden zu “Neoliberalismus” oder “Sozialschmarotzertum”.

Dr. Guido Kirner