CRASHED von Adam Tooze oder „Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben“

„Das „Politische“ in der politischen Ökonomie muss ernst genommen werden.“

„Nachdem sie zig Milliarden an Verlusten erlitten hatten, entlohnten Wall-Street-Banken ihre Manager mit 18,4 Milliarden Dollar. Das entsprach dem Zweieinhalbfachen der Summe, die der Kongress für die Modernisierung der Breitband-Infrastruktur der Vereinigten Staaten bewilligt hatte.“

„Es ging nicht um Griechenland, sondern um das viel größere Netzwerk grenzüberschreitender Fremdfinanzierungen, und Frankreich hat, wie andere reiche Gläubigerstaaten, einen riesigen Anteil an diesem Markt.“

„Es war ein erstaunliches Eingeständnis. Falsche wirtschaftspolitische und empirische Annahmen hatten den IWF dazu veranlasst, eine Politik zu befürworten, welche die wirtschaftlichen Aussichten einer ganzen Generation junger Menschen in Südeuropa zunichtemachte.“  

Stellen wir uns eine Welt vor, bei der nur noch die Zahlungsströme zwischen den 500 größten Unternehmen, den 50 größten Geschäftsbanken und den 5 bedeutendsten Notenbanken die wirtschaftliche Realität bestimmen. Stellen wir uns eine Welt vor, bei der ökonomischer Wettbewerb nur noch „etwas für Verlierer ist“, denn dann haben sie es noch nicht geschafft, eine Macht- oder Marktstellung zu erreichen, die Ihnen eine eigenständige Souveränität und Systemrelevanz verleiht. Und stellen wir uns eine Finanzkrise vor, bei der die empörten Reden der Politiker, das Achselzucken der Bankvorstände oder die gegenseitigen Vorwürfe der Staatsoberhäupter letztlich keine Bedeutung haben, solange die einzig wirkliche wichtige Institution, nämlich die Amerikanische Notenbank (FED) zur Vermeidung des finanzpolitischen Supergaus den wichtigsten Krisenländern still und heimlich Dollarreserven in unbegrenzter Höhe zur Verfügung stellt.

Wenn wir all das glauben, dann nähern wir uns der Welt des Adam Tooze, der auf 700 Seiten und 25 Kapiteln das vielleicht bedeutendste zeithistorische Werk über die letzten 10 Jahre geschrieben hat. Nach Lektüre des Buches werden wir verstehen, dass jemand, der keine Ahnung von Wholesale-Finanzierungen oder Zins-Swaps hat, das aktuelle Finanzsystem nicht verstehen und deuten kann. Wir werden nebenbei mitbekommen, wie Putin die Finanzkrise nutzen konnte, sich die russischen Oligarchen zu unterwerfen. Wir dürfen nachvollziehen, wie China das größte Konjunkturprogramm der Geschichte aufgelegt hat, um damit (zumindest mittelfristig) mehr zur Stabilisierung des Weltwirtschaftssystems beizutragen, als uns gemeinhin bewusst ist. Womöglich werden wir auch besser verstehen, wie es zu Präsident Donald Trump oder den populistischen Parteien in Europa kommen konnte.

Denn Adam Tooze verleiht auch den Opfern und Verlierern der letzten 10 Jahre eine Stimme, z.B. der Generation, die in Südeuropa verzweifelt in Jugendarbeitslosigkeit oder prekären Jobs verharrt; amerikanischen oder spanischen Eltern, denen das Haus weggepfändet wurde oder die nun in einer Immobilie wohnen, deren Grundschuld höher ist als der Marktwert; all den Fabrikarbeiter, deren Jobs nach Fernost verlagert wurden oder deren Arbeitswelt politisch wegdekretiert wurde, weil sie aus umwelt- oder klimapolitischen Gründen nicht mehr opportun erscheinen. Kurz: es gibt in unserer westlichen Welt genug Wut und Ressentiments gegen das Establishment, die sich allmählich Gehör verschaffen.

Noch in anderer Hinsicht, ist das Buch sehr lehrreich: so ist eine Wirtschaftswissenschaft womöglich veraltet, die (wie z.B. Hans-Werner Sinn) noch Zahlungströme zwischen Volkswirtschaften zu messen, wenn dabei die wichtigsten Finanzakteure aus dem Blickwinkel geraten. Es wird auch deutlich, wie wir ganze Erdteilen (Osteuropa, Südostasien) gar keine Beachtung geschenkt haben, weil wir im Westen bei der Analyse von Finanzkrisen zumeist Nabelschau betreiben. Es kann einem auch bewusst werden, dass wir neue geoökonomische Denkweisen herausbilden müssen, um zu verstehen, wie Handels- und Wirtschaftspolitik für machtpolitische Interessen eingesetzt wird. Schließlich sollten wir Europäer, wenn wir mit unserer Kapitalismuskritik auf die USA zeigen, zurückhaltender sein, da unsere Finanzinstitute mit ihren Ablegern in London seit den 80ern einen Finanzplatz geschaffen haben, der die Übel der Wallstreet letztlich in den Schatten stellte.

So lehrreich dieses Buch also ist, so kritikwürdig halte ich es in einigen Punkten: die etwas plakative Verwendung des Begriffes „konservativ“ scheint mir intellektuell nicht angemessen. Die Heldenverehrung für Obama und Geithner ebenfalls. Den verständnislosen Blick auf europäische Politik, zumal die Beurteilung von Kanzlerin Merkel, ist man aus den USA ja fast schon gewohnt. Doch das sind letztlich Kleinigkeiten. Eine grundsätzliche Abwehr erregt bei mir aber diese Selbstgefälligkeit eines mit Dollarimperialismus gepaarten Hyperkeynesianismus. Dieser wirft m.E. genauso viele kritische Fragen auf, wie dieser verkürzte Finanzneoliberalismus der 80er und 90er Jahre.

Denn noch wissen wir ja gar nicht, ob sich die angwandten Heilmittel der Geld- und Fiskalpolitiker nicht noch schlimmer auswirken werden als die damit behandelte Krankheit. Die Zauberlehrlinge der unbegrenzten Geldschöpfung, der fremdfinanzierten Konjunkturprogramme oder kreativen fiskalpolitischen Insolvenzverschleppung, die haben ihren Richter vor der Geschichte noch gar nicht gefunden. Doch davon abgesehen, gehört dieses gut lesbare Meisterwerk in das Bücherregal eines jeden zeitgeschichtlich und wirtschaftspolitisch interessierten Zeitgenossen.

Guido Kirner

Adam Tooze: Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben. Siedler. München 2018. 800 Seiten, geb. 38 Euro. ISBN: 978-3-8275-0085-4.

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