Der Draghi-Crash. Die Kampfschrift von Markus Krall gegen die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

„Die gewaltsame Verzerrung des Zinses ist das Ergebnis einer Anmaßung des Wissens, abgeleitet aus der Arroganz unkontrollierter Macht, verteidigt mit dem Scheinargument der Unabhängigkeit der Notenbank.“

„Unsere geldpolitischen Institutionen haben einen Umwandlungsprozess vollzogen: weg von einer Verfasstheit der Unabhängigkeit hin zu einem Regime ohne Rechenschaftspflicht. Der Fokus auf Preisstabilität wurde ersetzt durch einen Fokus auf Umverteilung und Enteignung der Sparer.”

Selten konnte man eine so gespaltene und widersprüchliche Deutung der wirtschaftlichen Situation seiner Zeit erleben. Im Zentrum stehen dabei die wichtigsten Notenbanken (USA, Japan, Europa). Mit ihren gigantesken Anleihekaufprogrammen haben sie eine Nullzinspolitik etabliert, mit welcher sie die Wirtschaft ankurbeln möchten. Für die einen machen sie einen schwierigen und hervorragenden Job; für die anderen sind sie dagegen der Hort einer sich „Geldplanwirtschaft“, die zu einer noch größeren Finanzkrise führen wird, je länger sie an ihren Maßnahmen festhalten.

Markus Krall ist ein erfahrener Risikoexperte in der Finanzwirtschaft und gehört zu jener Strömung, die vor der EZB-Politik warnt. Er kritisiert ihre Hybris und prognostiziert eine große deflationäre Krise, die er als „Draghi-Crash“ bezeichnet. Deshalb hat er eine Philippika gegen die Europäische Zentralbank geschrieben. Hierbei handelt es sich mehr um ein Pamphlet als um ein Sachbuch. Ironie und Polemik prägen seinen Schreibstil. Auf Anmerkungen, Quellenverweise und Literaturangaben wird verzichtet. Trotzdem liefert er zumindest im 6. Kapitel eine kompakte Analyse, deren Logik man sich nur schwer entziehen kann. Um sie zu verstehen, wird man um einige finanztechnische Grundlagen nicht herumkommen. Doch genau hierin liegt der Wert des Buches!

Die Bedeutung des Zinses für das Finanzsystem

Preise haben eine wichtige Funktion in einer Marktwirtschaft: sie „zeigen Knappheiten an und steuern so die Ressourcen in die richtigen Verwendungen.“ Auch der Zins ist ein Preis, nämlich der Leihpreis des Geldes für Kredite. Der Kredit ermöglicht, die Erfüllung von Bedürfnissen in der Zeit hin und her zu schieben (für den Kreditgeber nach hinten, für den Kreditnehmer nach vorne).

Der Zins ist aufgrund seiner Transformations- und Tauschfunktion eine Art „Kondensat aller relativen Knappheiten aller Güter einschließlich der zeitlichen Präferenzen aller am Wirtschaftsleben Beteiligten.“  Im Zins „gerinnt die Summe aller menschlichen Präferenzen, aller individuellen Wünsche, Pläne, des menschlichen Könnens, der Spezialisierung in der Herstellung von Gütern und damit der technische Fortschritt zu einer einzigen Zahl.“

Man wird den Zins in seiner Leit-, Orientierungs- und Kalkulationsfunktion also kaum unterschätzen können. Folglich ist es keine Kleinigkeit, wenn der Zins nicht mehr auf der Einschätzung eines (Geld)Marktes basiert (Marktzins), sondern auf der „Anmaßung von Wissen“ einiger technokratischer Notenbanker (Manipulationszins) und ihrer Maßnahmen.

Wie entsteht Geld?

Geld ist seit heute von jeglicher Rückbindung an einen Warenwert (Gold) entkoppelt. Geld entsteht auf dem Wege der Kreditvergabe durch Banken (Giralgeldschöpfung). Zunächst stellen Notenbanken der Finanzwirtschaft Geld zur Verfügung (sog. fiat-money als elektronisches Buchgeld oder über die Notenpresse).  Erst durch die Weitergabe dieses Zentralbankgeldes durch die Geschäftsbanken an Unternehmen und Privathaushalte in Form von Krediten, wird das Geld dem realen Wirtschaftskreislauf zugeführt. Nun handelt es sich um das sog. Giralgeld bzw. Buchgeld.

Jeder Kredit an Endkunden erhöht dabei die Geldmenge, wird wieder angelegt, wieder ausgeliehen und beliebig oft recycelt. Folglich übersteigt die Giralgeldmenge die Zentralbankmenge um ein Vielfaches. Begrenzt wird diese Geldmenge nur durch die Fähigkeit der Banken, Kredite zu vergeben. Diese hängt ab von der Risikotragfähigkeit (Eigenkapitalausstattung) der Banken sowie der Darlehensnachfrage durch kreditwürdige Kunden. Dies ist die Schleuse, durch die die Geldmenge hindurch muss.

Wird die Geldmenge im Verhältnis zu Wirtschaftsleistung und folglich der Menge der verfügbaren Güter zu hoch, herrscht Inflation, ist sie zu niedrig herrscht Deflation. Wenn wir angesichts der aktuellen Flutung der Märkte mit billigem Geld keine Inflation haben, dann bedeutet dies (abgesehen von weiteren deflationären Faktoren), dass die Banken dieses Geld nicht in dem von der Zentralbank gewünschtem Maße an die Unternehmen weitergeben. Es kommt zu einem Geldmengenparadox.

Das „Geldmengenparadox“

Die These von Markus Krall lautet: Die ungebremste Schaffung „von Zentralbankgeld durch die EZB im Wege der Kaufprogramme für Anleihen und andere Maßnahmen wie den negativen Einlagenzins“ führt zur einer plötzlichen und krisenhaften Schrumpfung der Gesamtgeldmenge, weil sie die Risikotragfähigkeit der Banken und damit ihre Fähigkeit zur Giralgeldschöpfung unterminiert. Während die EZB die „Schleusen des Zentralbankgeldes immer weiter öffnet, verstopft sie gleichzeitig die Schleusen der Giralgeldschöpfung und konterkariert so die eigene Politik. Damit schafft sie (zunächst) Deflation, nicht Inflation. Das ist m.E. eine plausible Erklärung für die aktuelle Situation, weshalb wir trotz einer sog. digitalen Revolution in Europa nur geringes Wachstum und stagnierende Produktivität verzeichnen (Vgl. a. das prägnante Interview in der NZZ).

Die Zerstörung des kommerziellen Bankgeschäftsmodells

Banken haben im Wesentlichen die „Kreditversorgung der Wirtschaft“ zur Aufgabe. Das bedeutet, sie vergeben Kredite, nehmen Einlagen und vergeben erneut Kredite usw. Dieses Geschäft galt lange als relativ sicher und langweilig. Man witzelte früher über die 3-6-3-rule der Banker: man verzinse Einlagen mit 3 Prozent, verleihe das Geld zu 6 Prozent und sei um 15 Uhr auf dem Golfplatz.

Was passiert nun, wenn Zinsen gegen Null tendieren oder gar negativ werden? Um im Beispiel zu bleiben: ich verzinse Einlagen mit 0 Prozent und verleihe dafür Geld für 1,5 Prozent. Offensichtlich schrumpft für die Kreditinstitute die Zinsmarge erheblich zusammen. Dieser Vorgang findet aktuell durch die Notenbankpolitik statt. Was für den einzelnen Kreditnehmer von Vorteil (aber für jeden Sparer von Nachteil) ist, kann für das Finanzsystem und die gesamte Volkswirtschaft auf längere Sicht schädliche Auswirkungen haben.

Die Ertragsquellen der Banken, die 70-80 Prozent des klassischen Bankenmodells ausmachen, bestehen erstens aus der Passivmarge: dem Spareinlagenzins abzüglich Tagesgeldzins; zweitens der Transformationsmarge, was bedeutet kurzfristig Geld günstiger aufzunehmen, um es langfristig teurer zu verleihen; und schließlich der Kreditmarge: dem Aufschlag auf den risikolosen Zinssatz für Verwaltungs-, Risiko- und Eigenkapitalkosten. Sämtliche dieser Quellen drohen bei einer Nullzinspolitik allmählich zu versiegen.

Viele Banken versuchen das aktuell mit der Einführung von Gebührenerhöhungen zu kompensieren. Im harten Wettbewerb und bei fehlender Tradition, ist das allerdings nicht so einfach durchzusetzen. Viele Banken versuchen daher das Kreditgeschäft noch mehr auszuweiten, um wenigstens kurzfristig höheren Umsatz und Gewinne zu verbuchen. Der Wettbewerb um kreditwürdige Kunden wird dadurch noch größer. Die Kreditmarge trägt dann noch eincht einmal mehr die Kosten.

Vertagte Bankenkrise

Müssten wir es dann nicht mit einem großen Bankensterben zu tun haben? Nun, zum einen haben wir das bereits, wenngleich die politisch als systemrelevant erachteten Banken ganz einfach mit Steuergeldern gerettet werden (aktuell insbesondere in Italien). Aber auch den scheinbar gesunden Banken droht Unheil. Markus Krall beklagt ein „massiv verzerrtes Bild der Realität“, da es sich bei den positiv ausgewiesenen Erträgen der Banken „in gewisser Weise um den Verbrauch von Ertragsreserven handelt“, die sich aus der Besonderheit der Fristentransformation sowie Laufzeitstruktur der Kreditbücher ergeben.

Da Banken zumeist längerfristige Kredite vergeben, sich selbst aber kurzfristig refinanzieren, macht sich der Margenverfall erst bemerkbar, wenn ein immer größerer Teil der Kredite fällig wird und dann zu schlechteren Konditionen neu vergeben werden muss. In der Zwischenzeit können die Banken sogar von Zinssenkungen profitieren, sofern sie selbst das Geld nun günstiger leihen können, aber noch von den höheren Zinsmargen aus der Vergangenheit profitieren. Folglich bleibt die Erosion der wirklichen Ertragskraft des Bankgeschäftes über längere Zeit nicht sichtbar.

Die durch die EZB-Politik faktisch oktroyierte flache Zinsstrukturkurve führe irgendwann zu einem „Kollaps aller drei Zinsmargen und damit der Hauptertragssäule eines funktionierenden Bankensystems.“ Die Passivmarge werde negativ vor Kosten. Die Fristentransformation sei extrem reduziert und könne überhaupt nur durch das Eingehen extremer Risiken realisiert werden; und die Kreditmarge gerate extrem unter Wettbewerbsdruck und verzerre die Risikowahrnehmung.

Zombiefizierung der Unternehmenswelt

Doch wirkt sich die Nullzinspolitik nicht nur negativ auf das Geschäftsmodell der Banken aus. Betroffen ist vielmehr die gesamte Wirtschaft, die ja über Bankkredite am Laufen gehalten wird. Die niedrigen Zinsen senken die Finanzierungskosten von Unternehmen und erzeugen damit eine Art Schönwetterpanorama in der Risikoeinschätzung. Es komme zu einer anfangs schleichenden, dann galoppierenden „Erosion der Werthaltigkeit der Kreditbücher“, die sich wie eine „Zeitbombe des gesamten Systems“ auswirkt, sobald die Zinsen wieder steigen sollten. Bis es dazu kommt, lebe man in einer Phase vorgegaukelter Wettbewerbsfähigkeit ohne steigende Produktivität.

Gerade Deutschland erlebe aktuell einen Boom durch den Weich-Euro und das „Währungsdoping“.  Jedoch schöben wir eine riesige Bugwelle aufgeschobener Unternehmenspleiten vor uns her. Der verzweifelte Versuch der EZB, durch das Aufblähen der Zentralbankgeldmenge Inflation zu erzeugen, „verstopft also letztlich den Kanal der Giralgeldmenge und zwingt so erst die Deflation herbei, die man für seine Politik als Schreckgespenst bemüht hat.“

Hedgefonds  Deutschland

Deutschlands Wirtschaft brummt: in weiten Teilen herrscht Vollbeschäftigung, die Steuereinnahmen sprudeln und der Handelsbilanzüberschuss eilt unter neidvollen Blicken von Rekord zu Rekord. Sind wir also nicht der größte Profiteur der EZB-Politik? Markus Krall sieht das anders. Denn zum einen werde unsere langfristige Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit durch die marktfremden Interventionen der EZB zerrüttet, zum anderen führten unsere Handelsbilanzüberschüsse nur dazu, dass wir in Form von Schuldscheinen unserer europäischen Handelspartner bezahlt werden.

Die Summe der Forderungen deutscher Investoren belaufe sich im Euroraum auf ca. 2.800 Milliarden Euro. Bei 1.500 Milliarden Euro bestehen unsere Forderungen gegenüber Ländern, deren Schuldentragfähigkeit bei marktgerechten höheren Zinsen schon nicht mehr als gegeben angesehen werden könne (Belgien, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Portugal, Spanien, Zypern).

Ferner geht Markus Krall dann auf die von Hans-Werner Sinn offengelegte Problematik der sog. Target2-Salden ein. Das Europäische Verrechnungssystem verbuche für Deutschland aktuell Forderungen von über 800 Milliarden Euro (wie zu Zeiten der Finanzkrise). So gesehen bräuchten wir „gar keine Eurobonds mehr, um alle Haftung zu vergemeinschaften.“ Die Target-2-Salden seien das „ultimative Instrument der Schuldensozialisierung, spricht der Überwälzung auf Deutschland und seine Institutionen und damit letztlich auf seine Bürger.“

Markus Krall sieht deshalb in Deutschland den „größten Hedgefonds der Welt“. Es habe politisch eine Zweibillionen-Euro-Wette platziert, die alles auf eine Karte setze: nämlich dass der Euro bliebt. Falls nicht, sei nicht absehbar, wie die Außenstände eingetrieben werden könnten, und die Staatsschuld hätte sich über Nacht verdoppelt.

Was tun?

Markus Krall sieht Europa vor einer monetären Krise, die sich „wahrscheinlich in Form von Deflation und Depression entfalten wird, um später in eine Hyperinflation und die umfassende Zerstörung der Ersparnisse umzukippen.“ Ist diese Katastrophe aufzuhalten? Kralls Maßnahmenkatalog lautet:

  • Wiederherstellung der Kreditwürdigkeit der Euro-Staaten durch einen Dept-für-Equity-Swap;
  • Wiederherstellung der Risikotragfähigkeit der Banken durch Deregulierung, Kostenabbau und Re-Kapitalisierung;
  • Stabilisierung der Pensionskassen und Lebensversicherungen;
  • Reparatur der fehlgeschlagenen Governance des Euro;
  • Anschließende Rückkehr zu einer marktorientierten Zinspolitik.

Wir gehen hier nur auf seinen ersten Vorschlag ein. Inzwischen wurden die Maastricht-Kriterien auch nach der Einführung des Stabilitätspaktes beinahe 140 Mal  verletzt. Politisch sind die vertraglich verbindlichen Verschuldungsregeln also nur noch eine Illusion. Dessen ungeachtet stellt sich die Frage, wie man der fiskalischen Disziplinlosigkeit der meisten Euroländer Einhalt gebieten kann. Krall möchte jedenfalls keine Eurobonds für die Vergemeinschaftung von Schulden oberhalb der 60-Prozentgrenze, wie es immer wieder vorgeschlagen wird. Das würde nur noch mehr Verschuldungsanreize bieten und die Reformunfähigkeit subventionieren.

Stattdessen plädiert er für die Übernahme von staatlichen Verbindlichkeiten durch eine privatwirtschaftlich organisierte, europäische Schulden- und Privatisierungstreuhand. Diese soll die Schulden oberhalb von 60 Prozent des Bruttosozialproduktes übernehmen und zugleich Eigentümerin aller privatisierbaren Vermögenswerte der betroffenen Mitgliedstaaten werden. Nach Restrukturierung und ggf. Wertsteigerung der an sie übertragenen Vermögenswerte sollen diese über einen Zeitraum von 10 Jahren veräußert werden, um daraus die Rückzahlung der Schulden vorzunehmen. Verbleibende Defizite könnten für die Schuldnerstaaten problemlos getilgt werden.

Kritische Anmerkungen

Martin Krall ist es gelungen ein schwieriges Thema verständlich und lebhaft darzustellen. Auf die ersten 100 Seiten kann verzichten, wer keine Nachhilfe in liberaler Gesinnungsethik benötigt. Die zweiten 100 Seiten sollte lesen, wer etwas vom Austrocknen der Zinsmarge und ihrer volkswirtschaftlichen Auswirkungen verstehen möchte.

Ein Mangel an Kralls These ist, dass er die Szenarien für eine drastische Zinswende gar nicht erörtert. Dabei steht und fällt seine Crash-Prognose mit dem Eintritt genau dieses Ereignisses. Ein paar Seiten dazu, wann und weshalb der EZB die „Puste ausgehen“ könnte, fehlen ebenso wie eine eingehende Erörterung, welche politischen oder finanzwirtschaftlichen Risikoereignisse zu Zinserhöhungen führen werden. Auch seine Lösungsvorschläge scheinen mir überhastet und zu wenig fundiert aufgelistet.

Ferner ist nicht geklärt, weshalb Krall z.B. einen geordneten Ausstieg aus der Nullzinspolitik für unmöglich hält. Und weshalb verzeichnen z.B. skandinavische Banken trotz Negativzinsen gute Gewinne? Nicht etwa, dass diese Kritikpunkte Kralls Ausführungen in Frage stellten, doch eine weniger polemische und umso sachlichere Herangehensweise hätte seinem Anliegen gut getan. Für die politische Debatte ist es sicherlich eine Bereicherung.

Was sich ändern muss

Was Kralls Lösungsvorschläge betrifft, so ähneln sie der Treuhandgesellschaft zur Privatisierung der DDR-Betriebe oder gewissen Forderungen, die aktuell am überschuldeten Griechenland ausprobiert werden. Beides lässt mich vermuten, dass solche Maßnahmen in einer gesamteuropäischen Situation zum Scheitern verurteils sind. Unter souveränen Staaten lassen sich solche Maßnahmen genauso wenig durchsetzen, wie die Einhaltung von Maastricht-Kriterien.

Es könnte wahrscheinlich noch nicht einmal Einigkeit darüber erzielt werden, was überhaupt in die Privatisierungsmasse fallen solle. Unvereinbare Wirtschaftskulturen würden aufbrechen, verletzter Stolz würde populistischen bzw. extremistischen Parteien noch mehr Zulauf bescheren.

Effektiver und der einzige Weg scheint mir, wenn Deutschland den ersten Schritt wagt, auch wenn sich alle maßgeblichen deutschen Politiker aus Angst um den Zerfall der Währungsunion oder eines Börsencrashs dagegen sträuben. Lieber werden die Probleme nach hinten verschoben als jetzt Verantwortung zu übernehmen, um das schlimmse abzuwenden.

Deutschland wird – ob es will oder nicht – von Außen als europäischer Hegemon wahrgenommen. Außerdem ist es nun mal die bedeutendste Wirtschaftsmacht und folglich auch größter Gläubiger in der Währungsmeinschaft. In dieser Eigenschaft muss es vorangehen, ein Reformplan entwerfen und (auch vor seinen Bürgern) endlich klare Grenzen aufzeigen, bis zu welcher genauen Höhe es Haftungsrisiken aus der Währungsunion übernehmen wird.

Dies ist die Kernfrage, aus der alles weitere überhaupt erst folgen sollte: Bankenunion, Rettungsfonds, Überwachungsgremien, gemeinsame Finanz- und Haushaltspolitik usw. Die spekulativ bislang viel zu sicheren Wetten (von Hedgefonds u.a.) beruhen darauf, dass Deutschland unter allen Umständen – koste es, was es wolle – bereit ist, die Währungsunion zusammenzuhalten. Sie benötigen eine deutliches Signal, dass sie sich nicht zu 100 Prozent darauf verlassen können.Das bringt zwar Unsicherheit in den Markt, führt aber zu überfälligen Korrekturen bei der Risikobewertung.

Dabei sollte Deutschland gerade nicht einer Rhetorik des sacro egoismo huldigen. Im Gegenteil. Es soll verdeutlichen, das es durchaus Lasten und Verantwortung für Europa übernehmen wird, aber eben nicht für jedes weitere Rettungsszenario über alle Maßen hinaus erpressbar sein wird. Die Botschaft muss sein: wir wollen den Euro, aber eben nicht um jeden Preis.

Zugleich sollte ein Zeitplan entworfen werden, ab wann für alle Schulden über der Maastricht-Grenze wieder Marktzinsen zu gelten haben. Die Abschreibungsrisiken für faule Kredite in den Bank- und Unternehmensbilanzen würden würden dann wieder das realistische Ausfallrisiko wiederspiegeln. Dem entsprechende Konsolidierungsmaßnahmen für überschuldete Unternehmen und Privathaushalte folgen automatisch. Selbst Staaten stünden dann wieder unter wirtschaftlichem Reformzwang.

Auch die EZB muss dringend reformiert werden (vgl. Krall S. 194ff.). Das wird ein schieriger aber unumgänglicher Punkt. Man hat seit Einführung des Euro so viel Europarecht missachtet, wieso sollten ausgerechnet die Statuten der EZB heilig sein. Die Stimmengewichtung muss dem Haftungsrisiko des Mitgliedlandes entsprechen. Die Target2-Salden sollten jährlich (wie in der Schweiz oder Amerika auch) ausgeglichen bzw. mit Gold besichert werden. Die Notenbank muss sich wieder darauf beschränken, Banken und mit stabilem Geld zu versorgen. Alle fiskal- und wirtschaftspolitischen Aufträge, haben zu unterbleiben. Die bislang bei der EZB angesiedelte Bankenüberwachung mit ihren lächerlichen Stresstests muss völlig anders organisiert werden (vgl. a. Krall S. 38ff. und Kap. 5) .

Schlussendlich wäre eine europäische Schuldenkonferenz erforderlich, um darüber zu verhandeln, welche Schuldenberge abgetragen werden können und welche abgeschrieben werden müssen (Schuldenschnitt). Dieses „reinigende Gewitter“ ist sicherlich nicht ohne Erschütterungen auf den Finanzmärkten zu haben. Jedoch wäre es allemal ungefährlicher als der ewige Aufschub struktureller Reformen zu Gunsten wirkungsloser spätkeynesianistisch begründeter konjunktureller Strohfeuer die mittelfristig nur zu einer hinausgezögerten Implosion des Währungsraums führen.

Erschreckend ist der absolute Mangel an europapolitischen Konzeptionen für die nächsten 10 Jahre im deutschen Bundestagswahlkampf. Denn letztlich geht es um nichts geringeres als die Aufrechterhaltung, Umstrukturierung oder Abwicklung der Europäischen Währungsunion. Wahrscheinlich wird nach den Wahlen wieder über die Köpfe der Bürger hinweg „auf Sichtflug“ von Gipfel zu Gipfel entschieden.  Das ist nichts als Scheinaktionismus, nutzlose Bürokratie und heiße Luft. Wie tief man den Bürgern dabei in die Taschen greift, soll nicht offenbar werden. Hier gilt das Motto: koste es, was es wolle; oder mit Draghis Worten: whatever it takes.

Guido Kirner

Markus Krall: Der Draghi-Crash. Warum uns die entfesselte Geldpolitik in die finanzielle Katastrophe führt. FinanzBuch Verlag München 2017. 208 Seiten, 17,99 Euro. ISBN: 978-3-95972-072-4.

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2 thoughts on “Der Draghi-Crash. Die Kampfschrift von Markus Krall gegen die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).”

  1. Sehr geehrter Herr Kirner,

    folgende Zusammenhänge, wie Geldmenge zu BIP (Wirtschaftskreislauf), sowie Verschuldungszwang zur Entstehung von Gewinn und wo landet der konsumierte Gewinn, möchte ich Ihnen und Herrn Krall (finde leider keine Email) zur Verfügung stellen.

    http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=292077

    http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=293226

    http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=335635

    Mein Vorschlag zur Bewältigung der sich zuspitzenden Krise wäre:

    – Streichung der derzeitigen Besteuerung der Unternehmen und Arbeitnehmer
    – Streichung der Umsatzbesteuerung (MWST)
    – Einführung einer prozentual einheitlichen Steuer auf das Arbeitnehmerentgelt, den Abschreibungen und jeglichen Gewinn
    – das Sammeln der Staatsverschuldung bis zu einer bestimmten Grenze zum BIP (für alle Länder einheitliche Bedingungen zur Berechnung) bei der EZB und deren Tilgung durch eine Sondersteuer auf jeglichen Gewinn
    – der Aufbau von Schulden bei Personen an obigen Vorschlag teilnehmenden Ländern gegenüber nicht daran teilnehmenden Ländern, sowie der Geldfluss aus teilnehmenden Ländern in nicht daran teilnehmende Länder, und der Transfer von Vermögen aus und in diese Länder wird mit einer Sondersteuer belegt.
    – Unternehmen, welche vom Staat im Falle eines Konkurses gerettet werden müssen, verbleiben in der Hand des Staates. Durch die eigene Gewinnerwirtschaftung kann der Staat eigene Ausgaben tätigen und benötigt weniger Steuergelder.

    Es ist wichtig, dass die Arbeitnehmer und der Staat wieder “Luft zum Atmen” erhalten. Durch die steuerliche Gleichstellung von Mensch und Maschine innerhalb der Unternehmen wird die Nachfrage nach Arbeitnehmern gestärkt, so dass diese höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, etc. fordern können. Die vom Staat zusätzlich über Verschuldung in den Wirtschaftskreislauf eingebrachten Sozialleistungen werden dadurch sinken.
    usw.

    Mit freundlichen Grüßen

    Brigitte Nierlein

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