Barry Eichengreens Buch zu den großen Crashs 1929 und 2008

„Ausgerechnet die Tatsache, dass die Politik den Schaden durch die schwerste Finanzkrise seit 80 Jahren begrenzen konnte, bedeutet, dass wir die nächste Krise wahrscheinlich in weniger als 80 Jahren erleben werden.“

„Leider gehört die Buchstabensuppe aus CDOs, SPVs und CDS nicht zum üblichen Speiseplan für frühere Ökonomie-Professoren in Princeton. Ebenso wenig waren die komplexen Finanzstrukturen in den Wirtschaftsmodellen der Federal Reserve berücksichtigt. Die Fed-Mitarbeiter hatten eher Universitätsabschlüsse als Erfahrungen in den Handelssälen von Investmentbanken. Nur eine Handvoll von ihnen hatte von Collateralized Debt Obligations überhaupt je gehört. Insofern ist nicht überraschend, dass sie nicht lauter Alarm geschlagen haben.“

Finanzexperten und Historiker haben ein wesentliches Merkmal gemeinsam: im Rückblick wissen sie alles besser. Barry Eichengreen ist mit seiner historischen Darstellung der beiden großen Crashs 1929 und 2008 da keine Ausnahme. So vielgestaltig, kenntnisreich und gelungen dabei seine Vergleiche und Beschreibungen finanzhistorischer Tatsachen sind, so einseitig ist er jedoch in seiner Bewertung der Maßnahmen zur Krisenbewältigung.

Zu den Stärken des Buches zählen die Darstellungen der Entwicklung des Immobilienbooms vor den beiden Krisen, der neu entwickelten und aggressiven Vertriebsmethoden, die katastrophale Auswirkungen von plötzlichem Kapitalabzug ausländischer Investoren oder von unrealistischen Wechselkursen. Bestechend sind auch eine beachtliche Kenntnis länderspezifischer Besonderheiten (USA, europäische und lateinamerikanische Länder, Japan).

Ferner beeindruckt die Kunst der Analogiebildungen zwischen den beiden Krisen. Schließlich wird die Darstellung immer wieder durch belebende Portraits von Finanzfirmen sowie Politikern, Bankern oder Finanzbetrügern (manchmal in Personalunion) bereichert. Schon allein deswegen ist das Buch lesenswert und wird wohl zu einem Klassiker der Finanzgeschichtsschreibung werden. Preise hat es schon erhalten.

Etwas mehr Ausgewogenheit und Abwägung hätte ich mir bei der fiskal- und geldpolitischen Interpretation gewünscht. Hier herrscht schlicht Hardcore-Keynesianismus. Selbstverständlich sind für Eichengreen Goldstandard, Haushaltsdisziplin (Austerität), Inflationsängste, die Real Bills Doctrine oder Moral hazard einfach nur irreführende historische Relikte und Hemmnisse, die einer effektiven Finanzmarktstabilisierungspolitik im Wege stehen.

Im Gegenzug können für Eichengreen staatliche Eingriffe, Rettungsmaßnahmen mit öffentlichen Geldern und Gesetzesinitiativen gar nicht früh genug anfangen, lange genug andauern und weit genug gehen, um ihre volle Wirksamkeit zu entfalten. Man fragt sich, wo für ihn hier denn das Ende der Fahnenstange erreicht wäre.

Mit der Ökonomenzunft geht er hart ins Gericht, so z.B. wegen ihrer Ignoranz gegenüber zweifelhaften Praktiken im Finanz- und Bankensystem, ihrem Irrglauben, dass die Politik den Konjunkturzyklus gezähmt habe und die Zentralbank die Volatilität der Finanzmärkte durch Fortschritte im Zentralbankwesen einhegen könnte. Immerhin gesteht er zu, die Liquiditätsflut allein reicht auch nicht und muss durch makroprudenzielle Politik flankiert werden. Ferner muss sie über die Banken hinaus auch auf andere Finanzinstitutionen des Schattenbankensystems ausgreifen.

Überzeugend ist der Nachweis, dass es sich in den USA (im Unterschied zu Europa) nur sehr mittelbar um eine Bankenkrise handelte. Vielmehr ging es um einen Crash eines Schattenbankensystems aus Geldmarktfonds, Hedgefonds, Zweckgesellschaften und Filialen für spezialisierte Finanzprodukte (wie Kreditausfallversicherungen), Primary Brokern und einer bankenunabhängigen Baufinanzierungsindustrie, die kaum von Risikovorgaben, Verbraucherschutzbehörden oder Aufsichtsgremien überwacht wurden.

Neu war für mich die zentrale Rolle der Geldmarktfonds, die in anderen Darstellungen zur Finanzkrise kaum Beachtung finden. Da nutzt dann keine Einlagensicherung für Privatkunden etwas, um einen Bankenrun zu verhindern, wenn institutionelle Großkunden ihre Gelder abziehen.

Ein gewisser Clou von Eichengreens Darstellung besteht darin, dass er aufzeigt, dass die Rettungspolitik zur jüngsten Finanzkrise Opfer ihres eigenen Erfolges wurde, und zwar auch deshalb, weil man aus der Krise der 30er Jahre gelernt hatte. Damals seien die Banken nur zu gerne bereit gewesen, ihr Wertpapiergeschäft aufzugeben, weil der Markt für Neuemissionen ohnehin weggebrochen war. Der Einbruch war so umfassend, dass die Banken keinerlei Hoffnung für eine Wiederbelebung sahen. So bewirkte die Heftigkeit der Krise die Bereitschaft für weitreichende Reformen. Genau hier besteht der Unterschied zur Krise von 2008. Weil es der Politik gelang, das Schlimmste zu verhindern, nahm sie weiterreichenden Reformen den Wind aus den Segeln.

Nach 2008 mag kein ‚business as usual‘ mehr möglich gewesen sein, ein fast normale Geschäftstätigkeit aber sehr wohl. Just der Erfolg, den die Politiker des 21. Jahrhunderts dabei hatten, nach der Krise eine weitere große Depression zu verhindern, bedeutete, dass die Unterstützung für radikale Reformen begrenzt blieb.“

So stellen der Dodd-Frank-Act oder die Volcker-Regel nur einen schwachen Abglanz des Glass-Steagall-Gesetzes dar, der Jahrzehnte das Finanzsystem geprägt und stabilisiert hatte, bis seine Regelungen im Zuge der Deregulierung seit Ende der 1980ern immer stärker ausgehöhlt wurden. Eichengreen bedauert, dass die Zerschlagung der Banken (die heute sogar noch größer sind als vor der Krise) und die Trennung von Kundeneinlagen vom Eigenhandel usw. ausgeblieben sind.

Die allgemeinen Lehren für die Politik aus den Crashs lauten: sie sollte auf beginnende Finanzkrisen rasch und schnell reagieren. Sie sollte den Finanzmärkten Liquidität zur Verfügung stellen, um zu verhindern, dass sich die Probleme weiter ausbreiten. Sie sollte zwischen insolventen und lediglich illiquiden Banken unterscheiden – letztere sollten Notfallliquidität bekommen, erstere aber geschlossen oder rekapitalisiert werden, um das Vertrauen wiederherzustellen und das Finanzsystem wieder zum Laufen zu bringen.

Hier drängt sich mir die Frage auf, ob eine Abgrenzung zwischen Überschuldung und vorübergehenden Liquiditätsengpässen bei Finanzinstituten so einfach vorzunehmen ist. Das Herumgeeiere zwischen EU und IWF zur Schuldentragfähigkeit Griechenlands legen hier beredtes Zeugnis ab. Außerdem halten Finanzinstitute zumeist eh viel zu wenig Eigenkapital vor, so dass die Grenze zwischen Illiquidität und Insolvenz einer Gratwanderung gleicht. Zum anderen hat die Politik große Angst vor der Abwicklung maroder Finanzinstitute und ihren Folgen und beruft sich hier (manchmal auch vorschnell) auf den Grundsatz bzw. die Ausrede der Systemrelevanz (to big to fail).

Man könnte sogar (so meine These) den Eindruck gewinnen, ein beachtlicher Teil der Rettungspolitik basiert auf dem Bluff, dass man einfach so tut, als ob bankrotte Staaten (wie Griechenland) und sog. Zombie-Banken nur vorübergehende Liquiditätsprobleme hätten und macht Notmaßnahmen (wie die Anleihekaufprogramme der Zentralbanken und ihre Nullzinspolitik) zu dauerhaften Einrichtungen. Das lange Ende dieser Politik ist noch nicht abzusehen, denn irgendwann müssen die Abschreibungen realisiert oder aber zu Lasten des Steuerzahlers sozialisiert werden.

Was die Vermeidung künftiger Crashs anbetrifft, ist Eichengreen skeptisch. Für ihn ist es ein Irrglaube, man wüsste Krisen zu meistern, indem die Zentralbanken einfach die Zinsen senken, die Finanzmärkte mit Liquidität fluten und die Regierungen Konjunkturpakete schnüren (wofür er aber eifrig eintritt). Denn die „regulatorischen Bluthunde sind nicht in der Lage, beim Tempo der wohlgenährten Windhunde aus dem Privatsektor mitzuhalten.“ Auch ich vermute, beim nächsten großen Crash wird der Auslöser genau in dem Bereich lauern, der nicht erwartet wird (vielleicht von den Clearingstellen des Derivatehandels).

Etwas enervierend bei Eichengreens Darstellung ist dieser arrogant-verächtliche Ton gegenüber deutscher Wirtschafts-, Finanz- und Europapolitik, zumal er die historische Forschung dazu nur marginal zur Kenntnis nimmt. Man ist das aber von diesen keynesianischen Wirtschaftsprofessoren aus den USA gewöhnt (Krugman, Stiglitz usw.). Eine gwisse Halstarrigkeit ihrer überholten Denkweisen gepaart mit Unkenntnis außeramerikanischer Verhältnisse tut ihrem Selbstbewusstsein keinen Abbruch.

Vielleicht wäre die Finanzwelt auch besser und stabiler, wenn sie auf die neuesten amerikanischen Trends bei kurzsichtigen bis kriminellen Profitmaximierungsmethoden verzichten würde.

Guido Kirner

 

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Guido Kirner

Dr. Guido Kirner, geb. in Mannheim. Promovierter Historiker und Sozialwissenschaftler, BWL Zusatzstudium, Finanz- und Versicherungsmakler, Finanzblogger und politischer Denker aus Polling bei Weilheim in Oberbayern, Deutschland

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