Die Deutschen, das Geld und das Risiko

baygeldNun liegt erneut eine Studie vor, welche das Verhältnis der Deutschen zum Geld untersucht (vgl. YouGov, Die Welt, Handelsblatt, usw.). Dabei findet sich wenig Neues: dass die Deutschen den Banken nicht trauen, dass sie das Risiko scheuen wie der Teufel das Weihwasser, dass sie Angst haben vor Altersarmut, dass sie lieber eine Weile auf Sex verzichten würden, wenn sie dafür eine Million auf dem Konto hätten usw. Dass eine Mehrheit die Grundsicherung befürwortet, ist hingegen ein interessantes Ergebnis. Und dass sie sich deshalb nicht gleich die faule Haut legen würden, überrascht niemanden, der die deutsche Mentalität kennt.

All diese Umfragen und Studien sind aber nur so gut, wie sie ihre Umfrageergebnisse auch interpretieren bzw. in Beziehung setzen können. Und da hapert es nur all zu oft. Zu wenig erklärt werden all die Widersprüche, Ungereimtheiten und obskuren Verhaltensweisen, die einer rationalen ökonomischen Logik zuwiderlaufen und gerade deshalb so interessant sind.

So gibt es unzählige Umfragen mit dem Ergebnis, dass die Deutschen den Banken und Bankberatern misstrauen. Auch werden in regelmäßigen Abständen die Kundenberater der Banken von Verbraucherschutzorganisationen in ihrer Beratungsleistung überprüft, zumeist mit erschreckendem Ergebnis. Das Misstrauen wird also bestätigt. Es ist aber nicht ersichtlich, dass dies je zu irgendeiner Verhaltensänderung geführt hätte. Die Deutschen rennen weiterhin (wenngleich immer seltener) in die Bankfilialen, um sich Rat zu holen.

Sehen wir einmal ab von den Direktbanken oder Fintecs. Trotz all der technischen Möglichkeiten suchen die meisten bei der Finanzberatung wohl immer noch gerne den persönlichen zwischenmenschlichen Kontakt. Eine Erklärung, die ich irgendwo mal gelesen habe, hat mich aber besonders fasziniert: Wir misstrauen zwar der Bank und dem Banker als Institution bzw. Berufstand, den uns persönlich bekannten Bankberater um die Ecke finden wir aber sympathisch und kompetent. Das ist doch rührend und womöglich gar nicht von der Hand zu weisen, denn – geben wir es zu – die “Spezlwirtschaft” ist keine Randerscheinung einer freien Marktwirtschaft, sondern unser aller Ziel. Zu echten Marktteilnehmern auf der Suche nach besseren Alternativen werden wir erst, wenn wir schlechte Erfahrungen gemacht haben.

indexAber auch bei der Suche nach Alternativen fehlt es den Deutschen m.E. an wichtigen Informationen. So ist es für mich immer wieder erstaunlich, dass bei meinen perönlichen Umfragen die meisten den Versicherungsvertreter vom Versicherungsmakler nicht unterscheiden können. Freilich, oberflächlich betrachtet tun beide das gleiche und verkaufen Versicherungen und Finanzprodukte. Es könnte sich aber nicht ganz unwesentlich auf die Bratungsqualität auswirken, dass der eine dabei ganz andere gesetzliche Verpflichtungen hat als der andere (vgl. Welt, Kirner-Finanzblog). Auch in anderen Branchen gibt es Interessenskonflikte zwischen Beratungsziel (z.B. Gesundheit) und Bezahlung (Pharmakonzerne, Ärztelobby, Krankenkassen). Dessen ungeachtet möchten sich wahrscheinlich die wenigsten vom Pharmareferenten statt vom Arzt behandeln lassen, in der Finanzbranche ist das die Regel.

Auch beschäftigt mich folgende Frage: Wenn die Deutschen doch angeblich so risikofeindlich sind, weshalb vernichten sie dann doch immer wieder Milliarden in sinnlosen Anlagevehikeln, sei es in obskuren Medienfonds, atypischen Beteiligungen oder durch die Empfehlungen großspurig auftretender Finanzgurus?  Freilich, die Madoffs dieser Welt und ihre Ponzi- und Schneeballsysteme werden wohl nie aussterben. Die wahre Zauberformel der Deutschen für riskante bis sinnlose Investments heißt m.E. allerdings Steuervermeidung. Zwar ist der Deutsche zumeist risikoscheu, wenn er aber Steuern vermeiden kann, ist er bereit, fast jedes Risiko auszublenden. Womöglich sagt dies mehr über unsere Haltung zum deutschen Steuersystem aus als all die heuchlerischen Empörungen über “Steuersünder” (schon der Begriff bezeugt ein falsches theologisches Staatsverständnis).

Und dann ist da noch interessant, dass ausgerechnet eine Bevölkerungsgruppe geneigt ist, in ihrem Anlageverhalten deutlich mehr Risiken einzugehen als andere, von der man das überhaupt nicht erwartet hätte. Obgleich eh nur etwa 14 Prozent der Deutschen Aktien in irgendeiner Form besitzen, hat es der deutsche Beamte im Ruhestand, die Pensionäre, damit (und mit Immobilienbesitz) zur reichsten Bevölkerungsgruppe  gebracht und die Unternehmer bei den Vermögenswerten hinter sich gelassen (vgl. FAZ, Spiegel, Welt, RP usw.).

Was besagt das über eine Gesellschaft, wenn Staatsdiener im Ruhestand vermögender sind als jene, die ihre Pensionen erwirtschaften?  Wen wunderst es aber dann, dass inzwischen ein Drittel der Studenten künftig am liebsten für den Staat arbeiten würde? (vgl. Spiegel, FAZ) Während also die alternden Direktionsetagen der Konzerne gerade darüber nachdenken, wie sie ihren verwöhnten Angestellten eine Start-Up-Mentalität einhauchen könnten, (z.B. bei Bosch >>), scheint der Unternehmergeist bei den Jungen auszutrocknen.

Womöglich dient die Generation der euphorischen Freelancer, Scheinselbständigen, kreativen Start-Up-Gründer nicht mehr als Vorbild, weil sich der Garagenunternehmermythos zunehmend auch als Selbstausbeutung enttarnt hat, bei der man am Ende ohne Altersversorgung dasteht. Vielleicht wird hierzulande der Weg in die Selbständigkeit, in das Unternehmertum auch zu wenig gesellschaftlich gewürdigt, zumal der Weg dahin zu oft mit unzähligen bürokratischen Hürden gesäumt ist. Weshalb also das Risiko eines Unternehmers eingehen, wenn ich sehe, dass der rüstige Opa in Pension mal wieder darüber nachdenkt, wohin die zweite Kreuzfahrt dieses Jahr gehen soll.

Die Deutschen, das Geld und das Risiko, das ist m.E. eine viel kompliziertere Geschichte als alle Umfragen und ihre Deutungen vermuten lassen. Schon der Begriff des Risikos ist ja keine einheitliche objektive Größe, sondern stellt für jeden je nach Situation und Kontext etwas völlig anderes da. Und dann ist da noch die Krux, dass man zumeist erst hinterher weiß, wie riskant eine Sache war.

Wer weiß heute schon mit Sicherheit, ob es riskanter ist, in eine italienische Staatsanleihe zu investieren oder in eine Fiat-Aktie? Ist es tatsächlich sinnvoll ob der niedrigen Zinsen ohne Eigenkapital in eine mittelmäßige Immobilie in München über eine Million Euro als Kapitalanlage zu investieren oder sollte man nicht doch besser Gold kaufen und Oldtimer sammeln?  Nachher ist man schlauer. Die Qual der Wahl ist bereits ein Luxus, den sich viele gar nicht leisten können.

Eines ist aber jetzt schon gewiss. So manches Wissen aus Finanzlehrbüchern von vor 10 Jahren ist heute bereits Makulatur. Auch die scheinbar versiertesten Risikomodelle der Banken haben versagt. Zudem leben wir heute in einer Art zinspolitischem Absurdistan, wenn einige Staaten und Unternehmen schon Geld dafür bekommen, wenn sie sich verschulden (Handelsblatt, Trend).

Insbesondere der Zins sollte eigentlich der Gradmesser für das Risiko im Finanzsystem sein, jemanden Geld zu leihen. Weil dieser Indikator durch zentral gelenkte Ausschaltung des Marktes, insbesondere durch die künstlich von den Notenbanken in den Negativbereich gedrückten Zinskurven kaum mehr Aussagekraft über tatsächliche Ausfallrisiken besitzt, steuert das Finanzsystem in einer Art Blindflug, bei der die Notenbanker und Finanzpolitiker so tun, als ob sie alles im Griff hätten. Man muss kein Genie sein, um zu ahnen, dass dies fatale Folgen haben wird.

Vielleicht wissen wir aber auch nur einfach in finanziellen Dingen zu wenig. Womöglich hat man uns in den letzten Jahrzehnten auch vorgemacht, dass es sich in der Ökonomie um eine Art Naturwissenschaft handelt, für die es Experten mit einem gesicherten Wahrheitswissen gibt.  Letztlich aber ahnen wir, dass hier alle Unwägbarkeiten der Geschichte, der Politik und des menschlichen Verhaltens eine Rolle spielen, die sich nicht voraussagen lassen. Und womöglich kann man uns Deutschen genau deshalb in Bezug auf Sicherheit so viel vormachen, weil wir sie so lieben.

Guido Kirner

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