Der Nord-Süd-Diskurs über die europäische Schuldenkrise, Kulturklischees und Finanzverachtung

„Es lebe der Streit“ heißt der Titel von einem ganzseitigen Manifest „für ein Europa, das endlich einen Begriff von sich selbst und eine Idee von seiner Freiheit findet“ (F.A.S. 16. August 2015, S. 43). Man möchte dem nur zu gerne zustimmen, erwartet Großes und wird doch nur enttäuscht. Dies gibt mir Anlass den Titel ernst zu nehmen, d.h. mich streiten zu wollen angesichts der vulgärhegelianischen Platituden mit kulturellen Klischees, welche die Autoren verbreiten.

Byung-Chul Han und Christian Schüle führen hierfür alles an Gegensätzen an, was so in den letzten Jahren an kulturellen Klischees durch den Blätterwald insbesondere französischer Kulturseiten rauschte seit Giorgio Agamben seinen unseligen Artikel in der Libération veröffentlicht hat. Er forderte hierin  nicht weniger als ein lateinisches Imperium, um die germanische Hegemonie einzudämmen. Schlimmer ist, diese Intellektuellen stehen damit in einer Tradition revanchistischer, rassistischer und kulturchauvinistischer Debatten aus dem 19. Jahrhunder, die man überwunden glaubte.

Zudem wird mal wieder der deutsche Großphilosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel bemüht. Man kann mit Hegel alles darstellen; man muss und braucht mit Hegel überhaupt nichts darstellen, schon gar nicht um eine europäische Krise zu überwinden. Es wurde sowohl von Rechts- wie Linkshegelianern schon so viel Unsinn gerechtfertigt, dass er wohl kaum als Ideal eines Freiheitsdenkers herhalten kann, zumal die extremen Auswüchse seiner Interpretation eher in die Knechtschaft führten.

Aber es geht hier gar nicht um Hegel und seinen Freiheitsbegriff; lassen wir ihn in Frieden ruhen. Es geht hier um die Gegensätze, die von Intellektuellen mittels hegelianisch anmutender Dialektik in Stellung gebracht werden, dabei aber nichts anderes tun, als in die unterste Schublade kultureller Vorurteile zu greifen, als seien sie gezwungen auch noch die letzten Ressentiments besoffener Stammtischschimpftiraden zu rechtfertigen.

Das geindexht dann so: Man konstruiert einen Süden und ein Norden Europas, denen jeweils Menschen mit unterstellten divergierenden kulturellen, mentalen oder gar ethischen Dispositionen (kulturgeschichtliche Grammatiken) zugeordnet werden. Letztlich handelt es sich m.E. um eine Art kultureller Rassismus mit getarnt neomarxistischer Absicht. Bevor ich darauf zurückkomme, zählen wir am besten zunächst einfach mal auf, was da an Gegensätzen so angeführt wird:

Der Staat als Rechtsprodukt mit Regeln und Verträgen vs. Staat als Projekt eines wie auch immer bestimmten Volkswillens. Was ist hier der Gegensatz? Sind Grundregeln, Gesetze und Verträge menschlichen Zusammenlebens kein Ausdruck eines Volkswillens? Oder gelten diesbezüglich nur Plebiszite wie zuletzt in Griechenland, d.h. überhastet, nutzlos und letztlich rein demagogisch?

36194ba20d85b4fae8468a233ff31c5d-780x485Sodann wird die calvinistisch geprägte Erwerbs- und Arbeitsethik mit den Prinzipien Leistung und Effizienz im Norden dem dionysischen Prinzip eines epikureischen Individualwohls im Süden gegenübergestellt. Diese wohl von Max Webers bekanntestem und zugleich schlechtestem Buch inspirierte Aussage widerspricht schlicht der historischen wie aktuellen Existenz eines kapitalistischen Geistes, der sich nicht auf protestantische Sekten zurückführen läßt und fand schon zu Webers Zeiten entsprechende Kritik.

Wie zu erwarten werden Deutschland und Griechenland als zwei Prototypen der tiefliegenden Bewusstseinszustände herausgestellt. Gehe es Deutschland in Gestalt seiner gewählten Regierung vor allem um die Ordnung des Rechts gehe es Griechenland in Gestalt seiner gewählten Regierung um Würde. Deutschland gehe es um rechtliche Verträge, Griechenland um soziale Verträge. So könne man sagen, Griechenland (und Teile Spaniens und Italiens) seien Vertreter des Süd-Denkens und Deutschland Vertreter des Nord-Denkens.

Der Gegensatz von Ordnung des Rechts und Würde oder von sozialen und rechtlichen Verträgen beweist das geringe intellektuelle Niveau. Es kann nämlich schwierig werden, außerhalb des Rechtsstaates seine Würde zu bewahren, wenn man es mit der Justiz zu tun bekommt. Richtig ist, es fällt schwer seine Würde zu bewahren, wenn man die parlamentarische Repräsentation in Griechenland aushalten muss, wo die Mutter der Parlamentspräsidentin bis vor Kurzem noch Kindergeld bezogen hat und kein geringer Teil der Abgeordneten aus Nazis und Steinzeitkommunisten besteht.

Allgemein ist es schwer bei Überschuldung Stolz und Würde zu bewahren. Diesbezüglich hat Griechenland tatsächlich viel erreicht. Man könnte die Würde wohl wiedererlangen, wenn man diese Volksvertreter einfach mal los werden könnte und verantwortungsbewußgte Alternativen hätte. Der Gegensatz von sozialen und rechtlichen Verträgen bleibt mir schlicht unverständlich, denn jeder Vertrag immer beide Dimensionen – also was soll damit eigentlich ausgesagt werden?

Freilich gibt es in Europa kulturelle und historische Unterschiede. Sie sind geradezu ein Merkmal dieses kleinen und zersplitterten alten Kontinents, das erst seit einem guten halben Jahrhundert seine Einheit in der friedlichen Vielfalt sucht und dabei immer noch strauchelt. Aber was hier an Gegensätzen konstuiert wird, ist derart primitiv, dass mir kein anderer Begriff als „kultureller Rassismus“ dazu einfällt, zumal das allmählich gefährliche Ausmaße erreicht.

Primitiv ist diese Denkweise, weil sie sich nicht einmal die Mühe macht, kulturelle Ausnahmen, historisch gegenläufige Entwicklungen oder widersprechende Mentalitäten auch nur anzudenken. Kulturell rassistisch nenne ich diese stereotype Denkweise, weil Menschen unabänderliche Kulturmerkmale zugeschrieben werden, gegen die sie sich kaum wehren können, selbst wenn sie sich damit nicht im Mindesten identifizieren. Man wird in eine Ecke gestellt (ist dann Südländer oder Nordländer) und darf sich des Schicksals erfreuen?

Jedenfalls kenn ich nicht wenige Italiener, die sich lieber einer deutschen Bürokratie oder Justiz unterwerfen würden. Sie schämen sich auch ihrer zahlreichen vorbestraften korrupten Politiker. Dessen ungeachtet dürfen sie stolz sein auf ihre zahllosen mittelständischen Betriebe, die pofitabel handwerkliches Können, Geschmack und Stil nicht wegen, sondern trotz ihrer Regierungen in die Welt verkaufen. Sie verzweifeln aber auch regelmäßig an einer überbordenden Bürokratie, die jede Genehmigung und jedes Verfahren willkürlich in die Länge ziehen darf. Ist das ein südliches Kulturmerkmal oder Ausdruck eines bestimmten Lebenstils? Wohl kaum.

Wenn man mehr mit den Leuten auf der Straße redet als in Feuilletons blättert, dann bekommt man den Eindruck: deutsche Ordnung, Effizienz und Organisation wird im südlichen Ausland vielfach bewundert und dient als Vorbild. Das sie als Gegenbild zur einheimischen Situation gesehen werden kann, liegt weniger an einer südlichen Mentalität oder Denkweise als an einem parasitären Etatismus politischer Eliten, die man nicht mehr loswird, wenn sie sich im System erst einmal eingenistet haben. Das kann im Norden durchaus auch vorkommen.

Und das ist das eigentlich Ärgerliche, was mich wütend macht: diese kulturrassistische Denkweise beschönigt und zementiert die Missstände als Ausdruck eines bestimmten Menschentyps, obgleich sich die Menschen nur zu oft dagegen auflehnen. Korruption und organisiertes Verbrechen werden dann geradezu überhöht, zementiert und gerechtfertigt. Vielleicht sollte man hier den Freiheitskampf nicht gegen irgendeinen nordischen Kapitalismus führen, der den Süden angeblich unterwirft. Die Wahrheit ist doch: es sind nur zu oft die mafösen Kräfte, die Wettbewerb, Produktivität und Effizienz in südlichen Regionen unterminieren, so dass sich ein ordoliberaler Kapitalismus gar nicht entfalten kann und konnte. Wahrscheinlich hätten viele Menschen auf Sizilien nur zu gerne einmal die Möglichkeit dazu, sich dem Kapitalismus statt dem nächsten Don zu unterwerfen.

Schließlich verhöhnt dieses getarnte Gerede vom arbeitsscheuen und dafür eher schöngeistig epikureisch gesinnten Südländer den durchaus hart arbeitenden Auswanderer. Hier erfolgt die Abstimmung weniger auf der Agora oder Piazza mit süßlicher Rhetorik als vielmehr mit den Füßen. Und was soll erst der arbeitslose Jugendliche in Spanien, Portugal oder Frankreich von solchem Gerede halten, der nur zu gerne eine Chance hätte, seinen Arbeitseifer unter Beweis zu stellen? Kurz: diese ganze Denkweise ist menschenverachtend und wird weder den Mühen und Wünschen der Menschen im Süden noch im Norden gerecht. Es ist intellektualistisches Kulturgeschwätz.

Womöglich geht es aber um mehr und es steckt eine ganz andere Absicht dahinter? Das stellt man dann (wie so oft) fest, wenn es ums Geld geht. Was den deutsch-griechischen Gegensatz anbetrifft, so zeugt es schlicht von einer verächtlichen Aroganz, wenn die Autoren von haushälterischen Kleingeistern sprechen, nur weil Rechenschaft für mehrere hunderte Milliarden Euro an Darlehen erwartet wird oder weil manche Experten berechtigte Zweifel haben, ob Griechenland in einer Währungsunion aus eigener Kraft bestehen kann. Denn schließlich muss auch dieses Geld der Gläubiger erst einmal von arbeitenden Menschen erwirtschaftet werden, sogar dann, wenn sie durch einen Schuldenschnitt wieder enteignet werden.

Es geht hier aber nicht um das antikapitalistische Gerede irgendwelcher Professoren oder Intellektueller. Es geht hier um das, was ich oben als linkshegelianische bzw. neomarxistische Absicht angedeutet habe und m.E. auf ein größeres europäisches Projekt hinauswill. Ich meine damit den Kampf gegen monetäre Disziplin auf Kosten Dritter (Steuerbürger), der modisch simplifiziert als Neoliberalismus verunglimpft wird. Das Ziel ist schlicht die Sozialisierung der Schulden und Gewinne. Ein politischer Diskurs hierüber hat in Europa unter den Bürgern gerade erst begonnen, da sollen bestimmte Haltungen bereits diskreditiert werden.

Mit dem Kulturgegensatz zwischen Nord und Süd wird schlicht der Gegensatz zwischen reichen und armen Ländern verschleiert, um dann die Forderung nach Einebnung der Produktivitätsgefälle mittels einer Transferunion zu rechtfertigen. Die Negation des Europas der Bruttoinhaltsprodukte oder die Forderung nach einem Europa, das zu seinem eigenen Begriff, zu seiner eigenen Idee der Freiheit zurückfindet gegen die Hegemonie des Kapitals ist dabei nur die Verhöhnung jenes Freiheitsbegriffs, welcher produktives Kapital und dadurch geschaffenen Wohlstand als notwendige Bedingung der Freiheit voraussetzt.

Liberalen oder sozialistischen Hegelianern waren die materiellen Voraussetzungen für Kultur und Freiheit einst noch bewusst. Selbst dieser wesentliche Zusammenhang scheint verloren zu gehen. Dieses Geschwätz vom kulturellen Norden und Süden hilft jedenfalls niemanden, schon gar nicht einem Europa, das den Kampf und das Werden der Freiheit mit seinen Licht- und Schattenseiten seit je verkörpert hat.

Guido Kirner

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