Mehr! – Eine Philosophie des Geldes von Christoph Türcke

9783406674570_largeDieses Buch will eine Philosophie des Geldes sein. Gelungen ist Christoph Türcke die gut lesbare Erzählung von allerlei Geldgeschichten von der Steinzeit bis heute. Das wäre für sich genommen schon eine bewundernswerte Leistung, da es nicht einfach ist, ein an sich trockenes und komplexes Thema wie Geld verständlich und unterhaltsam darzustellen.

Doch leider will das Buch mit dem Titel „Mehr!“ auch mehr und letztlich zu viel. Denn es wird kaum grundsätzlicher über das Wesen des Geldes nachgedacht als dies bereits geschehen ist, schon gar nicht seit Georg SimmelsPhilosophie des Geldes“ aus dem Jahr 1900.

So erfährt man eine Menge über Geld, Schuldverhältnisse und die Geschichte von Wertpapieren. Es hat hier eindeutig Höhepunkte in der historischen Darstellung von der Antike bis zur frühen Neuzeit. Jeder wird hier fündig und kann dazulernen. Für die prähistorische Zeit bleibt das Werk naturgemäß im Bereich der Imagination. Für modernere Zeiten lässt die Qualität der Darstellung merklich nach und fällt gegen Ende stark ab bzw. ergießt sich in Platituden der Neoliberalismuskritik.

Störend wirkt dabei die Belastung durch allerlei intellektualistischen Sondermüll von Freuds Triebstrukturen bis zur marxistischen Arbeitswerttheorie. Man könnte fragen: was soll das heute noch? Wäre da wenigstens eine freche Auslegung ungedeckten Fiatgeldes als Baudrillardsches Simulakrum oder ähnliches – aber nein: es bleibt beim biederen ideengeschichtlichen Referat und wiederkehrenden Analogien zwischen theologischen und materiellen Schuldverhältnissen.

Die Grundthese des Buches trägt letztlich nicht: Geld sei ursprünglich aus dem Menschenopfer entstanden, von dem ihm auch immer noch etwas anhafte, obwohl es den langen und kurvenreichen Weg über immer einfachere und profanierte Medien (Tieropfer, Metalle, Münzen, goldgedeckte oder ungedeckte Papierwährung bis hin zu elektronischen Zahlungsmitteln) genommen hat.

Leider gelingt dem Autor keine Genealogie im Sinne Nietzsches bzw. Foucaults. Auch verwechselt er Ursprung und Wesen bzw. versucht dem einen mittels des anderen auf die Spur zu kommen. Das ist ein Denkfehler (den übrigens schon Marc Bloch vor einem Jahrhundert an deutschen Historikern kritisiert hat). So hat z.B. der Ursprung der Jagd bestimmt etwas mit Ernährung zu tun; doch ist das heute wohl kaum dasjenige, was das Wesen der Jagd noch ausmacht. So ist es vielleicht auch mit dem Geld.

Dabei ist es sicherlich richtig, den ökonomischen Funktionalismus überwinden zu wollen. Dieser begnügt sich zum einen mit der Beschreibung dessen, was Geld für uns leistet: Zahlungsmittel, Recheneinheit, Wertaufbewahrung, Tauschmittel usw.; zum anderen ist die seit Aristoteles replizierte Darstellung des Geldes als Rationalisierung des Tauschaktes sicherlich ergänzungsbedürftig.

Das kann man kritisieren, jedoch genügt es auch nicht den Tausch einfach durch das Opfer zu ersetzen, zumal sich das Opfer ja auch sehr gut als Tausch darstellen lässt: Sippen- oder Seelenheil werden im Gegenzug einer Opfergabe.

Mit etwas mehr Bescheidenheit hätte es ein gutes Lesebuch zur Geschichte des Geldes sein können. Mit mehr methodischer Reflexion hätte es eine “Theorie des Geldes” werden können. Genesis und Geltung des Geldes hätten dann konsequenter mit dem menschlichen Gefühlshaushalt (Schuld, Vertrauen, Macht, Anerkennung) in Beziehung gesetzt und in verschiedenen historischen und kulturellen Kontexten analysiert werden müssen. So ist das Buch irgend etwas dazwischen. Ein Großteil des Buches bietet lehrreiches Lesevergnügen, wenn man die enervierenden Seiten zu überblättern weiß.

Guido Kirner

Türcke, Christoph: Mehr! Philosophie des Geldes. C.H. Beck, München 2015. 480 S., geb. ISBN 978-3-406-67457-0, 29,95 €.

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