Geldanlage: Gibt es noch einen Mehrwert der Anlageberatung?

Anlageberatung und Vermögensverwaltung werden zunehmend sinnlos, sollte sich herausstellen, dass die hierbei zugrundegelegten Methoden mehr Schein als Sein darstellen und man zudem mit wenigen einfachen Mitteln, dafür aber sehr viel kostengünstiger, gleich gute (oder schlechte) Ergebnisse erzielen kann.

Bestimmte Analysetechniken und die sog. Portfoliotheorie sind nicht in der Lage, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Wenn Vermögensverwaltung mehr sein soll als Selbstentmündigung des Kunden, muss sie beweisen, dass sie einen Mehrwert nach Kosten im Vergleich zu preiswerteren Alternativen bieten kann. Dies dürfte immer schwieriger werden.

Worin besteht der Wert einer Anlageberatung? In der technischen Analyse der Märkte mit Anwendung der sog. Charttechnik? Im Auffinden von lukrativen Unternehmen, die unterbewertet sind bzw. hohes Wachstumspotential versprechen? In der Fundamentalanalyse mit einem Value– oder Growth-Ansatz? Besteht es in der großartigen Mischung dieser Unternehmen in einer Art Fonds? Oder geht es um die Anwendung irgendeiner Portfoliotheorie zur richtigen Aufteilung des Vermögens über diverse Anlageklassen?

Die technische Analyse

Die Charttechnik erklärt evtl. sehr gut vergangene Entwicklungen. Ob jemand damit aber die Zukunft voraussagen kann, ist reine Glückssache. Früher nannte man das Fortuna oder Schicksal. Die Analyse bestimmter Kursmuster hat im Mikrosekundenbereich des Derivate- und Devisenhandels vielleicht eine Berechtigung, mit Anlageberatung hat das aber nichts zu tun. Hier hat die Extrapolation der Zukunft aus der Vergangenheit die epistemologische Bedeutung von Kaffeesatzleserei oder Vogelschau, nur mit den Mitteln der modernen Computergrafik.

Die Fundamentalanalyse

Überzeugender ist da vielleicht die klassische Fundamentalanalyse. Sie sucht nach gewinnträchtigen Unternehmen, indem sie deren Bilanzen nach bestimmten Kennzahlen analysiert. Was aber nutz die beste Kenntnis eines Unternehmen, wenn die Märkte und ihre Kurse überwiegend politisch sind? Trotz enttäuschender Daten steigen heute die Aktienkurse, nachdem z.B. eine Ausweitung der Inflation eingepreist wird; oder sie fallen trotz guter Daten, weil eine Abkehr von der Inflationierung erwartet wird.

Die reine Unternehmensanalyse ist für die Kauf- bzw. Verkaufsentscheidung in dem Maße unbrauchbar geworden, wie die Volatilität der Kurse von politischen Maßnahmen erzeugt wird. Banken geraten in die Schuldknechtschaft der Notenbanken, Unternehmungen werden ob des billigen Geldes zu Investitionen verleitet, die in sich zusammenbrechen, wenn die Zinsen mal wieder steigen sollten. Ebenso zerbröseln die subventionierten Branchen, wenn sie gezwungen würden, auf eigenen Beinen zu stehen. Die gegenwärtigen Kennzahlen eines Unternehmens sagen nur sehr bedingt etwas über seine Gewinne in der Zukunft aus.

Die Portfoliotheorie

Kommen wir auf die Portfoliotheorie zu sprechen.[1] Sie wurde ja von Nobelpreisträgern entwickelt. Bezeichnend war die Vergabe dieser höchsten Auszeichnung für das Jahr 2013. Eugene Fama, Lars Peter Hansen und Robert Shiller erhielten ihn zusammen für ihre empirische Analyse der Kapitalmarktpreise, obgleich sich ihre Theorien in wesentlichen Bereichen widersprechen.[2] Was sagt uns das über den Erkenntniswert ihrer Forschung?

Der Gründervater der Portfoliotheorie – Harry Markovitz – erhielt ebenfalls einen Nobelpreis. Er hat sehr zur Mathematisierung dieses Fachgebietes beigetragen. Wahrscheinlichkeitsrechnung, Sensitivitätsanalysen, Standardabweichungen und Glockenkurven gehören seitdem zum Expertenrepertoire. Deren Aussagekraft beschränkt sich aber allenfalls auf ruhigen Zeiten und besagt nichts über die Extreme der krisengeschüttelten Kapitalmärkte. Wie andere Bereiche der Wirtschaftswissenschaften bezieht auch die Portfoliotheorie ihre Reputation eher aus der mathematischen Formulierung, denn aus ihrer empirischen Validität.[3]

Selbst jener Hedgefonds ist grandios gescheitert, der wohl mit der meisten Intelligenz seiner Zeit ausgestattet war: der Long-Term-Capital-Management (LTCM) hatte u.a. die Nobelpreisträger Robert Merton und Myron Samuel Scholes als Direktoren. Er hat schon 1998 die Finanzwelt beinahe in den Abgrund gerissen. Dies hätte eine Warnung für Kommendes sein können. Die Hybris kommt vor dem Fall. Im Vergleich zur Chemie ist die Finanzökonomie auf dem Stand der Alchemie. und wenig ist kurzlebiger als der Finanguru oder das Finanzgenie.

Spekulation ist keine Wissenschaft

Um nicht missverstanden zu werden: gewiefte Händler sind keine Scharlatane, Spekulation ist nichts Schlechtes und riskante Profite einzustreichen ist durchaus möglich. Erfolgreiche Spekulanten nutzen Preisunterschiede, gleichen Wissenslücken über Märkte aus und tragen so zum Wettbewerb und Ausgleich von Preisen und Wissen bei. Doch all das hat mehr mit Instinkt, einem guten Gespür für Preise und Glückspiel zu tun, als dass man Anleger mit wissenschaftlichen Methoden zur großen Geldvermehrung anleiten könnte.

Wenn es also keine Wissenschaft ist, die uns bei der Geldanlage helfen kann, was ist es dann, was den Wert einer guten Anlageberatung ausmacht? Sicherlich ist es die Streuung über die verschiedenen Anlageklassen (Anleihen, Aktien, Edelmetalle, Rohstoffe, Immobilien) je nach Lebenssituation und Zielen des Anlegers mit den richtigen Produkten. Nicht „alle Eier in einen Korb zu legen“ hat dann aber mehr mit gesundem Menschenverstand als mit einer teuer bezahlten pseudowissenschaftlichen Anlagestrategie zu tun. Und was die Produkte angeht, so ist sicherlich auf die Kostenstruktur und die Interessenskonflikte bei der Vermittlung zu achten.

Die Kosten der Dienstleistung

Bei den Kosten befindet sich die aktuelle Anlageberatung in einer Art Dilemma. Die Bürokratisierung des Verbraucherschutzes erschwert eine kostengünstige professionelle Beratung. Der Aufwand ist für die Dienstleisterseite enorm gestiegen. Die Investition in Ausbildung, der enorm angewachsene Zeit- und Verwaltungsaufwand für Dokumentation und Protokollierung, die haftungsrechtlichen Risiken und die Einhaltung sämtlicher aufsichtsrechtlicher Pflichten, all das erzeugt Kosten, die bei der Anlageberatung wieder hereingeholt werden müssen.[4]

Auf der anderen Seite hat die Finanzbranche selbst kostengünstige Strukturen und Produkte geschaffen, welche die Geldanlage und Vermögensverwaltung zum Kinderspiel werden lassen. Wenn dem so ist, was rechtfertigt dann noch eine teure Vermögensverwaltung, ein Family Office, ein Wealth Management?

Zumindest haben inzwischen ausreichend viele Studien gezeigt, das aktives Management selten in der Lage ist, den Markt zu schlagen; und wenn dem mal so ist, dann ist der Erfolg nicht nachhaltig. Wozu dann aber Ausgabeaufschlag, Management- und Performancefee und womöglich noch eine Verwaltungsgebühr für den Vermögensverwalter, wenn all dem letztlich keine entsprechende Leistung gegenübersteht?

Mischfonds z.B. verfolgen die geniale Idee, je nach Marktlage in Aktien oder Anleihen umzuschichten. Leider verpassen auch hier die Profis oft den richtigen Zeitpunkt. Die Bilanz ist eher lausig. Und weshalb schneidet der Index der Hedgefonds (HFRX) nicht besser ab als der MSCI-Word-Index, obgleich die Avantgarde der Finanzjongleure doch besser sein müsste als die einfache Abbildung von etwas mehr als 1600 Aktienunternehmen aus 23 Ländern?[5]

Vermögensverwaltende Fonds möchten sich schon gar nicht mehr an einer Benchmark messen lassen und rekurrieren auf den Absolute-Return-Ansatz, d.h. sie möchten bei jeder Marktlage unabhängig von Vergleichsindices eine positive Rendite erzielen. Wer möchte das nicht? Auch hier gilt: einige schaffen es vielleicht, die meisten scheitern. Woher soll man nun wissen, wem man sein Geld anvertrauen kann?

ETFs und Honorarberatung

Die Lösung des Problems sehen viele in der Honorarberatung. Der Anlageberater wird hier wie ein Anwalt oder Steuerberater nach einem Gebührenmodell entlohnt. Deshalb darf er auch nur provisionsfreie Produkte vermitteln. Der Marktanteil der Honorarberatung ist noch sehr gering, soll aber politisch gefördert werden und verzeichnet Zuwächse. Ein erstes Problem dabei ist, dass sich eine solche Beratung für den Dienstleister (je nach Gebührenmodell) erst ab einem Anlagebetrag von mindestens 50.000 Euro lohnt; manche gehen sogar von 100.000 Euro aus [vgl. z.B. hier>>] Ob der Kunde hierbei dann tatsächlich günstiger wegkommt, ist noch keinesfalls eindeutig geklärt.[6] Uns interessiert hier aber mehr die Frage, ob dabei überhaupt etwas geboten wird, was die Höhe der Vergütung rechtfertigt.

In der Regel wird beim Honorarmodell ausschließlich mit Exchange Traded Fonds (ETFs) gearbeitet. Diese Finanzprodukte haben viele Vorteile: sie sind äußerst kostengünstig, bieten Diversifikation, haben kaum Verwaltungsgebühren, sind dessen ungeachtet rechtlich ein geschütztes Sondervermögen, haben folglich kein Emittentenrisiko (wie Zertifikate) und lassen sich zudem auch noch börsentäglich handeln. Dafür verzichten sie auf aktives Management und bilden einfach nur einen sog. Marktindex nach, wie z.B. den Dax, Dow Jones, Nikkei, MSCI World und viele andere mehr. ETFs haben nur einen Nachteil: sie beinhalten keine Vergütung für den Vertrieb, weshalb sie auch nur beratungsfrei oder gegen Beratungshonorar angeboten werden.

Was vor einigen Jahren nur für institutionelle Anleger wie Pensionsfonds zugänglich war, verzeichnet inzwischen große Mittelzuflüsse auch von Privatanlegern. Inzwischen handelt es sich um ein für alle zugängliches Finanzprodukt, das Eingang in die Ratgeber-Literatur und Finanzseiten der Tageszeitungen gefunden hat. Schließlich ist heute jeder auch nur ein paar Klicks auf seinem PC davon entfernt, sich bei einer Direktbank ein nahezu kostenloses Depot und mit fünf bis zehn ETFs einzurichten, das langfristig höchsten Anforderungen der Diversifikation genügt.

FAZIT

Wieso also sollte ich für einen Vermögensverwalter, einen Anlageberater oder für einen offenen, aktiv gemanagten Wertpapierfonds einen Haufen Geld ausgeben, wenn ich mit einer einfachen und kostengünstigen Alternative wahrscheinlich besser fahre und die sich zudem mit wenigen Handgriffen und dem Wissen weniger Buchseiten bewerkstelligen lässt?

Diese Frage muss sich heute jeder stellen, sei er nun Berater, der nicht nur Geld verdienen, sondern sich auch vor seinen Kunden und seinem eigenen Berufsethos rechtfertigen muss, sei es als Kunde, der für sich und sein Geld die bestmöglichen Lösungen sucht. Das notwendige Wissen für den Privatanleger passt zwar nicht auf einen Bierdeckel, ließe sich aber in ein paar Stunden als Schulfach oder Volkshochschulkurs vermitteln. Es ist heute wesentlich wichtiger zu wissen, was ich alles nicht wissen muss, denn hier kann schlechter Rat sehr teuer werden.

Dr. Guido Kirner (Finanzmakler Polling)

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[1] Vgl. das umfangreiche Handbuch hg. von Chr. Burns u. Frieder Meyer-Bullerdiek>>; Sie werden in der Realität wenige Anlageberater treffen, die das Buch zu nutzen wüßten.

[2] Vgl. z.B. ‘Ein widersprüchlicher Nobelpreis’, Basler Zeitung >>, zugleich im Tagesanszeiger>>.

[3] Zur Kritik vgl. den Bestseller Nassim Nicholas Taleb: Der schwarze Schwan>>; weniger unterhaltsam, dafür sachlicher: Benoit B. Mandelbrot/Richard L Hudson: ‘Fraktale und Finanzen’ >>; ob die Mandelbrotschen Fraktale weiterhelfen, wage ich ebenfalls zu bezweifeln.

[4] Vgl. WELT: “Revolution der Anlageberatung”>>; vgl. auch: die bank: Ende der Beratung?>>; FAZ: “Schlecht beraten”>>.

[5] Vgl. aus jüngerer Zeit: FAZ: “Mischfonds schneiden schlecht ab”>>; WELT: “Die Hedgefonds versagen kläglich”>>.

[6] Zu den Kosten der Honorarberatung gibt es interessante Diskussionen im Zusammenhang mit der Quirin-Bank, die sich auf dieses Modell spezialisiert hat. Vgl. dazu kritisch und erhellend: Peterreins: WIe teuer ist die Vermögensverwaltung der Quinrin Bank?>>.

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2 thoughts on “Geldanlage: Gibt es noch einen Mehrwert der Anlageberatung?”

  1. Ja das stimmt, man unterschätzt sich oft zu sehr. Klar man muss etwas für sein Wissen tun, aber es kann sich am Ende auszahlen und hat dann noch ein gutes Gefühl das man es selber geschafft hat.

  2. Ganz genau, ich kann dem nichts weiter hinzufügen. Ansonsten ein sehr interessanter Artikel, der mich wirklich angesprochen hat. Eine ähnliche Meinung habe ich auch schon auf verschiedenen Seiten entdecken können. Beispielsweise auf Finanzenseite.de!

    Aber es gibt ja so viele Portale, die wirklich fundierte Artikel veröffentlichen. So soll es ja auch sein!

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