Aus den Erinnerungen von Felix Somary

Somary_1Felix Somary war mehr als ein Schweizer Privatbankier. Er war ein gesuchter politischer Seismograph, galt ob seiner scharfen sich bewahrheitenden politischen Prognosen als „Rabe von Zürich“. Er wirkte als internationale Ratgeber in Währungsfragen und Finanzdiplomat in schwierigen Zeiten. Kennzeichen ist seine Allergie wider den Zeitgeist, seine Eigenständigkeit und geistige Unabhängigkeit. Das macht seine Erinnerung zum Kontrastmittel für all jene politischen und volkswirtschaftlichen Moden, die (nicht nur) in dem von ihm behandelten Zeitraum (1899-1955) viel Leid und Opfer hervorgebracht haben. Aber auch heute stimmen manche seiner Sätze nachdenklich. Deshalb möchte ich mir erlauben, einige Auszüge aus seiner Autobiographie hier zu zitieren.

„Ohne wirtschaftliche Kenntnis bleibt der Rechtsgelehrte ein Formalist; ohne juristisches Training wird der Ökonom zum Mann des Details.“

„[…] opportunistische Wissenschaft war mir gleichbedeutend mit Prostitution.“

„Die Volkswirtschaft war mir nur ein Teil der Politik, und sie als den dominierenden anzusehen, erschien mir als der Fehler der letzten beiden Generationen.“

„Vier Jahrzehnte der Inflation haben die Banken zu Staatssklaven gemacht und unsäglich viel wirtschaftliche Einsicht verschüttet.“

„Mit der Eliminierung der Diskontpolitik begann die monetäre Verlotterung, die der Reihe nach alle kriegführenden Staaten ruinierte. Zwei Argumente führten die Regierungen für ihre Politik der Geldverschlechterung an: das Beispiel der Gegner und die Unmöglichkeit anderer Finanzierung des Krieges. Die wohltönende Phrase, die Sorge um das Vaterland sei wichtiger als die Sorge um den Geldwert, wurde von der politischen Demagogie schon damals bis zum Überdruß wiederholt. […] So wurde der Betrug am Sparer zur patriotischen Maxime und blieb es mit kurzer Unterbrechung die ganze Generation hindurch. Aus der Inflation, das heißt der Enteignung ohne Gesetz und Grenzen, wuchsen der Bolschewismus und der Hitlerismus hervor.“

„Für Inflationen ist der Staat allein verantwortlich; sie sind ohne ihn oder gar gegen ihn unmöglich.“

„Staatslenker scheinen ebenso wie Diplomaten und Berufsmilitärs gegen Ökonomie allergisch zu sein.“

„[…] meine Tendenz ging vielmehr dahin, mit kleinem Kapital intensiv, nicht mit großem extensiv zu arbeiten. […] Ich sah es als meine Hauptaufgabe an, den Goldwert der Vermögen unserer Klienten zu erhalten. Infolgedessen stieß ich alle kontinentalen Effekten und Guthaben ab.“

„Man nannte mich höhnend den ‚Zinspuritaner‘, ich ließ es mir aber ruhig gefallen, denn ich habe meinen Klienten und mir dadurch in mehr als dreißig Sturmjahren alle Sorgen vom Leib halten können.“

„Der Staatsbankrott ist ein einmaliger chirurgischer Eingriff, die Inflation ist permanente Blutvergiftung.“

„Viel Erbärmliches aus der Zeit seither wäre uns durch sofortigen Staatsbankrott erspart geblieben – die ununterbrochenen Geldfälschungen, die Zerstörung des Vertrauens in die Regierung, die Prostitution der Wirtschaft, die das kriminelle Verhalten ihrer Regierungen so vielfach knechtisch zu rechtfertigen suchte. Die Banken leisteten den stärksten Wiederstand – aber sie wären beim Staatsbankrott besser gefahren, sie hätten ihre Bilanzen sofort saniert; so schleppten sie sich in Berlin, Wien und Budapest mit immer erneuten Zusammenbrüchen noch ein Jahrzehnt fort, bis dann die große Krise die wirkliche Lage enthüllte.“

„[…] der Bankrott muß von jenen Menschen durchgeführt werden, die augenblicklich im Amt sind, und auch der Dümmste der Betroffenen merkt, was vorgeht; die Inflation dagegen kann auf Jahre verteilt und die Opfer können jahrzehntlang, ohne daß sie dessen gewahr werden, in der unglaublichsten Weise betrogen werden.“

„Gegen die Inflation war Widerstand von zwei Seiten zu erwarten: von den Banken und von den Versicherungsanstalten, die ja beide dadurch unterhöhlt wurden – aber diese waren, ebenso wie heute die amerikanischen Banken, durch ihren riesen Besitz an Staatsanleihen so gelähmt, daß sie zu stummen Regierungssklaven herabgesunken waren.“

„Es war für mich erschütternd, die Sozialpolitiker anzuhören, die leidenschaftlich für die Aufrechterhaltung, ja die Ausgestaltung und Erweiterung der sozialen Errungenschaften eintraten – ohne zu bedenken, das das ganze Gebäude binnen zusammenstürzen müsse“.

„[…] ein Jahr vor dem Ausbruch der schwersten Krise lebte alles in breiter Beschaulichkeit, ohne einen Schimmer von Vorahnung. Und hier waren die Nationalökonomen von Deutschland, Österreich und der Schweiz vereinigt. Mir kam klar zum Bewußtsein, wie furchtbar die politische Ökonomie gelitten hatte, seitdem sie von einem Zweig der Staatskunst zu einer bloßen Politikweisheit hin abgeglitten ist.“

„Wie viel Intelligenz verwendet man auf den Erwerb des Vermögens und wie wenig auf die Anlage!“

„[…] seit zwölf Jahren hatten die Wiener Banken nur ein Scheindasein geführt und sich künstlich aufrechterhalten.“

„Was ist die Aufgabe der Ökonomie? Mit dem geringsten Aufwand die größte Wirkung zu erzielen.“

Die Zitate stammen aus: Felix Somary: Erinnerungen aus meinem Leben. Zweite Auflage 1959. Manesse Verlag Zürich, 415 Seiten.

Links zu Felix Somary:

“Der interessanteste Schweizer Bankier”, Tagesanzeiger >>

“Felix Somary zum Gedächtnis”, Die ZEIT >>

 

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