Max Weber oder die Kreativität des Scheiterns

978-3-87134-575-3.jpg.648846Dieser kleine Essay ist veranlasst durch die hervorragende unten genannte Biographie von Jürgen Kaube

Max Weber (1864-1920) war einer der großen deutschen Gelehrten, Professor, Jurist, Ökonom, Historiker, Gründerfigur der im Entstehen begriffenen Soziologie und streitbarer politischer Publizist. Die Gesamtausgabe seines Werkes ist auf 49 Bände angelegt. Seine Schriften haben selten weniger als ein paar hundert Seiten. Noch mehr ist über Max Weber geschrieben worden. Die Literatur zu seinem Leben und Werk füllt bereits Bibliotheken und man könnte fast von einem eigenen Fachgebiet der “Weberologie” sprechen.

Schnell entwickelte sich nach seinem Tod um ihn ein Kult, zunächst regional in Heidelberg (um Marianne Weber und Karl Jaspers), dann in den USA (durch Vermittlung Talcott Parsons), schließlich auch durch eine Art Reimport in der BRD. Im „kalten Krieg“ wurden Teile seines Werkes als Gegenentwurf zum historischen Materialismus stilisiert und seine Person (trotz der umstrittenen Monographie von Wolfang Mommsen) als liberales Vorbild verehrt.

Doch was bleibt von Max Weber, der vor 150 Jahren geboren wurde? Wird seine Dissertation zur Entstehung der offenen Handelsgesellschaft im Mittelalter noch zitiert? Was bedeuten uns noch seine Habilitation zu den römischen Agrarverhältnissen, seine Untersuchungen zum Börsenwesen, zur Situation der ostelbischen Landarbeiter oder zur Psychophysik der Arbeit? Sich durch diese tausende Seiten zu wälzen, ist selbst für Spezialisten Kärrnerarbeit und begründet wenngleich Respekt vor seinem Fleiß wohl kaum seinen Nachruhm.

Berühmt gemacht hat ihn seine These über die Protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus. Ihre Wirkung und Rezeption stehen in auffälligem Missverhältnis zur geringen historischen Stichhaltigkeit, sie schon Zeitgenossen monierten. Es zeigt aber etwas von Webers Charakter, hier nicht einfach klein bei zu geben. Vielmehr wird er sein Forschungsprogramm enorm ausweiten, um seinen Ansatz universalhistorisch zivilisations- und religionsvergleichend austesten. So entstand ein bis heute unvergleichliches Werk zur Wirtschaftsethik der Weltreligionen. Seine Vergleiche dienen ihm als große Kontrastfolie für die Frage, weshalb ausgerechnet im Okzident eine kapitalistische Wirtschaftsweise entstand, welche die Welt beherrschen sollte.

Wollte man einen Idealtyp des von ihm bewunderten, ja verherrlichten Menschen zeichnen, der am meisten zur Entwicklung der abendländischen Geschichte beigetragen hat, so ist es eben nicht der kriegerische Schlachtenlenker, der politisch virtuose Fürst oder der große geistige Ideenstifter; nein es ist vielmehr der sachliche, rechenhafte, selbstregulierte Unternehmer, der letztlich aus religiösen Motiven in unmittelbarer Bewährung vor Gott seine Arbeit als eine Art Gottesdienst unter Erfolgszwang stellt, dadurch gleichsam als Selbstzweck Kapital akkumuliert, das erneut investiert werden muss und Arbeit schafft, so dass daraus eine neue bürgerliche Kultur des Kapitalismus entsteht.

So faszinierend und originell diese These ist, relativ schnell stellt sich die Frage, ob nicht eher ein kapitalistisches Bürgertum eine neue Religion gefunden hat, statt umgekehrt. Seine WIrkung war jedoch groß. Durch ihn angeregte Studien zur zwingenden oder zufälligen historischen Dominanz des Westens mittels Genese eines genuinen Kapitalismus hat es viele gegeben; meistens wirken sie eindeutiger, weniger vertrackt, sind  dafür aber oft monokausal verflacht und weniger faszinierend. Das Wasser reichen konnte und kann ihm irgendwie keiner, trotz so mancher Großforschungsprojekte an heutigen Universitäten (die ja schon durch den Zwang zur politisch korrekten Antragslyrik zivilisationsübergreifend und kulturvergleichend daherkommen müssen).

Was bleibt von Max Weber in den Wissenschaften? Die Wirtschaftswissenschaften haben sich von ihren geisteswissenschaftlichen Wurzeln weitgehend entfremdet. Die Soziologie wurde zu seiner Zeit gerade erst erfunden (z.B. Tonnies, Dürkheim, Simmel). Wirkungsmächtig ist er sicherlich im Rahmen einer begriffsbestimmenden Herrschaftssoziologie geworden. Seine soziologischen Grundbegriffe gehören zum Standardrepertoire des Fachs und darüber hinaus. Die Definitionsgewalt des geschulten Juristen schlug hier noch durch. Doch seinem gesamten Ansatz fehlt etwas, was für Soziologen heute ausschlaggebend ist: die Analyse der sozialen Interaktion. All die Definitionen und Typenbildungen werden weder als Wahlverwandtschaft zwischen Ideen und Institutionen, als Organisationen, als Staat, als Gemeinschaften bei ihm zu einem „sozialen System“. So bleibt er zwar Gründervater der Soziologie, wirkt aber eher wie ein entfernter Erbonkel.

Was ist mit der Geschichtswissenschaft? Wirtschafts- und Sozialgeschichte haben ihn vereinnahmt. Man könnte aber auch hier sagen: viele haben sich auf ihn berufen, viele haben ihn dabei aber mehr verbogen als adäquat rezipiert, vielleicht weil das auch gar nicht so einfach ist. Das hat seinen Grund auch darin, weil Weber mit seiner Methode der (allzu oft verflüssigten oder erstarrten) Typenbildung selbst ein eher schlechtes Verhältnis zur Chronologie und zum Entwicklungsgedanken hatte, was für Historiker ja wesentlich ist. Man könnte zudem gespannt sein, was er heute zu funktionalistischen, evolutionistischen, modernisierungstheoretischen oder konstruktivistischen Theorien vorbringen würde.

Bleibt die Betrachtung des politischen Publizisten, sei es als großer Liberaler, als Nationalist, als Nihilist im Polytheismus letzter Werte oder was auch immer über ihn gesagt wurde. Kennzeichen ist jedenfalls, dass Weber hier alles andere als ein rationaler, gerecht abwägender und an Objektivität bemühter Geist war. Ein nur durch Erschöpfungszustände und Nervenleiden eingehegter Zorn, eine heute aus der Mode gekommene (und nur durch einen bürgerlichen Ehrbegriff des 19. Jahrhunderts verständliche) nervös gereizte Leidenschaft treibt ihn um. Und auch hier ist es eine Form des Scheiterns, wenn er sich an den diagnostizierten Fehlentwicklungen der politischen Realitäten zunächst des deutschen Liberalismus, dann des Wilhelminismus, dann der Militärdiktatur im ersten Weltkrieg und schließlich den Verhältnissen der frühen Weimarer Republik abarbeitet, von seinem kurzen Ausflug als Wahlkreiskandidat ganz zu schweigen.

All seine Gefechte gegen feige Opportunisten, Weltanschauungsakrobaten oder Kathedersozialisten, kurz „Literaten“, ist eine Leidensgeschichte an seiner eigenen sozialen Schicht, an einem Bürgertum, als dessen intellektueller Avantgarde er sich verstand. Dieses Bürgertum in Deutschland kam zu spät, „um sich einen rationalen Machtstaat anzueignen und kulturell zu dominieren, und es kam zu früh, indem es Idealen anhing, die mit der Brutalität der Verhältnisse, unter denen sie sich zu bewähren hatten, nicht aufnehmen konnte“.

Max Weber starb vor den schlimmsten Auswüchsen deutscher Geschichte. Er hat vieles, was damals intellektuell Mode war (Revolution, Militarismus, Sozialdarwinismus, Biologismus, Pazifismus, Sozialismus) leidenschaftlich kommentiert, analysiert und auch bekämpft. Für die Anfänge der Frauenbewegung und ein Wahlrecht für Arbeiter und Frauen war in seiner Spätphase aufgeschlossen. Nationalist im Sinne eines Bürgers, der sich seinem Lande stets verpflichtet fühlte, war er sicherlich. Die Identifikation mit einem Machtstaat, der seiner Führungsrolle gerecht werden und in der Welt behaupten müsse, wirken heute für manche zwar irritierend, waren aber damals eher eine Selbstverständlichkeit.

Was also bleibt nun von diesem großen, streitbaren, immens engagierten Gelehrten? Für mich ist es ein paradigmatisches Leben des kreativen Scheiterns. Es steht für ein unerhört vielfältiges und originelles Werk, dass noch heute an Schaffenskraft kaum Nachahmer finden konnte, dessen Fragestellungen aber wichtiger geblieben sind als seine Antworten. Es steht für einen methodischen Ansatz der wagemutigen Typen- und Begriffsbildung, an der man bewundernd irre werden kann, wollte man sich allzu tief in sie versenken. Möglicherweise ist sein Werk eine „der größten Phantasien der modernen Sozialwissenschaften“ geblieben.

Schließlich steht Max Weber mit all seinen Auswüchsen an wütender Resignation für eine untergegangene Kultur eines gelehrten Bildungsbürgertums, das zum einen ganz gut von den ökonomischen Grundlagen lebte, die industrielle Vorfahren gelegt hatten, zum anderen aber immer noch daran verzweifelte, keine politisch adäquate Repräsentation und Wirkung in ihrer Nation gefunden zu haben.

Guido Kirner (Polling)

Jürgen Kaube: Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen. Rowohlt Berlin 2014, 3. Auflage, 493 Seiten

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Guido Kirner

Dr. Guido Kirner arbeitet seit über 10 Jahren als selbständiger und unabhäniger Finanzmakler mit sämtlichen IHK-Qualifikationen für kirnerfinanz. Er lebt und arbeitet in Polling bei Weilheim im oberbayerischen Pfaffenwinkel, ist promovierter Historiker und Sozialwissenschaftler (Heidelberg, Paris, Berlin) mit BWL Zusatzstudium (Fernuni Hagen). Während und nach seinem Studium arbeitete er u.a. als Mitarbeiter im Bundestag, der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), als Dozent und Wissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität und als Redakteur bei der Gazette. Er betätigt sich als Finanzblogger, schreibt Artikel für Fachorgane (z.B. dasinvestment.com) und Zeitungen, bespricht regelmäßig Fachbücher zum Thema Wirtschaft und Finanzen. Er machte sein Abitur am Abitur Kolleg St. Blasien / Schw., wuchs in der Pfalz auf und wurde 1967 in Mannheim geboren.

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