Die Entdeckung der Einfachheit (in der Kapitalanlage)

Zufällig trafen sich zwei Bücher auf meiner Strandliege: zum einen ein berühmter Roman, zum anderen ein Sachbuch. Beide haben scheinbar nichts miteinander zu tun, jedoch musste ich zu meiner Überraschung feststellen, dass dies sehr wohl der Fall ist.

Die Entdeckung der Langsamkeit von Nadolny erzählt die Geschichte eines Mannes, der die Welt viel langsamer in sich aufnimmt als seine Mitmenschen. Die Erniedrigungen und Verachtung, denen er deshalb ausgesetzt ist, sind anfangs groß. Jedoch lernt er damit umzugehen, bis schließlich auch Vorteile aus seiner verlangsamten Wahrnehmung und Bewegung erwachsen.

Als Seemann, Soldat, Forschungsreisender, Entdecker und schließlich Gouverneur nimmt er die Dinge genauer war, bleibt hartnäckig, weiß die Zeichen intensiver zu deuten, kann sich besser erinnern und behält in existentiell bedrohlichen Situationen die nötige Ruhe. Um zurechtzukommen, klammert er sich an Merksätze und konzentriert sich auf wenige aber entscheidende Erfahrungswerte. Damit meistert er Krisen, führt Menschen zum Überleben und erlangt schließlich Respekt und Anerkennung.

Möglicherweise beruht der Erfolg des Romans nicht nur auf der Erzählkunst des Autors, sondern weil er ein Thema anspricht, das uns alle betrifft: Wie kommen wir zurecht in einer immer schneller und komplexer werdenden Welt? Diese Frage führt uns zu unserem zweiten Buch von Gerd Gigerenzer über das Risiko. Seine These lässt sich so zusammenfassen:

Bei hoher Ungewissheit, wenn sich viele Alternativen auftun, uns aber nur relativ wenige Daten zur Verfügung stehen, da mach es einfach, d.h. nutze Faustregeln, Checklisten, verlass dich auf deine Intuition bzw. dein Bauchgefühlt, denn sie sind hier keineswegs die schlechtesten Ratgeber. Sie sind allemal besser als falsche Gewissheit, indem man z.B. der Illusion ihrer Berechenbarkeit unterliegt. Das kann zur Katastrophe führen. Die Welt der Ungewissheit lässt sich nicht berechnen und damit vorhersagen. Damit wendet er sich gegen Theorien, welche nur rationale Systeme als maßgeblich bzw. besser erachten, konkret kritisiert er damit nicht zuletzt die vielgerühmte Theorie des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman.

Bei niedriger Ungewissheit hingegen, also wenn die Risiken weitgehend bekannt sind, weil sich wenige Alternativen auftun (z.B. Wappen oder Zahl beim Münzwerfen) und dabei auf eine relativ große Datenmenge (z.B. über Häufigkeiten) zurückgegriffen werden kann, da ist das durchaus von Vorteil, auf logisches Denken, Statistik und Wahrscheinlichkeitsmathematik zurückzugreifen. Die Welt des (bekannten) Risikos ist berechenbar.

Der Autor verdeutlich seine These überzeugend an vielen Beispielen: der Funktionsweise unsere Gehirns und seiner Evolution, in Anwendungsbereichen wie der Luftfahrt oder der Medizin, an historisch falschen Prognosen, an den Folgen von positiven oder negativen Fehlerkulturen in Unternehmen oder Krankenhäusern, an der Bedeutung von Checklisten zur Fehlervermeidung und vielem andern mehr.

Wir beschränken uns hier auf den Bereich der Finanzen, denn in kaum einem anderen Bereich (außer vielleicht in der Pharmazie und Medizin) wird mehr Popanz um den Begriff des Risikos veranstaltet und mit der Illusion seiner Berechenbarkeit Geld verdient. Dabei handelt es sich bei der Volatilität von Aktienkursen (und ergänzend könnte man sagen bei Konjunkturprognosen oder gar Vorhersagen zur weltwirtschaftlichen Entwicklung) gar nicht um eine Welt des Risikos, sondern schlicht um Ungewissheit. Voraussagen sind Glücksache, egal welche Ausbildung der vermeintliche Experte genossen hat und wie viel Geld er damit verdient. Zutreffend sind die Vorhersagen nur, wenn nichts Auffälliges geschieht, das heißt, wenn sich der Trend des Vorjahres fortsetzt. Dazu braucht es aber kaum echte Fertigkeiten oder besonderes Expertenwissen.

Fatal wird es, wenn man glaubt, die Welt der Ungewissheit mit den Mitteln aus der Welt des Risikos beherrschen zu können: Viele Menschen lächeln über altmodische Wahrsager. Doch sobald die Hellseher mit Computern arbeiten, nehmen wir ihre Vorhersagen ernst und sind bereit, für sie zu zahlen. Und schlimmer: Modelle, die von einem bekannten Risiko ausgehen, sind unter Umständen eher geeignet, eine Katastrophe heraufzubeschwören, als dazu, sie zu verhindern. Das Problem ist also die ungeeignete Risikoeinschätzung: Methoden, die in einer Welt der Ungewissheit falscherweise von bekannten Risiken ausgehen. Gerade ihre Genauigkeit erzeugt illusorische Gewissheit.

Dazu ist schon viel Kluges geschrieben worden: von Taleb, Mandelbrod und anderen. Auch bestätigt schlicht die Geschichte der Finanzkrisen, welche katastrophalen Folgen die Gewissheitsillusion haben kann, auch gerade jene seit 2008. Komplexe Portfoliotheorie (auch die von Nobelpreisträgern) samt Sensitivitäts- und Korrelationsanalysen funktioniert nur unter der Voraussetzung, dass nichts Unerwartetes eintritt, d.h. in „Normalistan“, nicht aber in „Extremistan“ (Taleb). Leider zeichnet sich die menschliche Welt aber durch unerwartete Ereignisse aus. Folglich handelt es sich hierbei um Finanzalchemie mit mathematischen Mitteln, die Ungewissheit eher verschleiert als Risiken tatsächlich beherrschbar macht.

Mit kaum verständlichen Finanzderivaten und beeindruckenden mathematischen Modellen täuscht man Kunden vor, man könne das finanzielle Risiko beherrschen. Letztlich ist es eine gute bezahlte Illusion. Was aber bedeutet das für den Privatanleger? Er kaufe nur, was er versteht, er zwinge seinen Berater dazu, sein Konzept in 15 Minuten zu erläutern und er vertraue lieber auf einfache Faustregeln wie: investiere ein Drittel in Aktien, ein Drittel in Anleihen und ein Drittel in Immobilien, streue dabei möglichst breit über diese Anlagenklassen. Oder: meide teure und komplizierte Produkte, wenn du es einfacher und günstiger haben kannst. Falls du dafür einen Berater brauchst, suche einen, der dir dabei hilft, die Dinge einfacher, statt kompliziert zu machen.

Dr. Guido Kirner

Gerd Gigerenzer: Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. C. Bertelsmann Verlag München.

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