Buchtipp: Sylvia Nasars geniale Wirtschaftsdenker

Sylvia Nasar – bekannt durch ihre Biographie über den Mathematiker John Nash, die auch als A Beautiful Mind zum Kinoerfolg wurde – hat eine ebenso unterhaltsame wie interessante Geschichte der Ideen genialer Ökonomen geschrieben. Nun liegt sie auch in ausgezeichneter deutscher Übersetzung vor. Freilich, Spezialisten werden wenig Neues finden. Auch hat dieses umfangreiche Werk sicherlich keinen wissenschaftlichen Anspruch. Dessen ungeachtet ist ihre Aufbereitung und Erzählweise äußerst wertvoll, weil selten.

Auf das wesentliche verkürzt, dabei aber m.E. ohne Verfälschung werden hier mit großer Sachkenntnis und viel Einfühlungsvermögen die wichtigsten Ideen von Malthus, Ricardo, Marx und Engels, Alfred Marshall, Beatrice Webb, Irving Fisher, Jose Schumpeter, John Maynard Keynes, Friedrich von Hayek, Joan Robinson, Samuelson bis schließlich Amartya Sen dargestellt. Dabei gelingen Naser sehr lebhafte Portraits, die sie hervorragend in die historischen Zeitumstände, wirtschaftpolitischen Debatten sowie persönlichen Schicksalsschläge und Lebensweisen einbettet.

Was ich daraus gelernt habe? Das die meisten Ökonomen immer irgendeine Variable vergessen haben, die dann doch für die Beschreibung der Wirklichkeit bedeutsam wurde, dass zum Beispiel die Entwicklung und Wohlstandsmehrung durch Produktivitätssteigerung relativ spät erkannt wurde, dass Marx niemals eine Fabrik von innen gesehen hat ganz im Gegensatz zu Alfred Marshall, der wirkliche Pionierarbeit auf seinem Gebiet geleistet hat.

Ferner, dass ich von Irving Fisher viel zu wenig (eigentlich gar nichts) wusste, obgleich man auf die Idee kommen könnte, dass er die „Geldillusion“ der EZB-Politik bereits dargelegt hat. Auch, dass man zwischen einem frühen und späten Keynes stark unterscheiden müsste, dass sich Keynes und Hayek später angenähert haben, so dass die heute als fundamental konstruierte Gegnerschaft einer Revision bedürfte. Auch kannte ich bislang keine Joan Robinson, die zwar ein wichtiges Buch (mit anderen) zu monopolistischen Märkten geschrieben hat, wohl aber eher als Paradebeispiel einer verirrten Linksintellektuellen in die Annalen eingehen dürfte, die zur doktrinären Stalin- und Mao-Verehrerin mutierte.

Im Mittelpunkt steht die Universitätsstadt Cambridge mit alle seiner Verschrobenheit der hier studierenden Upperclass, aber auch Wien, Harvard und Chicago werden als intellektuelle Zentren lebendig. Die politischen Herausforderungen durch die Kriege und nachfolgenden Friedensverträge, die Wirtschaftskrisen und Börsencrashs bis hin zum Bengalen eines Amartya Sen werden bewegend in die Darstellungen jener genialen Denker eingewoben, die unser Verständnis von Wirtschaft und ihrer Krisen immens bereichert haben.

Sylvia Nasar ist ein großartiges Werk gelungen, dem man viele Leser wünscht, weil es uns klüger macht und trotzdem unterhält: es ist eine meisterhaft komponierte ökonomische Ideengeschichte, die hoffentlich Nachahmer findet.

Sylvia Nasar: Markt und Moral. Die großen Ökonomen und ihre Ideen, München (Bertelsmann) 2012, 651 S., ISBN 978-3-570-10026-4, geb. 29,99 Euro.

Dr. Guido Kirner (Polling bei Weilheim)

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Guido Kirner

Dr. Guido Kirner arbeitet seit über 10 Jahren als selbständiger und unabhäniger Finanzmakler mit sämtlichen IHK-Qualifikationen für kirnerfinanz. Er lebt und arbeitet in Polling bei Weilheim im oberbayerischen Pfaffenwinkel, ist promovierter Historiker und Sozialwissenschaftler (Heidelberg, Paris, Berlin) mit BWL Zusatzstudium (Fernuni Hagen). Während und nach seinem Studium arbeitete er u.a. als Mitarbeiter im Bundestag, der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), als Dozent und Wissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität und als Redakteur bei der Gazette. Er betätigt sich als Finanzblogger, schreibt Artikel für Fachorgane (z.B. dasinvestment.com) und Zeitungen, bespricht regelmäßig Fachbücher zum Thema Wirtschaft und Finanzen. Er machte sein Abitur am Abitur Kolleg St. Blasien / Schw., wuchs in der Pfalz auf und wurde 1967 in Mannheim geboren.

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