Target2 – Eine Geschichte aus Hellogal

Huch, da war doch noch was! Da schwellt sich unsere Brust: Wir sind wieder mal „Exportweltmeister“. Ein Begriff besetzt die stolzen Gemüter. Was das volkswirtschaftlich bedeutet, verstehen wenige. Ein nicht ganz unwichtiger Teilaspekt davon tritt gerade zu Tage. Könnte sich Deutschlands Export als Halbe-Billion-Euro-Luftbuchung erweisen?

Zunächst fand es gar keine Beachtung, dann brachte der  umtriebige Ökonom Hans-Werner Sinn die sog. Target2-Risiken der Bundesbank-Bilanz in die Diskussion, daraufhin wurden sie zunächst in der Fachwelt als Unsinn abgetan, bald verharmlost als bloße Verrechnungsmethode im europäischen Zahlungsverkehr, inzwischen warnt der oberste deutsche Währungshüter und Bundesbankpräsident selbst vor einem 550-Millarden-Euro-Risiko für deutsche Bürger.

Was ist überhaupt geschehen und wie kann ich mir das einfach erklären? Targetsalden im europäischen Zahlungsverkehr gehören nicht gerade zu meinen Alltagsthemen. Also versuche ich es mal mit folgender Geschichte:

Einmal angenommen, ich verkaufe Pedro einen Fass bayerisches Bier nach – nennen wir das Land: Hellogal. Das ist eigentlich ein einfacher Vorgang: ich gebe ihm den Kasten und er zahlt mir dafür den Preis in bar. Alles ist gut. Die Zahlung könnte auch mittels Überweisungen erfolgen. Pedro überweist von seinem Konto Geld und importiert dafür Bier, ich exportiere Bier und erhalte dafür Geld auf meinem Konto gutgeschrieben. Zahlungs- und Warenstrom entsprechen sich, alles ist gut.

Nun wird die Sache im transnationalen Zahlungsverkehr komplizierter. Pedro überweist nicht einfach das Geld von seiner Hausbank auf meine Hausbank, sondern diese Geschäftsbanken unterhalten wiederum Konten bei ihren Notenbanken, welche den Zahlungsverkehr über Ländergrenzen hinweg vorbuchen. Auch das ist kein Problem, es ist eben nur eine Station mehr. Am Ende des Tages entstehen so unzählige Buchungen über offene Forderungen und Verbindlichkeiten im europäischen Geschäftsverkehr, folglich entsprechende Positiv- oder Negativsalden.

Nun kommt Pedro in eine Schieflage, sein Bierkonsum und derjenige vieler anderer Hellogaller ist so enorm, dass er als „systemrelevant“ bezeichnet wird, d.h. es wird behauptet, die gesamte Volkswirtschaft hänge davon ab. Das Problem ist, der Bierkonsum geschah auf Pump und es besteht der Verdacht, dass die Schulden allmählich nicht mehr so einfach bedient werden können. Andererseits möchte man aber, dass die Hellogaller ihren Bierkonsum aufrechterhalten können, damit es mit der Wirtschaft weitergeht.

Nun erlaubt man Pedro und allen anderen Hellogallern anschreiben zu lassen. Die Notenbank garantiert für die Zahlung. Pedro muss dafür Sicherheiten bei seiner Bank stellen und dessen Bank muss wiederum ebenfalls Sicherheiten bei der Notenbank bieten. Pedro bietet Fässer guten Weines, Ziegenkäse und feinstes Olivenöl als Sicherheit für seinen Bierimport. Kein Problem; seine Bank wird diese Sicherheit verbriefen und ebenfalls als Sicherheit bieten. Alles ist wieder gut.

Nun ufert aber der gesamte Bierkonsum in Hellogal aus. Nicht nur ich, sondern ganz Deutschland exportiert ohne Ende Bier dorthin, wir sind stolze Bier-Exportweltmeister. Mit den Sicherheiten für den portugiesischen Bierkonsum sieht es aber immer schlechter aus: sämtliche Weinvorräte und Olivenölernten und was auch immer bieten keinen entsprechenden Gegenwert mehr für die Schulden. Außerdem finden sich immer öfter Fässer ungenießbaren Weines, schalen Öls und anrüchigen Ziegenkäses darunter.

Das System kommt in die Krise, Vertrauen schwindet, dessen ungeachtet wird aber noch fleißig angeschrieben, damit die Party weitergehen kann. Schließlich möchten wir weiter so viel exportieren. Und es ist auch nicht so einfach, die Hellogaller davon zu überzeugen, dass sie sich mit dem Biertrinken zurückhalten sollten. Eine Weile geht das noch irgendwie weiter, bis sich der ganze Konsumrausch als Blase entpuppt, weil er nicht mal mehr durch erneute Schulden bezahlt werden kann. Jetzt wird es ernst.

Wie gut, dass die Europäische Zentralbank (EZB) helfen kann. Sie hat nämlich die Lizenz zum Gelddrucken. Sie pumpt nun endlos Geld in das Zahlungssystem, damit all die Bierrechnungen in Hellogal bezahlt werden können. Im Gegenzug verlangt sie Sicherheiten, deren Anforderungen sie aber deutlich senkt. Sie akzeptiert nun Schuldverschreibungen als Sicherheit, von denen keiner weiß, wann und wie sie eingelöst werden.

Wir, die Bier-Exporteure haben unser Geld erhalten. Die Bezahlung der Rechnungen war ja über das Notenbanksystem garantiert. Jedoch hat sich in der Bilanz unserer deutschen Bundesbank bei all dem Exportüberschuss ein riesiges Negativsaldo im Verhältnis zur hellogallischen Notenbank aufgebaut. Zwar gibt es Sicherheiten, jedoch stellt sich die Frage, was die noch wert sind. Denn Hellogall hatte das Glück, all seine Schuldpapiere bei der EZB abladen zu dürfen, damit sich seine Banken billig Geld leihen konnten, um ihren Zahlungsverkehr aufrechterhalten zu können.

Was passiert, sollte Hellogal auf die Idee kommen, all seine Schulden einfach nicht mehr zu bezahlen, ja vielleicht sogar lieber zu seiner alten Währung zurückzukehren. Ohje! Da wäre wohl ganz schön viel Geld einfach weg! Bevor es so weit ist, muss geklärt werden, wie viel von den ausstehenden Bierrechnungen noch bezahlt werden können. Das nennt man Schuldenschnitt. Das Gute ist, ich und andere Bierexporteure haben ihr Geld womöglich schon erhalten. Die drohenden Verluste liegen längst an anderer Stelle: bei Bieraktien, Bierschuldverschreibung, Bierexportausfallderivaten usw. Jeder der darin investiert hat, muss mit hohen Verlusten rechnen.

Auch die Bundesbank bekommt ein Problem. Sie hat ein Negativsaldo bei der hellogallischen Notenbank. Wie viel bekommt sie davon zurück? Sollte es weniger sein als der Wert, der exportiert wurde, dann muss halt der Steuerzahler in Deutschland dafür gerade stehen. Macht ja nix, wir sind ja so gerne Exportweltmeister, insbesondere nach Europa. Dann haben wir den Hellogallern in unserer Völkerfreundschaft halt eine schöne Party ausgegeben. A bisserl ärgerts aber scho: schließlich “hätma des gonze Bier a selba saffa kenna” raunt es an den Stammtischen – und da wird sogar die CSU langsam nervös.

Dr. Guido Kirner (Polling)

Published by

Guido Kirner

Dr. Guido Kirner arbeitet seit über 10 Jahren als selbständiger und unabhäniger Finanzmakler mit sämtlichen IHK-Qualifikationen für kirnerfinanz. Er lebt und arbeitet in Polling bei Weilheim im oberbayerischen Pfaffenwinkel, ist promovierter Historiker und Sozialwissenschaftler (Heidelberg, Paris, Berlin) mit BWL Zusatzstudium (Fernuni Hagen). Während und nach seinem Studium arbeitete er u.a. als Mitarbeiter im Bundestag, der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), als Dozent und Wissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität und als Redakteur bei der Gazette. Er betätigt sich als Finanzblogger, schreibt Artikel für Fachorgane (z.B. dasinvestment.com) und Zeitungen, bespricht regelmäßig Fachbücher zum Thema Wirtschaft und Finanzen. Er machte sein Abitur am Abitur Kolleg St. Blasien / Schw., wuchs in der Pfalz auf und wurde 1967 in Mannheim geboren.

2 thoughts on “Target2 – Eine Geschichte aus Hellogal”

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.