Der Abwehrkampf um das “Default”

Ein Bekannter fragte mich neulich bei einem Grillabend, was er mit seiner Griechenlandanleihe machen solle. Sie laufe ein Jahr und er bekomme dafür 14 % Zinsen. Würde er sie nun verkaufen, verliert er durch hohe Abschläge viel Geld. Wird Griechenland zahlungsunfähig, droht ihm, alles zu verlieren. Steht die Anleihe das Jahr durch, bekommt er sein Geld mit hohem Zins zurück. Also was tun?

Zunächst sagte ich ihm, ich berate nicht zu Einzelwerten: zum einen dürfe ich das nicht, zum anderen halte ich es für ausgesprochen riskant und überdies ist zumeist kein Anlagekonzept dahinter erkennbar außer waghalsiger Zinsgier. Man will einen alten Bekannten aber auch nicht ganz im Regen stehen lassen. Einen definitiven Rat werde ich nicht geben.

Letztlich sollten seine Entscheidung auf zwei Überlegungen beruhen: 1. Wie hoch ist der Anteil der riskanten Griechenlandanleihe an seinem Gesamtportfolio? 2. Wie schätze ich den Zeitrahmen der Maßnahmen der Europäischen Politik ein, um den Zahlungsausfall Griechenlands abzuwenden?

Der erste Punkt ist klar: je größer der Anteil des Geldes ist, dem ein Totalverlust droht, desto mehr sollte man geneigt sein, Abschläge in Kauf zu nehmen, um zu retten, was noch zu retten ist. Je kleiner der Anteil, desto mehr kann ich auf Zeit zu spielen in der Hoffnung, die europäische Politik werde die endgültige Feststellung des Zahlungsausfalls schon zu verhindern wissen, zumindest für ein knappes Jahr.

Schlussendlich bedeutet dies nichts anderes, als das hier jemand eine riskante Wette eingegangen ist in der Hoffnung, die europäische Politik werde ihn schon raushauen. Er macht dann letztlich ein gutes Geschäft (14% Zins) auf Kosten der Allgemeinheit der Steuerzahler, die das Geld zur Vermeidung der Zahlungsunfähigkeit Griechenlands bereitstellt.

Der zweite Punkt ist schwieriger, d.h. die Einschätzung der europäischen Politik für das nächste Jahr, ob und wie sie die Überschuldungskrise Griechenlands (und evtl. anderer Staaten) abwenden kann. Aktuell lässt sich dabei die komplexe Gemengelange in einem Wort zusammenfassen: DEFAULT. Es geht um die Abwendung einer Herabstufung Griechenlands durch die Ratingagenturen mit diesem Wörtchen, das mit „Verzug“ übersetzt werden kann.

Was unter Verzug letztlich verstanden werden soll, ist nicht ganz eindeutig, jedoch kann davon ausgegangen werden, dass jede Form einer Schlechterstellung der Gläubiger damit umschreiben ist: also nicht nur die endgültige Feststellung der Zahlungsunfähigkeit, sondern auch eine Umschuldung in Richtung längerer Laufzeiten (Schäuble-Plan). Das ist auch der Grund für die Bedeutung der „Freiwilligkeit“ für Maßnahmen, welche für die Gläubiger eine Schlechterstellung bedeuten. Diese Freiwilligkeit kann als Popanz betrachtet werden oder als letzte kleine Schutzmauer vor Feststellung eines sog. “Kreditereignisses”.

Deshalb setzt die europäische Politik alles daran, die Default-Einstufung zu vermeiden. Damit würde auch das Mittel versiegen, Griechenland überhaupt noch mit Geld versorgen zu können. Nach einer Default-Einstufung dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) nämlich keine Griechenlandanleihen mehr kaufen. Dies hat sie bisher in großem Umfang getan, was ihrem Status der Unabhängigkeit von politischem Einfluss nicht gerade gut getan hat.

Eigentlich darf die EZB nur werthaltige Anleihen kaufen. Der Begriff werthaltig ist dehnbar; tatsächlich haben Griechenlandanleihen bereits den Status von „Schrottanleihen“. Deshalb sprechen manche bei der EZB bereits von einer „bad bank“. Mit dem default-Status wäre es endültig aus damit und griechische Banken wären von Geldmarktgeschäften der EZB abgeschnitten. Dann wäre der Kampf gegen die Zeit verloren: Griechenland wäre pleite, bankrott, zahlungsunfähig – wie immer man das umgangssprachlich nennen mag.

Dann bliebe nur noch der große Schuldenschnitt, der sog. haircut. Vor haben alle Angst bzw. die Angst davor wird bewusst geschürt. Gläubiger (Banken, Versicherungen, Anleger, Staaten, EZB) und Schuldner (Griechenland) müssten darüber verhandeln, was die Papiere noch Wert sind bzw. was von den Schulden in welcher Zeit auf welche Weise noch zurückbezahlt werden kann. Das wäre nichts neues und kam in der Geschichte immer wieder vor. Neu ist nur, das das Land in diesem Fall keine eigene Währung hat.

Ich bin der Meinung der haircut hätte schon vor einem Jahr stattfinden sollen. Denn Zeit kostet bekanntlich Geld. Doch die politischen Eliten Europas glauben noch, dass sie die gekaufte Zeit vor etwas bewahrt, was noch sehr viel teurer wird: die sog. Ansteckung auf weitere überschuldete europäische Staaten. Fraglich ist, ob das Szenario der “Ansteckung” wirklich taugt und ob das Kalkül des Abwehrszenarios aufgeht. Ich hatte da von Anfang an meine Zweifel.

Siehe auch die Blogartikel: Institutionalisierte geldpolitische Verantwortungslosigkeit; Europasolidarität als Bankensubventionierung; Das Ende einer Währung; Das Ende der Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank; Hellas – Euro – Europa, was auf dem Spiel steht.

Dr. Guido Kirner, Finanzberatung & Versicherungsmakler, Weilheim i.OB

Published by

Guido Kirner

Dr. Guido Kirner arbeitet seit über 10 Jahren als selbständiger und unabhäniger Finanzmakler mit sämtlichen IHK-Qualifikationen für kirnerfinanz. Er lebt und arbeitet in Polling bei Weilheim im oberbayerischen Pfaffenwinkel, ist promovierter Historiker und Sozialwissenschaftler (Heidelberg, Paris, Berlin) mit BWL Zusatzstudium (Fernuni Hagen). Während und nach seinem Studium arbeitete er u.a. als Mitarbeiter im Bundestag, der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), als Dozent und Wissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität und als Redakteur bei der Gazette. Er betätigt sich als Finanzblogger, schreibt Artikel für Fachorgane (z.B. dasinvestment.com) und Zeitungen, bespricht regelmäßig Fachbücher zum Thema Wirtschaft und Finanzen. Er machte sein Abitur am Abitur Kolleg St. Blasien / Schw., wuchs in der Pfalz auf und wurde 1967 in Mannheim geboren.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.