Was darf ein weiteres Lebensjahr kosten?

Kosten im Gesundheitswesen werfen ethisch schwerwiegende Fragen auf, insbesondere wenn es um lebensverlängernde Maßnahmen für Sterbenskranke oder bereits sehr alte Menschen geht. Soll ein über 90jähriger noch ein künstliches Hüftgelenk erhalten? Ist eine sehr teure Maßnahme gerechtfertigt, auch wenn sich das Leben eines Patienten dadurch nur ein paar Monate verlängert? Das sind keine einfachen Entscheidungen.

Die Neue Züricher Zeitung berichtet, dass sich das Schweizer Bundesgericht in Lausanne diesem Thema angenommen und ein Leiturteil für die obligatorische Krankenversicherung gefällt hat. Für diese Grundversicherung gelten ähnlich wie in Deutschland für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) gewisse Grundsätze: Medizinische Behandlungen sollen wirksam, zweckmäßig und darüber hinaus auch wirtschaftlich sein. Letzteres bedeutet z.B., dass bei gleichem Nutzen die kostengünstigere Variante zu wählen ist.

Folglich gilt wie bei uns der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, d.h. dass eine Leistung verweigert werden kann, wenn ein grobes Mißverhältnis zwischen Aufwand und Heilerfolg besteht. Das Gericht hat nun die Auffassung vertreten, dass der Gesellschaft nicht beliebig viele Mittel zur Verfügung stünden. Deshalb dürfe auch in der Gesdunheitsversorgung “kein Ziel ohne Rücksicht auf den finanziellen Aufwand angestrebt werden.”

Die obligatorische Krankenversicherung habe eine umfassende Grundversorgung zu möglichst günstigen Kosten sicherzustellen und könne von daher nicht alle medizinisch möglichen Leistungen übernehmen. Es sei unbefriedigend, dass sozialrechtlich allgemein anerkannte Kriterien fehlten. Die Verteilungsgerechtigkeit verlange, das allgemein und im Einzelfall nur so hohe Leistungen erbracht werden, wie sie vergleichbaren anderen Versicherten auch zugestanden werden könnten.

Konrekt hat das Gericht nun eine klare Obergrenze gezogen: 100.000 Franken pro gerettetes Lebensjahr. Der gleiche Betrag werde auch im Bereich der Pflegefinanzierung zugestanden.

Dr. Guido Kirner, Finanzplaner und Versicherungmakler, Weilheim i.OB

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Guido Kirner

Dr. Guido Kirner arbeitet seit über 10 Jahren als selbständiger und unabhäniger Finanzmakler mit sämtlichen IHK-Qualifikationen für kirnerfinanz. Er lebt und arbeitet in Polling bei Weilheim im oberbayerischen Pfaffenwinkel, ist promovierter Historiker und Sozialwissenschaftler (Heidelberg, Paris, Berlin) mit BWL Zusatzstudium (Fernuni Hagen). Während und nach seinem Studium arbeitete er u.a. als Mitarbeiter im Bundestag, der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), als Dozent und Wissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität und als Redakteur bei der Gazette. Er betätigt sich als Finanzblogger, schreibt Artikel für Fachorgane (z.B. dasinvestment.com) und Zeitungen, bespricht regelmäßig Fachbücher zum Thema Wirtschaft und Finanzen. Er machte sein Abitur am Abitur Kolleg St. Blasien / Schw., wuchs in der Pfalz auf und wurde 1967 in Mannheim geboren.

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