Der Euro als politischer Mythos

Ein politischer Mythos ist eine intellektuelle und emotionale Erzählung über eine historische Person, einen politischen Sachverhalt oder ein politisches Ereignis mit einem kollektiven, sinn- und identitätsstiftenden Wirkungspotential.

Seine vereinnahmende Wirkung entfaltet der Mythos über soziale und kulturelle Gräben hinweg und erlangt (irgendwann) eine selbstverständlich-fraglose Geltung. Er vereinfacht die Wahrnehmung der Wirklichkeit und macht unüberschaubare Zusammenhänge verständlich. Er schreibt den Dingen unhinterfragten Sinn zu, worunter sich Menschen als Gemeinschaft sammeln können.

Kennzeichnend ist nicht eine Deutung mittels überprüfbarer und erfahrbarer Tatsachen, sondern gerade die stets wiederholte, selektive und typisierende Erzählung, die sich aus der historische Erinnerung speist.
Ist die Erzählung um die Schaffung einer einheitlichen Währung in Europa ein politischer Mythos?

Meine These ist: Es ist versucht worden, den Euro als politischen Mythos in Europa zu etablieren, er droht jedoch an einer überprüfbaren und erfahrbaren Wirklichkeit zu scheitern. Ich behaupte sogar, er konnte gar nicht anders eingeführt werden, weil der Euro noch gar keine eigene Wirklichkeit hatte, so dass eine mythische Erzählung diese ersetzen musste. Sofern versucht wurde, die Währungsunion an überprüfbaren Tatsachen historischer Erfahrung und volkswirtschaftlicher Theorie zu messen, gingen die Daumen aus der Fachwelt eher nach unten. Das tat der unermüdlichen Erzählung aber keinen Abbruch.

Was war das für eine Erzählung? Uns wurde erzählt, der Euro verhindere den andernfalls unaufhaltsamen Niedergang Europas im globalen Wettbewerb, er diene darüber hinaus als essentieller Schlussstein bei der Konstruktion einer europäischen Friedensordnung. Die vermeintlich unaufhaltsame und naturhafte Logik einer historischen Entwicklung wurde beschworen.

Weil die Deutschen ein besonders ungutes Gefühlt bei der Aufgabe ihrer geliebten DM hatten, musste es besonders massiv mit zusätzlichen Wirtschaftsmythen torpediert werden: Den Deutschen nütze der Euro am meisten, weil es auch am meisten in das europäische Ausland exportiere, zumal es enorme Währungsumtauschkosten spare; ferner werde es als Exportnation (noch) wettbewerbsfähiger, weil es nicht mehr ständig seine Währung aufwerten und folglich seine Produkte günstiger verkaufen könne. Zugleich würden die weniger wirtschaftkräftigen Nationen von der am deutschen Vorbild ausgerichteten Stabilität der neuen Währung profitieren, indem sie Zinskosten einsparen, die Inflation bekämpfen und sich an der Effizienz des wirtschaftlich erfolgreichsten Landes ausrichteten.

Sicherlich, diese Erzählungen machen Sinn, sind aber gerade in ihrer Typisierung und Selektivität derart verzerrend, dass sie sich an der aktuellen Wirklichkeit brechen: Die von der Schuldenkrise besonders betroffenen Länder haben sich nicht verändert, indem sie ihre Wirtschaft auf Vordermann brachten, sondern hier wurde eine große Party auf Pump gefeiert, weil es auf einmal so billig, sich Geld zu leihen. Die daraus resultierenden Blasen mussten irgendwann platzen und nun stellt sich die Frage, wer soll das bezahlen?

Dass Länder mit einer starken und stabilen Währung ein Exportproblem bei ständigen Aufwertungen haben, ist ebenfalls eine sehr selektive Betrachtung. Die Bundesrepublik konnte damit gut leben, die Deutschen hatten überdies das Gefühl im Ausland günstig einkaufen zu können. Auch wenn sie nicht überall beliebt waren, ihre Währung war es. Auch die Schweiz und Schweden kamen ohne den Euro ganz gut zurecht. Im Gegenteil, Aufwertungen zwingen dazu, die Produktivität zu steigern und die Volkswirtschaft noch wettbewerbsfähiger zu machen, um international bestehen zu können.

Ferner relativiert sich die Aussage, Deutschland profitiere vom Euro am meisten, weil es dahin am meisten exportiere. Die Deutschen exportieren so viel, weil ihre Produkte gefragt sind, wenn sie technische oder qualitative Vorteile bieten. Niemand kauft diese Waren, weil sie aus Deutschland kommen oder weil sie in Euro bezahlt werden können, sondern weil sie den Käufern Vorteile und einen Mehrwert im Vergleich zu anderen Waren und Produkten bieten. Das muss nicht so bleiben, wie einst große und inzwischen angeschlagene Wirtschaftsnationen zeigen, hat aber mit dem Euro wenig zu tun.

Bleibt die Frage, ob der Euro eine Rolle für die europäische Friedenordnung spielt. Auch das kann bezweifelt werden. Die aktuelle Unruhe lässt schlimmes ahnen: Die einen haben Angst, dass auf ihre Kosten (Steuergelder) unverantwortliche Politiker und Banker rausgehauen werden, die andern ächzen unter notwendig gewordenen rigiden Sparkursen, die in kürze nachholen sollen, was in einem Jahrzehnt versäumt wurde. Europa spaltet sich, Risse werden erkennbar, Demonstrationen und Unruhen nehmen erst ihren Anfang. So gesehen war die Einführung des Euro kein Friedenwerk, sondern eher ein Spaltpilz, der sich ausbreitet. Hier wurde zusammengezwungen, was womöglich (noch) nicht (auf diese Weise) zusammen gehört.

Der Euro war keine quasinatürliche Fortentwicklung der europäischen Einigung mit der unaufhaltsamen Logik eines Schutzwalls im globalen Wettbewerb. Er war ein überhasteter politischer Deal zwischen divergierenden politischen und wirtschaftlichen Interessen, insbesondere zwischen Deutschland und Frankreich. Letztere hassten das „Diktat der Bundesbank“ und spürten nach der Wiedervereinigung einen Bedeutungsverlust, denn sie über europäische Institutionen einfangen wollten. Andere Länder zogen mit. Kein Land hätte den Euro so wenig gebraucht wie Deutschland, auch wenn seine politischen Eliten immer wieder das Gegenteil erzählten.

So betrachtet ist der Euro ein gescheiterter politischer Mythos. Die Währung hatte in 10 Jahren nicht genug Zeit, um sich eine eigene glaubhafte unwidersprochene Erzählung zu schaffen. Die Erzählungen konnten keine Wirklichkeit schaffen die dauerhaft stärker ist als die Probleme, die damit einhergehen. Der Euro ist ein anderer geworden, der nun im Gestus der Rettung Europas gegen böse Spekulanten inszeniert wird, in Wahrheit aus Angst vor den Konsequenzen ein zweifelhaftes Durchwurschteln darstellt.

Dr. Guido Kirner

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Guido Kirner

Dr. Guido Kirner arbeitet seit über 10 Jahren als selbständiger und unabhäniger Finanzmakler mit sämtlichen IHK-Qualifikationen für kirnerfinanz. Er lebt und arbeitet in Polling bei Weilheim im oberbayerischen Pfaffenwinkel, ist promovierter Historiker und Sozialwissenschaftler (Heidelberg, Paris, Berlin) mit BWL Zusatzstudium (Fernuni Hagen). Während und nach seinem Studium arbeitete er u.a. als Mitarbeiter im Bundestag, der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), als Dozent und Wissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität und als Redakteur bei der Gazette. Er betätigt sich als Finanzblogger, schreibt Artikel für Fachorgane (z.B. dasinvestment.com) und Zeitungen, bespricht regelmäßig Fachbücher zum Thema Wirtschaft und Finanzen. Er machte sein Abitur am Abitur Kolleg St. Blasien / Schw., wuchs in der Pfalz auf und wurde 1967 in Mannheim geboren.

5 thoughts on “Der Euro als politischer Mythos”

  1. Hallo Guido,

    Deinem Blog kann ich zustimmen. Ich würde vielleicht noch hinzufügen, daß eine Ökonomie und darin vor allem eine Währung und die dazugehörende Währungspolitik eine gesellschaftliche und kulturelle Identität voraussetzt. Mit dem EURO wurde vielleicht auch versucht über den umgekehrten Weg eine Identität in Europa zu erzwingen was schlußendlich scheitern wird.

    Viele Grüße
    HAE

    1. Hmmm die Herren,
      die Definition eines politischen Mythos klingt für mich plausibel und ich würde es nicht wagen einen studierten Geschichtler bezüglich der Prüfung dieser Definition auf die Eurovorteil Gebete vor dessen Einführung anzugehen. Dennoch wage ich es die Schlüsse die Ihr aus diesen Analysen zieht in Frage zu stellen. Lieber HAE, genau das Argument von der Notwendigkeit einer gemeinsamen gesellschaftlichen und kulturellen Identität abhängig ist habe ich zu Beginn des Euros häufig gehört. die letzen 10 Jahre hat der Euro prächtig funktioniert, die ersten Skandälchen aus Griechenland haben nicht mal merklich am Kurs gekratzt und ich behaupte das dass derzeitige kreisen der Geier über der Währung der Kriese geschuldet ist, und es ist für mich noch lange nicht klar dass der Euro tatsächlich darüber stürzen wird. Ich könnte mir vorstellen das gerade weil die EZB schwieriger unter Druck zu setzen ist als die Zentralbank eines Nationalstaates der Euro so er die Kriese übersteht sehr viel stärker dastehen wird.
      Was den Mythos betrifft so ist er sicher als Methadon fürs Volk gedacht gewesen um den Euro ohne Revolution einführen zu können, aber bei all der Skepsis die ich der derzeitigen EU entgegenbringe ist der Euro m.e. einer der Schritte die Europa auch über den kalten Krieg hinweg den Frieden bewahren helfen könnte.
      Zurück zur DM würde nicht nur wirtschaftliche Probleme aufwerfen sonder vor allem auch die Ängste der Nachbarn wieder schüren.
      fröhliche Grüße
      de Domi

  2. Hallo Domi,
    mögest du recht haben, es wäre schön. Du wirst mir bestimmt beipflichten, dass eine Währung mehr als 10 Jahre Bestand haben sollte. SIe sollte auf mindestens 100 Jahre angelegt sein, auch wenn das nicht immer (gerade in der deutschen Geschichte) klappt.

    Leider wurde seine Einführung eher aus politischen denn wirtschaftlichen Motiven vorgenommen. Tatsache ist doch, dass einige Länder der Währung beigetreten sind, die erst gar nicht hätten beitreten dürfen. Sie haben einfach falsche Daten geliefert, auf gut Deutsch betrogen. Und von denen die zurecht drin sind, haben einige auf Kosten anderer verantwortungslos gezockt. Das kann es doch nicht sein. Mit dem moral hazard muss es ein Ende nehmen. Ist Deutschland jetzt die Rückversicherung für systemisch gezüchtete fiskalpolitische Verantwortungslosigkeit?

    Vorerst glaube ich auch nicht, dass der Euro stürzen wird. Nächstes Jahr wird es noch einmal richtig spannend, wenn Spanien über 200 Mrd und Italien über 400 Mrd Schulden refinanzieren müssen. Dass er stärker dastehen wird, glaube ich nicht, ganz einfach, weil er seine stabilitätsgründenen Prinzipien (allen voran Deutschland selbst) über Bord geworfen hat. Das ist das Gegenteil von vertrauenserzeufgenden Maßanahmen, auf die eine solide Währung angewiesen ist.

    Der Euro ist auch heute nicht mehr der gleiche wie zu seiner Einführung. Etwas plakativ ist es m.E. so, als ob die Deutschen mit der DM als Währung eingeschlafen und mit dem Franc aufgewacht sind. (http://gpf-blog.de/?p=805) Hätte man das seinen Bürgern vorausgesagt, wären sie wohl Amok gelaufen. Ist das demokratisch? Ist das politisch klug? Eine weitere historische Erfahrung zeigt auch: es ist vielleicht gefährlicher die Ängste des eigenen Volkes mittelfirstig zu mißachten als irgendwelche Ängste von Nachbarn (die bestehen sowie so…).
    herzl. nikolaushafte und tauwettrige Grüße
    GOK

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