Der Rassismus des Intellektuellen als Zeichen des Niedergangs eines gemeineuropäischen Geistes

Der französische Intellektuelle und jene aus romanischen oder anderen Ländern, die ihn gerne nachahmen, sind sich ihrer Verantwortung kaum bewusst. Das ist absonderlich, weil kaum jemand immer wieder von anderen so viel Verantwortung einfordert. Aber nein: es ist geradezu das Kennzeichen bestimmter Intellektueller, (ihre) Freiheit dahingehend zu verstehen, munter sinnlos völlig unreflektiert drauflos zu plappern. Man muss es mal in Paris miterlebt haben, wie sie – beim mir war es damals der Balkankrieg Anfang der 90er – die Debatten prägen.

Engagement geht vor Wissen, klischeeverseuchte Phrasen werden wie der Hafer gedroschen und Unbildung schützt vor Behauptungen nicht – und das schlimme daran ist: diese Leute halten sich auch noch für klug und privilegiert genug, ihre Meinung in angesehen Zeitungen zu verbreiten.

Nun ist es der italienische Philosoph Giorgio Agamben, der eine Debatte in La Republica  und der Liberation angeregt hat (vgl. >>). Er rekurriert dabei auf Schriften von Alexandre Kojève, dessen Hegelvorlesungen (1933-39) in ihrem Einfluss auf französische Intellektuelle schwerlich unterschätzt werden können.

Agamben träumt nun von einem romanischen Imperium aus Franzosen, Italienern und Spaniern, einer lateinischen staatsdominierten Wirtschaftsweise, die sich vom marktdominierten protestantischen Kapitalismus (auch vertreten von Deutschland) abgrenzt, von einem mittelmeerischen Dolce-far-niente-Lebensstil als Zivilisationsmerkmal usw. usf.

Jürgen Kaube hat dies in der FAZ (vom 16.05.2013) löblich als Stuss gebrandmarkt. Er hat auf die Staatsquoten in nordischen Ländern hingewiesen, auf die vielen Denkfehler, Ungereimtheiten und Beliebigkeit von Agambens Phantasiewelt.

Jedoch war er dabei m.E. noch zu nett, zumal das Thema viel zu ernst und Agamben auch keine singuläre Erscheinung ist. Nur zu oft kann man inzwischen den Kopf schütteln, was da so alles publiziert wird und von dem man dachte, es gehört in eine schlechte, fanatisierte Vergangenheit eines sich selbsteinäschernden Europas. Totgeglaubte aber unausrottbare Geister scheinen wieder ihre Kreise zu ziehen.

Hinter dem Denkstil von Protestantismus als Kern eines kapitalistischen Arbeitsethos, vom katholischen Süden als eigenständige Zivilisation und abgrenzbare Lebensweise, von geschlossenen Kulturkreisen, stecken nicht nur Unbildung und Vorurteile, letztlich ist es bestenfalls eine dümmliche Tagträumerei, schlimmstenfalls eine Art pseudointellektueller Rassismus.

Der oft zu schlecht zitierte Max Weber hat sich mit dem Kapitalismus mittelalterlicher Handelsgesellschaften in oberitalienischen Städten weit mehr beschäftigt als mit den protestantischen Sekten. Das gefeierte süße Nichtstun wirkt angesichts von Massenarbeitslosigkeit von Jugendlichen in Italien, Spanien und Frankreich einfach nur noch zynisch. Es ist kein Zivilisationsmerkmal einer anderen Wirtschaftsweise, es ist schlicht das Scheitern von politischen und wirtschaftlichen Eliten, sich einer Wettbewerbsfähigkeit zu stellen, die heute für jede Kultur, Region, Zivilisation unvermeidlich ist.

Das schlimme ist: all diese Phrasen, Klischees wirken selbstverstärkend. Die Ablehnung in Europa gedeiht unter fatalistischen Schuldzuweisungen und Scheingründen; es werden damit ernsthafte Argumente und Versuche, die Not und die Probleme zu lindern, verdeckt, statt angeregt. Politiker gehen damit gerne wieder in den Straßen der Verzweifelten auf Stimmenfang und vertuschen damit gleichzeitig ihr eigenes Versagen für so manche Misere. Europa ist auf keinem guten Weg. Die Risse vertiefen sich. Vordenker sollten vor dümmlichen Vorurteilen schützen, statt sie selbst zu verbreiten.

Guido Kirner

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